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Bondage Special Teil 2 von Robert
Woher kommt überhaupt "Bondage"? Was sind die Vorbilder? Eigentlich hat jeder Bondage-Top seinen ganz eigenen Stil, seine ganz eigenen Grundmuster, die er ähnlich wie die Phrasen und Akkorde eines Jazzmusikers auf immer neue Weise kombiniert. Aber im wesentlichen gibt es zwei historische Quellen bzw. Stile.
Auf der einen Seite den amerikanisch-europäischen Stil, wie man ihn aus den "Bizarre"-Magazinen der 40er und 50er Jahre, den Comics von John Willie, den Produktionen von Harmony Productions und vielen anderen Publikationen kennt. Eher zweck-orientiert (also zur Fixierung), einfache Stellungen, Synthetik-Seile, wenige Knoten, dickere Seile, … kennzeichnen diesen Stil. In der Frühzeit mußte man die Bilder gefesselter Personen mit dem Titel "Don't let this happen to you - learn Jiu-Jitsu" vor der Zensur bewahren - daher die Zweckmässigkeit.
Auf der anderen Seite der japanische Stil - entwickelt aus einer uralten Kriegskunst der Samurai - der sich durch kunstfertige, komplizierte, ästhetische Arrangements auszeichnet. Hier ist es eher das Ziel, Skulpturen aus Körper, Seil (und Gefühl) zu schaffen. Man beschränkt sich auf Hanf und Naturmaterialien. Es fehlen Fetisch-Elemente wie Latex und Stahl zugunsten von Kimonos, Bambus und Reisstroh-Matten. Heute beginnen diese Stile offenbar zu verschwimmen. Es lebe die Kreativität.
Gefahren? Wie gesagt, "Bondage" ist sicher nicht extrem gefährlich. Ein paar Grundregeln und etwas Hausverstand reichen im Allgemeinen aus. Aber die verschiedenen Gefahren sollte man dennoch kennen und wissen, wie man sie in den Griff kriegt? Vorsicht ist besser als Nachsorge, klar? Hier eine Liste von möglichen Problemen bei Bondage-Sessions:
· Gefühllosigkeit, kalte Gliedmaßen: Ist wohl jedem schon passiert, daß eine Hand oder ein Fuß einschläft. Nicht sehr gefährlich, aber ziemlich abturnend. Rechtzeitiges Feedback des Sub und regelmäßiges Kontrollieren der Temperatur (von Hand oder Fuß) durch Top sind wichtig. Abhilfe: Aufknoten und Stellung wechseln.
· Muskelschmerzen: Entstehen durch ungewohnte Stellungen. Auch nicht schlimm. Ist eine Trainingsfrage und eine Frage der Dauer eines Bondage.
· Verbrennungen: Zu schnell über die Haut gezogene Seile können (kleine) Verbrennungen verursachen. Autsch. Eventuell mit Brandsalbe behandeln, oder einfach heilen lassen. Und beim nächsten mal die Seile langsamer durchziehen.
· Schäden an Nerven und Gefäßen: Im Ernst. Es haben sich Leute schon durch unsachgemäßes Bondage dauerhaft Nerven beschädigt. Es geht schnell und man spürt es kaum. Und nicht immer kommt das Gefühl auch wieder zurück. Vor allem das Handgelenk ist dafür empfindlich. Ein (auf Dauer) gefühlloser Daumen ist eine unerfreuliche Sache, die man sich wirklich ersparen kann. Abhilfe: Ordentliche Bondage-Technik.
· Kreislaufprobleme, Ohnmacht: Eine wirklich nicht zu unterschätzende Gefahr. Ein Ohnmächtiger, der (aufrecht) gefesselt bleibt, ist in Lebensgefahr. Das ist keine leere Warnung, solche Kreislauf-Aussetzer passieren wirklich. Fast alle Bondage-Freaks können von solchen Erlebnissen berichten. Oder kennt wer eine Party mit guter Luft? Nur wenige Minuten stehen zur Befreiung zur Verfügung. Da machen sich Panikhaken, Sicherheitsknoten, etc. bezahlt.
Wenn die Befreiung gutgeht ist es harmlos: Beine hochlagern und in einigen Minuten lacht man darüber. Wenn nicht, kann's tödlich enden. Also bitte aufpassen und wissen wie das Bondage wieder aufgeht. (siehe Notbefreiung) Und ein Alleinlassen von Sub ist nicht. Klar. Noch was: Wenn Sub sein Unwohlsein rechtzeitig meldet, kann er Tops Leben um vieles leichter machen. Falscher Ehrgeiz ("g'rad jetzt wo's so schön ist") ist unangebracht.
