Spacer München: 21.11.08
Für alle Südlichter gilt am kommenden Wochenende: Le Café Bizarre goes New York! Die nächste Fetish night findet in der Diskothek "New York", Sonnenstr. 25 im Münchner Zentrum statt. Rauchen ist am 21.11. im Partybereich uneingeschränkt möglich, geöffnet ist von 21:30 bis 04:00 Uhr, bitte mit Dresscode. Mehr unter http://www.bdf-party.de/

 

 

 

 

Demonstration
eine Geschichte von nichts_mehr_so

 

1.Kapitel

„Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazi-Pest!“ Das Rufen wurde leiser, während er hastig die Straße entlang ging. Der beißende Geruch von Tränengas lag in der Luft, in der Ferne war ein vielstimmiger Chor von Polizeisirenen zu hören. „Haut ab, haut ab!“ Die Schreie wurden von den Häuserwänden in den engen Straßen hin und her geworfen. Wo sich das Epizentrum des Lärms befand, war kaum auszumachen. Und das beunruhigte ihn. Es war keine wirklich gute Idee gewesen, allein auf die Demonstration zu gehen. Alle seine Freundinnen und Freunde hatten kurzfristig abgesagt, wichtigeres zu tun – keine Lust. Irgendwie war es ja kein Wunder, wo doch mindestens einmal im Monat inzwischen ein Nazi-Aufmarsch in der Stadt stattfand, gegen den es Protest zu organisieren galt. Er war dann trotzdem hingegangen, weil er nichts besseres vorhatte und um sein Gewissen zu beruhigen. Er hatte sich mit den anderen erst einmal in die Kälte gestellt und gewartet, dann war er gemeinsam mit den Leuten losgezogen und hatte es geschafft, eine kleinere Polizeisperre zu überwinden und sich auf die Straße zu stellen, auf der in wenigen Minuten die Glatzen vorbeiziehen wollten. Es hatte nicht lange gedauert – es dauert nie lange, dachte er bitter – bis die Polizei mit Verstärkung angerückt war. Dick gepanzert, mit Helm, Schild und Schlagstöcken. Dahinter fuhren die Wasserwerfer auf. Die Antwort der Demonstranten war nicht völlig unerwartet. Ein Flaschen- und Steinhagel, einige Leute schossen mit Leuchtspurmunition flach über die Köpfe der herannahenden Polizisten. Es wurde geschrien, einige zogen einen Altglascontainer auf die Straße. Er stand da und fühlte sich plötzlich ziemlich fehl am Platz. Allein auf eine Demo, das war eben blöd. Und nicht ungefährlich, wenn es so abging wie jetzt. Der harte Strahl des Wasserwerfers hatte ihn zurück in die Realität geholt – und auf den Boden geworfen. Er wurde einige Meter über den Asphal geschoben, spürte, wie sein Knie weh tat und rappelte sich dann irgendwie hoch. Jetzt hatte er endgültig jede Lust verloren. Er knuffte sich durch die immer noch erstaunlich zahlreiche Masse der Protestierenden weiter nach hinten. Klatschnass. Ihm war kalt. Er entschied sich, einfach zu verschwinden – und deshalb hatte er die nächstbeste Seitenstraße genommen und war gegangen. Er kannte sich in diesem Bezirk nicht aus, aber irgendwann würde schon eine U- oder S-Bahnstation kommen. Er hoffte nur, dass er nicht irgendwelchen herumziehenden Nazis in die Arme lief. Mit seiner schwarzen Hose, dem schwarzen Kapuzenshirt, den Docs an den Füßen und dem schwarzen Halstuch sah er für die bestimmt wie das perfekte Opfer aus.

