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"Fremde Welten" - Anfragen an meine Neigung
Ein Beitrag von Lady Natalia
Da bin ich nun langsam in die Welt des BDSM hinein gewachsen. Begriffe wie Bondage, Dominanz, Devotion, Sadismus und Masochismus gehören in meinen regulären Sprachschatz. Ich fühle mich wohl in der virtuellen und auch in der realen Szene. Nach und nach hat sich mein Freundes- und Bekanntenkreis um Menschen erweitert, die diese Neigung teilen. Es ist uns selbstverständlich, daß wir Freude daran empfinden, mit der Macht, mit den Reizen von Angst und Erlösung, von Schmerz und Zärtlichkeit, von Nähe und Distanz zu spielen.
Gut - gelegentlich befremdet uns die ein oder andere Praktik. Wir diskutieren über Formen, darüber wie wir unsere Leidenschaften leben. Wir streiten über Grenzen der Toleranz und Ansprüche an Sicherheit. Wir diskutieren unsere Ansätze, unsere Spielweisen und Philosophien.
Da gibt es Leute, die "nur" spielen wollen, die BDSM einfach als Erweiterung ihrer Sexualität betrachten und andere, die in einer Beziehung mit ständigem Machtgefälle leben. "Es gibt so viele unterschiedliche Formen BDSM zu leben, wie es BDSM-ler gibt" heißt es. Und doch sind wir uns über eines einig: Wir wollen BDSM - wie immer wir es leben - nicht missen.
Wir begreifen, daß ein Mensch Freude daran haben kann, sich zu unterwerfen oder einen anderen zu dominieren. Es ist uns klar, daß BDSM eine zutiefst partnerschaftliche Angelegenheit ist.
So sitze ich also gemütlich in meinen Diskussionen, schreibe einen Beitrag für dieses Forum oder jenes Magazin - und plötzlich bricht da ein Leserbrief in meine geordnete SM-Welt ein.
Da schreibt mir ein junger Mann, eine Freundin habe ihm einen meiner Artikel gezeigt um zu belegen, daß es durchaus kultivierte Menschen gäbe, die diese Neigung hätten und daß diese daher auch normal sei. Ihn beschäftigt das Thema. Er wirkt verärgert, ein stückweit missionarisch als er erklärt, eine Beziehung müsse von Respekt und intellektueller Ebenbürtigkeit geprägt sein und es sei doch selbstverständlich, daß man einen Menschen, den man liebt, nicht schlägt.
"Natürlich!" denke ich im ersten Augenblick und begreife einen Moment lang nicht, wo da der Widerspruch liegen soll. Selbstverständlich ist eine Beziehung ohne Respekt nicht möglich. Und gerade die Beziehungen von SM-lern sind ja zutiefst davon geprägt! Aber wie zum Kuckuck soll ich das einem Außenstehenden, einem Vanilla, erklären?
So kaue ich wochenlang am Bleistift - bzw. an der Tastatur - und komme nicht weiter. Wie erkläre ich, dass wir einander trotz oder gerade wegen unserer Neigung lieben und respektieren? Begriffe wie Meta-Konsens, Selbstbestimmung oder Hingabe kommen mir in den Sinn. Ich möchte von Verantwortungsgefühl, von Symbiose und Einvernehmlichkeit sprechen - und dennoch fehlen mir die Worte. Aber er scheint ehrlich darum bemüht zu sein zu verstehen ... Ich merke, daß ich in einer anderen Welt lebe ... Wo soll ich beginnen, diese Welt zu erklären?
"Wer Frauen schlägt ist in meinen Augen ein .... !" steht da in diesem Brief. Und dem muß ich ja eigentlich zustimmen. Bilder des Cholerikers dem die Hand ausrutscht oder des machtgeilen Despoten, der seine Familie in Angst und Schrecken hält kommen da hoch. Das paßt so gar nicht zu dem Herrn, der mit leuchtenden Augen von der Hingabe seiner "Sklavin" berichtet, der liebevoll eine Session plant, sie zum Weinen und zum Lachen bringt, mit ihrer Angst und Hingabe spielt, der ihr Lust verschafft und in dessen Arm sie glücklich einschlafen kann. Ich bin verwirrt und merke, wie weit entfernt mir diese Realität ist, in der Schlagen und geschlagen werden, Herrschen und beherrscht werden nur eine Bedeutung hat.
Er könne nicht nachvollziehen, schreibt der Kritiker, warum sich ein Mann demütigen lassen wolle und warum eine Frau einen solchen Mann ohne Persönlichkeit haben wolle. Einen Mann, der ihr nicht mal eine starke Schulter bieten könne. Was das überhaupt für Frauen seien, die Freude daran hätten einen Mann zu demütigen. Warum sehnten sich diese Frauen nach Schwächlingen die geschlagen werden wollen und hätten keinen Sinn für einen starken, fürsorglichen Partner?
