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Sonderpreis Kolumne
Vielleicht werden Sie ja mal meine Schwiegermutter
Autorin: Das Biest
Ich wünsche Ihnen das wirklich nicht, aber in diesem - unwahrscheinlichen - Fall wäre ich froh, Sie hätten einen guten Eindruck von mir. So einigermaßen halt. Gesetzt den Fall, Sie begegneten mir in Ihrer Rolle als potentielle Schwiegermutter, würden Sie aber vermutlich gar nicht in Kenntnis der Dinge gelangen, die Sie hier über mich lesen werden, wenn Sie dies nun weiter tun. Es kann aber auch sein, dass Sie mich jetzt hier lesen, und erst später Gefahr laufen, eine Schwiegertochter wie mich...
Nämlich eine, die Sadomasochistin ist.
Was denn dann?
Eben. Darum bemühe ich mich hier, meine werte Wenigkeit und alle anderen potentiellen, sadomasochistischen Schwiegertöchter zu rehabilitieren. Prophyllaktisch, weil es ja immerhin möglich wäre, dass.
Eine Sadomasochistin also.
Ihnen bleibt fast das Herz stehen. Woran denken Sie? Das Nitrospray können Sie übrigens von mir haben, auch Sadomasochistinnen können recht anständige Berufe ausüben. Während Ihr Kopfkino Ihnen gar schlimme Filme beschert, in denen Ihr Sohn, nackt, am Boden auf allen Vieren herumkriecht, und sich von mir, ich maliziös grinsend, ganz in schwarzem Leder, versteht sich, also er sich den rechtsanwaltlichen Hintern blutig schlagen lässt, hindere ich Sie, werte angehende Schwiegermutter, für`s Erste durch sanftes Auffangen am Kollabieren, und das Nitrospray stärkt inzwischen Ihr Herz.
Sehr vereinfacht gesagt.
Und weiter nehme ich den ersten Stein der Last des Unfassbaren von Ihrem Rücken.
Ich bin nur zeitweise Sadomasochistin. Diese Worte nehmen Sie nun und nur aus der Ferne auf. Diese Worte sind noch nicht geeignet, Sie, liebe angehende Schwiegermutter, die gewohnte Contenance zurückerlangen zu lassen. Aber immerhin, Sie fächeln sich bereits Luft zu.
Und immerhin kriecht Ihr juristisch begabter Sohn nicht 24 Stunden am Tag. Er wird also seiner geregelten Arbeit weiterhin nachgehen können. Klar, dass er erst kriecht, seit er mich kennt, denken Sie weiter.
Da entferne ich den zweiten Stein.
Ich bin Masochistin.
Sadomasochismus ist nur der Überbegriff. Aber das interessiert Sie nicht. Es interessiert Sie auch nicht, was ein Switch ist, und dass ich keiner bin, und dass Ihr Sohn keiner ist. Sie fächeln weiter und nippen bereits zaghaft am Kaffee. Ich lächele Ihnen aufmunternd zu. Also Ihr Sohn kriecht wenigstens nicht, ich sehe die Erleichterung in Ihrem Gesicht. Und selbst wenn, denke ich nun, selbst wenn es so wäre, und ich Zeit hätte, dann würde ich es irgendwann schaffen, Ihnen zu erklären, dass auch das Ihre Welt zwar kurzfristig ins Wanken bringen könnte, aber dass sie nicht einstürzen müsste, deshalb.
Sehr vereinfacht gesagt.
Ebenso wenig übrigens, wie die Achtung vor Ihrem Sohn einstürzen müsste. Ganz im Gegenteil. Aber das interessiert Sie jetzt nicht. Sie sind erst einmal froh. Und sehen mich, nackt, auf allen Vieren, auch Ihren Sohn, nun ihn maliziös grinsend, ganz in schwarzem Leder, versteht sich, die Peitsche schwingend, aber das, das ginge ja. Notfalls. Damit könnten Sie irgendwann leben.
Meinen blutigen Hintern stellen Sie sich auch vor, aber daran bin ich selbst schuld, denken Sie. Klar, dass Ihr Sohn nur schlägt, seit er mich kennt, denken Sie weiter.
Da entferne ich den dritten Stein.
Ich bin Schmerzerotikerin.
