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3.Preis
Dieses Mal, vielleicht...
Autor: T.Lagemann
Sie weiß, sie hat alles richtig gemacht, sogar auf ihren Schlüpfer hat sie verzichtet. Sowas trägt man eben nicht, nicht als brave Sub. Und brav, ach ja, ist sie. Rund um die Uhr ist sie das, jeden Tag der Woche. Schon nach dem Aufstehen fällt sie, da sind ihre Fußgelenke noch eng aneinander gefesselt, auf die Knie. Und mit lauter Stimme versichert sie sich, wie nichtswürdig sie ist, dass sie Strafe verdient hat, dass sie bereut, zutiefst. Später dann drischt sie sich ergebenst und gnadenlos die Peitsche auf den Arsch, von rechts und von links. Doch so sehr sie auch ausholt, es tut ihr nicht weh genug, natürlich nicht. Aber was soll sie tun, sie hat niemanden, der ihr wirklich weh tun könnte.
Ach, seufzt sie später, als sie im Mini zur Arbeit wackelt. Den roten Kopf hat sie nicht wegen des "Ach" sondern wegen des Wackelns. Auch nach drei Monaten hat sie sich noch nicht an die vierzehn Zentimeter Absatz unter ihren Hacken gewöhnen können. Ach, denkt sie, was bin ich bloß für eine Sub. Und dann denkt sie, wäre da doch ein Herr, dem ich dienen könnte. Alles würde sie ihm geben, sich, ihr Leben, ihre Demut, ihre Zukunft, sich ihm zu Füßen legen würde sie sich. Alles für ihn tun würde sie.
Aber so sehr sie sich auch umschaut, da ist niemand, der sie zu nehmen weiß, wie sie genommen werden will. Nein, Typen wie dem unten in der U-Bahn hört sie nichtmal zu, nicht über die ersten Worte hinaus. "Geil", hat der gesagt, "du machst mich geil. Komm mit mir und ich fick dich." Ficken, nein, ist nicht ihre Welt, sie will Schmerz, sie will Unterwerfung, sie will das ganze Programm.
Rote Röcke können verrückt machen, geht ihr ja selbst so. Wenn sie sich morgens anzieht, bereit macht für den einen, dann schaut sie mit großen Augen in den Spiegeln. Auch ohne Strümpfe sieht der rote Rock aus wie ein Wunder, über ihre hochhackigen Schuhe mag sie da nicht mal mehr nachdenken. Und doch, so sehr sie auch ihr Erscheinungsbild genießt, ist da diese Stimme, die leise fragt: Warum? Warum finde ich den einen nicht, ihn? Warum geht das so nicht?
Warum so nicht, fragt sie sich immer wieder, was heißt das? Sie kennt doch all diese Geschichten, von Nachbarinnen, die im Treppenhaus dem Dom begegnen, der gerade auf dem Weg zu einer Party ist, die Taschen voller Schlaginstrumente, die Handfesseln griffbereit, eine Entführung ist das was dann folgt, so ein Dom nimmt sie einfach mit und dann nimmt er sie sich vor, später, nach der Party, weil sie nicht brav gewesen ist. Sie kennt doch diese Geschichten, die von dem Nachbarn, der im Treppenhaus der Frau im wadenlangen Lederrock und der weißen Bluse begegnet, ein frecher Blick nur, schon hat sie ihn zu Boden gedrückt, lässt ihn ihre Schuhspitzen küssen und später dann, in ihrer Wohnung, wo die anderen Dommes bei einer Tasse Kaffee sitzen und nur auf so einen wie ihn warten, da muss er noch ganz andere Sachen küssen. Und sie kennt die Geschichten vom unten-ohne Waldspaziergang, der an einem Baumstamm endet, der Förster macht das, er trägt schlammverschmierte Stiefel, die wunderbar nach Leder riechen, und seine Hände können zupacken, oh ja, die können das. Und sie kennt die Geschichte vom oben-ohne Freibadbesuch, der in einer Umkleidekabine endet, angebunden an Kleiderhaken, der Arsch entblößt für die treffsichere Hand des Bademeisters... PATSCH macht es da an Bäumen und in Umkleidekabinen. Und genau das und nicht mehr und nicht weniger will sie, wo ist ihr egal. Für all diese Geschichten bedarf es oft nichtmal eines roten Rocks, denkt sie.
Wo ist er denn, der Elektromeister, der den Durchlauferhitzer überprüft und dann dasteht mit einem weit geöffneten Blaumann, der sagt "Vorsicht, Hochspannung"? Wo ist der Klempner, der mit harter Stimme sagt "Da ist das Loch, ich werde es stopfen" und der dann sein Ding auspackt, ein ganz großes Ding, und es ihr reinstopft, ohne auf ihre Proteste zu hören. Und wo ist der Mann, der für das rechte Bild im Fernsehen sorgen soll - dabei sagt "Scharfes Bild, nicht wahr" - , und der dann für ein ganz, ganz anderes Bild sorgt, ein Bild, dass sie schon seit Jahren sieht. Sich kniend, ergeben, nur für ihn da, die Hände erhoben, den Kopf gesenkt, wartend auf das Wort, den Schlag.
