Spacer Januar & Februar 2009: Lesungen & Veranstaltungen in Henris Bar, Berlin
Mit vielen neuen und besuchenswerten Terminen wartet "Henris Bar" Berlin zum neuen Jahresstart auf. Unsere Empfehlung am 25.02.2009: die Lesung "Blut zu Blut". Die junge Autorin Silberne Klinge liest ihre Kurzgeschichten, die tief unter die Haut gehen. Einlass ab 20h; Eintritt frei – Spende erbeten. Dies und mehr unter http://www.henris-bar.com/

 

 

 

 

Lustschmerz Story Preis 2003


1.Preis
"Nordstadt Winter Kälte"
Autorin: Inkonsequenza

Der Raum mit der hohen Decke ist voller schwebender düsterer Geräusche, die weiß getünchten Wände hallen wider von ihren Schreien, die nun schon über eine Stunde zurückliegen. Sie hebt den Kopf, fühlt sich müde, wie zerschlagen. Vorsichtig streift sie sich die schwarze Satinaugenbinde vom Gesicht und blinzelt zaghaft mit den Augen, blickt hinüber zu ihm. Er schläft. Sie fühlt sich allein.

Mühevoll rappelt sie sich auf. Als sie sich vom Bett erhebt, zittern ihre Beine, die sie mit ihrer ganzen Willenskraft zwingen muss, sie die paar Meter ins Badezimmer zu tragen. Da steht sie vor dem Spiegel und sieht forschend die Fremde an, die ihr dort aus verstörten Augen entgegenblickt. Mit einer langsamen Bewegung dreht sie sich um und mustert über die linke Schulter die frischen roten Male auf ihrem Rücken, ihrer Taille, ihrem Po, ihren Oberschenkeln. Jedes Schlaginstrument hat seine eigene Handschrift hinterlassen.

Als sie sich auf die Klobrille herablässt, ist die keramische Kühle eine Linderung für ihre geschundene Haut. Auch lassen sich schon die ersten Blutergüsse erahnen, die wie dicke Knoten in den tieferen Schichten liegen. Vom Bad aus geht sie mit kleinen Schritten in die Küche, wo sie sich Saft aus dem Kühlschrank nimmt. Nackt steht sie am Fenster, sich nicht darum scherend, ob die Mieter aus den gegenüber liegenden Häusern sie sehen können, und nippt an ihrem Glas. Sie betrachtet verloren den blätterlosen Baum unter dem grauen Kopenhagener Himmel, in der Mitte des kleinen, tristen Hinterhofs. Sinnbild für die Trostlosigkeit des Winters, Sinnbild für ihre innere Leere.

Er hatte gesagt, sie solle ein paar Tage zu ihm kommen, Urlaub nehmen, mal etwas anderes sehen, ihn sehen. Und nun ist sie hier, in einer fremden Stadt, bei einem fremden Menschen, und alles fühlt sich so furchtbar verkehrt an. Sie hatten sich auf der Messe kennen gelernt. Sie sprach ihn an, als sie den Ring an seiner linken Hand bemerkte, und noch am selben Abend gingen sie gemeinsam aus. Mehr nicht. Und jetzt, zwei Wochen später, lehnt sie nackt an seinem Küchenfenster. Fast angewidert denkt sie an seine vielsagenden Blicke. Sie weiß, dass er sich in sie verliebt hat. Sie weiß auch, dass sie sich niemals in ihn verlieben wird. Er weiß das nicht.

Schritte. Sie zaubert ein kleines Lächeln hervor, das eigentlich keines ist, und dreht sich zu ihm um. Seine Unsicherheit ist fast mit Händen zu greifen, als er auf sie zugeht. Abstoßend, dieser Hoffnungsfunke in seinen Augen. Ein Fehler, nur ein trivialer Fehler, mein Liebling, denkt sie.
Wie fühlst du dich, fragt er leise, in dem offensichtlichen Bemühen, einfühlsam zu wirken. Sie nickt leicht und kämpft einen aufsteigenden Schluchzer nieder. Um nichts sagen zu müssen, bietet sie ihm ihren Mund zu einem Kuss dar. Der Vorhang fällt.

Beim Abendessen in der Nähe des Tivolis entschuldigt sie ihre Schweigsamkeit mit den Strapazen des Tages - der Flug, die neue Umgebung, der homo novus im doppelten Sinn, ihr nachmittägliches Spiel. Er redet. Erzählt von sich, von seiner Arbeit, von der Stadt, von der für den nächsten Tag geplanten Sightseeingtour, von seinen Freunden, die sie nicht kennt und niemals kennen wird, von seiner Familie. Sie sitzt und schweigt still. Beobachtet seine Mimik und Gestik, nickt zustimmend oder zieht an den passenden Stellen fragend die Augenbrauen hoch, neigt versuchsweise kokett den Kopf zur Seite, betrachtet in seinen Monologpausen angemessen beeindruckt das Interieur des Restaurants. Stilvoll, gediegen. Etwas anderes hätte sie von ihm auch nicht erwartet - alles will er ihr recht machen. Leider.

