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Auszeiten - eine Betrachtung aus DS Sicht


Ein Redaktionsartikel von Ina

"Persönliche Auszeit" - Andrea hat mal die Frage gestellt, was es für Momente sind, in denen einem nur der Rückzug, vor den eigenen Neigungen wieder Ruhe ins Gefühlsleben bringt und wie man es schafft, sie zu überwinden. Mir selber vor gar nicht allzu langer Zeit passiert und deshalb noch einigermaßen lebhaft in Erinnerung, habe ich mich doch einmal hingesetzt und versucht, meine Gefühle und Gedanken dazu in Worte zu packen.

Doch gar nicht so einfach. Gibt es tatsächlich einen "Rückzug" vor sich selbst, um Ruhe zu finden, oder was ist es, was da in einem so unkontrolliert wütet? Man kann immer wieder von den wundervollen Höhenflügen lesen, die jeder umschreibt, der seine SM-Neigung für sich zulässt und auslebt. Manch einer berichtet über einen "Absturz" in oder nach einer Session, weil ihm einfach Gefühle überkommen, die er in so einem intensiven Ausmaß nicht vermutet hätte - egal, ob positiv oder negativ. Aber kaum einer mag über diese Momente berichten, in denen man tatsächlich meint, allem nicht mehr gewachsen zu sein, in denen einen alle Kräfte verlassen und man nur noch winselnd am Boden liegt... Warum eigentlich?

Warum scheint es ein Tabuthema zu sein? Es gibt Dinge, über die spricht man einfach nicht. Auch innerhalb der SM-Szene, ist es nicht gern gesehen, schwierige Themen anzusprechen. Mir kann jedoch keiner erzählen, dass er nicht schon einmal eine "persönliche Auszeit" erlebt hat. Aber warum redet keiner darüber? Weil wir immer alle stark sein müssen? Die sub muss stark sein für ihren Dom, und der Dom darf sowieso keine Schwäche zeigen...? Weil wir alle immer versuchen, der Gesellschaft zu erklären, dass SM was Tolles, Schönes ist, etwas das Freude macht? Passen deshalb quälende Abstürze und Selbstzweifel nicht in dieses Bild?

Es gibt im Internet eine Homepage, auf der eine sub von "SM als Therapie" spricht. Mal länger darüber nachgedacht, ist dieser Gedanke gar nicht mal so dumm. Natürlich ersetzt SM nicht den Doktor, "...50 Peitschenhiebe und 3 Aspirin und Morgen wird es ihnen wieder besser gehen..."

Doch bringt mich das Ausleben meiner Neigung nicht zwangsläufig dazu, mich mit mir selber sehr intensiv auseinander setzen zu müssen? Woher kommen jedoch diese Abstürze, die mich dazu zwingen, mir eine persönliche Auszeit nehmen zu müssen, weil ich glaube, dass es in meinem Leben einfach nicht mehr weitergeht und noch viel wichtiger - was bringen sie mir?

SM ist für mich weder ein sexueller "Kick", den ich mir gönnen will, noch eine Krankheit, mit der ich einfach leben muss. SM ist für mich die Möglichkeit, mein Leben intensiv zu leben - sowohl körperlich, wie auch geistig. Wenn ich an SM denke, dann denke ich an Leidenschaft. Nicht nach dem Motto: "Leiden schaffen, um zu leiden." Nein, es ist ein Eintauchen in eine Welt voller Gefühle und außergewöhnlichen Erlebnissen, fast schon bis zu Ekstase. Mit dem richtigen Partner alles vergessen zu können, den Kopf für kurze Momente auszuschalten und nur noch fühlen zu dürfen. "Persönliche Auszeit". Sie scheint eine dieser Widersprüche zu sein, die im SM überall zu finden sind. Man entdeckt seine Neigung und will sie ausleben. Und was passiert stattdessen? Man kommt mit den vielen Eindrücken und Empfindungen einfach nicht zurecht. Körper oder Psyche zwingen einen dazu, erst einmal die Finger vom SM zu lassen. Das passiert einem nicht nur zum Anfang, sondern auch, wenn man seine Neigung schon viele Jahre lebt. Solange man mit sich und seinen Bedürfnissen im Einklang lebt, dürften kleine "Durchhänger", wie es sie auch in Vanilla-Beziehungen gibt, keine Probleme bereiten. Doch wer schafft dies schon auf Dauer in einer Gesellschaft, die ständig Leistung von uns fordert? Und so ist der Auslöser für eine "persönliche Auszeit", oft eine körperliche oder seelische Überforderung.

