Spacer Januar & Februar 2009: Lesungen & Veranstaltungen in Henris Bar, Berlin
Mit vielen neuen und besuchenswerten Terminen wartet "Henris Bar" Berlin zum neuen Jahresstart auf. Unsere Empfehlung am 25.02.2009: die Lesung "Blut zu Blut". Die junge Autorin Silberne Klinge liest ihre Kurzgeschichten, die tief unter die Haut gehen. Einlass ab 20h; Eintritt frei – Spende erbeten. Dies und mehr unter http://www.henris-bar.com/

 

 

 

 

LustSchmerz Story Preis 2002


2.Preis
Tod einer Göttin
Autorin: Apollonia

Leise Musik säuselte aus den Lautsprechern, ein sanfter altjüngferlicher Lavendelduft hing in der Luft, kultivierte pseudoantike güldene Wandleuchter erhellten die ungewöhnliche Szenerie: die Damentoilette im renommiertesten Café der Stadt, die nun gleichzeitig einer der ungewöhnlichsten Tatorte war, die Kommissarin Stavanger jemals betreten hatte. Auch die Tote wirkte ungewöhnlich. Die Enden eines Netzstrumpfes waren fest um ihren Hals gezogen. Ihr Kopf hing in der high-tech Kloschüssel mit automatischer Sitzbrillenwaschanlage. Ihre hochgesteckten langen Haare waren zerzaust und peinlich unordentlich. Ihr schwarzes Kostüm saß noch nahezu tadellos, wenn man davon absah, dass sie undamenhaft breitbeinig vor dem besagten Klo kniete. Den einen Pumps hatte sie verloren, der andere hing wie angeklebt an ihrem Fuß. Die teure gemusterte Strumpfhose war an den Knien zerrissen. Die Arme hingen schlaff zu beiden Seiten herab, ihre langen provokativ rot lackierten Fingernägel waren lädiert. Schmidt, Stavangers Assistent, hatte ihre Handtasche zwischen seinen Knien, zückte den Block und nachdem sie die Tote ausgiebig begutachtet hatte, berichtete er: "Nathalie Kallinowski, 28 Jahre alt, wohnhaft hier, Dachsweg 17, Klamotten für 1000 Euro am Leib, saß hier im Café mit einem Begleiter, ging zum Klo. Als sie nicht wiederkam, sah die Bedienung auf Bitten des Begleiters nach und fand sie so vor. Das Klofenster steht auf, niemand hat jemand anderen zum Klo gehen sehen. Niemand hat was gehört. Das war's erstmal, Chefin... ach, neee, Moment....in ihrer Handtasche war außer dem üblichen Krimskrams auch das hier." Er zog eine kleine handliche mehrsträngige Lederpeitsche aus der Tasche. Die hatte einen Metallgriff und er hielt sie mit spitzen Fingern in seiner latexbehandschuhten Hand.

