|
Sonderpreis Lyrische Geschichte
Perlen
Autorin: Katja Tanzberger
Der Körper ein einziger Nerv. Die Gedanken unfindbar, ausgelöscht.
Die Seele... ja, wo nur?!
Ihr Atem ging tief und regelmäßig. Sie schlief. Schlief so fest, wie man nur nach einer großen Anstrengung schlafen kann. Irgendwann schlug ihr Herz wieder ruhig.
Kein Laut drang in den großen Raum, die Vorhänge ließen nur ein schwaches Ahnen des Lichtes hindurch. Die Zeit lief davon, Stunde um Stunde.
Einige dieser davoneilenden Stunden zuvor hatte er sie verlassen. Lange saß er an ihrer Seite und betrachtete die Schlafende. Bewunderte diesen Körper, der ihm so viel Lust bereitet hatte. Die kleinen festen Brüste, die sich sanft hoben und senkten, den schlanken Hals, die zitternden Lider ihrer Augen.
Der Bauch, eine wohlige sanfte Erhebung, übergehend in den Hügel, der ihr Geheimnis birgt. Die kräftigen, etwas stämmigen Beine mit den vorwitzigen Knien, Frauenfüße. Richtige Frauenfüße. Mit netten runden Zehen, hübschen Nägeln, rot lackiert.
Seufzend hatte er sich erhoben, leise, um sie nicht zu wecken. War es richtig gewesen, das zu tun?! Zweifel überkamen ihn. Jedoch - ein schlechter Zeitpunkt, darüber nachzudenken, zu spät.
Doch sie hatte sich ihm geschenkt...
Wie ein Dieb schlich er hinaus, zog die Tür ins Schloss und verschwand.
Als sie erwachte war viel Zeit vergangen. Stöhnend stand sie auf, erreichte irgendwie das Bad und erschrak als sie sich im Spiegel sah. Verstörte Augen, wirres Haar, ein blaues Mal an ihrem Hals. Mühsam wusch sie sich und legte sich wieder schlafen, völlig erschöpft - aber lächelnd.
Im Laufe des nächsten Tages entdeckte sie noch einige Blutergüsse an verschiedenen Stellen. Aber auch noch etwas anderes: Eine kleine Schachtel auf ihrem Nachttisch.
Roter Samt. In ihr lag weich gebettet eine große schwarze Perle. Sie nahm sie hoch, hielt sie ins Licht. Wunderschön, seidig glänzend.
Mit der Zeit vergaß sie beides fast, ihn und auch sein Geschenk.
Nur manchmal entführten sie ihre Erinnerungen in dieses Dunkel, dann stand sie minutenlang regungslos da, überrascht und beschämt, mit rotem Gesicht.
Doch irgendwann stand er wieder vor der Tür, fragend schaute er sie an. Sie ließ ihn herein, wortlos. Und wieder - Schmerz, Hingabe, ein letztes Aufbäumen ihres Ichs, besiegt von seinen Händen, seinem Willen, seiner Lust.
Und wieder eine Perle, vielleicht noch schöner als die Erste. Wieder roter Samt, wieder Wundmale.
Die Jahre liefen dahin wie Stunden, ein erfülltes Leben, ein schönes Leben.
Unterbrochen von "Perlentagen", die sich nie ankündigten und unverhofft kamen. Der namenlose Mann.
Schmerz, Leid, Erfüllung. Nächte in denen ihre Schreie die Räume erfüllten, in denen sie hilflos lag. Lustvolles Stöhnen mitunter, unerklärlich. Immer gefolgt von todesähnlichem Schlaf, nach dem sie allein erwachte.
Irgendwann sammelte sie all' die kleinen Samtschachteln ein und trug sie zu einem Juwelier. Er staunte über diese einzigartigen kleinen Wunder, fertigte ehrfurchtsvoll eine Kette daraus, wie sie es ihm aufgetragen hatte...
Ein neuerlicher Perlentag.
Eine gealterte, wunderschöne Frau, ein von Perlen umrahmter Hals. Der Busen ist nicht mehr ganz so fest, der Bauch wohlgerundet, der ganze Körper erzählt ein Leben.
Wieder sitzt er neben ihr, betrachtet sie, will gehen, aber...
Sie ist so schön. Er kennt diesen Körper so gut. Er hat sie aus der Ferne begleitet, immer wieder neu entdeckt, sie immer wieder zu seinem Eigentum gemacht.
Die Kette ist nicht lang, gerade reicht sie um ihren Hals. Es sind große Perlen. Und doch...
Während sie schläft und er sie bewacht, weiß er, es ist Zeit.
Sanft fährt seine Hand über sie dahin, registriert jede Erhebung, jede Falte. Er lächelt.
Vielleicht weiß sie es, vielleicht ahnt sie es.
Die Kette ist geschlossen, nun muss es beendet werden.
Als sie dieses Mal erwacht, liegt er neben ihr.
© Katja Tanzberger
Über die Autorin: Katja Tanzberger ist 25 Jahre alt und studierte Grafik und Architektur, bevor sie sich ihrem heutigen Steckenpferd, der Soziologie zuwandte. Neben der Malerei nimmt das Schreiben einen großen und wichtigen Platz in ihrem Leben ein; im Internet sind bereits einige Ihrer Werke bekannt, darunter die „Jedermann-Trilogie“. „Perlen“ entstand in einer persönlich sehr emotionalen Zeit und „schrieb sich in 10 Minuten wie von selbst“.
|