
Subversive Submissive
Oder: Über das Leiden einer Herrin von heute...
Früher war alles so einfach: Der Herr machte der Dame des Herzens den Hof, brachte ihr Blumen, Pralinen und Schmuck, führte sie zum Essen, ins Theater oder zum Tanz, geleitete die Angebetete nach Hause und brachte ehrfurchtsvoll auf Knien zuerst ein Ständchen und dann seinen Antrag vor.
Heute ist von Galanterie, Minnesang oder einfach nur verführerischer Brautwerbung weit und breit keine Spur mehr zu finden. Im Gegenteil: Heute kriegt die "Herrin" eine vorgedruckte Liste von sklavischen Vorlieben auf den Tisch geknallt, dazu mit Rotstift markiert, was alles nicht drin ist und dann: Friss, Vögelchen, oder stirb! Da kann ich bloß sagen: Lieber sterben, das hat wenigstens noch den Reiz des Unbekannten und im Falle des Freitodes auch ein Element der Selbstbestimmung.
Nun gut, ich gebe zu, auch die Vorstellung, einen solchen Kandidaten scheinbar zu erhören, bewegungsunfähig zu machen und dann nach allen Regeln der Quälkunst spüren zu lassen, was Sadismus eigentlich ist, hat was. Aber das sollte ich in einem liberalen Magazin wie Lustschmerz.de ja nicht schreiben, sonst kommt dann wieder eine Flut aufgeregter LeserInnen-Mails, die mir erklären wollen, was Verantwortung, Vertrauen und Sadomasochismus miteinander zu tun haben. Doch dazu später.
Warum macht sich eigentlich niemand (genauer: kein Mann) darüber Gedanken, was gutes Benehmen und Sklaventum miteinander zu tun haben? Stattdessen häuft sich in meiner Mailbox das Gejammer darüber, dass es soooo wenige dominante Frauen gäbe im Verhältnis zu den Tausenden submissiven Männern. Gleichzeitig beschweren sich aber immer mehr dominante Frauen über die Frechheiten und Unbotmäßigkeiten vorgeblich unterwürfiger Männer. Und sie tun das zu recht.
So ziemlich jede dominante Frau hat zumindest ein unangenehmes Erlebnis mit einem Wunschzettel-Sklaven zu berichten, und immerhin hat das Thema "Topping from the bottom" schon Eingang in die einschlägigen Diskussionsforen gefunden. Im Verhalten der Männer schlägt sich das aber noch kaum nieder.
"Ich möchte dein Fuss-Sklave sein, deine Toilette, dein Reittier", "du wirst meine Vergehen mit der Peitsche bestrafen und mir Sklavengewürm gehörig die Eier abbinden" - so verkleiden sie sich, die Befehle und Anordnungen der ach so Submissiven. Und sie halten das selbst wohl auch noch für devot, denn schließlich gibt es ihrer Meinung nach für eine "wahrhaft dominante Frau" kein größeres Geschenk als den Sklavenkörper. Harhar! Selten so gelacht. Wenn's doch bloß ein selbstloses Präsent wäre, dann würde ich es gerne annehmen.
In 99,9 % der Fälle trägt die vorgeblich so großzügige Gabe jedoch ein Mascherl mit der Aufschrift: "Dominier mich, Herrin, aber so, wie ICH will!" Da nehme ich mir lieber eine Schaufensterpuppe: Der kann ich, wenn sie mich ärgert, wenigstens ohne schlechtes Gewissen den Kopf abreißen.
Was hätten Damen von einem solchen Sklaven denn zu gewinnen? Richtig: Genau null, niente, nix. So lange sich die Herrin im vom Sklaven vorgegebenen Rahmen bewegt, ist sie, so viel dürfte ja mittlerweile bekannt sein, Erfüllungsgehilfin seiner Fantasien. Herzlichen Dank, aber ich kenne interessantere Karriereziele. Mir haben übrigens schon einige Dominas, die sich (aus welchen Gründen auch immer) mit so einem Kandidaten eingelassen hatten, erzählt, die betreffenden Herren hätten sich nachher in einigen Fällen auch noch darüber beschwert, dass die Herrin "kein Gespür" für sie gehabt hätte und dass so wenig Überraschendes dabei gewesen wäre...
Daher empfehle ich allen dominanten Damen dringend, sich zu allererst an den eigenen Vorlieben zu orientieren und diese auch beim Spielen in den Vordergrund zu stellen. In jahrzehntelanger Erfahrung haben Sklaven genügend Tricks und Kniffe entwickelt, ihre Passionen behandelt zu bekommen und sich ihre Befriedigung zu holen. Jetzt sind wir dran.
Der einzige Grund, aus dem ich noch bereit bin, Kompromisse einzugehen, ist Liebe, manchmal auch Zuneigung. Natürlich kann man auch bei BDSM über die Liebe nicht diskutieren, die ist eben da oder nicht. Da ich allerdings schlicht und einfach nicht alle meine Sklaven in gleichem Ausmaß lieben kann, gibt es eben mehr oder weniger Zugeständnisse. Doch wenigstens meine Zuneigung man kann sich durchaus verdienen. Wenn man mir vertraut.
Denn was steckt denn hinter dem so überstrapazierten Begriff "Vertrauen"? Wem dürfen denn wir Dominanten vertrauen? Wer garantiert uns, dass wir der Unterwürfigkeit des Sklaven, seiner Hingabe und Leidenschaft vertrauen dürfen? Warum verlangt man immer nur von uns, wir müssten vertrauenswürdig sein? Wie vertrauenswürdig sind denn unsere potenziellen Sklaven? Und wen wundert es noch angesichts solcher Maskeraden und schlecht getarnter Befehlstonsubs, dass "die armen Sklaven" keinen dominanten Gegenpart finden?
Mit mir jedenfalls nicht, meine Herren. Wunschzettel kann man bei den bezahlten Kolleginnen abgeben, und was Ihr dort zu löhnen habt, ist kein Honorar, sondern, wenn es sich um eine "echte" Domina handelt, Schmerzensgeld dafür, dass die Herrin ihre eigenen Wünsche zurückstellt. Oder habt ihr bisher was anderes geglaubt?
Genau so, wie ich also vielleicht ab und zu etwas tun werde, was nicht zu den Top Ten meiner Leidenschaften gehört (wenn der Sklave es sich auch wirklich, also durch Ertragen und Genießen meiner Lieblingsquälereien, verdient hat), genau so muss der Sklave sich wohl auch Dinge gefallen lassen, die nicht zum innersten Kreis seines Passionsrepertoires gehören. Was ich womit bewirke, werde ich ohnehin an seinen Reaktionen merken, und genau das ist der Punkt, an dem ich das berühmte absolute Vertrauen verlange. Und wenn jemand dazu nicht bereit ist, dann hat er die Bezeichnung "Sklave" nicht verdient und wird wohl nie mein Spielgefährte werden.
Bis bald! CaroLine
Photos: R.Putzker
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