Stavanger sagte zunächst mal gar nichts. Sich von dummen Vorurteilen das Hirn vernebeln zu lassen, war nicht ihr Ding. "Schauen wir uns mal den zugehörigen Herrn an."
Sie verließen die gemütliche Wohnzimmeratmosphäre der Toilette, stiegen eine gepflegte Marmortreppe hinauf und trafen im Café auf eine aufgeregt tuschelnde Versammlung von Gästen und Personal. Das Café war zum mutmaßlichen Tat-Zeitpunkt nicht voll gewesen. Nur an vier Tischen hatten Gäste das unnachahmlich wienerische plüschige Kaffeehaus-ambiente genossen. Schmidt hatte die Verhöre der Zeugen bei Stavangers Ankunft unterbrochen und wandte sich jetzt wieder einer älteren Dame zu, die aufgeregt mit ihrer Serviette zu ihm hinüberwedelte.
Stavanger steuerte auf den Mann zu, den ihr Schmidt mit einer Kopfbewegung angedeutet hatte. Sie taxierte ihn mit ihrem geübten Kriminalistenblick und ließ sich Zeit damit den Tisch zu erreichen. Er war gut gekleidet, grauer dezenter Anzug, weißes Hemd, dazu eine korrekt gebundene Krawatte, graue Socken zu gediegenem schlichtem Schuhwerk. Brillenträger, Mitte dreißig, vielleicht ein wenig älter, sicherlich gebildet, stoppelkurze dunkle Haare, die an den Schläfen deutlich lichter wurden. Schlank, breitschultrig, nicht über 185, kein "little man" aber auch kein wirklich großer. Er hatte sie sofort gesehen und blickte ihr erstaunlich ruhig entgegen, entspannt auf dem Stuhl zurückgelehnt. Seine eisgrauen Augen waren von Melancholie durchzogen und er wirkte angegriffen.
Kein Wunder, dachte Stavanger. Sie konnte sich spontan keinen Reim auf die Beziehung der beiden zueinander machen, auch seine eigenartige Ruhe verstand sie nicht. Stand er unter Schock?
Er wartete nicht, bis sie ganz an den Tisch herangetreten war. Er stand Sekunden vorher auf, deutete mit einem Kopfnicken einen Gruß an und schob ihr einen Stuhl zurecht, von dem er annahm, dass sie auf ihm Platz nehmen wollte.

Stavanger setzte sich und versuchte die aufkommende Unsicherheit zu unterdrücken, die sie angesichts dieses vollendeten Benehmens überkommen wollte. Gerne hätte sie in ihren Taschen nach einer Zigarette gesucht, die er ihr sicher angezündet hätte. Aber sie beschloss die Initiative zu ergreifen, sich der Faszination seiner eisgrauen ruhigen Augen zu entziehen. Freundlicherweise wartete er, bis sie sich gesammelt hatte.

