|
1. Preis
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Autor: Philipp
Die berühmte "Strict!"-Party des Clubs Pandora war in vollem Gange. Bei keiner anderen Veranstaltung wurde so streng auf die Einhaltung des Dresscodes geachtet. Phantasielosigkeit hatte keine Chance. Auf der Tanzfläche zuckten hauteng in Latex verpackte Körper neben nur mit einer Kopfmaske verhüllten an die GoGo-Käfige geketteten Dekorationssklaven und -sklavinnen zu den direkt in den Unterleib stoßenden, drängenden, harten Bässen. Auf der Bühne befand sich eine kurzgeschorene Frau in der Uniform eines Oberst, deren Tarnkleidung sich einerseits durch hochglänzende, kniehohe, enggeschnürte Stiefel, aber andererseits insbesondere durch einen Umschnalldildo von bemerkenswerten Ausmaßen auszeichnete, der gerade mit regelmäßigen Stößen im Takt der Musik bis zum Anschlag zwischen den Beinen in der dafür freigelassenen Öffnung eines Gummi-Ganzanzugs ohne Arme versenkt wurde.
Auf der Liege daneben war ein Körper an Armen und Beinen stramm gespannt auf den Bauch gefesselt. Durch ein Loch war der Schwanz des Mannes von unten leicht zugänglich und wurde durch eine weitere Zofe seiner Herrin fortdauernd bis kurz vor den Höhepunkt erregt, um dann völlig in Ruhe gelassen zu werden - bis hin zum Nachlassen der Härte, um dann die Erregung wieder zu beginnen, während die Herrin gleichzeitig auf der Oberseite der Liege sehr langsam und genußvoll oberarmlange, schwarze Latexhandschuhe überstreifte, die Hinteröffnung ihres Opfers reichlich mit Gleitmittel vorbereitete, um dann ihren Unterarm bis zum Ellenbogen einzuführen und mit dieser Penetration genüßlich rhythmisch weiterzumachen. Diese Erregung wurde mit der am Schwanz des Sklaven durch die Zofe vorgenommenen Stimulation so koordiniert, daß das Opfer eine Stunde lang kurz vor dem Höhepunkt gehalten werden konnte und der Schrei, den es ausstieß, als Herrin und Zofe die wohldosierte Zurückhaltung aufgaben und den Orgasmus zuließen, sogar kurz die Musik übertönte.
Hier und da wurden Ponyboys und -girls am Geschirr durch die Menge geführt, dort kniete eine klassische O vor ihrem Herrn, da bediente ein Dienstmädchen den ihrigen. Ein Sklave im Pranger, der gerade eine ausgiebige Behandlung mit einer Bullenpeitsche hinter sich hatte, wurde von der Peitschenträgerin sanft eingerieben und gestreichelt.
Faron und seine Begleiterin Sydia genossen die Atmosphäre in vollen Zügen. Sie trug eine Amazonenrüstung aus Leder mit vielen Nieten und einem kurzen, weiten Rock, dazu lederne Armstulpen und oberschenkelhohe Stiefel; abgerundet wurde ihre Erscheinung durch die offene, lockige rote Mähne, mit diesem Outfit nannte Faron sie auch gerne liebevoll "meine kleine klingonische Xena". Als Kontrast fiel das schwere Metallhalsband ins Auge, mit dem Faron sie an einer Stahlkette hinter sich her führte. Eine Kette, die die deutliche Sprache sprach, "sieh her, es ist schon mindestens eine solche Kette nötig, um mich zu zähmen." Und gezähmt hatte er sie. Er, der heute eine enge Latexhose in hohen Reitstiefeln trug, dazu ein weißes Rüschenhemd und das glatte Haar in einem Pferdeschwanz gebunden, dazu am Gürtel nur eine Reitgerte und einen Rohrstock.
Schon sehr bald hatte die Erotik sie voll in ihren Bann gezogen und Sydia fühlte schon bald den lüsternen Angriffstrieb eines Raubtieres in sich aufsteigen, so daß sie die nächste Gelegenheit nutzte, um Faron zu überwältigen, ihn auf ein Bett zu fesseln und zu reiten, daß sie beide in einem atemberaubenden Orgasmus kamen. Natürlich ließ die Revanche nicht auf sich warten; als Faron wieder die Hände und Füße frei hatte, war Sydia ihrerseits recht bald auf den Bauch gefesselt, der kurze Rock der Rüstung hochgestreift und mit der Reitgerte und dem Rohrstock versah Faron ihr Hinterteil mit deutlichen Mustern und Farben - nicht ohne anschließend mit einer Handvoll Eiswürfeln für zusätzliche Abkühlung zu sorgen. Das dankbare Leuchten in ihren Augen erfüllte ihn mit einer Freude und Zufriedenheit wie zuvor der wilde, hemmungslose Sex.
