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1. Preis
Espana, oder der kleine Tod
Autor: Tom Rohwer
Draußen auf dem Flur laute Stimmen, fremde Sprachen, die keifende Pensionswirtin, Señor, la luz!; durch das Fenster dringt der unaufhörliche Straßenlärm herauf, aufgeblasene Papagenos auf kränklich knatternden Zweitaktern wollen dummen Mädchen imponieren, die längst vorbeigegangen sind. Sie liegt auf dem Bett, auf dem Bauch, nackt; die Handgelenke an das Stahlrohrbettgestell gefesselt, scheußliche grüne, abblätternde Farbe; die Stricke sind verdreht. Draußen keift immer noch die Wirtin, hämmert gegen irgendeine Tür; eine Sirene auf der Straße, er versucht, seine Sinne, seine Ohren wenigstens, zu verschließen; hebt die Gerte; atmet tief durch.
Unten auf der Straße stehen vier knackärschige Alicantiner Nutten, ein sabbernder Greis mit geflickten Hosenträgern starrt auf ihre knallengen Leggins; im Hotelklo eine aufgebrochene Spritzampulle im Papierkorb, Morphin.
Wenn er genügend Geld hätte, könnte er sich alles kaufen, von ihnen; echtes Leiden, echten Schmerz, echte Verzweiflung.
Echten Tod. Aber was soll's, es interessiert ihn nicht, nein, wirklich; nur ein kleines bißchen, manchmal, fünf Minuten lang.
Die Peitsche beißt in das weiche, weiße Fleisch; sie bäumt sich auf, nur ein bißchen; er streichelt sie mit der Gerte, ist viel zu zärtlich; für sie, für sich selbst, dann findet er endlich in einen Rhythmus; auf dem Flur ist es still geworden, man hört nur das Klatschen der Peitsche, ihr Stöhnen; ihre verhaltenen Schreie werden jetzt ein kleines bißchen lauter. Hellrote Striemen auf ihrem weißen Hintern, die Oberschenkel, der Rücken schon sonnengebräunt; dunkelrote Striemen, blaurote Striemen, blutunterlaufen; ihr lockiges braunes Haar fällt hin und her, als sie endlich in das Kissen beißt.
Mit der goldenen VISA-Trikolore in der Tasche zwei Dutzend Schuhverkäuferinnen kaufen, Friseurinnen, Imbissschönheiten, jede für eine Nacht nur, höchstens zwei; Sie benutzen, ein paar kräftige Klapse mit der flachen Hand, endlich wissen, wieviele von ihnen es mögen; es mögend erdulden, oder auch nur erdulden, mit gottergebenem Blick geil werden, oder auch nicht. Hinterher ist es eh egal.
Die Peitsche beißt in das weiche, weiße Fleisch; draußen ist es zu warm, hier drinnen erst recht; wieviele halbausgewaschene Spermaflecke würde eine mikroskopische Untersuchung wohl in den Laken zu Tage fördern?
Er schlägt sie, kräftig, systematisch; sie wird heute viel ertragen müssen. Er prügelt sie; nein, nicht sie, hundertundeine ihrer zickigen, arroganten, überheblichen Schwestern; Namen könnten genannt werden, hohes Gericht, jederzeit.
Traumfrauenträume jenseits aller feuchten Lust, Land-WG, und Tee und Honig; große Liebe in leeren Novembernächten, wer jetzt immer noch kein Nest hat, findet lange keines mehr; Liebe ohne Geilheit, und Geilheit ohne Liebe, am Morgen Freundes-freundin im zu knappen Slip, und einem kleinen schmutzigen Fleck im Schritt, Wichsvorlage; sie hat einen Arsch.
Die Peitsche beißt in das weiche, weiße Fleisch; katholische Dunkelheit hinter ruß- und dreckgeschwärzten Mauern; alte Frauen mit schwarzen Mantillas in drohenden Treppenhäusern, ein junges Mädchen scheuert auf Knien den schwarz und weiß gekachelten Boden; scheu wendet sie den Blick zur Seite. Abends wird ihr Freund sie ficken, oder der Sohn der Hausverwalterin oder ihr Onkel, er stopft ihr den dreckigen Schwanz in den Mund; bedeutungslos, Beichten an jedem Sonntag, am Tage des Herren, Domingo; das klingt nach Palmen und weißen Stränden und sonnengoldener Haut. Wenn Frankreich je die treueste Tochter der Heiligen Kirche war, was ist dann Spanien: ihre älteste Hure?
Die Peitsche beißt in das weiche, weiße Fleisch; er prügelt sie durch, völlig still ist es auf einmal geworden, nur eine Polizeisirene kommt und vergeht wieder, Polizei, Gefängnis, Gitterstäbe, Folter; das würde er ihr gönnen, nein, nicht ihr; ihren widerwärtigen Schwestern, der Gummiknüppel schwingt in der Hand, zum Schlag bereit, oder sich zwischen ihre Beine zu bohren, in ihre feisten Mösen, die vor Nässe triefen.