"Ihre Begleiterin ist tot.", begann sie wenig originell. Ihre Stimme klang fest und ein wenig tiefer, als man es von einer Frau erwartet hätte. Er nickte und sie nahm eine Spur Emotion in seinem Gesicht wahr.
"Ich bin Kommissarin Stavanger und muss ihnen jetzt ein paar Fragen stellen."
Er nickte wieder.
"Ihren Namen bitte."
"Conzelmann, Dr. Carl Conzelmann. Chemiker. Alles mit C". Er war todernst.
"In welchem Verhältnis standen sie zu der Toten?"
Er sah weg und schwieg.
"Nun..." fuhr sie geduldig fort: "Herr Dr.Conzelmann... war sie eine Verwandte, eine Bekannte, eine Freundin, ihre Geliebte...?"
Er schluckte sichtbar. "Nichts von alledem. Und doch viel mehr....."
"Das verstehe ich nicht. Bitte erklären sie mir das."
Er deutete ein Lächeln an.
"Sie werden es auch nicht verstehen, wenn ich es ihnen erkläre, Frau Stavanger.... Sie war meine Herrin."
Er sagte das sanft, ohne Spott, ohne Arroganz.
Stavanger sah ihn an. "Wie bitte?"
Er lächelte wieder. "Haben sie die "Venus im Pelz" gelesen? Sagt ihnen der Name Sacher-Masoch etwas? Ich bin submissiv, Frau Kommissarin, und masochistisch. Ich unterwerfe mich einer schönen Frau und mache sie damit zu meiner Herrin. Lady Luzifera - Frau Kallinowski, wenn sie so wollen - war seit zwei Jahren meine Herrin."
Wieder dieser ruhige Blick, seine sanfte Stimme.
In Stavangers Gedächtniswindungen klingelte es beim Namen des Schriftstellers.
"Sie wollen sagen, Natalie Kallinowski war eine Domina und sie waren ihr Kunde?"
Er lächelte wieder.
"Keineswegs. Sie war eine Lady. Lady Luzifera für mich und alle, die sie liebten. Und sie nahm keinen Pfennig von mir oder irgendjemandem."
Stavanger schwieg verblüfft und suchte nach Verständnismustern.
Conzelmann lächelte wieder ein kleines müdes Lächeln.
"Nun... ich sagte ja, sie würden es nicht verstehen. Gestatten sie mir einige erläuternde Worte....?"
"Ich bitte darum."
Stavanger war konsterniert. Wie schaffte dieser Mann das nur, die Gesprächsführung zu behalten? Er war offensichtlich intelligent und souverän. Schlaglichtartig zogen grelle Bilder an ihr vorüber. Skurril verkleidete Menschen in entwürdi-genden Posen. SM hieß das wohl. Passte dieser Mann in das Bild eines winselnden gummimaskierten schmierigen Perversen, das von den Medien so gerne strapaziert wurde?
"Frau Kommissarin, es gibt tief in unserem Innern..." er bemerkte ihre hochgezogene Augenbraue und korrigierte sich: "....tief in MEINEM Inneren den archaisch anmutenden Wunsch zu dienen, jemandem zu gehören, mich hinzugeben, Schmerzen und Mühen für jemanden zu erleiden....."
Er räusperte sich. Er schien bewegt.
"Wie wär's mit einem Kaffee...?" versuchte sie ihm zu helfen. Stavanger hatte selbst das Bedürfnis nach etwas Heißem, Aufmunterndem.
Er lächelte ein wenig. "Sehr aufmerksam von ihnen. Darf ich mir erlauben zu bemerken, dass ich seit Stunden hier sitze. Dürfte ich sie unter Umständen bitten, mich nach Hause zu begleiten? Ich wohne nur ein paar Ecken von hier.....selbstverständlich würde ich ihnen weiter Rede und Antwort stehen....und der Tee oder auch Kaffee, den ich zubereite, sucht sicherlich seinesgleichen."
Stavanger zögerte. Sie sah ihn an. Conzelmann war offensichtlich in mitteilsamer Laune. Und als der Toten Nahestehender war er verdächtig. Immer schwätzen lassen, wenn sie denn schwätzten, die Verdächtigen. Das konnte nützlich sein.
"In Ordnung Herr Dr. Conzelmann. Wir hinterlassen ihre Adresse bei meinem Kollegen hier und wir beide machen uns dann mal auf den Weg."
Sie gab Schmidt einen Wink. "Ich begleite Herrn Conzelmann nach Hause, Adresse bekommst du jetzt. Hol mich da ab, wenn du hier durch bist."
Schmidt notierte pflichtschuldigst und wandte sich dann wieder der vogeligen älteren Dame zu, die sein Handgelenk umklammerte wie eine Ertrinkende, um seine Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.

Conzelmann ging ruhig neben ihr her, während sie seine Wohnung ansteuerten.
Es regnete, er hielt seinen Schirm fürsorglich über sie beide.
"Sie müssen doch ein umschwärmter Mann sein" nahm Stavanger das Gespräch wieder auf. "Gutaussehend, gebildet, sicherlich gut verdienend....."
"Sie wollen sagen, ich habe es doch nicht nötig, mich von einer Frau verprügeln zu lassen? Um Zuwendung zu bekommen? Mich demütigen zu lassen, weil ich geliebt werden will, nicht wahr?"
Stavanger grinste verlegen. Conzelmann lächelte.
"Frau Kommissarin...ich versuche es einmal anders....schauen sie: sie sind eine begehrenswerte, hart arbeitende, herrliche Frau. Finden sie nicht manchmal, jemand sollte ihnen die Tür aufhalten, wenn sie abends nach Hause kommen? Jemand sollte das Essen fertig haben? Jemand sollte genau wissen, wie und wann sie sexuell befriedigt werden wollen und es sollte ihm eine Freude sein, es zu tun?"
Stavanger schluckte. Sie dachte an Jochen, Kollege, mehr Kumpel als Geliebter, der die Füße auf ihrem Couchtisch hatte, während er in die Glotze starrte, wenn sie nach Hause kam.
Sie antwortete nicht.
"Haben sie das nötig, Frau Kommissarin? Einen Mann, der nur sich selbst sieht? Der sie nicht wertschätzt? Ihre Stärke, ihre Intelligenz? Ihre Erregbarkeit? Ihre wundervollen Formen?"
Dieser Kerl schien Gedanken zu lesen. Sie sah unwillkürlich hinunter auf ihren üppigen Busen, sie dachte an die bemühten, seltenen erotischen Turnübungen mit ihrem Jochen und sie ertappte sich erstaunt dabei, dass sie errötete.
Ein wenig verlegen strich sie sich das Haar aus der Stirn. Conzelmann war nicht zu bremsen.
"Sie verdienen einen ergebenen Gentleman. Jemand der sie bewundert, wenn sie sich schön machen. Jemand, der ihre Garderobe in Ordnung hält, jemand, der ihnen zuhört, wenn es ihnen schlecht geht." Conzelmanns Stimme wurde schwärmerisch und bekam einen drängenden Tonfall.
"Jemanden, dem sie genau sagen können, was sie von ihm erwarten. Der sich alle Mühe geben wird, ihre Wünsche zu erfüllen. Jemanden, den sie bestrafen können, wenn er es nicht tut. Hart bestrafen....Schlagen, Demütigen, Ohrfeigen... was auch immer. Jemanden, der nur ihnen gehört....."