Als sie die Fete verließen, mußten sie sich zwar einen Weg durch einige Gruppen mit Transparenten und Schildern bahnen, die die "moralische Verrohung" auf Veranstaltungen wie der "Strict!" im besonderen und die "widernatürliche, perverse Abartigkeit" der Bevölkerungsgruppen, die Spaß an so etwas fanden, anprangerten. Natürlich liessen sie es auch nicht an Anspielungen, daß es bald damit vorbei sein würde, mangeln, immerhin waren am nächsten Tag die Wahlen zum "Großen Rat", von denen die Demonstranten sich einen Richtungswechsel zu einer konservativen Politik versprachen, die mit "so etwas" schnell aufräumen sollte.
Noch bis ins Taxi hinein wurden sie davon verfolgt, als ein Radiowerbespot der "Moralischen Liga" jeglicher sexueller Aktivität außer zur Zeugung die Existenzberechtigung absprach und alles darüber hinausgehende als Verrohung der Sitten verteufelte.
Der Tag der Wahl. Schon beim Frühstück, das beide genossen, weil Faron sich von vorne bis hinten von Sydia, die großen Spaß daran hatte, bedienen und zum Abschluß einen blasen ließ, schmiedeten sie Pläne für den Tag. Sie gingen erst ins Wahllokal, stimmten ab und machten anschließend einen langen Spaziergang an der Küste, Sydia an Farons Leine. Die Ernüchterung kam mit den Abendnachrichten. Mit sachlichem Gesicht verkündete der Sprecher, daß die Moralische Liga mit 36 Prozent der Stimmen Wahlsieger geworden war und mit der Unterstützung des "Konservativen Verbandes", der mit 15 Prozent den dritten Platz erreicht hatte, hinter den "Rationalen", die auf 31 Prozent gekommen waren, die zukünftige Regierung bilden würde.
Fassungslos sahen beide sich an. Da es in den Monaten vor der Wahl keine Umfagen mehr gab, war ein Stimmungsbild zwar nicht zu zeichnen gewesen, aber die letzten Daten hatten eher auf eine große Koalition von Verband und Rationalen hingedeutet, und nur ein leichtes Erstarken der Liga verzeichnet. Und jetzt das! Schon verkündete im Interview der Vorsitzende der Liga, daß unter ihm als Minsterpräsidenten eine nachhaltige Etablierung "redlicher" moralischer Grund-sätze und deren Durchsetzung höchste Priorität genießen werde. Auf die Frage, was man sich konkret darunter vorzustellen habe, antwortete er der Reporterin naserümpfend und herablassend, daß beispielsweise Journalistinnen, denen an weiterem öffentlichen Auftreten gelegen sei, sicherlich keinen so kurzen Rock und so hohe Absätze tragen dürfe, wie sie, die Interviewerin, es täte.
Auch im weiteren machte die neue Regierung kurzen Prozeß im Hinblick auf die Durchsetzung ihrer Vorstellungen von dem, was sie als redliche Sexualität betrachtete. Pornographie und Prostitution wurden nahezu sofort vollständig verboten. Eines Tages beim Frühstück verkündete der Innenminister aus dem Radio: "Es ist daher an der Zeit, dass diese Lebensform endlich auch in der Öffentlichkeit als das bezeichnet wird, was sie ist: die Perversion der Sexualität. Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren, ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn.". (* siehe Fußote)
Der Minister kündigte an, daß sämtliche homosexuellen Ehen mit Ablauf dieses Monats für ungültig erklärt werden würden. Sydia fiel beinahe das Brötchen aus der Hand; erst vor sechs Wochen hatte sie als Trauzeugin an der Hochzeit ihrer besten Freudin mit deren Lebensgefährtin teilgenommen. Auch Faron war mit einem besorgten Blick der Appetit gründlich vergangen. Den neuen Wind bekamen auch die "Strict!"-Veranstalter schnell zu spüren, als sie für die nächste Fete die Auflage bekamen, dafür zu sorgen, daß auf der Veranstaltung keine primären Geschlechtsorgane oder Brüste sichtbar dargestellt würden und selbstverständlich Geschlechtsverkehr, sei es öffentlich oder in Separees, unter allen Umständen zu unterbleiben habe, so wie auch alle "perversen Praktiken", die nicht unbedingt in Form von Sex ausgelebt würden.
