Spacer Januar & Februar 2009: Lesungen & Veranstaltungen in Henris Bar, Berlin
Mit vielen neuen und besuchenswerten Terminen wartet "Henris Bar" Berlin zum neuen Jahresstart auf. Unsere Empfehlung am 25.02.2009: die Lesung "Blut zu Blut". Die junge Autorin Silberne Klinge liest ihre Kurzgeschichten, die tief unter die Haut gehen. Einlass ab 20h; Eintritt frei – Spende erbeten. Dies und mehr unter http://www.henris-bar.com/

 

 

 

 

LustSchmerz Story Preis 2003


2.Preis
Ave Maria
Autor: Passionale

Prega per chi sotto l'oltraggio piega la fronte,
e sotto la malvagia sorte;
per noi, per noi tu prega,
prega sempre,
e nell'ora della morte nostra,
prega per noi,
prega per noi, prega!

Verdi. Otello. Vierter Akt. Das Ave Maria.
Prega per noi. Bitte für uns...

Keine andere Oper kann ihn so gefangen nehmen, keine andere Arie kann ihn so rühren wie diese.
Er ist nicht besonders religiös, aber seine Liebe zu Verdis "Ave Maria" hat auch nichts mit der Frage zu tun, ob es Gott gibt oder ob die Menschheit doch nur das Ergebnis physikalischer und biologischer Zufälligkeiten ist. Es ist die Musik, die ohne Umweg in sein Herz geht.

Heiner sitzt mit geschlossenen Augen da und genießt.
Dabei war es alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Beim ersten Mal fand er überhaupt keinen Zugang zur Handlung auf der Bühne und folgte ihr mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Abscheu. Es ärgerte ihn damals maßlos, dass Desdemona sich so widerstandslos in ihr Schicksal fügte und Otello, blind vor Eifersucht, Jagos Hinterlist erst durchschaute, als er zum Mörder an der eigenen, abgöttisch geliebten Frau geworden war.

Doch das ist mittlerweile unwichtig geworden. Heiner weiß, dass das Scheitern und der Tod zur italienischen Oper gehören wie der Nebel zu London, und er schätzt es, dass es dabei nicht um Logik geht, sondern um Tragik. Und spiegelt nicht das Verhalten der Handelnden in Verdis Mikrokosmos wider, was im täglichen Leben tausendfach vorkommt, was uns einerseits das Leben versüßt und es uns andererseits zur Hölle macht: Ergebenheit bis zur Selbstaufgabe, Eifersucht bis zum Wahn, Neid und Hinterlist bis zur kriminellen Tat?

Nachdem Desdemona Abschied vom Leben genommen hat, blickt Heiner vorsichtig auf, so als müsse er sich zuerst vergewissern, wo er ist. Jetzt sieht er direkt in Tanjas Augen. Er lächelt sie an, greift zärtlich und fest zugleich nach ihrem Nacken. Sie senkt den Blick und lächelt zurück.

Sie haben sich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt.
"Ich suche keinen Mann, der nur weiß, was er will. Ich suche einen, der auch weiß, wie er es bekommt."
Ihm war die Anzeige sofort aufgefallen.

Heiner steckte damals noch in etwas, das man eine ‚feste Beziehung' nennt. Aber als er Tanjas Anzeige las, war sein Leben von Routine und Langeweile gekennzeichnet - eine nicht ungewöhnliche Begleiterscheinung des Alltags von Großstadtmenschen jenseits der Dreißig - und die Entfremdungserscheinungen waren, nicht zuletzt auf sexuellem Gebiet, bereits weit fortgeschritten. Beschleunigt wurde dieser Zerfallsprozess dadurch, dass Heiner mehr und mehr eine Neigung verspürte, bei der nicht der sexuelle Akt an sich im Vordergrund steht, sondern bei der es um Ergebenheit und die Durchsetzung von Gehorsam mit Mitteln geht, die für die meisten Menschen nichts mit Liebe zu tun haben. Auch nicht für Christine, seine damalige Freundin.

Das Ungewöhnliche mag ja in Zeiten, in denen ausführliche Beschreibungen sadomasochistischer Sexualpraktiken zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dargeboten werden und Lieschen Müller es chic findet, sich Otto Normalverbraucher nur noch mit verbundenen Augen und gefesselten Händen hinzugeben, schon fast wieder normal sein. Und als Heiner seine ersten Andeutungen in Richtung sexueller Experimente der etwas härteren Art machte, zeigte sich auch Christine durchaus interessiert an Fesselspielchen und leichten Hieben auf ihren Po. Aber schnell erreichten Heiners Vorschläge ein Niveau, das in ihren Augen schlichtweg pervers war. Die Trennung war nur eine Frage der Zeit und Tanjas Kontaktanzeige beschleunigte diesen Prozess lediglich ein bisschen.