Sie erreichten die conzelmannsche Haustür und der kleine Moment reichte, um Stavanger aus ihren von Conzelmann initiierten merkwürdigen, fremdartigen, eigenartig angenehmen Visionen zu reißen. Er öffnete, ließ sie eintreten.
"Würde es ihnen etwas ausmachen, Frau Kommissarin....ihre Schuhe...sie verstehen, bei dem Matschwetter."
Zu ihrer grenzenlosen Verblüffung kniete er nieder und half ihr die sportlichen Camper von ihren Füssen zu streifen. Wie selbstverständlich stützte sie sich an seiner Schulter ab, während sie auf einem Bein balancierte.
"Gestatten sie mir eine Bemerkung?"
Sie nickte zu ihm hinunter. Er sah zu ihr auf. Der Ausdruck seiner grauen schönen Augen war schwer zu interpretieren. Seine schwermütige Stimme hatte plötzlich einen Klang von Munterkeit. "Niemals hätte ich vermutet, dass sie so zierliche schöne Füße haben, Frau Kommissarin. Eine starke Frau wie sie....."
Sie schüttelte den Kopf.
"Sie sind ein Charmeur, Conzelmann.....oh, bitte um Entschuldigung, Herr Dr. Conzelmann."
"Aber nein, Frau Kommissarin....Conzelmann ist völlig in Ordnung aus ihrem Munde. Es dürfte auch Carl sein...ohne weiteres."

Er nahm ihre Jacke und hängte sie auf. Er öffnete eine Tür zu einem großen dunklen Wohnzimmer, knipste eine Stehlampe an und bat sie in einem ledernen Ohrensessel Platz zu nehmen.
"Einen Kaffee für sie, Frau Kommissarin? Oder einen Tee.....ein chinesischer Oolong ist ideal bei diesem Wetter." Stavanger fand, die Atmosphäre verdiene einen Tee. Der Geruch alter Bücher stieg ihr in die Nase, die rote Samtbespan-nung der Stehlampe verbreitete ein anheimelndes Licht.
"In Ordnung, Tee also." lächelte sie.

Sie machte es sich in dem Lehnsessel gemütlich, während er in der Küche verschwand und versuchte ihre Gedanken zu sammeln. Kallinowski hatte sie geheißen, die Tote. Lady Luzifera, hatte er sie genannt. Die Teuflische also. Ob sie ihm zu teuflisch geworden war? Dem kultivierten Dr. Conzelmann? Ob er ihr seine geschickten Hände um den zarten Hals gelegt hatte? Sie spürte sie jetzt noch auf ihren Füßen, seine geschickten Hände.....