· Verschlucken, Ersticken, Atemnot: Die erstaunlichsten Gegenstände können in die Atmung geraten: Polster, Decken, in der Luft schwebende Federn, etc. Und extremere Stellungen können schon an sich das Atmen auf Dauer bis zur Unmöglichkeit erschweren. Klarerweise ist ein Sub, der keine Luft kriegt, in Lebensgefahr und sofort zu befreien. (siehe Notbefreiung) .
· Zerrungen, Luxationen: Man kann sich schon das Kreuz verreissen, die Schulter auskegeln oder mehr, wenn man sich unkontrolliert-heftig in ein (dafür ungeeignetes) Bondage fallen läßt. Also: Heftige Stimulation und extreme Stellungen vertragen sich nicht. Dasselbe kann passieren, wenn plötzlich ein Knoten aufgeht oder ein Seil reißt. Daher: Technik beherrschen.
· Krämpfe: Unangenehm und sehr schmerzhaft. Man kann vielleicht auf die Ernährung schauen (Salze, Elektrolyte), genug Trinken, oder so. Und wenn's passiert, schnell befreien. Sonst ist gegen Krämpfe wenig zu machen.
· Emotionale Probleme, Panik: Auch nach der sorgfältigsten Vorbesprechung kann plötzlich irgendwo aus den Tiefen der Psyche ein höchst ungeiler Anfall von Platzangst oder Panik auftauchen und die erotische Stimmung beenden. Sofortige Befreiung ist angesagt. Und danach ist Top gefragt, einen weinenden, schreienden oder panisch-zitternden Sub entsprechend aufzufangen und (psychisch) zu betreuen. Vorwürfe sind jetzt völlig fehl am Platze. Eher hilft Drüber-Reden und Zärtlichkeit. Wer dazu nicht bereit oder in der Lage ist, sollte seine Finger von Bondage lassen. Und: auch für den Top kann so etwas traumatisch sein.
OK, und was für Seile nehme ich?
Geschmäcker sind verschieden. Allgemeine Emfpehlung gibt's nicht. Und immer wieder wird man ein anderes Lieblingsseil wärmstens empfohlen bekommen. Ich selbst bevorzuge die weißen weichen Synthetik-Seile (aus Polypropylen oder ähnlichem, geflochten, ohne Kern) wie es sie in den meisten Baumärkten zu kaufen gibt. Die sind relativ billig, weich, fest (Reißfestigkeit ist an den Regalen angeschrieben, bewegt sich aber im 100e kg- Bereich), waschbar (in der Waschmaschine) und die Knoten gehen relativ leicht wieder auf. Es gibt allerdings große Unterschiede von Bauhaus zu Bauhaus und sogar von Lieferung zu Lieferung.
Die Unterschiede bestehen in der Art der Flechtung und deren Härte. Ein wenig Suchen nach dem angenehmsten Seil lohnt sich daher sehr. Und sich beim nächsten Fest zum Vergleich die Lieblingsseile der anderen zeigen lassen, ist auch eine gute Idee.
Hanfseile haben aufgrund von Härte, Rauheit, Farbe und Geruch ein ganz eigenes Flair. Hanfseile muß man mögen, sie sind aufgrund der schwierigeren Handhabung eher etwas für den Könner. Ausserdem haben Hanfseile einen ziemlich starken Eigengeruch,der nicht jedermanns/fraus Sache ist und fasern sehr (also nicht im Bett probieren). Ob man findet daß sie gut aussehen ist Geschmackssache. Ich mag eine gelegentliche Hanfseil-Session sehr, aber es ist eher nichts für alle Tage.
Bergsteigerseile und Reepschnüre aus dem Klettergeschäft sind durch ihre Kernmantelkonstruktion zu steif und zu hart. Ausserdem recht teuer. Und im Segelladen gibt's so viele verschieden Seil-Arten, daß man da schwer etwas Allgemeines sagen kann. Ist aber auch eher obere Preisklasse, dafür gibt's diese Seile in den buntesten Farben - wenn das jemand mag.
Viele Bondage-Fans haben sehr gerne Baumwollseile. Ich mag Baumwollseile nicht, aber bitte, jedem das seine. Übrigens bieten auch Sexshops (zu völlig überteuerten Preisen) Bondageseile - meist aus Baumwolle - an. Ungeeignet, ja gefährlich sind jedenfalls Draht, Stahlseile, Wäscheleinen, Seidenschals und Damenstrümpfe. Die zwei letzteren, weil sie sich gefährlich zusammenziehen und einschneiden und die Knoten nach Belastung nicht mehr aufgehen.
