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Anläßlich der Neuerscheinung von Extrem!2 sprachen wir mit Christoph Brandhurst über SM-Bücher, seine Motivation, über dieses Thema zu schreiben und seine Vorstellung von den Aufgaben eines Schriftstellers.
LS: Christoph, mit Extrem!2 ist nun ein neues Buch von Dir erschienen. Warum machst Du Bücher zum Thema SM? Gibt es nicht schon alles?
Christoph Brandhurst: Eben nicht. Gerade der Erfolg von EXTREM - die erste Auflage von EXTREM! ist nach beinahe einem Jahr komplett ausverkauft - zeigt doch, daß Bedarf für Bücher dieser Art vorhanden ist. Das Besondere an EXTREM! ist der hohe Grad an Authentizität: Menschen erzählen quasi aus dem wahren Leben. Da wird dann nichts tabuisiert oder abgewertet oder als "ekelhaft" disqualifiziert. Für diese Menschen ist ihre Leidenschaft normal und Alltag.
LS: Wie bist Du auf das Thema gekommen?
CB: Natürlich gibt es eigene Interessen; grundsätzlich ist das von Vorteil, wenn man als Schriftsteller Bücher schreibt - wenn man Bücher schreibt, die den eigenen Interessen entsprechen. Und dann war da natürlich die Lücke, die ich sah - ich selbst war auf der Suche nach Literatur zum Thema und fand sie nicht. Also mußte sie geschrieben werden. Ich fand einen Verlag, den ich von meinem Konzept überzeugen konnte.
LS: Wie kommst Du an Deine Interviewpartner? Gibt es da nicht Hemmschwellen? Es sind ja doch sehr intime Details, die Deine Interviewpartner da preisgeben.
CB: Einerseits sind es Menschen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis. Andererseits bin ich ohnehin ein Mensch, der privat die Nähe zu Szenen sucht - Tatttoos, Piercings, Erotik, Prostitution, SM. Wenn die Menschen merken, man ist wie sie, man lebt wie sie, dann findet man schneller Zugang zu ihnen. Denn man selbst strahlt dann eine Authentizität und Glaubwürdigkeit aus, und nicht nur Voyeurismus und den Wunsch nach schneller Kohle. Das schafft Vertrauen.
LS: Wie verhinderst Du, daß Dir Leute frei erfundene Geschichten erzählen?
CB: Nun, diese Gefahr hat man als Autor und Journalist immer. Aber wie gesagt, wenn man sich selbst in Szenen bewegt, trifft man in der Regel auch nur auf Menschen, die in der Szene sind, weil sie damit etwas verbindet. Die Gefahr, dort einem "Fake" aufzusitzen, ist eher gering.
LS: Was haben Deine Interview-Partner davon, bei solchen Büchern mitzuwirken? Sind sie nicht nur billige Sensationslieferanten?
CB: Wie ich schon sagte, ich selbst suche die Nähe zu den Szenen, zum Untergrund... Und ich hätte nichts davon, wenn ich eine Szene oder einen Untergrund ausverkaufe. Aber es ist einer Szene und einem Untergrund auch nicht gedient, wenn Geschichten in den Massenmedien erzählt werden, die nicht stimmen. Ich sehe mich daher ein Stück weit als Aufklärer - was passiert tatsächlich in der SM-Szene? Wie fühlen diese Menschen? Wie leben diese Menschen? Was haben sie für Erfahrungen? Wie gehen sie damit um? Was bedeutet es für ihr Leben? So was hat ja auch eine Ratgeberfunktion. Es gab schon den einen oder anderen, der mich nach der Lektüre von EXTREM! angeschrieben hat und meinte, es würde ihm jetzt leichter fallen, mit seiner Neigung umzugehen, weil er sich und seine Probleme in den Erzählungen wiedererkannt hat. Es war also hilfreich.
LS: Lehnst Du Interviewpartner ab, weil Dir Ihre "Beichten" nicht gefallen? Wie wählst Du die Stories aus? Werden sie stark bearbeitet?
