Spacer Januar & Februar 2009: Lesungen & Veranstaltungen in Henris Bar, Berlin
Mit vielen neuen und besuchenswerten Terminen wartet "Henris Bar" Berlin zum neuen Jahresstart auf. Unsere Empfehlung am 25.02.2009: die Lesung "Blut zu Blut". Die junge Autorin Silberne Klinge liest ihre Kurzgeschichten, die tief unter die Haut gehen. Einlass ab 20h; Eintritt frei – Spende erbeten. Dies und mehr unter http://www.henris-bar.com/

 

 

 

 

LustSchmerz Story Preis 2002


3. Preis
"Maximilian, 37/186/107, devot"
Autor: DarkGraf

"Voll", grunzte er, ohne den Kopf zu heben und auch sonst keine Regung. Die geröteten Augen verharrten auf der schmierigen Tischplatte, stierten weiterhin auf die trübe Oberfläche der Bierpfütze, die sich dort angesammelt hatte und von dort ins Leere. Lediglich ein dünnes Rinnsal aus Gesöff und Speichel drängte sich aus einem der Mundwinkel, vermochte diesem tatsächlich auch zu entkommen, um sich träge und trotzig eine Bahn über das stopplige, speckige Kinn zu suchen.
Mit sichtlichem Unbehagen füllte der Wirt Bierkrug und Schnapsglas auf. Mit Max spasste keiner. Er war der Grobian, der Unhold, das Monstrum. Selbst den ganz harten Kerlen, und von denen gab es hier viele, war er nicht geheuer.
Tagsüber die Arbeit im Schlachthof, abends dann die "Funzel", die Eckkneipe gleich gegenüber. Eine miese, finstere Spelunke, schmierig und verqualmt. Die war die Welt von Max.

"Voll!" brüllte er erneut und knallte die auf ex geleerten Gläser mit Nachdruck auf das Holz der Theke. Andere hätten längst kapituliert. Jeder hätte das. Max auch. Sein übliches Quantum war weit überschritten. Aber heute galt das nicht. Nichts galt.
Er versuchte zu begreifen. Für die Alarmsirene seines alkoholgequälten Körpers blieb daneben kein Raum, hatte er keinen Kopf. Hilflos brütete er vor sich hin, scheiterte daran, das Geschehene zu verstehen. Er suchte keine wirkliche Erklärung. Seine Welt kam ohne schlaue Worte und oberkluge Theorien aus. Er brauchte keine smarte Psychologin, die mit ihm frühkindliche Abnabelungsprozesse auf einer schicken Designercouch analysierte.
Max sortierte einfach. Es gab gute und schlechte Dinge. Gute waren selten, aber es gab sie und sie waren schön. Schlechte machten ihn wütend und er hatte mühsam gelernt, ihnen, wenn er konnte, aus dem Weg zugehen. Das System funktionierte. Immer. Fast immer jedenfalls. Wenn nicht, machte ihn das kirre. So wie heute. Dann betäubte die Sauferei und verschaffte Zeit. Ganz einfach.

Ein Schweisstropfen löste sich vor innerer Anstrengung vom kahlen Schädel, verschwand in den Wülsten seines Stiernackens. Schwerstarbeit für das vor Nässe längst dunkel verfärbte T-Shirt.
"Voll", schnaufte er erneut.
"Hör mal Max...", versuchte der Wirt einzuwenden.
"Voll!!".
Der Wirt zögerte nicht länger und schenkte nach. Man spasste eben nicht mit Max. Die anderen Gäste hatten sich längst aus seiner Nähe ins Halbdunkel der Ecken verzogen. Ihm nur nicht in die Quere geraten. Heute schon gar nicht. Warum auch immer.
Er war gefürchtet. Und er war ihnen unheimlich.

Dabei war er der Beste, keine Frage, wenn er breitbeinig mit der Kettensäge die Schweinehälften teilte. Lachte, wenn ihm Blut auf den Schädel spritzte. Vielleicht entsprangen einige der Geschichten, die sich um ihn rankten, nur einer finsteren Fabelwelt der Fabeln. Konnte sein. Aber die gebrochene Nase des vorwitzigen Aushilfsstudenten, der unvorsichtige, plötzlich am Fleischerhaken hängende Italiener, die mit einem Wurfhagel aus Schweinsaugen vertriebene Volontärin der Geschäftsleitung?
Hinter vorgehaltenen Händen und nur vorsichtig flüsternd, munkelte man noch weit Schlimmeres.

"Diese verdammte alte Hexe!", brach es urplötzlich aus ihm heraus. Mit einem gemeinen Klirren zersplitterten die beiden Gläser unter dem Druck seiner Pranken.
Die noch Anwesenden schraken auf, duckten die Köpfe und rückten, soweit überhaupt möglich, noch weiter ins Halbdunkel. Ihre Gespräche verstummten in der vagen Ahnung der mächtigen, gewaltigen Elemente, die in seinem Inneren toben mussten und nun versuchten, hervorzudrängen.
"Diese verdammte, verdammte, alte Hexe!"
Ein gewaltiger Aufschrei, dann sackte er schluchzend zusammen. Der Kopf fiel mit einem hässlichen dumpfen Laut auf die Tischplatte. Die Scherben knirschten. Er schien sie nicht einmal zu bemerken, weinte und schluchzte aber wie ein kleines Kind.