„Hey, Du, stehenbleiben.“ Genau so einen Ruf hatte er befürchtet. Er drehte sich um, um zu sehen, wer das rief, während er schon anfing zu rennen. Hinter ihm waren zwei Typen, kurzgeschoren, fast kahl. Jeans, Turnschuhe. Einer mit Bomberjacke, der andere trug eine schwarze Jeansjacke. Scheiße, schoss ihm durch den Kopf, echt scheiße. Er drehte sich um und rannte schneller. Hinter sich hörte er, dass die beiden ebenfalls rannten. „Bleib stehen, Du Arsch!“ Er hatte noch Zeit zu bedauern, dass er nicht sportlicher war, dann spürte er bereits, wie ein fremdes Bein sich zwischen seine drängte und er stürzte im vollen Lauf auf den Boden. Eigentlich tat es gar nicht weh, er hatte nur verdammt Angst. Er spürte, wie ihn jemand fest auf den Boden drückte und sich auf seinen Rücken kniete. Er erwartete Schläge und Tritte und versuchte, alle seinen Muskeln anzuspannen. Eine Hand drückte seinen Kopf auf den Boden, seine Gesicht schürfte über den Asphalt. Und dann spürte er die Handschellen, die seine Handgelenke auf den Rücken fesselten. Eine Stimme sagte: „Edwin zwo, wir haben einen von den Dreckskerlen. Ecke Holunderweg. Holt uns ab.“ Polizei. Die beiden waren Polizisten. Das bedeutete vermutlich keine Schläge – obwohl man sich da nicht sicher sein konnte – aber eine Anzeige wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen Polizeibeamte hatte er sicher. Obwohl er gar nichts gemacht hatte, heute. „Ey, was soll das“, stammelte er, und im Moment, wo er es aussprach, merkte er selber, wie dumm das klang. Er spürte einen Tritt in die Seite. „Fresse“, war die knappe Antwort.

Es würde wohl noch ein paar Minuten dauern, dann wäre ein Polizeiwagen da und er auf dem Weg in die Gefangenensammelstelle. Der restliche Abend und wenn es dumm kam auch die Nacht wären wohl gelaufen. Scheiße, dachte er, zum wahrscheinlich zwanzigsten Mal an diesem Tag. „Hey, lasst den Mann in Ruhe.“ Der Ruf riss ihn aus seiner Lethargie. Er hob den Kopf ein wenig und sah ein Stück die Straße nach unten eine Gruppe Leute stehen. Sie waren schwarz gekleidet und vermummt. „Scheiß Nazis“, rief eine andere Stimme. Und im selben Moment hörte er vielleicht zwei Meter neben seinem Kopf eine Flasche zerspringen. Und dann hörte er einen dumpfen Schlag und spürte, wie der Mann, der auf ihm gekniet hatte, nach hinten fiel. „Scheiße“, rief die Stimme, die ihm eben noch knapp „Fresse“ beschieden hatte, die andere Stimme stöhnte nur. Er hörte weitere dumpfe Schläge, aber in einer anderen Tonlage. Steine, dachte er. Steine, die auf die Straße fallen. Er hob den Kopf noch ein Stück und sah nun, wie die Gruppe Vermummter näher kam und dabei einen Stein nach dem anderen in seine Richtung – oder besser in Richtung der beiden Polizisten – abfeuerte. Denn die zogen sich ganz offensichtlich zurück. Zumindest drückte ihn niemand mehr nach unten und die Aufschläge entfernten sich weiter von ihm weg. Plötzlich rannte die Gruppe mit lautem Geschrei los – und hinter sich hörte er ebenfalls Schritte, die sich entfernten.

