Spacer Januar & Februar 2009: Lesungen & Veranstaltungen in Henris Bar, Berlin
Mit vielen neuen und besuchenswerten Terminen wartet "Henris Bar" Berlin zum neuen Jahresstart auf. Unsere Empfehlung am 25.02.2009: die Lesung "Blut zu Blut". Die junge Autorin Silberne Klinge liest ihre Kurzgeschichten, die tief unter die Haut gehen. Einlass ab 20h; Eintritt frei – Spende erbeten. Dies und mehr unter http://www.henris-bar.com/

 

 

 

 

LustSchmerz Story Preis 2001


2.Preis
Der letzte Tag
Autor: Philipp

Der zentrale Wecksummer heulte kalt und teilnahmslos. Als kurz darauf das Licht anging, wurde sie schnell und zielstrebig wach. In den ersten Tagen war sie noch jedes Mal erschreckt zusammengezuckt, aber an diese Art des Weckens gewöhnte man sich schnell. Sie streckte sich ein wenig, so gut es ging. Die Ketten ließen nur etwas Bewegungsfreiheit. Die Zellentür ging auf.

"Es ist soweit!"

Einige Zeit früher. Sie hatte von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt, in diese zwielichtigen Geschäfte einzusteigen. Das Risiko nahmen nur wenige auf sich - trotz der sehr lukrativen Aussichten. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen, denn dann traf einen die ganze Härte des Gesetzes; Milde war hier nicht üblich. Die Polizeiaktion war lupenrein gewesen. Klassisch auf frischer Tat erwischt, Verhaftung mit leichten Blessuren; relativ schnell konnte sie überwältigt werden und trug man erst einmal Handschellen, war es nicht mehr weit her mit Gegenwehr.

Danach war alles einen vorhersehbaren Gang gegangen. Die Beweise waren ohnehin erdrückend, kein Geständnis abzulegen, wäre geradezu lächerlich gewesen. So war es nach relativ kurzer Untersuchungshaft zu einer kurzen Verhandlung gekommen. Bei der Urteilsverkündung musste sie zwar tief schlucken und konnte nur mit Mühe die Fassung bewahren, aber letztlich war niemand überrascht. Schließlich hatte sie damals noch geglaubt, auf irgend eine Weise eine Flucht bewerkstelligen und danach unauffällig oder im Untergrund leben zu können.

Wie naiv sie damit gewesen war und wie endgültig ihr weiterer Lebensweg feststand, wurde ihr langsam klar, als sie nach der abschließenden Überstellung in „Abteilung vier“ dort den verschiedenen Untersuchungen und Sicherheitsmaßnahmen zu Beginn des Strafkanons unterzogen wurde. Alle Maßnahmen hatten etwas harmloses, selbstverständliches. Fast wie die Aufnahmeuntersuchungen für einen routinemäßigen Krankenhausaufenthalt. Zunächst bekam sie die schwarze Häftlingskleidung.

Schwarz war ihre Lieblingsfarbe.

Mit den Worten "Dies ist ein leichtes Anästhetikum, die Wirkung wird in etwa zwei Stunden wieder aufhören" bekam sie je eine Spritze links und rechts in den Nacken. Wenig später wurden ihre Extremitäten taub und sie konnte weder Arme noch Beine bewegen. Daraufhin wurden ihr am Oberarm eine Nummer eintätowiert und auf beiden Handrücken mit einem glühenden Eisen je ein unübersehbares Brandzeichen angebracht. Niemand draußen in der Freiheit würde jetzt auch nur mit ihr zu tun haben wollen und ein Leben ausschließlich im Untergrund war unmöglich.
Alle Wunden wurden einwandfrei medizinisch versorgt und die Zeit bis zum Nachlassen der Betäubung konnte sie auf eine Liege verbringen. Während dieser Zeit wurden die Maße ihrer Hand- und Fußgelenke genommen wie auch die ihres Halses. Inzwischen war der Abend gekommen, und die Nacht verbrachte sie in einer ungemütlichen Gefängniszelle.