"Hilfsmittel der perversen Praktiken" wie Peitschen und Fesseln, sogar Ketten, wurden ebenfalls nicht zugelassen wie auch Musik mit "unzüchtigen Texten", und so standen sich auf der nächsten "Strict!" ein paar Handvoll eingeschüchterte Besucher in hochgeschlossenen, wenig Haut zeigenden Fetischklamotten, unter den mißtrauischen Blicken von beinahe ebenso vielen Aufsichtspersonen der Abteilung für öffentliche Moral, die unablässig patroullierten und ständig unangekündigt Blicke in die leer bleibenden Separees warfen, die Beine in den Bauch.
Es war die letzte "Strict!".
In der Folgezeit etablierte sich durch persönliche Bekanntschaften und Mundpropaganda eine inoffizielle Partyszene, die ihre Sexualität in Privatwohnungen auslebte und im Verborgenen vorbereitete Parties veranstaltete, deren Zeit und Ort immer nur mit kurzer Vorlaufzeit per Telephon an handverlesene Gäste bekanntgegeben wurden. Kein Vergleich mit früher und schließlich schlossen nach und nach auch alle Geschäfte und Händler, die die Szene mit Fetischmaterialien und -kleidung, entsprechenden Schuhen und Stiefeln und der bis dahin breiten Palette von Sexspielzeug und Literatur versorgt hatten. Einige Mutige besorgten sich gelegentlich entsprechendes Material aus dem Ausland, aber das Risiko, bei der Einreise damit erwischt zu werden, war nicht gering und neben strafrechtlichen Konsequenzen fand man sich auch in Befragungs- und Indoktrinationsbüros des Innenminsteriums wieder, in denen einem eine moralischere Sexualität nahegelegt wurde.
An diesem Morgen lag im Briefkasten eine unerwartete, böse Überraschung. Es handelte sich um ein Schreiben der "Zentralabteilung für die Beratung zur redlichen Moral". Daraus ging hervor, daß Namen und Adresse von Faron und Sydia im Rahmen mehrerer Durchsuchungen und Beschlagnahmungen von Händlern und Veranstaltern im Bereich Fetisch und Sex neben zahlreichen anderen Betroffenen der Ermittlungsanwaltschaft bekannt geworden und im Zuge der Protokolle für die Etablierung einer redlichen Moral an die zuständige Zentralabteilung übergeben worden waren. Laut dem Bescheid hatten sich die beiden am nächsten Montag für die Durchführung einer Maßnahme zur Festigung der "öffentlichen und privaten Moral" in den Räumen der Abteilung einzufinden. Im Falle eines Nichterscheinens wurden Verhaftung und Vorführung durch die Sicherheitskräfte angedroht.
Ziemlich eingeschüchtert fanden sich die beiden zum Termin ein und wurden bald in einen "Maßnahmenraum" geführt, einen leeren Raum mit einem Tisch, einigen Stühlen und ein paar Geräten. Bald betraten drei weitere Personen den Raum. Einer von ihnen, der zuständige Ermittlungsbeamte, stellte die anderen beiden als Durchführende der Maßnahme vor, die eine war die "leitende Überzeugungspsychologin", der andere ihr "technischer Assistent". Sie erklärten Faron und Sydia ihre psychologischen Methoden mit Unterstützung der vorhandenen Geräte. Es war viel Gerede, aber letztlich unver-hohlen die Androhung einer gründlichen Gehirnwäsche. Als sie wieder nach Hause kamen, stellten sie fest, daß ihre Abwesenheit genutzt worden war, die Wohnung zu durchsuchen und sämtliches "unmoralisches" Material zu beschlag-nahmen. Dagegen gab es keine Handhabe.
In der Folgezeit versuchten sie tatsächlich, sich an das zu gewöhnen, was die neuen Bestimmungen als moralisch redlichen Sex vorsahen - einige wenige Male im Monat drang Faron von vorne in Sydia ein und vollzog das, was sie irgendwann als "Spermaentnahmevorgang" bezeichneten. Natürlich nur, wenn sie sicher sein konnten, nicht abgehört zu werden - und so dumm, anzunehmen, daß die Durchsuchung und Beschlagnahmung seinerzeit nicht auch zum Einbau von Wanzen genutzt worden wäre, war man mittlerweile nicht mehr. Die gleiche Erkenntnis hatte auch die private Underground-Szene ausgetrocknet, viele Wohnungen waren durchsucht und verwanzt worden und das Risiko, sich in einer solchen zu treffen, wurde zu groß. Eines hatte die Regierung erreicht: lustvoll war das alles nicht mehr. Immerhin konnten sie, wenn sie darauf achteten, keine verräterischen Geräusche zu produzieren, Oralsex treiben, hin und wieder ein 69er, Faron brachte seiner Zunge ganz neue, ungeahnte Fähigkeiten bei, eine Nippelklemme, die bei der Durch-suchung wohl übersehen worden war, tat auch gute Dienste und was man alles als Knebel verwenden konnte, überstieg die Kontrollmöglicheiten selbst dieser Regierung. Schließlich kann man keine Socken verbieten.