CB: In der Regel lehne ich keine Geschichte ab. Jede ist es im Grunde wert, erzählt zu werden. Und für jede Geschichte gibt es mit Sicherheit noch andere Menschen, die ähnlich empfinden, für die die Geschichte also ein wertvoller Ratgeber sein könnte. Gleichwohl bemühe ich mich, in meinen Büchern die ganze Bandbreite der SM abzudecken. So würde ich also ein Buch nicht nur mit Paaren bestreiten wollen, die über ihre Sessions erzählen.
Es gibt ja schließlich noch so viel anderes, also bemühe ich mich, viele Facetten der Lust abzubilden. Deswegen kann es sein, daß ich eine Geschichte ablehne, weil einfach kein Platz mehr ist. Aber das heißt nicht, daß sie nicht im Folgeband erscheinen kann...
Bearbeitet werden sie in der Regel selten von mir. Ich unterhalte mich mit den Menschen, führe Interviews, lasse sie erzählen und mache daraus eben jene Geschichten, die in den Büchern zu lesen sind. Natürlich ist ein Gespräch nicht immer so stringent und mit rotem Faden versehen. Da setzt dann meine Arbeit an, ich feile ein wenig, bringe alles in Reih und Glied - aber bemühe mich dabei, den O-Ton zu wahren. Denn schließlich sollen sich meine Interviewpartner am Ende noch darin wiedererkennen...
LS: Wurde schon einmal Gesprächspartner wiedererkannt? Wie kannst Du sie als Autor schützen?
CB: Wiedererkannt wurde bisher noch niemand, zumindest von denen, die anonym bleiben wollten. Wer den Wunsch hat, anonym zu bleiben, der bleibt es auch. Dafür stehe ich als Schriftsteller mit meinem guten Namen. Es gibt natürlich auch Menschen, die mit ihren Neigungen ohnehin in der Öffentlichkeit stehen - ich denke beispielsweise an jene Gangbang-Steffie in EXTREM!. Sie steht zu ihrem Job und verzichtete daher auch auf Anonymität. Im Gegenteil, sie wollte sogar mit Foto abgebildet werden.
LS: Was machst Du, wenn das Buchthema nicht "reißerisch" genug ist?
Christoph Brandhurst: Ich mag den Begriff "reißerisch" nicht. Was soll das sein? Wie ich vorhin schon sagte, im Grunde ist jede Geschichte es wert, daß sie erzählt wird. Denn hinter jeder Geschichte steht ein Mensch mit seinen Erfahrungen, seinen Erlebnissen, Neigungen, Wünschen, Hoffnungen ...
Insofern ist die Geschichte eines einfachen Flagellanten ebenso interessant wie die eines Hardcore-Masochisten. Gleichwohl, aber das ergibt sich ja auch dem Buchtitel bzw. dem Buchthema, verzichte ich natürlich auf Menschen, die über "gewöhnlichen" Sex erzählen, sprich Missionarsstellung und so - darum geht es ja in meinem Buch nicht.
Im übrigen habe ich in EXTREM!2 ein Kapitel mit dem Titel "Extrem anders" - und dort erzählt beispielsweise ein Mädchen davon, daß sie bisher nur zwei Freunde hatte, noch nie richtigen Sex, auch keinen Orgasmus, und daß sie sich nichts sehnlicher wünscht als mal richtig rangenommen zu werden. Aber sie kriegt es nicht hin. Sie ist zu schüchtern. Das alles ist nicht unbedingt ein reißerisches Thema, oder? Wohl eher nicht. Das ist, grob gesagt, ein extrem langweiliges Sexleben. Aber eben auch extrem anders.
LS: Hast Du aufgrund Deiner Interviews schon Praktiken ausprobiert? Bist du auf dinge neugierig geworden, die Du sonst nicht kennengelernt hättest?
CB: Nein, nicht unbedingt. Aber ich bin von Hause aus neugierig (liegt wohl in der Natur aller Schriftsteller und Journalisten), daher interessiert mich schon, was andere so treiben...