Sie würde ja mit all denen, mit Elektrikern, Klempnern und auch mit Radio- und TV-Mechanikern, weil Träume etwas sind, die jederzeit Wirklichkeit werden können. Sie hat das hochgerechnet aus diesen Geschichten, die sie so liebt. In diesen Geschichten gibt es auch Fotografen, es gibt Modemacher und es gibt die Nachbarn, immer wieder die Nachbarn, die dann so ganz, ganz anders sind als je zuvor. Und natürlich gibt es noch viel, viel mehr Handwerker, so große, grobe Typen mit behaarten Handrücken und Schmutz unter den Fingernägeln, Typen sind das, die eigentlich nur dann etwas sagen, wenn es wirklich wichtig ist. Und die sonst tun, was sie tun, zupacken, anpacken, nichts anbrennen lassen, die Löcher stopfen und bei all dem so ungeheuerlich wunderbar männlich sind.
Ihre Handwerker kennt sie nicht wirklich und ihre Nachbarn nur ein wenig. Der Nachbar auf ihrer Etage, das weiß sie dennoch, ist auch ganz, ganz anders, nämlich schrecklich langweilig. Auf nichts hat der reagiert, bislang, nicht mal, als sie halb nackt und kniend vor ihm durchs Treppenhaus gerutscht ist, mit dem Aufnehmer in der Hand. Und selbst diese Sache mit dem - "ups, also so was!"- falsch einsortiertem Brief hat ihm nicht auf die Sprünge helfen können.
Obwohl doch in diesem Brief alles über ihre Lust am Leiden gestanden hat, aber wirklich auch alles. So ist das doch oft, der Moment des Erkennens ist Zufall und Beginn einer wunderbaren Geschichte. Und diesem Zufall hat sie auf die Sprünge helfen wollen, gerade auch weil der Nachbar so ein Langeweiler ist. Stille Wasser, sie ist ja auch eins, sind tief, sehr tief und manchmal, wenn das Wasser nicht nur still sondern auch langweilig trübe ist, kann man nicht mal erahnen, was sich dort alles auf dem Grund des stillen Gewässers findet. Ihr Nachbar aber ist so still gewesen, der hat nicht mal den Brief geöffnet, ja, nicht mal neugierig ist er gewesen, ach.
Sie denkt sich bei dem langweiligen Nachbarn ihren Teil, was er sich über sie denkt, träumt sie des Nachts. Da öffnet sich sein sonst so schweigsamer Mund zu knappen Befehlen. "Knie nieder", sagt dieser Mund und später sagt er "Senke den Kopf." Und wenn er sie dann zu schlagen beginnt, ihr langweiliger Nachbar, dann sagt er nichts, er zählt nicht mal die Schläge mit, er schlägt einfach nur, wortlos, schweigend. Schmerzhaft.
In den Geschichten gibt es auch Chefs, Männer in Anzügen sind das, gut rasiert, an den Fingern haben die dicke Siegelringe und Eheringe, die wie angeschweißt aussehen. Als Chefs sind diese Männer es gewohnt, das man tut, was sie sagen, Männer mit klaren Stimmen sind das, nur selten laut aber immer bestimmt. Oftmals fängt alles mit einer Bitte an, vielleicht ist es sogar nur ein Lob, weil der Rock so wunderschön aussieht und die langen, schlanken Beine so richtig zur Geltung bringt, genau so einen soll man nun jeden Tag tragen. Aus der Bitte oder dem Lob wird dann schnell eine Forderung, die Farben sollen wechseln, der Saum den Oberschenkel hinaufwandern, und, ja, Strümpfe gehören zu so einem Rock, halterlos oder mit Strapsen, und "Bücken sie sich, ich überprüfe, dass sie auch wirklich keinen Schlüpfer tragen." Und dann, Zack, geht es schnell weiter, zuerst ein Klaps, dann ein Schlag und dann saust die Gerte nur so durch die Luft und in dem Büro riecht es auch nach Schweiß.
Sie trägt keinen Schlüpfer, aber niemand befiehlt ihr sich zu bücken. Ihr Chef ist eine Frau, die kommt in Jeans und Pulli zur Arbeit und hat schon mehr als ein Mal deutliche Worte über ihre aufreizende Kleidung verloren "Denken sie bitte an den Eindruck, denn sie damit auf unsere Kundschaft machen!" Kundschaft gibt es in dem Unternehmen so selten, dieses Argument hat sie schnell zu entkräften gewusst, länger hat sie dran zu kauen gehabt, dass ihre Chefin nichtmal lesbisch ist, die ist brav verheiratet mit einem Mann, hat zwei Kinder. Mit der hat es auf der letzten Karnevalsfete nicht mal zu einem Zungenkuss als Bruderkuss gereicht, da hat sie nur die Wange erwischt, so schnell hat ihre Chefin den Kopf herumgedreht. Nicht dass sie auf Frauen steht, ja nun wirklich nicht, aber wenn da eine Frau wäre, vielleicht ganz in Leder, das Haar streng zurück gekämmt, da würde sie schwach werden, würde sie sich ergeben, den Befehlen lauschen, und ja, alles tun, aber auch wirklich alles. "Und müssen sie solche Schuhe tragen, also wirklich, die sind doch schrecklich ungesund", hat ihre Chefin in den letzten Wochen immer wieder gesagt. Ja, sie muss, hat sie gedacht, sie muss bereit sein, und sie hat gesagt "Ach, das sind meine Lieblingsschuhe..." und dann auf ihren Fuß geschaut. Wenn sie in denen nur halb so gut gehen könnte, wie die an ihrem Fuß aussehen, sie wäre schon ein ganzes Stück weiter.