Sie muss hier weg. Noch so einen Tag übersteht sie nicht. Mitten in einem seiner Endlossätze steht sie auf, entschuldigt sich mit ihrem süßesten Lächeln und einer Lüge auf den Lippen. In der Damentoilette zieht sie ihr Handy aus der Tasche und ruft die Fluggesellschaft an. Am nächsten Tag um 10.30 ist noch eine Maschine buchbar - in über zwölf Stunden erst. Ausharren, warten.
Kaum hat sie wieder Platz genommen, redet er weiter. Es nimmt ihr die Luft, sein Gerede - so als legten sich die einzelnen Worte, die aus seinem Mund quellen, auf ihre Brust, eines auf das andere, immer höher und höher, als presste ihr das Gewicht der Wörter die Luft zum Atmen aus der Lunge. Ziegelsteine. Sie entzieht ihm die Hand, die er in seine genommen hat, nachdem der Kellner die Dessertteller abgeräumt hatte, verkrampft beide Hände in ihrem Schoß, bohrt sich die Fingernägel ins eigene Fleisch, um nicht laut loszuschreien. Er zahlt und sie gehen den kurzen Weg in die Skydebanegade zu Fuß zurück. Die klare Winterluft, die sie gierig in ihre Lungen saugt, wärmt sie; gegen ihre innere Kälte kommt sie nicht an. In der Ferne die kreischenden Bremsen eines Zuges, das feuchte Pflaster unter ihren Füßen, das jeden ihrer Schritte metallisch widerhallen lässt, die im Nieselregen dunkelgelb verschwimmende Straßen-beleuchtung, irr tanzende Nachtschatten begleiten sie auf ihrem Weg. Sein Arm liegt zentnerschwer auf ihren Schultern. Schweigen, endlich. Dunkelheit, Traurigkeit, außen wie innen. Nachdem er ihr den Mantel abgenommen hat, zieht er ihr langsam ihre Schuhe, ihr Kleid, ihre Strümpfe aus. Sie schließt die Augen und lässt es geschehen. Weniger als zwölf Stunden noch. Mitspielen.

Er nimmt sie an der Hand und führt sie wieder ins Schlafzimmer. Sie fühlt sich, als stünde sie neben sich und beobachtete sich selbst mit scharfem, analysierendem Blick. Er legt ihr weiche Fesseln an, bewegt sich vorsichtig um sie herum, streichelt leicht über ihre Flanken. Sie muss sich beherrschen, nicht wegzuzucken. Er bindet ihr die Arme über den Kopf, befestigt ihre Fußfesseln an den dafür vorgesehenen Haken im rauen Dielenboden. Unbeteiligt sieht sie zu, wie er die lange Peitsche aufnimmt und sie einmal prüfend durch die Luft zischen lässt. Als der nächste Schlag auf ihrem Körper landet, wundert sie sich fast ein wenig über den Schmerz. Sie hat die Augen geschlossen und kann doch alles von außen betrachten. Fühlt die bedächtigen, konzentriert geführten Schläge. Registriert, wie er zur Gerte übergeht. Spürt dem schneidenden Schmerz nach, der ihre Hülle zum Glühen bringt, ihr Inneres aber nicht zu berühren vermag. Bemerkt abschätzig, wie er ihr eine unnötige Pause gönnt, bevor er noch einmal die Peitsche aufnimmt. Nimmt seine wachsende Erregung und ihre völlige Gleichgültigkeit wahr. Verfolgt angeekelt die Spuren, die sein Schweiß in seinem dunklen, dichten Brusthaar hinterlässt. Stößt ein paar Schreie aus, um ihn in dem Glauben zu lassen, dass ihr gefällt, was er tut.

Das einzige, was sie interessiert verfolgt: wie er seine vorgetäuschte Sicherheit nach und nach demontiert. Mal steht er zu nah bei ihr, mal zu weit entfernt. Enden, die rasend um ihre Hüften schlagen, im ersten, nur kleine, spitze Bisse im zweiten Fall. Sie hält einfach still. Sinnlos, jetzt noch etwas ändern zu wollen. Als er sie schließlich fickt, zieht sie sich in ihren dunkelsten Winkel zurück, um ihn nicht spüren zu müssen. So endet es stets. In seiner liebevollen, erdrückenden Umarmung kann sie nicht schlafen. Sie verfolgt Minute um Minute die umspringenden roten Leuchtzahlen auf dem Digitalwecker.
Nach sechs endlosen, schlaflosen Stunden befreit sie sich behutsam von seinem Arm, steht auf, sucht im Dunkeln ihre Kleider zusammen, nimmt ihren noch unausgepackten Koffer, verlässt leise die Wohnung. Er schläft. Sie fühlt nichts. Die Stadt ist noch nicht zum Leben erwacht, doch am Bahnhof stehen bereits einige Taxis bereit. Dem freundlichen Dänen macht sie weis, seine Sprache nicht zu sprechen, und in nur gebrochenem Englisch bittet sie ihn, sie auf dem schnellsten Weg ans Meer zu bringen.
Die ersten Sonnenstrahlen kriechen langsam über die sanften Wellen, als seien sie noch unentschlossen, ob sie diesen neuen Tag erhellen möchten, und sie fühlt so etwas wie Leben in sich zurückkehren. Der Wind kann ihr nichts anhaben, sie sitzt, einer Statue gleich, am Strand, abwechselnd auf den Horizont und auf Schweden starrend. Das nun gleißende Sonnenlicht auf dem gekräuselten Wasser blendet sie, sie schaut weiter hinein, bis die Lichtpunkte vor ihren Augen tanzen.

In der Abflughalle steht dann er. Rastlos, fahrig seine Bewegungen. Als er sie bemerkt, hastet er auf sie zu, greift nach ihrer leblosen Hand, redet auf sie ein. Sie sagt nichts, schaut ihn nur stumpf an. Die Kälte ist zurückgekehrt - wie immer. Er sucht etwas, irgendetwas in ihren Augen, findet es nicht, wendet den Blick ab. Sie dreht sich um und passiert die Sicherheitskontrolle. Mit hilflos hängenden Armen sieht er ihr nach.

Au revoir, Kopenhagen.

(c) inkonsequenza

 

 
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