Conzelmann erschien mit einem Tablett auf dem eine weiße schlichte Teekanne dampfte. Er schenkte ein, zuckerte nach Wunsch, reichte ihr die bauchige dünnwandige Tasse mit einer angedeuteten Verbeugung und faltete sich anschließend in einer einzigen geschmeidigen Bewegung zu einem Schneidersitz auf einem Sitzkissen zusammen, dass noch im Lichtkegel der Lampe lag. Dort saß er aufrecht, nahm sich eine Tasse Tee und sah ernst zu ihr empor.
Er lächelte, als er ihren fragenden Blick bemerkte.
"Mein Lieblingsplatz gewissermaßen, Frau Kommissarin, wenn es sie nicht stört..."
"Neinnein...schon gut...." sie begann sich an seine Marotten sie gewöhnen.
"Erzählen sie mir von Lady Luzifera.....sie haben es versprochen."
Er nickte. "Nun, dieser Sessel war IHR Lieblingsplatz. Da saß sie, ich massierte ihre Füße, nahm ihre Anweisungen entgegen, hörte ihr zu, wenn sie Sorgen hatte, beriet sie, wenn einen Rat brauchte...und ich enttäuschte sie selten."

"Ich verstehe immer noch nicht, welche Art genau ihre Beziehung war....Sie hat nicht hier gewohnt, nicht wahr?" "Manchmal... Sie verbrachte manchmal einige Tage hier, wenn sie meiner ganzen Aufmerksamkeit bedurfte. Aber sie hatte eine eigene Wohnung, ja. Sie kam regelmäßig her. Ich besuchte sie seltener."
"Wie oft kam sie?"
"Einmal in der Woche mindestens. Sie kam gegen Nachmittag und blieb bis in die Nacht, manchmal bis zum anderen Morgen. Wenn sie mich schlug und quälte, schlief sie gewöhnlich hier. Das erschöpfte sie sehr und sie wollte anschließend baden und meine erotischen Dienste in Anspruch nehmen. Mich zu Schlagen erregte sie....."
Conzelmann sah sie warm an.
"Ist das abstossend für sie, Frau Kommissarin?"

Sie schwieg einen Moment und sah zu ihm hinunter. Wieder beeindruckte sie seine Ernsthaftigkeit und seine Ruhe. Sie fing an ihn zu mögen. Und sie spürte immer noch seine Hände auf ihren Füßen.
Sie nippte an dem Tee, der wirklich ein großartiges Aroma hatte.
"Merkwürdigerweise nicht. Ich finde ihre Schilderungen überraschend nachvollziehbar....sie haben diese Frau geliebt, nicht wahr?"
Ihre Stimme klang nicht so sachlich, wie sie es sich gewünscht hätte.
"Ja....geliebt....aber nicht so, wie sie denken. Ich habe sie geliebt, wie man eine Göttin liebt, sie gab meinem Leben Sinn. Es war...und ist...eine verehrende Liebe...."
"Hat sie sie auch geliebt?"
Conzelmann wandte sich ab und strich sich die Haare aus der Stirn.
Er schwieg.
"Hat sie sie auch geliebt? Conzelmann? Antworten sie!"

Er schwieg und sie sah wie bewegt er war. Jetzt....dachte sie.

"Sie hat aufgehört sie zu lieben und dann haben sie sie umgebracht, nicht wahr? Was haben sie überhaupt in diesem Cafe gemacht? So nah bei ihrer Wohnung?"
Stavanger war laut geworden und eindringlich.
Er lachte ein wenig.
"Nein, Frau Kommissarin....sie begann mich zu lieben. Eine Katastrophe..."
Er schluckte hörbar.
"Sie liebte mich und wollte meine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen. Aus Liebe....Frau Kommissarin....ICH habe sie verlassen, ich....ich ertrug es nicht. Sie wollte ein Kind von mir. Sie wollte bei mir wohnen. Mutter, Vater, Kind... verstehen sie?"
Stavanger schüttelte den Kopf.
"Sie war meine Göttin und wollte meine Frau werden.....wir waren in dem Cafe verabredet, weil sie mich überzeugen wollte bei ihr zu bleiben. Sie hatte auch ihren neuen Sklaven dorthin bestellt.......sie war recht praktisch in diesen Dingen."
"Sie waren eifersüchtig?" Stavanger drückte alle denkbaren Knöpfe.
Er lachte wieder.
"Aber nein.....sie konnte Sklaven haben soviel sie wollte. Keiner ist so gut wie ich. Und...."
er wandte sich ihr zu und sah sie lange an: "Frau Kommissarin, ich habe sie nicht umgebracht."