Voller Stolz betrachtet Heiner Tanjas nach seinen Anweisungen geschminktes Gesicht mit der geraden, schmalen Nase, den leicht hervortretenden Wangenknochen und den dunklen Augen. Ihre Kleidung, wie immer von ihm ausgesucht, unterstützt ihre Schönheit auf perfekte Weise und schon in der Pause hat er bemerkt, dass sie in ihrem langen, schwarzen Rock, den hochhackigen Schuhen und der roten Korsage wie eine Diva alle Blicke auf sich zog. In der Mehrzahl waren es begehrende Blicke der Männer und neidvolle der Frauen.
Das Halsband aus schwarzem Samt und der daran befestigte Stahlring vervollständigen Tanjas Garderobe und informieren Insider über ihren Status.

Als Otello die Intrige, der er aufgesessen ist, endlich durchschaut, stellt Heiner fest, dass seine Tanja durchaus auf die fremden Blicke reagiert anstatt ihnen, wie befohlen, auszuweichen und auf den Boden zu sehen. Lächelt sie etwa zurück, als sich der junge Mann aus der Reihe vor ihnen umdreht? Dessen Interesse an Tanja war Heiner an diesem Abend schon ein paar Mal aufgefallen. Schon beim Abholen der Karten war er in ihrer unmittelbaren Nähe und fiel buchstäblich in ihr Dekolleté; später, in der Pause, kam er Tanja erneut ziemlich nahe, als sie für Heiner ein Glas Rotwein holen musste. Nach dem letzten "Bravo" denkt Heiner darüber nach, wie er später angemessen auf Tanjas Anmaßung und Koketterie reagieren würde.

Er würde sie zur Rede stellen und keine Ausflüchte dulden. "Danke, es war ein wunderschöner Abend!", sagt Tanja mit einem Leuchten in den Augen, als sie mit Heiner eines der bereitstehenden Taxis besteigt. Sie hat bis kurz vor Aufführungsbeginn nicht gewusst, was sie erwarten würde. Heiner hatte ihr, als er morgens zur Arbeit ging, einen Zettel hinterlassen, aber sie konnte die darauf befindlichen Anweisungen nicht sofort lesen. Tanjas Hände und Füße waren am Bett festgekettet.
Heiner hatte die beiden Schlüssel, mit denen sich die Ketten öffnen ließen, über Nacht in einer Eiswürfelform im Gefrierfach aufbewahrt. Vor Verlassen der Wohnung hatte er sie in Tanjas leicht geöffnete, durch Handschellen am metallenen Bettgestell fixierte Hände gelegt. Aufgeregt und darauf bedacht, die höllisch kalten und glitschigen Dinger in ihren Händen nicht fallen zu lassen, musste sie abwarten, bis die Eiswürfel geschmolzen und die Schlüssel freigegeben waren.

Danach kostete es Tanja nur noch ein paar Verrenkungen und sie war frei. Der bereitliegende Zettel informierte sie über Uhrzeit und Ort ihres abendlichen Treffens mit Heiner sowie über die Art, wie sie sich zu kleiden und herzurichten habe. Gewissenhaft wie immer führte sie alles aus, nicht ahnend, dass der heutige Abend seinen Anfang in der Oper nehmen würde.

Heiner antwortet auf ihren Dank mit einem irritierenden Lächeln, Tanja kennt ihn und weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Hat sie etwas falsch gemacht an diesem Abend? Sie traut sich nicht, ihn direkt zu fragen. Sie will sich nicht die Stimmung verderben lassen, aber der eigentliche Grund ist, dass sie Heiner nicht noch mehr verärgern will. Sie wird schon noch erfahren, was los ist...

