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SM: Distanz oder Nähe?


Ein Beitrag "pro Distanz" von Marcus

Was ist eigentlich gemeint, wenn wir über Nähe sprechen? Meinen wir damit ein Gefühl der tiefen Verbundenheit zu unserem Partner? Sind wir ihm damit nahe, auch wenn er vielleicht räumlich sehr weit entfernt ist? Meinen wir eine Atmosphäre von Vertrauen und gegenseitigem Verständnis und damit die Gewissheit, sich jederzeit fallen lassen, sich jederzeit ausliefern zu können? Oder meinen wir die rein körperliche Nähe? Meinen wir damit, den anderen zu spüren, zu berühren, zu riechen und zu schmecken? Oder ist damit gemeint, ihm nah zu sein in der Unterwerfung? Ist damit gemeint, Schmerz und Demütigung vielleicht als eine andere Form der Nähe oder als einen Ersatz für Nähe zu empfinden?

Sicherlich hat jeder von uns seine eigene ganz persönliche Definition von Nähe. In Anbetracht der unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten sind Missverständnisse natürlich nicht ausgeschlossen. Im folgenden möchte ich über die rein körperliche Nähe sprechen. Mein Eindruck ist, dass gerade unter Sadomasochisten und besonders unter denjenigen, die devot-masochistisch geprägt sind, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe besonders groß ist. Ich persönlich kann für mich eindeutig ein großes Defizit an mütterlicher Zuwendung und Nähe in meiner Kindheit ausmachen. Mir ist auch bewusst, dass sich dieses Defizit bis heute erhalten hat. Deshalb ist es mir sehr wichtig, in einer Beziehung eben diese Nähe von meiner Partnerin zu bekommen.

In der Vergangenheit habe ich mehrere dominante Frauen kennen gelernt, die bereit waren, mir Nähe zu geben und mich als ihren Sub anzunehmen. Doch leider passierte immer etwas merkwürdiges: Die körperliche Nähe löste in mir einen Fluchtreflex aus. Gleichzeitig verschwand mein Wunsch, mich zu unterwerfen, und damit auch mein sexuelles Interesse an meiner Dom. Zunächst ohne erkennbare Ursache war ich plötzlich noch nicht einmal mehr masochistisch. Jede ihrer Anordnungen löste bei mir Widerwillen aus. In der Folge ergaben sich Diskussionen über nicht vorhandene Devotion und fehlenden Respekt. Was gerade erst begonnen hatte zu wachsen, wurde nun konsequent tot geredet und eine Trennung war die unvermeidbare Folge.

Vor zwei Jahren lernte ich jedoch eine dominante Frau kennen, die bereits in einer festen Partnerschaft lebte. Körperliche Nähe war ihrem Partner vorbehalten, während sie mit mir ihrer SM ausleben wollte. Sie ließ mich deshalb nicht an sich heran und hielt mich auf Distanz. Plötzlich konnte ich loslassen. Der smarte alltagsdominante Typ, der bis dato angenommen hatte, gar nicht weinen zu können, heulte plötzlich hemmungslos und fiel ins bodenlose. Es brach aus mir heraus, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Sie reagierte darauf, wie eine Mutter reagiert, nahm mich in den Arm und fing mich auf. Sie gab mir ihre Nähe, obwohl sie gerade dies niemals vorgehabt hatte, und ich lag dankbar und glücklich in ihren Armen. In der Folge bedeutete dies für sie natürlich einen Konflikt, da ich ja jetzt jene Nähe bekam, die eigentlich ihrem Partner vorbehalten war. Sie ging also wieder auf Distanz und das ganze begann von neuem. Auf diese Weise gelang es ihr jedes mal aufs neue, meinen "kleinen Jungen" hervor zu locken und mir jene Nähe zu geben, nach der ich mich immer gesehnt hatte. Und ich hatte Angst davor, ihre Nähe wieder zu verlieren. Ich habe sie geliebt.

