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Auszeiten - eine Betrachtung aus SM Sicht


Ein Redaktionsartikel von Andrea Schneider

Es gibt Themen, über die spricht es sich schwer. Wenn das schöne Gefühl BDSM plötzlich seinen Reiz verliert, sich nicht mehr lustvoll über die Bauchdecke schlängelt, sondern knallhart beständig Grenzen aufzeigt ... dann wird man zum Beispiel leise.

Leise, weil sich sämtliche BDSM Gespräche um einen herum nach Geschichten aus einer fremden Welt anhören. Weghören kann man nicht, aber verstehen auch nicht mehr. Man erinnert sich noch an Höhenflüge und tiefe Erlebnisse, aber zum Teufel - man bekommt sie nicht mehr zu fassen.

Als Ina mir vor wenigen Monaten mit Bedauern mitteilte, dass sie aus persönlichen Gründen eine BDSM Auszeit brauche und deshalb Ihre Kolumne nicht mehr weiterführen könne, antwortete ich ihr mit einer Reaktion, die eigentlich Szenetypisch ist: "Kopf hoch, wird schon wieder, wirf nicht gleich alles hin, kennen wir doch alle, so schlimm kann es doch gar nicht sein..." .

Verharmlosung auf der ganzen Linie. Tabuthema umschifft, beruhigendes Handtätscheln statt offener Ohren, schließlich kann es in dieser wunderbaren Sexualität keine ernstzunehmenden Auszeiten geben... warum auch... Spaß ist schön... und Spaß haben wir doch alle.

Haben wir alle immer Spaß?

Oder kennen manche auch die Zeit, in denen die Zeichen auf Stillstand stehen und ein STOP unausweichlich ist? Kein Absturz-Stop. Kein Ampelcode "gelb-rot". Kein "für die nächsten Tage ist es erst einmal genug".

Nein: ganz und gar komplett STOP.

Ich gebe zu: ich kenne diesen Moment. Und ich spreche nicht leichter darüber als Andere. Eigentlich kommen Hinweise dieser Art mit etwas Glück nur unter Menschen vor, die sich nahe stehen. Sie lauten dann: "na ja, momentan ist es etwas ruhiger bei uns..." oder "viel zu tun zur Zeit und dann waren wir auch noch beide ziemlich erkältet..." , manchmal versehen mit einem fast entschuldigenden Lächeln.

Und irgendwie ist es ja auch verständlich. Da hat man eine aufregende Sexualität für sich gefunden, genießt Outlaw und Abenteuererotik, überwindet moralische und persönliche Grenzen... und dann bauen sich diese vermeintlich überwundenen Biester ein paar Meter weiter erneut vor einem auf. Das ist nicht cool, das ist auch nicht intensiv und schon gar nicht befreiend. Nein, das ist verdammt seltsam, wenn etwas sehnsüchtig machendes plötzlich nicht mehr zu greifen, der ersehnte Höhenflug regelmäßig zur Bauchlandung und der freie Geist zur Gefängniszelle wird. Und die Gründe sind ebenso vielfältig wie die Menschen, die sie betreffen: Trennungen können einen von der BDSM Achterbahn aufs Vanilla - Abstellgleis schleudern, ebenso große persönliche Probleme oder auch Lebensveränderungen.

Ina erzählt von einer Situation in der ihre DS geprägte Neigung von zu viel positiver Resonanz auf ihre Persönlichkeit fast erdrückt wurde und ich bin ihr dankbar für ihr offenes Schreiben, da es mir ein DS Verständnis näher bringt, das ich als reine SMerin nicht fühle.

Aber eines erleben wir gemeinsam: dass der Grund für die Auszeit im Kopf sitzt und belastete Gedanken das Empfinden so sehr beschneiden können, dass sich die Lust und der Umgang mit BDSM verändern.

Ich kenne diese belasteten Gedanken durch die Anfangszeit meiner Existenz-gründung, die wohl immer nahe an Existenzangst und einen enormen Kraftaufwand gebunden ist. Wenn alle Konzentration auf ein Ziel gerichtet ist, kann es unmöglich werden, genug Ruhe und Phantasie für Rollenspiele oder auch nur banale SM Lust zu entwickeln. Klingt logisch, hilft aber leider wenig, da Sachlichkeit emotionaler Auseinandersetzung meist unterliegt.