Sie wusste für den Moment nicht weiter. Ihre Vorstellungen von Verhaltensmustern zerbrachen an seinen Erklärungen wie Glas.

Stavanger versuchte es dennoch: "Wenn sie sie bestraft hat, was hat sie dann getan? Wenn sie sie quälte?"
"Sie schlug mich. Sie ohrfeigte mich aus Vergnügen. Auch zu meinem Vergnügen übrigens. Ich empfinde Lust, wenn ich ins Gesicht geschlagen werde. Ich werde zu einem kleinen ungezogenen Bengel, der seine verdiente Strafe bekommt....haben sie es jemals versucht?"
Seine Stimme kippte ins spöttische und provokative.
"Sie vergessen sich, Conzelmann....." sagte sie hart.
Er stellte die Teetasse ab und beugte sich vor, so dass sein Gesicht nah bei ihr war.
"Jetzt...." sagte er. Er sah ihr in die Augen mit einem Ausdruck von vibrierendem Verlangen, wie sie es noch nie bei einem Mann gesehen hatte.
"Wenn sie jetzt diesen Tonfall mit einer Ohrfeige begleitet hätten, dann wäre es ganz wunderbar gewesen..... bitte schlagen sie mich, weil ich mich vergessen habe und weil ich sie mit meinen abartigen Bedürfnissen belästige, Frau Kommissarin..." Er schloss die Augen. Sie reagierte nicht.
Er sprach mit geschlossenen Augen weiter: "Na los, du feige dumme Bullenschlampe. Ihr habt doch sonst keine Skrupel elende arme Penner zusammenzuschlagen, oder Türken..."

Da schlug sie zu. Mit der flachen Hand. "Du Mistkerl....."
Conzelmann öffnete die Augen wieder....."Bravo...sie sind ein Naturtalent, Frau Kommissarin."
Sie stand auf. "Jetzt ziehen wir hier mal andere Seiten auf, Conzelmann. Herr Doktor Conzelmann....Sie sind verhaftet." Sie zog die Handschellen aus ihrem Gürtel und baute sich breitbeinig vor ihm auf.
Er hob die Hände.
"Ein Naturtalent....haben sie eine Uniform, Frau Kommissarin? Das würde die Performance perfekt machen...."
Die Handschellen klickten um seine Handgelenke.
"Aber im Grunde bin ich eher der Diener, gnädige Frau, der ergebene Diener." Er sah auf seine gefesselten Hände hinab. Dann zu ihr auf. Weich und mit einem kleinen Lächeln.
"Ihr ergebener Diener, wenn sie wollen, gnädige Frau. Der ihre Füße küsst, ihnen Tee kocht und den sie jederzeit Mistkerl nennen dürfen, wenn ihnen danach ist."
Sie stand schwer atmend vor ihm.
"Mit Uniform oder ohne....ganz egal....der ihre wundervollen Brüste einölt und ihren Rücken massiert....gnädige Frau."

Es hatte ihr komplett die Sprache verschlagen.
Das Handy in ihrer Hosentasche piepste. "Ja?"
Schmidt war dran. Fröhlich und aufgeräumt. "Erledigt, Chefin....Auftragsmord. Die Alte war's....kaum zu glauben, was? Die Dame hatte sich an ihren Enkel rangemacht, da hat sie ‚'nen Junkie engagiert. Sie hat ihn angerufen, als sie aufs Klo ging, hat vorher das Fenster aufgemacht und das war's. Sie flennt nicht mal, findet, der Schlampe ist's recht geschehen. Chefin???"
"Ja....ist gut Schmidt...wir sehen uns morgen..."
"Alles in Ordnung, Chefin? Soll ich sie abholen?"
"Nein, schon ok....Schluss jetzt...bis morgen Schmidt...gute Arbeit!"
"Danke Chefin..." und er legte auf.