Ich stehe vor diesen Fragen, wie vor einer Wand. Ich bin nun wahrlich kein Mensch, dem es schwer fällt sich auszudrücken - und doch erschlägt mich dieses Bild. So also sehen uns die "Anderen"?
Fast erscheint es mir absurd. Ich kann diese Vorstellung des Schwächlings ohne Persönlichkeit einfach nicht mit meinen Erfahrungen in Einklang bringen. Und obgleich dieser Fremde selbstbewußte Frauen schätzt, wie er eingangs versichert, geht er davon aus, daß eine "normale" Frau sich nach der starken Schulter sehnt.
Irgendwie ärgert mich das. Woher nimmt er eigentlich das Recht zu behaupten, daß ich das nicht tue, weil ich eben dominant bin. Wie kommt der Mann überhaupt dazu anzunehmen mein Partner sei ein Schwächling nur weil er sich mir unterwirft? Und einen Sub zu einem Wesen ohne Persönlichkeit zu degradieren - so eine Behauptung hätte einen Aufschrei in jeder BDSM-Mailingliste zur Folge. Aber wie erklär ich das jetzt?
Soll ich von der Stärke erzählen, die es braucht, sich hinzugeben? Davon, dass in "unseren Kreisen" wahrscheinlich mehr mit dem Partner gesprochen wird als in "normalen" Beziehungen?
Wie verdeutliche ich die tiefe Freude und Befriedigung die ich empfinde, wenn ich Hingabe in den Augen eines Subs sehe und wie das Gefühl des gemeinsamen Triumphes, daß entsteht, wenn mein Spielpartner im Vertrauen auf meine Führung Grenzen überwindet. Mit mir durch diese Angst geht. Für mich Schmerzen erträgt.
Wie erkläre ich den Reiz von Fordern und Auffangen, von Demütigen und Annehmen einem Besucher aus einer Welt in der z.B. Demütigung eben wirklich nur Demütigung ist - nichts anderes. Kann ein Außenstehender begreifen, daß Demütigung mehr sein kann? Daß genau in dem Moment, in dem der Sub am tiefsten Punkt ist die Befreiung erfolgen kann? Wenn der Sub spürt, daß er schutzlos und bloßgestellt und gedemütigt ist - und dennoch geliebt, beschützt und angenommen wird. In diesem Moment von Fallen und aufgefangen werden liegt der Unterschied zur Demütigung in der realen Welt.
Ich stehe davor und merke - ich werde es nicht erklären können. Ich kann versichern, daß wir nicht verrückt sind, wenn wir uns einschränken lassen oder die Rechte eines Partners beschränken. Argumentieren, daß es Stärke und nicht Flucht bedeutet bewußt auf Freiheiten zu verzichten. Wird das in einer Welt, die von Werten wie Freiheit, Selbstverwirklichung und Individualität geprägt ist verstanden werden?
Und wie soll ich die Freude am Geschlagen-werden verdeutlichen? Mit Endorphinschub und Vergleichen wie Bungee-Jumping?
Noch schlimmer: Wie erkläre ich, warum ich einem Menschen "Leid" zufüge? Was ich dabei empfinde? Und daß Schlagen im BDSM-Kontext etwas völlig anderes ist, als das unreflektierte, impulsive Zuhauen eines Menschen, der sich in einer Krisensituation einfach nicht anders zu helfen weiß.
Warum fühlt sich ein(e) Sub in der dominanten Obhut des dominanten Gegenüber wohl? Wie erkläre ich Hingabe und Geborgen-Sein in der Einschränkung?
Soziologische oder anthropologische Ansätze könnte ich anführen - doch würden sie wirklich das Wesen von D/s oder SM erschließen? Wahrscheinlich sind Neigungen und Gefühle einfach nicht erklärbar. Ich glaube nicht, daß jemand mir begreiflich machen könnte, wieso er sich der entsetzlichen Qual des Angelns aussetzt. Stundenlanges erzwungenes Nichtstun nur damit so ein blöder Fisch anbeißt, den man leichter und schneller aus der Tiefkühltruhe fischen könnte. Das erscheint mir völlig verrückt.
Es ist schon schwer genug mit BDSM-lern zu diskutieren, fremde Formen und Praktiken zu begreifen und die eigenen zu erklären. Vielleicht ist es unmöglich, einem Außenstehenden begreiflich zu machen, was wir empfinden (zumal jeder noch etwas anderes empfindet). Aber vielleicht kann es gelingen, zu erklären, daß es eben andere Gefühle gibt. Und daß wir uns sehr gut überlegen, was wir da eigentlich tun. Ich denke, daß wäre schon ein Erfolg.
(c) Lady Natalia
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