Es sind teuflische Momente, wenn man nichts so sehr bräuchte wie ein Ventil und eben dieses geliebt bekannte Ventil den Dienst versagt. Wenn der Alltagskopf einfach nicht mehr abzuschalten ist und eine Session ebenso sehnsüchtig erwünscht wie abstrus verhasst erscheint. Wenn man statt hingebungsvoll zu knien, lieber endlich schlafen möchte oder einen Zustand erbittet, in dem kein - absolut kein - Gedanke mehr den dröhnenden Kopf belastet. Auch kein geiler Phantasietrip, kein demütiges Szenario, kein lustvolles Spiel. Nichts, bitte endlich einfach nichts.

Nicht einmal eine einfache Schmerzsession zur schnellen Entspannung. Das haben wir doch schon so oft probiert... und ich möchte nicht wieder begreifen und zugeben müssen, dass ich dem Schmerz nicht gewachsen bin, dass einfachste Versuche an einer Empfindlichkeit scheitern, die mich zum verhassten Weichei machen, mir den Spiegel vorhalten, die Bezeichnung Sadomasochistin verhöhnen. Teufelskreis. Rückzug. Selbstvorwürfe. Selbstzerfleischung. Schlafen, nicht Denken, nicht Denken, nicht Denken...

In keiner Zeit meines SM habe ich intensiver und schmerzvoller begriffen, dass Lust Freiheit braucht, Phantasie, grenzenlose Möglichkeiten, Vorstellungskraft. Dass Körper sich nicht manipulieren lassen, wenn der Geist auf Geschäftsreise ist und dass BDSM nicht nur Kraft schenkt, sondern ebenso viel Kraft abverlangt. Dass der Weg auf dem Regenbogen kein Spaziergang ist und nicht zuletzt: dass die Fähigkeit zu tiefem Abtauchen immer wieder Geschenk und niemals selbstverständlich ist.

Auch nicht in liebenden Partnerschaften. Hier sind die Singles fast einmal im Vorteil: während sie ihre Auszeit unerkannt in Abstinenz durchstehen können, landet man als Paar mit der Zeit irgendwo zwischen verständnisvoller Beruhigung und belastender Selbstkritik auf beiden Seiten. Wo ist sie denn hin die Lust? War doch immer da, war doch immer gut, warum denn nun nicht mehr? Kommt wieder - irgendwann...

Und nach vielen Verdrängungsversuchen knallt die Königsfrage "wann denn >irgendwann< ungefähr zu erwarten sei", unter Garantie mitten ins verstörte Glück. Trotz, oder gerade wegen der Liebe. Und weil Verständnis nur wirklich möglich ist, wenn die Gründe auch zu verstehen *sind*...

Seltsamerweise geht es ziemlich exakt an diesem erschreckenden Point of no Return dann langsam wieder aufwärts. Vielleicht ist es das Begreifen, dass etwas Großes in Gefahr ist, vielleicht schafft die Mischung aus Angst und Erinnerung mehr Platz auf der gedanklichen Waagschale. Aber "irgendwann" beginnt spätestens dann, wenn man -trotz besseren Wissens- womöglich kaum mehr damit gerechnet hätte.

Wenn nach einer Auszeit der erste Tropfen Wachs, die erste zaghafte Ohrfeige, der erste Griff in den Nacken langsam wieder auf offenen Geist und bereiten Körper treffen, wenn ein Lächeln aufblitzt und Blicke wieder gierig werden, dann ist das eine Intensität die für gemeinsames Durchhalten belohnt, die spüren lässt, wie Körper und Gedanken wieder in ein harmonisches Spiel finden und die Lust auf Lust wächst.

Es war nie vorbei. Es ist nicht vorbei. Was man mit Glück fühlt, geht nicht verloren, auch wenn es manchmal so erscheint. Vielleicht sollte man in solchen Momenten einen Gedanken an Brecht verschenken: " Keinen verderben zu lassen, auch nicht sich selber. Jeden mit Glück zu erfüllen, auch sich, das ist gut."

© Andrea

 

 
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