Ich persönlich, kenne weniger die Auszeit aus körperlicher Überlastung. Klar, es gibt die Grippe, das Gipsbein oder sonstige Krankheiten, die mich vorrübergehend von dem Ausleben meiner Neigungen abhalten. Und es gibt die Super-Session oder Bestrafung, die mich einfach zu ein paar Tagen Ruhe zwingt, damit der Körper sich erholen kann. Doch außer, dass ich in dieser Zeit eine Unruhe und Sehnsucht in mir spüre, bald wieder "fit" zu sein, kenne ich richtige "Rückzüge" vom SM aus diesen Gründen nicht. Das wird aber mit Sicherheit bei jedem anders sein. Besser kenne ich die Abstürze durch psychische Überlastung.

Es gibt Leute, die denken, die DSler, also die Personen, die den Bereich Dominanz /Devotion (oder noch anders ausgedrückt: "Beherrschung" und "Unterwerfung") ausleben, haben es im Alltag doch einfach. Ein wenig Unterdrückung, ein wenig Demütigung, den Partner niederknien lassen und schon ist alles in Ordnung. Ein Mensch, der eine devote Veranlagung in sich trägt, ist schließlich immer devot, oder? Oder??? Oder eben nicht!

Auch ein devoter Mensch muss im Alltag seinen "Mann" / ihre "Frau" stehen. Und diese "Alltagsdominanz" kann einem unter Umständen alle Möglichkeiten nehmen, die sexuelle Devotion auszuleben. Denn es ist gar nicht so einfach, den Alltag zu vergessen und im nächsten Augenblick nur noch gefügig zu sein. Wenn ich da keinen Partner habe, der dies erkennt und versteht und mir die nötige Zeit zum "Abschalten" gibt, dann finde ich mich sehr schnell einem so großen Druck ausgesetzt, dass mit "Unterwürfigkeit" nicht mehr viel ist. In solchen Moment fühle ich mich reichlich unwohl und ich frage mich, warum ich mich nicht einfach "fallen lassen" kann.

Es gibt jedoch noch mehr, was schief laufen und mich zu einem Rückzug vom SM zwingen kann. Es gibt doch tatsächlich Zeiten, in denen es "zuviel" SM gibt. Wenn mein Partner zu viel, zu oft, zu lange Gehorsam von mir fordert. Ich brauche diese Phasen, in welchen ich mich erholen kann, in denen ich auch die anderen Facetten meiner Persönlichkeit leben kann. Denn meine Devotion, ist mit Sicherheit nur ein Teil von mir - wenn auch ein großer. Ein Partner, der mich "Dauerunterwerfen" will, nimmt mir ein Teil meiner Möglichkeiten, ihm durch eine sichtbare Veränderung meines Verhaltens ihm gegenüber, meine Ergebenheit zu zeigen. Und auf einmal wird das, was für mich als Hilfe in meinem submissiven Verhalten dienen soll, wirkungslos. Da wird ein "Zu-Füssen-knien" oder ein "Angekettet-sein" zum einem "Na-ja-wenn's-Dir-halt gefällt", oder noch anders ausgedrückt: Es wird so "normal", dass ich anfange zu denken, dass ich gut einige Zeit, ohne diesen ganzen "SM-Kram" leben kann. Die Lust, am Ausleben meiner Neigung, verliert für mich an Bedeutung - und das, obwohl ich mich in meinem Innersten nach nichts mehr sehne, als sie erfüllt ausleben zu können.