LS: Wie ist Dein eigener Bezug zu SM? War SM der Grund für Dich, Bücher zu machen oder waren es die Bücher, die Dich auf SM brachten?
CB: Weder noch. Ich denke, es ist bei mir eine Geschichte wie bei vielen anderen Menschen auch - sie ist übrigens in einem der beiden EXTREM-Bände erzählt (tja, jetzt müßt ihr erneut alles lesen ... :-)
Es war so: Über die Jahre hinweg verspürte ich eine gewisse Neigung bzw. eine latente Unzufriedenheit mit der Sexualität, die ich erlebte. Also schaute ich mich nach neuen Dingen um - und so kam ich zur SM. Die hatte zu Anfang gar nichts mit meinen Büchern zu tun, und sie brachte mich auch nicht zu den Büchern.
Irgendwann schrieb ich Bücher über alle möglichen Themen, viele davon Themen, zu denen ich einen eigenen Bezug hatte. Und irgendwann dachte ich, der Zeitpunkt sei wohl gekommen, um eben auch Bücher über Erotik und SM zu schreiben. Und so kam ich zu EXTREM...
LS: Welche Art Bücher schreibst Du sonst noch?
CB: Als Christoph Brandhurst beschäftige ich mich mit den "dunklen Seiten der Erotik". Da ist noch einiges geplant. Christoph Brandhurst ist aber nur ein Pseudonym, daß ich mir aus verlagstechnischen Gründen zulegen mußte. Dahinter verbirgt sich ein mehr oder minder erfolgreicher Schriftsteller aus Berlin, der gerade einen ziemlichen Erfolg mit einer prominenten Biographie hatte, und sich insbesondere viel für Lifestyle und Szene-Themen sowie für moderne Spannungsliteratur interessiert - Thriller, Horror, Fantasy. Im Frühjahr 2005 erscheint sein zweiter Roman, der Auftakt einer vierbändigen Dark Fantasy-Saga.
LS: Wie findest Du Deine Themen? Und wie wird ein Buch daraus?
CB: Indem ich die Augen aufhalte und mich vielfältig interessiere. Und ein Buch wird daraus, wenn ich meine, daß Bedarf für so ein Thema besteht. Dann biete ich es dem Verlag an - und er interessiert sich dafür oder eben nicht.
LS: Was willst Du mit Deinen Büchern erreichen? Oder siehst Du sie als reine Unterhaltungsliteratur?
CB: Na ja, die Welt verändern will ich gewiß nicht mit meinen Büchern. Mit meinen Romanen möchte ich die Leute unterhalten. Wenn sie sich amüsieren, gruseln, spannend ein Wochenende verlesen - dann habe ich mein Ziel erreicht. Was die Sachbücher betrifft: Da möchte ich natürlich informieren, neue Blickwinkel eröffnen, den Menschen helfen.
LS: Wie lange arbeitest Du an einem Buch?
CB: Das hängt vom jeweiligen Thema. Für eben erwähnte Biographie habe ich 14 Monate gebraucht. Für meinen Roman ein halbes Jahr. In der Regel schreibe ich an einem Sachbuch, das von einem Thema handelt, für das ich mich interessiere, zwei bis vier Monate.
LS: Was natürlich jeden interessiert: Wie wird man Schriftsteller? Hast du vorher etwas "anständiges" gelernt?
CB: Ach so, Schriftsteller-Sein ist also was unanständiges?! ;-) Ich bin gelernter Journalist, Redakteur, Chefredakteur. Vor acht Jahren habe ich dann meinen Kindheitstraum in die Tat umsetzen können: Ich habe die Redaktionsstuben gegen den Schreibtisch daheim eingetauscht und wurde Schriftsteller.
Ein glücklicher Umstand, aber eben auch ein Traum, der wahr wurde. Denn schon als kleiner Junge, der gerade mal das ABC gelernt hatte, verschlang ich alles, was ich zu lesen bekam, und wünschte mir, das später auch mal zu machen: Bücher schreiben.
LS: Kann man eigentlich davon leben?
CB: Man kann.
Das Gespräch führte Extensis
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