Ja, liebe angehende Schwiegermutter, liebe Frau Hofrat, da wird es sozial verträglich, nicht wahr? Sie nehmen die Kaffeetasse und trinken. Und sehen mich an. Ich mustere Sie indes und denke, dass das Nitrospray seine Wirkung tut. Also keine Faschingskostüme, so mitten im Jahr, denken Sie jetzt wohl. Der Sohn ist aus dem Schneider, fast zumindest, überlegen Sie weiter. Er gibt mir halt, was ich brauche, im Bett, und wenigstens unter Auslassung perverser Rituale. Das alles lese ich in Ihrem Blick. Liebe angehende Schwiegermutter. Ich verstehe Sie ja. Sie nehmen ein Stück Torte und legen es auf Ihren Teller. Das wundert mich, Sie sind figurbewusst. Diszipliniert. Sie verfügen über den standesgemäßen Habitus, über die Fähigkeit, small - talk zu betreiben, Sie sind eine Dame, und nun, nun essen Sie halt Torte. Was soll`s denn auch.
Auch ich bin eine Dame. Trotz Schmerzerotik. Können Sie das verstehen? Ich sehe Sie an. Ich weiß nicht, was Sie denken. Ich will gerade den vierten Stein entfernen. Es fliesst kein Blut. Will ich sagen. Da schauen Sie mich an.
"Erzählen Sie mir."
Nun bin ich perplex. Ich nehme Ihr ehrliches Interesse wahr, und meine Liebe, mein Leben, meine Freude sprudeln aus mir hervor. Ich erzähle Ihnen.
Ich denke, so sage ich, während sich meine Worte fast überschlagen, dass das ganze Leben ein Abenteuer ist. Nicht nur schwarz, nicht nur weiß.
Sehr vereinfacht gesagt.
Dass eben jedes Ding zwei Seiten hat. Dass mir zum ungesüßten Kaffee ein Stück Torte schmeckt. Und da bewundere ich Sie, liebe angehende Schwiegermutter für Ihre Disziplin, auch das sage ich.
Und, dass einem die Schönheit vieler Dinge erst in ihrer Abwesenheit bewusst wird. Und dass ich nicht einsehe, wieso das Skript des gesamten Lebens sich nicht auch in der Sexualität niederschlagen sollte.
Dass zärtliche Berührungen erst im Wechsel mit härteren ihren Reiz haben, für mich. Dass sie ihn da erst entfalten.
Dass ich an mir gezweifelt habe.
Dass es eigentlich ganz einfach ist.
Und dass ich jetzt dazu stehe.
Dass ich das liebe.
Dass ich liebe.
Und ich Ihren Sohn liebe.
Nicht trotzdem.
Nicht deshalb.
Einfach, weil es so ist.
Dass wir einander getroffen haben, dass keiner sich getraute, es dem anderen zu sagen; schließlich: Dass wir "auch so" glücklich wären, aber dass wir "so" ganz besonders glücklich sind.
Ihr Sohn, liebe Schwiegermutter, sage ich, ist ein ganz besonderer Mensch. Und ein besonderer Mann.
Ein besonders dominanter Mann.
Ein besonderer dominanter Mann.
Mir ist jetzt schwindlig, Frau Hofrat. Sie legen mir ein Stück Torte auf den Teller. Auch angehende Schwiegermütter können anständig sein, denke ich im Moment. Sie hindern mich freundlich und etwas resolut daran, die Contenance zu verlieren, indem Sie mir ein Taschentuch geben und Kaffee einschenken.
Sehr vereinfacht gesagt.
Ich bemühe mich um meine Fassung, und wiederhole, dass ich Schmerzerotikerin bin, und dass mein Freund, Ihr Sohn, ein dominanter Mann ist. Es fließt kein Blut, betone ich. Was uns gefällt, hat mit sehr feinen Nuancen zu tun.
Ich setze zu einem letzten, alles darlegenden, "alles" auch mir selbst erklärenden Monolog an. Wir leben unsere Sexualität einfach neugierig und offen. Wir können Zärtlichkeiten noch mehr genießen, wenn ihnen der Wechsel von Berührungen, wenn Ihnen Heftigkeit, Ungebändigtheit vorausgehen, das ist natürlich, das ist irgendwo archaisch. Wir lieben uns auf verschiedene Arten, wir lieben uns gewaltig und unspektakulär, laut und leise, heftig und vorsichtig, wir kennen zwei Seiten. Den Farben Schwarz und Weiß vergleichbar sind diese Seiten. Und wenn eine zunimmt, muss es auch die andere tun.
"Sie sind Sadomasochistin?" fragt höflich meine liebe, angehende Schwiegermutter.
"Wie unfair, Frau Hofrat", sage ich grinsend.
Vielleicht werden Sie ja wirklich einmal meine Schwiegermutter.
Ich wünsche Ihnen das wirklich nicht, aber in diesem - unwahrscheinlichen - Fall wäre ich froh, Sie hätten einen guten Eindruck von mir.
So einigermaßen halt.
Wie auch immer, ich habe einen guten Eindruck von Ihnen.
Der Mensch ist nicht, wie man ihn denkt.
(c) dasBiest
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