„Bist Du okay?“ Jemand stand über ihm. „Ja, okay“, antwortete er. „Hey, das sind ja Handschellen“, hörte er eine Stimme. „Das waren Bullen“, sagte ein anderer. „Quatsch.“ „Doch.“ „Los weg.“ Ein Stimmengewirr umfing ihn urplötzlich und er wusste überhaupt nicht, was um ihn herum vorging. „Waren das Bullen?“, fragte ihn nun die erste Stimme und er war froh, dass er das nun wieder einordnen konnte. „Ja, ich glaub schon.“ „Dann müssen wir abhauen, los, nix wie weg.“ Er sah eine Menge Beine, die sich von ihm wegentfernten. „Stopp, wir können ihn doch hier nicht so liegenlassen.“ Eine Frauenstimme. Natürlich, dachte er, eine Frauenstimme. Es waren immer Frauen, die logisch dachten. Denn er fand auch, dass sie ihn so nicht liegenlassen konnten. Durchnässt, völlig verdreckt von der Straße – und mit Handschellen gefesselt. Die Gruppe blieb stehen. „Hmmmm...“ Einen Moment herrschte Schweigen. „Tina, Du wohnst doch hier gleich um die Ecke, bring ihn doch schnell zu dir nach Hause. Später, wenn sich draußen alles beruhigt hat, kann er ja nach Hause.“ Die erste Stimme, der Wortführer, das Alpha-Männchen. Warum musste er jetzt so komische Sachen denken? Außer den Rufen aus weiter Ferne und den Sirenen war nichts zu hören. „Okay, macht dass ihr wegkommt, ich kümmere mich um ihn.“ Die Beine rannten aus seinem Blickfeld. Dafür spürte er eine Hand, die ihn unter den Armen faste und sachte nach oben zog. „Kannst Du aufstehen?“ „Hmmmm“, brummelte er zustimmend. Es war nicht einfach, ohne die Hilfe seiner Arme aufzustehen, aber mit der Hilfe von Tina ging es. „Schnell, wir sollten uns beeilen.“ Sie liefen los. „Hier vorne rechts und dann gleich das dritte Haus links.“ Als die Tür hinter ihnen zuschlug, fühlte er sich zum ersten Mal an diesem Tag gut.

2. Kapitel

Die Wohnung im dritten Stock sah aus wie eine typische WG. Politische Plakate an den Wänden, der Flur vollgestellt mit Regalen und einem Mountain-Bike. Die Türen beklebt, an der Wand lehnte ein Einfahrt-Verboten-Schild. Er stand im Flur und versuchte die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Die Frau neben ihm zog mit einem Ruck ihren Kapuzenpulover aus, warf ihn in die Ecke und schob sich das Tuch aus dem Gesicht. Sie sah hübsch aus, nett, ein Wuschelkopf und leuchtende blaue Augen – und sie grinste. „Danke“, sagte er. „Das hätte dumm ausgehen können.“ „Stimmt“, sagte sie, und er fand jetzt, dass auch ihre Stimme ausgesprochen nett war. Das war ihm draußen gar nicht aufgefallen. Vielleicht sogar ein bisschen sexy. „Aber für dich ist es ja auch ein bisschen dumm ausgegangen. Du bist pitschnass und gefesselt.“ Er schwieg. Irgendwie hatte sie recht, es war zwar besser ausgegangen, als er befürchtet hatte, aber blöd war es trotzdem. „Ich bin übrigens Tina“, sagte sie, „und Du...“ „Pete, tschuldigung“, sagte er. „Kein Grund sich zu entschuldigen.“ Sie zog die Augenbraue hoch. „Äh, nein, äh.“ Er stotterte. „Ich meine tschuldigung, dass ich das nicht schon vorher gesagt habe.“ Sie senkte ihre Braue wieder und musterte ihn ausgiebig. „Du musst auf jeden Fall aus den Klamotten raus und unter die heiße Dusche“, fuhr sie fort. „Hmmm, eine verlockende Idee“, antwortete er. „Aber da meine Hände auf den Rücken gefesselt sind und ich einen Pullover anhabe, wird da nicht gehen.“ Er schaute sie fragend an. Ihr Grinsen wurde breiter, zumindest kam es ihm so vor. „Das wird sich finden. Geh schon mal vor, die zweite Tür links.“ Sie drehte sich um und verschwand in einem der Zimmer.