Sie setzte sich erschöpft wieder in den Lehnsessel.
Er hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Sie schloss die Handschellen wieder auf.
"Sorry....es tut mir leid Herr Dr. Conzelmann....ich lag völlig falsch. Ich werde sie jetzt in Ruhe lassen. Wenn sie noch Fragen haben, rufen sie mich bitte morgen im Präsidium an...." Sie kramte eine Visitenkarte hervor.
Sie räusperte sich: "Sie haben einen großen Verlust erlitten, Herr Dr. Conzelmann, soviel habe ich begriffen. Mein Beileid. Bitte entschuldigen sie meine Ignoranz."

Er sah sie immer noch an.

"Es ist Ordnung, Frau Kommissarin. Ich verlor sie schon vor Wochen, als sie begann mich zu lieben. Und ich habe ihnen zu danken. Für alles. Sie sind eine bewundernswerte Frau."
"Ach was..., Unsinn. Ich bin eine müde, dumme, unterbezahlte Beamtin...."

Er begleitete sie zur Tür. Sie nahm sich ihre Jacke und zog die Schuhe wieder an. Er wollte helfen, respektierte aber ihre entschiedene abwehrende Geste.

"Ich habe noch eine Bitte, Frau Kommissarin..."
"Ja?"
"Ich habe gesehen, wie genau sie mir zugehört haben. Bitte denken sie über meine Worte nach. Bitte....."
Sie nickte.
"Und wenn ich mir die Freiheit herausnehmen dürfte...."
"Ja?"
"....sie in der nächsten Woche vielleicht Mittwoch gegen vier zum Tee zu erwarten?"
"Auf keinen Fall..." sagte sie hart.
Sie drehte sich herum und ging allein durch die Tür.

Den Nieselregen im Gesicht ging sie ging die Strasse hinunter und spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Sie dachte plötzlich an Jochen. An Bier, an die Glotze. Es würgte sie im Hals. Sie dachte an Conzelmanns Augen und an all das, was sie darin gefunden hatte. An Leidenschaft, Ergebenheit, an Gefühl, an Liebe, an Verletzbarkeit, an merkwürdigen neuen Dingen. Sie dachte an den Geruch von Tee und alten Büchern. Sie dachte an eingeölte Brüste, an diese geschickten Hände, an all seine Worte. Und das Würgen im Hals verschwand.

Sie drehte sich um und ging zurück.
Sie hämmerte mit der Faust gegen die gepflegte Tür, die fast augenblicklich aufging.
Sie atmete tief durch.
"Nicht um vier, um fünf............der Tee war klasse. Mein Lieblingskuchen ist Sachertorte, selbstgemacht. Schaffst du das, Conzelmännchen?"
Er nickte und sie sah etwas Neues in seinen ernsten melancholischen Augen....so etwas wie Vorfreude?

Sie lächelte ihn an und ging dann wirklich. Der Regen war jetzt egal.

"Zierliche schöne Füße.....", dachte sie. "Und über den Spruch von der Bullenschlampe reden wir noch ein Wörtchen..." Und sie lachte.

(c) Apollonia

Apollonia lebt als freie Autorin und Texterin im westlichen Ruhrgebiet. Sie ist 44 Jahre alt, praktizierende Sadomasochistin, Mama und glücklich liiert. Als Verfasserin der Fortsetzungsgeschichte "Apollonias Welt" in den "Schlagzeilen" sicherlich vielen Lesern bereits bestens bekannt, bewies Sie nun auch bei dieser Ausschreibung mit drei sehr unterschiedlichen, durchweg starken Einsendungen hohe Qualität. Sie gehört unbestritten zu den aktuell wichtigsten, veröffentlichenden AutorInnen der SM Szene.

 

 
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