Hin und wieder traf man alte Freunde und Bekannte und tauschte hinter vorgehaltener Hand Tips und Tricks aus, wie man unter den neuen Gegebenheiten Spaß erzielen und Lust und Hoffnung auf ein wenig sexuelle Selbstbestimmung am Leben erhalten werden konnte. Leider war dies wohl einmal zu unvorsichtig passiert, vielleicht hatte ein Spitzel seine Ohren in der Nähe gehabt, vielleicht war ein Raum zu Unrecht für sicher gehalten worden, vielleicht hatte sich doch jemand der falschen Person gegenüber verplappert. Jedenfalls standen eines Nachmittags die uniformierten Sicherheits-kräfte bei Faron und Sydia in der Wohnung und präsentierten einen Vorführungsbeschluß zur moralischen Erziehung.
Ohne lange Umschweife wurden die beiden in die Moralische Zentralanstalt gebracht und der angedrohten Gehirnwäsche unterzogen. Nach einer Woche wurden sie wieder nach Hause geschickt. Es wurde Abend und die Müdigkeit trieb sie zum Schlafengehen. Sydia bat Faron: "Machst Du bitte das Licht aus, ich möchte mich umziehen." Faron, der schon im Bett lag, tat es. Als auch Sydia im Bett lag, machte er das Licht noch einmal an und holte neugierig die übriggebliebene Nippelklemme aus der Nachttischschublade. Mit den Worten "Schau mal" zeigte er sie Sydia. Aber sie betrachtete sie nur mißtrauisch und wandte sich ab: "Tu's weg!". Er warf noch einen Blick darauf und schmiß sie aus dem Fenster.
Faron konnte nicht einschlafen, er verspürte Lust, ein wenig spazierenzugehen, er wußte auch nicht genau, warum. Er zupfte Sydia liebevoll die Decke zurecht, stand auf, zog sich an und schlenderte ein wenig durch die nächtlichen Straßen. Ziellos zwar, aber nach einer guten Stunde stand er vor dem ehemaligen "Pandora"-Gebäude. Das "d" war heruntergefallen und der Eingang verrammelt. Davor lag eine Büchse.
Er hob sie auf und schaute hinein.
Leer.
(c) Philipp
Anmerkung der Jury: "Pandoras Box", eine Bezeichnung die der Autor als Stilmittel in seine Story einfliessen lässt, ist vermutlich nicht jedem Leser bekannt. Sie hat ihren Ursprung in der griech. Mythologie und steht für einen Raum des Geheimnisvollen, Besonderen, auch Gefährlichen. In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich "Pandoras Box" verstärkt zu einem Begriff sexueller Selbstbestimmung. Provokante Bücher, Songs & Bands bedienen sich ebenso wie unterschiedlichste sexuelle Randgruppen und SM Clubs (z.B. in New York) dieses Namens, der für das Recht auf Andersartigkeit steht.
Über den Autor: Philipp, 34 Jahre alt, Studium der Physik und Wissenschaftsgeschichte, Programmierer und Systemadministrator. Beim Verfassen von Geschichten gilt sein Interesse der Ausarbeitung auch tragischer Wendungen ohne Fokussierung auf "happy ends". Wie bereits im letzten Jahr wagt sich der Autor an düstere Visionen und zeichnet auf diese ganz besondere Weise ein Bild der Farbigkeit, Vielfältigkeit und Freiheit für die Sadomasochismus steht.
(*) Geis, Norbert: Ehe und Familie müssen das Leitbild bleiben, in: Geis, Norbert; Löhr, Mechthild; Ockenfels, Wolfgang et al.: HOMO-EHE. Nein zum Ja-Wort aus christlicher Sicht, Grevenbroich, 2001
Norbert Geis ist seit 1987 Abgeordneter der CSU im Bundestag und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Recht der CDU/CSU-Fraktion.
|