Wie so oft, war er wieder der letzte in der Schlachthalle gewesen. Länger als sonst. Erst hatte er ihr Kommen gar nicht bemerkt. Klein, unscheinbar, grau, schien sie einfach zum Inventar zu gehören. Keiner kannte ihren Namen. Nie hatte einer auch nur ein Wort mit ihr gewechselt. Sie gingen, sie kam und putzte. Immer schon.
Nur heute, da hatte ihn sein Dämon geritten. Angestachelt durch ihr unscheinbares Wirken war er ihr in den bereits frisch geputzten Umkleideraum gefolgt. Hatte zuvor unter den Schlachtabfällen einen Stierschwanz hervorge-angelt, mit geballter Faust ergriffen und damit dann drohend vor ihrem Gesicht herumgefuchtelt und wild gebrüllt, "Hier hast du was du brauchst, du alte Schachtel!"
War dann mit den blut- und fettverschmierten Stiefeln über ihren noch feuchten, sauberen Boden gestampft. Wollte sie schockiert, vielleicht panisch, jedenfalls aber ärgerlich erleben. Ihre unerschütterliche Ruhe erschüttern. So hatte er es jedenfalls gedacht.

Sie aber blickte ihn einfach an. Lange. Schweigend. Völlig ruhig. Tief. Ohne eine Miene zu verziehen.
Eine seltsame Lähmung ergriff ihn.
Er verstummte, den Mund geöffnet. Seine Wut, sein ganzes Ich, schienen ihm nicht länger zu gehören.
Die gerade noch so grimmigen Augen weiteten sich in masslosem Erstaunen. Ein fast kindlicher Ausdruck legte sich über sein soeben noch vom Jähzorn verzerrte Gesicht. Die Zeit schien stillzustehen, die Spannung entwichen.

Dann, es mögen Sekunden oder auch Tage gewesen sein, deutete sie knapp mit dem Finger auf seine Stiefel. Dann auf den Boden. Völlig ruhig. Sonst nichts.
Und er verstand. Umständlich streifte er die schweren Stiefel ab und sackte dann, nur noch in Socken, schwerfällig in die Knie.
Sie wies, nur mit einer leichten, kaum wahrnehmbaren Bewegung, ins Eck.
Der feuchte Scheuerlappen.
Und wieder verstand er. Krabbelte darauf zu. Griff ihn mit beiden Händen. Folgte dann auf allen Vieren seinen Spuren am Boden. Beseitigte sie. Kam vor ihr, ihr zu Füssen, zum Halt.
Ihr Blick war unmissverständlich. Gehorsam drückte er den besudelten Lumpen gegen seine Lippen, küsste ihn und überreichte ihn ihr, gleich einem kostbaren Geschenk, um dann wieder bewegungslos am Boden zu verharren.
Sie nickte fast unmerklich. Eine scheinbar unnötige, kleine Regung, denn auch so wusste er, was zu tun war. Aber zugleich war dieses feine Nicken eine gnädig gewährte Huld, die ihn mit warmer Dankbarkeit füllte. Er war angekommen, hatte verstanden und gehorchte, wie selbstverständlich, dieser unbekannten und doch irgendwie vertrauten, inneren Stimme.

Immer noch gebeugt, nestelte und fummelte er umständlich seine Hose herunter. Präsentierte, den Blick fest auf den Boden gerichtet, seinen fetten, weissen Arsch.
Erneutes Nicken. Er spürte es, ohne es sehen zu müssen und es erfüllte ihn mit Stolz.
Er reckte den Arsch in die Höhe.
Klatschend schlug sie zu. Links, rechts. Rechts, links. Immer wieder. Mit nicht vermuteter Kraft. Er stöhnte.
Sie liess den Lumpen fallen. Verschwand dann wortlos, als wäre sie nie da gewesen, das Geschehene nie geschehen. Einzig die Bodenfliesen glänzten feucht.

Er stemmte den Kopf von der Tischplatte hoch, schüttelte ihn kurz und wischte sich mit beiden Handrücken die klebrigen Scherben aus dem Gesicht. Verzog dann das Gesicht, ein Grinsen sollte es wohl geben, und brummte nochmals, diesmal sehr leise, "diese verdammte Hexe". Rappelte sich dann mühsam auf, schwankte, kam unsicher zum Stehen, bevor er, mit einem kurzen Nicken zum Wirt, zur Türe hinaus, in die Dunkelheit stolperte.
"Blumen für die verdammte Hexe", soll er dabei noch gemurmelt haben.
Aber das ist vielleicht nur ein weiteres Gerücht.

© DarkGraf

Über den Autor: Darkgraf, Jahrgang 1962, lebt glücklich verheiratet in Stuttgart und nahm mit drei auffallend presenten und unterschiedlichen Beiträgen am LS Storypreis teil. Der Jurist, der üblicherweise Schriftsätze diktiert und dessen Schreiberfahrung sich nach eigenen Worten "auf das Verfassen linker Flugblätter beschränkte", hat sich durch unsere Ausschreibung erstmalig im literarischen Genre versucht. Ein facettenreiches Autorenpotential mit ausserordentlich starker Sprache, von dem nach diesem Debüt noch einiges zu erwarten sein dürfte!

 

 
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... finden sich selten auf der Strasse oder am Arbeitsplatz. Sie treffen sich meist im Internet durch konkretes Kennenlernen. Step by Step, weil die Liebe einschlägt, oder man einfach so verdammt gut miteinander sprechen und spielen kann. Man kann sich dafür 1000 Nächte mit bunten Fakes um die Ohren schlagen, oder dort suchen, wo sich Menschen nicht scheuen, Ihren Realnamen zu hinterlegen. Optimale Sicherheit und Ehrlichkeit für private Frauen und Männer mit realem Partnerwunsch bietet bisher nur die LS Community. Aber das verwundert ja nicht wirklich, oder? >>
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