Er stand im Flur und fühlte sich plötzlich ziemlich fehl am Platz. Ihr Vorschlag war einfach ziemlich absurd, aber er musste zugeben, dass er jämmerlich fror. Jetzt, wo er darüber nachdachte, merkte er, dass er sogar leicht vor Kälte zitterte. Was soll’s, ich hab ja keine große Wahl, dachte er und trottete in die Richtung, die sie ihm gesagt hatte. Die Tür war geschlossen und mit etwas Mühe gelang es ihm, mit dem Ellbogen die Klinke nach unten zu drücken. Das Bad war unordentlich, aber ziemlich groß. Waschbecken, Klo und eine Badewanne füllten es kaum aus. An die Wand über dem Waschbecken hatte jemand ein Anarchie-Zeichen gesprüht, daneben war ein großes Frauen-Zeichen gepinselt. Er spürte mehr als dass er es hörte, wie jemand hinter ihn trat. „Sorry, aber anders geht es nicht“, hörte er Tinas Stimme. Und dann spürte er, wie sie seinen Pullover anfasste und hörte im selben Moment ein lautes Ratschen. „Ich muss Dir die Klamotten mit dem Messer runterschneiden.“ Er war zu überrascht, um etwas zu sagen oder sich zu bewegen. Es dauerte länger als im Film, sie musste das Messer mehrfach neu ansetzen. Am Ende hatte sie seinen Pulli und das T-Shirt in mehrere Einzelteile zerlegt und in die Ecke geworfen. Er drehte sich um und stand nun mit nacktem Oberkörper vor ihr. Ein bisschen verlegen war er schon. „Danke“, sagte er, weil ihm nichts besseres einfiel. Aber irgendwie war es ein blödes Wort. Sie grinste nur wieder und legte das Messer zur Seite. Sie schwieg und schaute ihn an. „Hmmm, jaaaa“, sagte er nur. „Hmmm, ich kann mir Schuhe und Hose nicht alleine ausziehen.“ Sie grinste weiter und schwieg. Irgendwie machte ihn das völlig unsicher. „Hmm, jaaa, könntest Du mir vielleicht helfen?“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Vielleicht schon“, sagte sie. „Hmmm.“ Schweigen. Er spürte, wie sich etwas zwischen seinen Beinen regte. Bitte, nur dass nicht, dachte er. Das ist doch total peinlich. Wir müssen das schnell hinter uns bringen, je schneller desto besser. „Würdest Du mir bitte beim Ausziehen helfen?“ Ein geradezu vollständiger Satz. „Sie zuckte aufreizend gleichgültig mit den Schultern, aber ihr Gesichtsausdruck passte nicht dazu. „Okay.“ Es erinnerte ihn an das Bild von der Schlange und dem Kaninchen – aber ein sehr sympathische Schlange. Sie kniete sich vor ihn und zog ihm erst den rechten, dann den linken Schuh aus. Sie warf sie achtlos in die Ecke. Die Socken folgten nur einen Augenblick später. Dann stand sie auf, schaute ihm in die Augen und öffnete mit der rechten Hand den Knopf seiner Jeans. Mit beiden Händen streifte sie seine Hose nach unten. Sein Schwanz stand sofort auf Halbmast und streckte sich ihr entgegen. „Oha, der Herr trägt keine Unterwäsche“, sagte sie. Und obwohl es ironisch klingen sollte, war da doch so etwas wie Überraschung in ihrer Stimme. „Und offenbar gefällt dir, was hier so los ist.“ Er wurde ein bisschen rot. „Dann hüpf mal lieber in die Badewanne, bevor noch ein Unglück passiert“, lachte sie. Er war froh, irgendwas zu tun – und stieg in die Wanne. „Hinsetzen“, sagte sie, „ich muss dich schließlich abspritzen, oder kannst du die Brause halten? Und bin ich groß genug? Eben.“ Er setzte sich widerstandslos hin, schließlich war er froh, dass er dadurch seine wachsende Erektion ein bisschen zwischen den Beinen verbergen konnte. Er wusste nicht, ob er widersprechen sollte, schließlich behandelte sie ihn wie ein kleines Kind. Aber irgendwie gefiel es ihm, wie er an dem anschwellenden Schwanz zwischen seinen Beinen feststellte.