Die Peitsche beißt in das weiche, weiße Fleisch; nur das Klatschen ist zu hören, und ihre unterdrückten Schreie, sie windet sich, Miststück, Biest, Schlampe; das ist sie, jetzt; niemand sonst, keine interessiert mehr, Königin im Dreck, Miststück, Biest, Schlampe, nichtsnutziges Luder, Ratte, Flittchen, Rotzgöre, Hure, Nutte, Fotze, sie zerrt an ihren Stricken; Arschbacken, Arschspalte, Arschloch, Arschritze, es gibt so sehr sensible Punkte; mit voller Wucht zieht er die Peitsche über jene Stelle, wo Backen und Schenkel sich treffen. Gellend schreit sie auf.
Er wirft die Peitsche weg, rammt seinen Körper in ihren, sie fängt ihn auf, saugt ihn auf, frisst ihn auf; ein Cabrio mit ledernen Sitzen und Chromspeichenrädern rollt über die Corniche, Nice, Antibes, Cannes, Monte Carlo und Gin Tonic im sanften Wind des Mittelmeers, der Duft der Zedern und von Afrika herüber der Scirocco, upper-class-Träume zwischen BusinessFirst und Yachthafen; jetzt kommt der Rhythmus, seiner, ihrer, unserer. Das größte Elend dieser Welt: daß man eine Frau nicht gleichzeitig ficken und peitschen kann.
Er gräbt seine Schneidezähne in ihre Schulter und sie schlägt ihm ihren Arsch gegen den Bauch; Arsch, Fotze, Schwanz, mehr Körperlichkeit gibt es nicht mehr, warm und weich und feucht und laut; eine ebenholzschwarze Kellnerin tanzt Couscous zu den Gästen; Abidjan, oh Abidjan, und eine alles erstickende tropische Feuchtigkeit legt sich über alles Leben; diese Musik wird er sein Leben lang nie mehr verlieren; sie ist Haut, unbeschreiblich schöne weiche feste Haut, ihr Körper windet sich, mit ihm, für ihn;
Wie viel Kraft sie nur hat, ihn gefangen zu nehmen, ihn geborgen zu machen, ihn in sich aufzusaugen; fast kommen sie zur Ruhe, verharren, warten, niemals ist er einsamer als in diesem Moment, wo sie ihm näher ist jemals sonst.
Sanft streicht der Tropenwind über seine Haut, Piratenparadiese dieser Welt, Muskatnuss und Sandelholz zwischen Dieselabgas und brennenden Müllhalden, als könne er es ein paar Tausend Meilen riechen; und dann, dann endlich, kocht das Adrenalin durch seine Adern und sprengt ihm die Schädeldecke weg; er krallt sich in ihre Hüften, aus der aufgehende Sonne kommen sie, Helikopter, zehn, zwanzig, dreißig, olive gefährliche metallene Insekten, Special Forces in Panzerwesten hinter den offenen Türen, wie wunderschöne tödliche Tiere; Heldenträume vom back-alley-war, Kriegsreporter, Kameras im Anschlag, und es sollte wirklich jemand Wagner anstellen oder wenigstens Dire Straits, Brothers in Arms; baptisms of fire, sie steigen hoch in den Himmel, goldene Perlenschnüre, Leuchtspurgeschosse, und dann zerplatzt der Helikopter vor ihm in einem großen weißen Feuerball.
Er fällt, und fällt, und fällt, und fällt; nichts ist mehr da, kein Stahlrohrbett mit abblätternder scheußlichgrüner Farbe, kein Zimmer, kein Hotel, nicht Spanien; nichts. Nur sie, nur er. So dicht zusammen wie nie, und Lichtjahre voneinander entfernt.
© Tom Rohwer
Über den Autor:
Tom Rohwer, Jahrgang 1958, arbeitet seit über 20 Jahren als Fotograf und Journalist für Tageszeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen; in den vergangenen Jahren zahlreiche Reportagereisen in den Krisengebieten des Balkans. Seit 1999 ist er Geschäftsführer einer Presse- und Medienagentur in Schleswig-Holstein und Herausgeber erotischer Literatur.
1991 Mitbegründer der "Arbeitsgemeinschaft S/M & Öffentlichkeit" und Mitheraus-geber der zwischen 1992 und 1999 erschienenen Monatszeitung "S/M-Depesche", Mitveranstalter der "Hamburg Black Night" 1992. Zahlreiche erotische Geschichten und Fotos erschienen in den "Schlagzeilen", "Twilight" und "Böse Geschichten".
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