Dann kamen die weiteren Maßnahmen zur Unterbindung aller Fluchtversuche. Im nächsten Raum lagen auf einem Tisch fünf breite, massive, aber gepolsterte Stahlringe mit einem Scharnier, einem Verschluss und je zwei fest angeschweißten Ringen sowie etwas Werkzeug; ganz offensichtlich bestimmt für Hand- und Fußgelenke und für den Hals. Sorgfältig wurden die Stahlfesseln an Hand- und Fußgelenke angelegt, geschlossen und verschraubt. Es war erstaunlich, wie perfekt sie passten, offensichtlich waren sie tatsächlich aufgrund der am Vortag genommenen Maße individuell angefertigt worden. Die Schraubenköpfe werden plan abgeschliffen und vorsichtig verschweißt, so daß ihr nichts zustieß. Nun waren sie nur noch mit schwerstem Gerät zu entfernen, wenn überhaupt.

Zunächst lernte sie kennen, wie mittels der Ösen an diesen Ringen eine Vielzahl von Fesselungsmöglichkeiten realisiert werden konnte: für die Nachtruhe wurden fest am Bettgestell angebrachte Ketten durch die Fußösen gezogen und verriegelt, so daß eine relativ große Bewegungsfreiheit beim Schlafen ermöglicht wurde, gleichzeitig aber nicht daran zu denken war, das Bett auch nur zu verlassen. Für die Verrichtung der täglichen Arbeit konnten die Fuß- und Armösen in vielfältiger Weise an der jeweiligen Sitzgelegenheit arretiert werden. Zur morgendlichen Körperpflege wurden die Arme und Beine an einziehbare Ketten in der Wand angeschlossen und die Ketten gespannt, so daß der gesamte Körper gespreizt zur Reinigung zur Verfügung stand, die durch Abspritzen mit kaltem Wasser durchgeführt wurde.
Für zurückzulegende Wege wurden die Fußösen und die Armösen mit jeweils einer Kette versehen und eine weitere Kette am Halsring eingeklinkt, deren anderes Ende zu einer an der Decke angebrachten Laufschiene führte, so daß keine anderen als die vorgesehenen und erlaubten Wege zurückgleget werden konnten. Mußte sich eine Delinquentin abseits dieser Wege bewegen, wurden die Füße mit einer sehr kurzen Kette verbunden und der Halsring mit einer längeren daran angeschlossen, so daß ein völlig aufrechter Gang gerade eben nicht möglich war, und auch der nur mit sehr kleinen Schritten. Die Hände kamen auf den Rücken und eine weitere Kette führte als Leine zu einer Wärterin, die die Gefangene so zum jeweiligen Zielort brachte.

Für schwierigere Fälle gab es eine kleine fahrbare Plattform mit fünf Ringen, mittels der solche Transporte völlig unkompliziert bewerkstelligt wurden.

Einmal konnte sie beobachten, wie diese Ringe nicht nur als Fesselungsinstrumente ihren Dienst zur Verhinderung der Flucht taten: eine andere Gefangene, die versuchte, beim Wechseln der Kettenfesselung wegzurennen, kam schon nach wenigen Schritten aufgrund der großen Masse und damit Trägheit der Fesseln aus dem Gleichgewicht, stolperte und stürzte nach nicht einmal zwanzig Metern.

Während der Haftzeit hatte sie sich auch an die obligatorischen Dienstleistungen gewöhnt, zu denen sie verurteilt worden war. Nicht daß die ganz normale Sklavenarbeit, die man sich klischeehaft als Steineklopfen unter sengender Sonne vorstellte, nicht auch so oder in ähnlicher Form ausgeübt wurde - selbst zum Galeerenrudern konnte es einen tatsächlich verschlagen.