Sie betreten schweigend die Wohnung. Heiners Laune hat sich sichtbar verfinstert, als habe er während der ganzen Taxifahrt über etwas gegrübelt und sei schließlich zu einem negativen Ergebnis seiner Überlegungen gekommen. Tanja hält den Stimmungsumschwung nicht mehr aus und bricht das Schweigen.
"Bitte sag mir, was los ist. Hat es was mit mir zu tun?", fragt sie.
"Das weißt du genau", lautet Heiners lapidare Antwort. Er blickt ihr kühl in die Augen.
"Zieh die Jacke und den Rock aus!"
"Heiner, bitte nicht... sag mir doch..." Tanja sieht an seinem Blick, dass es keinen Sinn macht, und wirft die leichte Sommerjacke, die sie über der Korsage getragen hat, über die Garderobe. Dann öffnet sie den Reißverschluss und lässt ihren Rock auf den Boden gleiten. Nun steht sie in ihren hochhackigen Schuhen und der Korsage vor ihm. Ihr Blick schwankt zwischen Trotz und Verunsicherung.
"Willst du es mir sagen?" Sie hört Heiners Frage und antwortet wahrheitsgemäß: "Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst. Was soll ich dir sagen?"
"Lehn dich darüber!" Heiner zeigt auf das Ledersofa, das im Wohnzimmer steht. Er öffnet seinen Gürtel und zieht ihn aus der Hose. Auch nach über einem halben Jahr, das sie sich schon kennen, erschrickt Tanja bei dieser Geste, tut aber wie ihr befohlen. So hat sie Heiner noch nie erlebt.

Auch wenn die Rollenverteilung zwischen ihr und Heiner von Anfang an klar war, hatte Tanja immer auch Freiräume. Eine Beziehung, in der sie als der devote Teil jegliche Privatsphäre aufgibt und nur noch Eigentum des anderen ist, wollten beide nie. Dennoch gibt es natürlich feste Spielregeln, die Tanja beispielsweise jegliche Verabredung mit anderen Männern untersagen und ihr sowohl zuhause als auch in der Öffentlichkeit einen klaren und engen Rahmen stecken. Tanja liegt über das Sofa gebeugt, ihren nackten Hintern in die Luft gestreckt. Sie hört ein Zischen, zuckt instinktiv zusammen und schließt die Augen. Aber zu ihrer Überraschung - und noch mehr zu ihrer Erleichterung - spürt sie nichts. Der Ledergürtel saust durch die Luft, ohne sie zu berühren.
"Wie erklärst du mir das?"
Tanja sieht auf den Zettel, der ihr direkt vors Gesicht gehalten wird. Sie entziffert eine Telefonnummer und einen Namen - Sven. "Wie soll ich dir das erklären? Ich hab den noch nie gesehen!"
Ihre Stimme zittert, während sie antwortet.
"Dieser Zettel ist dir aus der Jacke gefallen, als wir die Oper verlassen haben..."
Tanja sieht ihn entsetzt an. "Aber... das kann gar nicht sein...!"
Diesmal bleibt es nicht beim Geräusch. Fast im gleichen Augenblick, in dem Tanja das Zischen des Gürtels hört, spürt sie einen stechenden Schmerz auf ihrer linken Pobacke. Und gleich darauf noch einen, diesmal auf der rechten. Sie schreit auf. "Heiner, bitte...! Ich kenne den Zettel nicht! Du musst dich täuschen!" Was folgt, ist wie bei der katholischen Inquisition: Ihre Unschuldsbeteuerungen verärgern Heiner immer mehr und ermutigen ihn geradezu, mit seiner Bestrafungsaktion fortzufahren.

Bald darauf übersät eine Vielzahl roter Striemen ihren Po. Tanja liegt jetzt, fest verschnürt wie ein Paket, auf dem Fußboden. Ihre Arme werden durch ein weißes Seil hinter dem Körper gehalten und sind straff mit den ebenfalls gefesselten Fußgelenken verbunden. "Heiner... nicht...!" Ihr Bitten ist längst in ein Betteln übergegangen, als sie spürt, wie er ihr einen Lederball in den Mund stecken will. "Sonnenblu..."
War das eben das für Notfälle verabredete Codewort? Heiner überlegt kurz und beschließt, dass er sich bestimmt verhört hat. Er beendet seine Aktion, indem er das Lederband, an dem der Ball befestigt ist, hinter Tanjas Kopf verschließt.
Der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen nimmt einen ebenso ungläubigen wie entsetzten Ausdruck an. "Du hintergehst mich nicht noch einmal..." murmelt er vor sich hin, während er das offene Ende des Seils durch den Ring an ihrem Halsband zieht und es fest verknotet.

Es gibt kein Zurück. Heiner spürt, wie ihm der Einfluss auf den weiteren Verlauf der Dinge aus den Fingern gleitet. Mit abwesendem Blick geht er zur Stereoanlage und legt eine CD ein.
Schon des öfteren hat ihm seine Eifersucht einen Streich gespielt; am heftigsten war das vor etwa zwei Monaten, als er mit Tanja erstmals einen einschlägigen Club besuchte. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sie sich vor seinen Augen von einem anderen Mann züchtigen lassen solle, und als das Spiel begann, verlor er vollständig die Kontrolle über sein Verhalten. Er schlug den Anderen zu Boden (das erste Mal in seinem ganzen Leben, dass er mit Fäusten auf jemanden los ging) und verließ mit Tanja fluchtartig den Ort des Geschehens.