Auf den Weg gebracht durch Andreas Frage, habe ich aufgehört über die Schwere meines SM-Lebens zu jammern, mich ruhig in eine Ecke gesetzt und meinen letzten Absturz Revue passieren lassen. Und den davor. Und den davor. Und eines ist mir tatsächlich aufgefallen. Eines haben alle gemeinsam, ob es nun "Abstürze" nach einer Session waren, oder eine dieser Tiefen, die mich sehr an meinem Leben und dem Ausleben meiner Neigungen zweifeln lassen: Immer habe ich kurz vor diesen Momenten, gegen mich selber gelebt. Dadurch habe ich mein Gefühlsleben aus dem Gleichgewicht gebracht und bin abgestürzt. Was ich damit meine? Ich vertrete die Ansicht, dass man sich eine SM-Neigung weder "aneignen" noch "anerziehen" kann. Die Veranlagung dazu trägt man in seinen Genen, von Geburt an. Klar, gibt es Menschen, die SM rein als zusätzliche Variante zur Bereicherung ihres Sexuallebens nutzen. Aber bei diesen Leuten findet man selten, eine wirklich ausgeprägte dominante oder devote Ader. Diese Leute haben auch weniger ihre "Abstürze" durch den SM, als vielmehr durch partnerschaftliche Probleme. Was ich meine ist - und ich möchte hier noch einmal ausdrücklich betonen, dass dies mein Empfinden und meine Erlebnisse sind; jeder kann und wird es für sich anders sehen - dass ich eine devote Veranlagung in mir trage und nur, wenn ich diese über einen längeren Zeitraum in einer Partnerschaft wirklich devot ausleben kann, geht es mir auf Dauer in meinem Leben wirklich gut. Ich brauche einen Partner, der mich diese Veranlagung leben lässt, ohne dass ich mich schwach und hilflos fühle.

Wenn ich aber ständig danach lebe, mich nicht schwach und verletzlich zu geben, eine gewisse natürliche "Untergebenheit" nicht zeigen darf, ich ständig versuche, anderen gegenüber die "starke" sub zu sein - dann läuft für mein Gefühlsleben etwas schief. Ich genieße es unglaublich, wenn ich "einfach" als devote Sklavin, die Wünsche meines Herrn erfüllen darf (und hoffentlich auch kann). Und das tue ich im innersten meines Herzens nur für ihn und nicht für irgendeine Öffentlichkeit (auch wenn es Spaß macht, dies gelegentlich in der Öffentlichkeit zu zeigen).

Mein letzter Absturz war nicht darauf begründet, dass ich im SM etwas Schreckliches erlebt hätte. Mir hat die "Öffentlichkeit" den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich habe eine dermaßen große Resonanz auf meine Homepage und mein Kolumne bei Lustschmerz erfahren dürfen - ich kann sie gar nicht zählen, die vielen Anfragen von subs und Doms (!), die mich darum gebeten haben, ihnen beim Ausleben und Entdecken ihrer Neigungen zu helfen. Natürlich finde auch ich es schmeichelhaft, ein so positives Feedback für meine Gedanken, für mein Empfinden zu erhalten. Aber meine devote Seele hat so nach und nach angefangen, dagegen zu rebellieren, dass ich so beachtet wurde. Ich fühle mich wohler, wenn ich einfach leben darf. Einfach leben - für meinen Herrn und nicht für eine große Fangemeinde. Also habe ich Ende des letzten Jahres meinen öffentlichen Auftritt im Internet beendet. Dies hat mir nur im Bezug auf den Verlust meiner Lustschmerz-Kolumne, wirklich ein paar Tränen gekostet. Kurze Zeit später habe ich gemerkt, wie ich wieder frei atmen konnte, als wäre ein riesiger Druck von mir genommen worden.