So ein Dom ist ja ein Mann von Würde, hat sie schon oft gedacht, der schaut genau hin, bevor er sich eine Sklavin nimmt, die muss zu ihm passen. Blamieren möchte sich so einer nicht mit einer Sub, die von nichts eine Ahnung hat, er will sie allen zeigen, sehen sollen sie, was eine wie so für ihn alles tut, was sie kann, lernen und aushalten. Stolz will er sein.
Und dann ist es wie jeden Tag, da ist dann wieder eine dieser Stimmen am Telefon, den Namen hat sie kaum verstanden, eine Stimme wie 100.000 Volt ist das, die geht ihr durch, aber so richtig. Und während sie seine Bestellung entgegen nimmt, gehen ihr all die Worte durch den Kopf, die er sagen könnte und die er nicht sagt. Stimmen wie diesen würde sie überall hin folgen, die sind wie ein Zauber, die nehmen ihr den Willen. Und dann ist das Gespräch vorbei, sein "Ihnen noch einen schönen Tag" klingt ihr da mit einem Mal bittersüß in den Ohren, wie Hohn klingt das. Denn schön kann ihr Tag nur mit ihm werden, er aber wohnt am anderen Ende der Republik und hat gerade einen Kinderwagen bestellt.
Tage wie diese enden wie all die Tage zuvor. Sie liegt auf der Couch, sie trägt einen Lackbody, darüber einen routiniert geschnürten Seil-Harness, weiß natürlich, wegen des Kontrasts, an den Händen trägt sie Fesseln und auch an den Füßen, ihre Lippen umschließen einen Knebeln und die Fernbedienung hat sie vor dem Schließen der Handfesseln hinter die Couch fallen lassen. Unter dem Lackbody trägt sie dann noch einen Dildo, bis zum Ansatz hat sie den in sich reingeschoben, die auf dem Rückweg gekauften Batterien lassen den so richtig in ihr arbeiten. Und im DVD-Player liegt die DVD, die sie sich schon gestern gekauft hat. Da packt gerade ein Mann mit Oberschenkeln wie antike Säulen und einem Brustkorb wie ein Tempel seinen Schwanz aus und dann, dann träumt sie ihren Traum weiter.
Vielleicht, denkt sie Stunden später, wird mein Traum wahr, wenn ich mich traue so einen kurzen, roten Rock zu tragen, diese hohen Schuhe und halterlosen Strümpfe, und vielleicht auch ist mein Nachbar ja doch nicht so langweilig, wie er wirkt. Und dann steht sie auf, fängt an den Brief zu schreiben, den sie schon so oft in ihrem Traum in seinen Briefkasten geworfen hat. Und dieses Mal, denkt sie, dieses Mal werde ich ihn wirklich einwerfen, ganz bestimmt.
(c) T.Lagemann
Der Autor: "Nein, ich wundere mich nicht über all diese BDSM-Texte nach Schema-F, in denen z.B. ein Ponyherr samt voll aufgezäumtem Gespann (mind. 4 großbrüstige, naturdevote Stuten) in die Abfertigungshalle eines Flughafenes einfährt und die Dame vom Bundesgrenzschutz damit so anmacht, dass sie ihm sofort vor die Knie fällt, weil auch sie für ihn wiehern will. Derlei Texte lösen bestimmt so manches bei den Leser/innen aus.
Ich z.B. kann darüber schmunzeln, so sehr, dass ich den "Schema-F" Texten mit "Dieses Mal, vielleicht..." ein kleines Denkmal schreiben musste. Denn es stellt sich ja die Frage, was mit jemandem passieren kann, der naiv genug ist "Schema-F" Texte als Anleitung für gelebtes BDSM zu nehmen. Und da ich nach dem Motto lebe "BDSM ist wenn man trotzdem lacht" geschieht das mit einem deutlichen Augenzwinkern ;-) Ich freue mich sehr, dass dieses Augenzwinkern den 3. Preis gewonnen hat".
Zum Autor: 37 Jahre alt, lebt in Aachen, vor knapp 2,5 Jahren eher zufällig zum Schreiben bdsm-lastiger Texte gekommen, schreibt sonst völlig andere Sachen (zurzeit in der Startphase für einen "Stino"-Roman).
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