Aber was soll er auch tun? Dass Tanja eine wunderschöne Frau mit einem makellosen Körper ist, ist nicht zu übersehen. Manchmal glaubt Heiner, dass jeder Mann nichts anderes im Sinn hat, als ihm Tanja wegzunehmen.

Tanjas Kopf wird weit nach hinten gezogen. Sie spürt, wie ihr diese Maßnahme das Atmen noch mehr erschwert. Sie röchelt.
Als Heiner die Panik in ihren Augen sieht, kommt er schlagartig zur Besinnung.
"Was mache ich da eigentlich? Es tut mir so leid..." Schnell läuft er in die Küche und holt eine Schere, um das Seil, das seiner Tanja die Luft nimmt, zu durchschneiden.
Da klingelt das Telefon. Heiner sieht automatisch auf die im Display angezeigte Nummer und erstarrt. Er greift nach dem Hörer. "Ja, Lehmann..."

"Guten Tag, hier spricht Sven König. Entschuldigen Sie bitte die Störung..."
Sven sitzt in seiner Küche. Im vor ihm liegenden Telefonbuch ist bereits eine ganze Reihe mit Namen durchgestrichen. Sie geht ihm einfach nicht aus dem Sinn, die unbekannte Schöne aus der Oper, deren Nachnamen er nicht ganz zufällig an der Abendkasse aufgeschnappt hat. Sie war nicht allein dort, aber der ganz in schwarz gekleidete Mann an ihrer Seite ist nicht der Richtige für sie, da ist sich Sven absolut sicher. Er war viel zu alt und wirkte wie ein Leichenbestatter. Eine so schöne Frau hat etwas anderes verdient.
Schon seit fast einer Stunde telefoniert Sven sich durch die Liste mit dem leider nicht besonders seltenen Nachnamen - immer in der Hoffnung, sie zu finden. Er hatte ihr in der Pause heimlich einen Zettel zugesteckt, aber es ließ ihm keine Ruhe... er konnte nicht abwarten, musste von sich aus aktiv werden. Aber auch diesmal scheint es vergebens zu sein, denn es ist eine Männerstimme, die sich meldet. Enttäuscht legt Sven auf.

Heiner hält weinend Tanjas Kopf, aus dem die aufgerissenen Augen ins Leere starren. Die blutverschmierte Schere liegt neben ihm.
Im Hintergrund hört er, wie Desdemona auf Otello wartet. Das Ave Maria.

Bitte für den, der anbetend vor dir kniet,
bitte für den Sünder, für den Unschuldigen,
und für den Schwachen und den Bedrückten,
und dem Mächtigen, der gleichfalls elend ist,
schenk dein Erbarmen.

(c) Passionale


Über den Autor:
Ich bin 43 jahre alt, bin unverheiratet, habe aber vor bald 3 Jahren die Große Liebe getroffen. Wir haben damals unser beider Leben vollständig umgekrempelt; seitdem leben wir zusammen, lieben uns, setzen Schritt für Schritt all das miteinander in die Tat um, was so an Sehnsüchten und Träumen in unseren Köpfen herumgeistert und meistern - manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich - die Widersprüche, die sich aus der Gleichzeitigkeit unserer Vorstellungen von Dominanz und Submission mit einem "normalen" Leben (mit Arbeit und Elternsein) ergeben. Kein "24/7" also - und dennoch unendlich viel mehr als ein Spiel...

 

 
Fernbedienung!
Stimulation per Fernbedienung hat einen besonderen Reiz! Das willige Opfer im Restaurant, im Bus oder in der Oper zu orgiastischen Höhenflügen per Knopfdruck zu treiben... wer hat nicht schon davon geträumt? Im LS Online Shop haben wir einige neue Produkte mit Fernbedienung aufgenommen. Ob klitoral oder anal, per Anruf, oder SMS... die Hersteller sind einfallsreich und haben einige spannende Produkte zu günstigen Preisen auf den Markt gebracht. >>
Spacer
 

[ Home | Impressum | Kontakt | Media-Daten ]
© Das Copyright für sämtliche Inhalte dieses Magazins liegt bei LustSchmerz Hamburg oder den Autoren.
Jegliche Verwendung von Texten bedarf einer schriftlichen Genehmigung.

LustSchmerz Community LustSchmerz Shopping Home