Für mich besteht seitdem ein eindeutiger Zusammenhang zwischen meinem Bedürfnis nach Nähe und meinem Wunsch, mich einer Frau zu unterwerfen. Dies war mir lange Zeit nicht bewusst, weil ich angenommen hatte, dass der Wunsch mich zu unterwerfen sexuell motiviert sei und im Grunde nichts mit meinem Nähebedürfnis zu tun hätte. Doch das war ein Irrtum. Mir wurde damals klar, dass mein Bedürfnis nach Nähe für mich der eigentliche Grund ist, mich einer Frau zu unterwerfen. Natürlich kann ein sexuelles Bedürfnis hinzu kommen. Naturgemäß verschwindet ein solches jedoch nach dem Orgasmus. Wenn es also um ein Machtverhältnis innerhalb einer 24/7-Beziehung geht, kann dauerhafte Macht unabhängig von Sexualität für mich nur begründet sein in meiner Abhängigkeit von der Nähe meiner Dom. Ihre Macht wächst in gleichem Maße, wie meine Unterwerfung. Denn nur meine Unterwerfung gibt mir die Möglichkeit, ihre Nähe annehmen zu können und sie dafür zu lieben. Je stärker sie mich (gerade am Anfang) auf Distanz hält, desto leichter bin ich in der Lage, mich ihr zu unterwerfen. Insofern sind Nähe und Distanz für mich zwei Seiten der selben Medaille.

Im Regelfall hat auch eine dominante Frau hat ein Bedürfnis nach Nähe. Und natürlich hat sie ein Recht darauf, dieses Bedürfnis mit ihrem devoten Partner zu befriedigen. Naturgemäß ist dieses Bedürfnis am größten, wenn es zuvor keine Möglichkeit gab, Nähe zu bekommen. Deshalb ist gerade der Beginn einer Beziehung für mich der kritische Punkt. Wenn eine Frau gleich zu Anfang ihrem Nähebedürfnis nachgibt und mich zu ihrem Kuschel-Subbi machen möchte, ist die Sache für mich zu ende, bevor sie angefangen hat. Innerhalb von Sekunden schwindet bei mir, ohne dass ich dies will oder beeinflussen könnte, jede Bereitschaft, mich zu unterwerfen, und ich gehe meinerseits auf Distanz. Nach meiner Erfahrung kann eine Umarmung zur Begrüßung schon zuviel sein. Paradoxerweise bekomme ich durch mein "Auf-Distanz-Gehen" in diesem Moment auch noch Macht über meine Partnerin, weil sie jetzt ja ein Nähedefizit hat.

Ist diese kritische Phase zu Beginn erst überwunden, kann sich eine Beziehung für beide Seiten hingegen sehr entspannt gestalten. Wenn meine Dom mich erst soweit hat, dass ich ihr absolut vertraue, mich in ihrer Gegenwart fallen lasse und mich ihr hingebe, hat sie auch die Möglichkeit, jederzeit ihr Bedürfnis nach Nähe mit mir zu befriedigen. Wann immer es ihr in den Sinn kommt, kann sie eine Situation herstellen, in der ich ihre Nähe nicht nur zulasse, sondern sie förmlich aufsauge. Einfach indem sie zunächst Distanz herstellt, um meine Unterwerfung zu erzwingen. Natürlich werde ich zuweilen aufbegehren, provozieren und meine Grenzen suchen, um diese Distanz zu überbrücken und die vorenthaltene Nähe dennoch zu bekommen, und sei es in Form von Strafe und Demütigung. Je konsequenter sie mir in solchen Momenten begegnet, desto besser wird sich eine Beziehung entwickeln. Denn letztlich ist meine Unterwerfung die Voraussetzung für mich, um Nähe wirklich annehmen und eine Frau damit überhaupt erst lieben zu können.

(c) Marcus

 

 

 

 
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