In dieser Zeit habe ich einen wundervollen Menschen kennen lernen dürfen, der trotz aller Umstände, immer an mir festgehalten hat. Der es zugelassen hat, dass ich geweint, gewinselt und getrauert habe, als ich in meinem Gedanken und Gefühlen weder vor noch zurück kam. Der mich meine Wunden lecken ließ, die ich mir selber zugefügt habe, ohne mir mit einem Wort dafür einen Vorwurf, oder ein schlechtes Gewissen zu machen. Der mich einfach in Ruhe gelassen hat und trotzdem immer in meiner Nähe und für mich da war. Mit diesem Menschen bin ich nun - in aller Stille und Bescheidenheit - unglaublich glücklich. Er braucht keine Sklavin, die ihre Kraft dafür verwendet, anderen Menschen ihre Stärke zu zeigen, um ihnen zu gefallen. Er will eine Sklavin, welche die Kraft hat, ihre Devotion zu leben. Die die Stärke besitzt, sich hilflos in seine Hände zu begeben. Und sich genau dabei wohl fühlt. Ich denke, kein Mensch kann auf Dauer gegen seine Veranlagung leben. So, wie ich als devoter Mensch auf Dauer nicht stark sein kann, kann wohl ein dominanter Mensch auf Dauer nicht schwach sein.

Kein Mensch, der in eine dominante Rolle gedrängt wurde, wird ohne "Absturz" leben können, wenn er in sich eine devote Veranlagung spürt. Und kein Mensch, wird sich auf Dauer unterdrücken lassen und wohl fühlen, wenn er in seinem Innersten tatsächlich ein gehörige Portion Dominanz trägt. Diese Abstürze, die uns zu einer Auszeit zwingen, sind nichts Schlimmes, auch wenn sie sicherlich immer schmerzhaft sind. Aber wir sollten sie wahrnehmen und zulassen, denn nur sie alleine bieten uns die Möglichkeit, einem Moment in unserem realen Leben zu ruhen, um in uns zu hören und uns bewusst zu machen, was wir wirklich in unserem Herzen tragen.

Ich wäre, ohne diese letzte Auszeit, sicherlich niemals offen gewesen, für den Herrn, dem ich jetzt dienen darf und in Anbetracht der Tatsache, wie gut dieser Herr für mein Leben ist, bin ich sehr froh über diesen Absturz. Wie hat Andrea so schön gesagt? "...Wer mit Psyche spielt, sollte nicht nur ihre Höhen herausfordern, sondern vor allem auch ihren Tiefen gewachsen sein..." Ich möchte dazu nur ergänzen: Wie will ich feststellen, dass ich mich auf dem höchsten Berg befinde, wenn ich das tiefe Tal dazu nicht kenne? Und eine Achterbahn, die nicht steil rauf und runter geht, bringt uns doch auch nicht richtig zum Strahlen, oder?

Es gibt Zeiten in denen SM, so sehr in den Hintergrund rücken kann, dass es kaum ausgelebt wird. Und besonders in den "persönlichen Auszeiten" ist man davon überzeugt, dass man SM nicht leben kann. In dieser Zeit - wenn man dieses Gefühl in sich trägt - sollte man sich dann auch wirklich eine Auszeit gönnen und nicht den Fehler begehen, trotzdem Aktivität in den SM zu legen. Außer einer Menge Frust, weil man das Ausleben nicht richtig genießen kann, erreicht man dadurch nichts. "Auszeit" bedeutet: AUS. Für eine (kurze oder längere) ZEIT. Das ist nichts weiter, als eine Pause, ein Kräfte sammeln, was man dringend benötigt. Jedoch bedeutet es niemals ein Ende.

(c) Ina

 

 
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