An Seilstärken verwende ich 12mm, 10mm, 8mm und 6mm. 12 mm und 10mm Seile nehme ich für Suspension-Szenen (also wo Sub nur mehr hängt), weil sie weniger leicht einschneiden. Da darf man sowieso kaum Knoten verwenden, weil die an der falschen Stelle sehr weh tun. Aber Suspension ist eher nichts für Anfänger, weil schwierig und nicht ungefährlich - bitte ein paar Jahre üben vorher.
10mm-Seile eignen sich auch für einfache Aktionen in eher europäischem Stil (also ohne viel Knoten). Die 8mm verwende ich am häufigsten: Sie dienen z.B. für Körperkorsetts mit mehr Knoten und sonst noch alles mögliche. Die 6mm nehme ich zum Häkeln (eine ganz spezielle Technik, wo technisch bedingt sowieso immer zwei Seile parallel laufen). Aber Vorsicht: 6mm ist schon recht dünn! Auf so ein Bondage sollte nicht zu viel Zug kommen und der sollte gut verteilt sein. Längenempfehlungen für Seile sind schwer zu geben, weil ebenfalls Geschmacks-sache. Ich habe Seile von 2m (für einfache Hand- oder Fussfixierungen) bis 25m (für komplizierte Körperschnürungen und zum Häkeln) in Gebrauch.
Vielleicht ein Vorschlag für eine Grundausrüstung: zweimal 5m, einmal 10m, einmal 15m Seil, Stärke 8mm. Aber wie gesagt: Geschmackssache.
Ein paar Praxistipps:
Seile werden durch Waschen in der Waschmaschine (30 Grad) weicher, aber auch kürzer (ca. 10%). Wenn man an den Seilenden passende Markierungen anbringt, die die Länge des Seils anzeigen, tut man sich viel leichter, eine Schätzung für die richtige Seillänge zu kriegen und (wenn's einmal schnell gehen muss) das richtige Seil zu finden.
Als Abschluß und Zusammenfassung, die 10 Bondage-Gebote:
- Beherrsche Deine Technik.
- Nicht zu eng, ein Finger sollte immer drunterpassen.
- Achte auf die Zeit.
- Kenne Deinen Top (und seine Fähigkeiten). Kenne Deinen Sub. Kenne Dich selbst.
- Vorher reden (oder sich sehr gut kennen).
- Codewort oder -signal zum sofortigen Abbruch vereinbaren.
- Kein Druck auf den Puls oder auf der Innenseite der Gelenke.
- Die Vorderseite des Halses ist für Seile tabu.
- Messer oder Schere (und Konzept) für Notbefreiung bei Hand haben!
- Niemals eine gefesselte Person alleine lassen.
Literatur Tipps:
Matthias T. J. Grimme: Das Bondage- Handbuch. Anleitung zum erotischen Fesseln Geb.Ausgabe - 240 Seiten (1999) Charon Verlag., Hamburg; ISBN: 3931406164
Tom Schmitt : Bondage. Ausstieg aus der Selbstkontrolle. Geb. Ausgabe - 236 Seiten (2000) Männerschwarm Verlag, Hamburg.; ISBN: 3928983822
Links:
Links zum Thema gibt's im Web natürlich wie Sand am Meer. Und unzählige Bondage-Bilder fluktuieren durchs Netz. Hier ein paar ausgewählte Links, vor allem solche, wo auch ein paar Anleitungen, Sicherheitshinweise, etc. zu finden sind:
Ok, ok, aber kann mir das nicht wer zeigen?
Klar ist es das Beste (und auch ein lustvolles Erlebnis mit dem Partner), sich ein paar Bondage-Grundlagen mal von kundiger Hand zeigen zu lassen. Zu diesem Zweck werden Bondage-Seminare in den meisten größeren Städten meist von SM-Gruppen, manchmal von Fetisch-Läden angeboten. In Wien veranstalte ich selbst im Rahmen des Seminarprogramms der Libertine Wien Bondage-Seminare. Kontakt: Postfach 63, 1011 Wien, contact@libertine.at, www.libertine.at. Eine Übersicht über Seminare im Deutschsprachigen Raum findet ihr (z.B.) bei den Schlagzeilen unter "Termine".
OK, das war's fürs erste. Bleibt mir nur, Euch viel Spaß beim Knoten oder Verknotet-Werden zu wünschen.
Grüße aus Wien von Robert
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