Sie hingegen hatte im Rahmen ihrer Zwangsarbeit für die Verwirklichung der sexuellen Phantasien zahlender Kunden zur Verfügung zu stehen. In der Regel wurde sie, wieder mit Hilfe der Fesselringe, an Pranger, Strafbänke oder einfach nur Haken gefesselt und so für die Kunden zur Verfügung gestellt, die sich diesen Service durchaus Beträge kosten ließen, die der Staatskasse nicht unwillkommen waren.

Diese Zwangsarbeit zog sie der Arbeit in Steinbrüchen oder Fabriken vor, nicht zuletzt, weil die medizinische Versorgung auf höherem Niveau gesichert war, einschließlich Empfängnisverhütung und Prävention und Behandlung aller Geschlechtskrankheiten sowie Sicherheitsüberwachung der Kunden.

Über die Zeit gewöhnte sie sich an diese Situation, ja sogar den einen oder anderen Stammgast erkannte sie regelmäßig wieder, und obwohl ihr das Sprechen verboten war und in aller Regel auch durch einen Knebel unterbunden, wie auch das Tragen einer Augenmaske obligatorisch war, freute sich sich, wenn ein bestimmter, selten, aber regelmäßig wiederkehrender Gast sie neben den von ihm bevorzugten harten Praktiken in gleichem Maße aber auch zärtlich behandelte und sie im Vergleich zu anderen Routinetagen ein bischen glücklicher in Abteilung vier zurückließ. Außer, daß sie seine Narbe im Gesicht ab und zu gespürt hatte, wusste sie nichts außergewöhnliches über sein Äußeres, nur eines: er trug immer schwarze Kleidung.

Schwarz war ihre Lieblingsfarbe.

Aber abgesehen von diesen kurzen Augenblicken war schließlich und endlich alles zur Routine geworden. Routine. Nur heute war es anders. Es war das letzte Mal.

„Es ist soweit!
Sie richtete sich auf. Die Füße wurden aus der Bettkette befreit und mit der Gehkette versehen, die Hände ebenfalls, die Kette vom Halsring wurde in die Führungsschiene eingeklinkt. Sie machte sich auf. Die Schiene wies ihr den Weg zu der weißen Tür. Vor der Tür wurden ihr die Ketten abgenommen und sie durchschritt sie. Dort wartete eine Person und ein schwarzes Polster auf dem Fußboden.

Schwarz war ihre Lieblingsfarbe.

Ohne daß man es ihr gesagt hatte, wusste sie, was zu tun war. Sie ging zu dem Polster und kniete nieder. Sie legte die Hände hinter den Kopf, richtete sich auf und drückte ihr Rückgrat durch. Trotz des Kniens war es eine stolze Haltung.

Sie schloß die Augen und zuckte leicht zusammen, als das kalte Metall der Waffe sie am Ansatz der Wirbelsäule berührte. Sie atmete etwas schneller, als er mit der Mündung langsam aufwärts wanderte und im Nacken zum Halt kam.

Sie atmete jetzt ganz ruhig. Sie war freier als jemals zuvor.
Sie konnte die Träne nicht sehen, die über die Narbe auf seiner Wange lief. Das letzte, was sie hörte, was das leise Klicken vom Spannen und Einrasten des Hahns. Dann wurde alles schwarz.

Schwarz war ihre Lieblingsfarbe.

© Philipp

Über den Autor:

Philipp ist 33 Jahre alt und brach sein Physikstudium ab um sich statt dessen lieber der Wissenschaftsgeschichte zu widmen.  Gelebter SM findet sich erst seit ca. einem Jahr in seinem Leben und Lieben wieder.
Die Story “Der letzte Tag“ war ursprünglich ein Geschenk an seine Freundin,  entstanden durch eine Diskussion der beiden, die sich um Für und Wider freier Phantasien drehte. Und so möchte der Autor seinen Beitrag auch als Plädoyer für erlaubte Phantasie jenseits realer Wünsche verstanden wissen. Seine Faszination liegt im Verfassen von Geschichten, die Platz für eigene Bilder lassen und mit einem überraschenden Ende aufwarten.  Der Pflege von „Bad-Ends“ gilt seine Begeisterung als Autor.

 

 
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