Gerade als sie sich nach vorne über ihn beugte und daran machte, das Wasser anzudrehen, klingelte es. Sie zuckte zusammen, als befürchtete sie, gleich würde ein Sondereinsatzkommando der Polizei die Wohnung stürmen. Aber diese Unsicherheit dauerte nur einen Moment, dann stand sie wieder auf. „Ich geh’ mal schnell nachschauen, warte hier.“ Sie ging mit schnellen Schritten nach draußen. Warte hier, dachte er. Guter Witz, was soll ich auch sonst tun. Er hörte Stimmen vom Flur. Die eine gehörte Tina, die andere war männlich. Es ging wohl um die Demo, die Polizei – und um ihn. So viel konnte er hören. Tinas Stimme wurde zusehends schneller und lauter. „Nein, es ist okay, es ist okay so.“ hörte er sie sagen. Die männliche Stimme war offenbar mit irgendetwas nicht einverstanden, aber er konnte keine genauen Worte verstehen. Dann hörte er, wie sich die Wohnungstür schloss und kurz darauf stand Tina wieder im Bad. „Alles okay?“ fragte er besorgt. Sie grinste, aber es sah etwas unsicher aus. „Jaja, es war nur Frank. Er hat erzählt wie es draußen aussieht, dass es schon ruhiger wird, und ob ich Hilfe mit dir brauche.“ Sie machte eine Pause. „Aber ich habe gesagt, dass wir das schon alleine schaffen.“ Bevor er antworten konnte, drehte sie das Wasser auf und nach einem kurzen Moment der Kälte, als das eisige Wasser aus dem Rohr über ihn lief, kam die Wärme. Ihm war wirklich eiskalt gewesen. Und jetzt war es sehr, sehr angenehm. Er saß in der Badewanne, eine wirklich süße Frau duschte ihn ab, eigentlich war alles gar nicht so schlimm. Die Handschellen, die ihn zur Hilflosigkeit verdammten, hatten geradezu Vorteile, dachte er. Und irgendwie war das gar kein so unangenehmes Gefühl, gefesselt zu sein, wie er gedacht hatte.

3.Kapitel

„Hey, ich bin Tom.“ Er schreckte aus seiner Dösigkeit auf und schaute nach oben. Vor ihm stand ein vielleicht 25-jähriger Mann mit einem auffalenden Lippenpiercing. Lange Schwarze Haare und ein netter Blick. Und er musste aus dem Osten kommen, denn er hielt ihm die Hand entgegen. Diese Angewohnheit hatte ihn am meisten verwirrt, als er aus dem Westen in die Stadt gezogen war. Und er wusste nicht, wie viele seiner ersten Bekanntschaften ihn wohl aus unhöflichen Kerl in Erinnerung hatte, weil er die dargebotene Hand aus völligem Unverständnis immer nur ignoriert hatte. „Ähhhh“, stammelte Pete. Zum einen konnte er ihm schlecht die Hand geben, zum anderen saß er hier in der Küche, nur mit einem Handtuch um den Bauch geschlungen, das ihm Tina angelegt hatte, nachdem sie ihm aus der Badewanne geholfen und ihn unglaublich zärtlich abgetrocknet hatte. Am liebsten hätte er sie geküsst, aber er hatte sich nicht getraut. Die ganze Zeit schon, seitdem er nun auf sie wartete, bereute er das. „Wart doch mal kurz in der Küche“, hatte sie gesagt, „ich muss mal kurz ein paar Telefonate führen:“

„Ähhh“, sagte er nun wieder. Der Blick des Mannes, der sich als Tom vorgestellt hatte, verfinsterte sich etwas. Er entschied zu handeln. Er stand auf und drehte sich um, mit dem Rücken zu Tom und ergriff mit der rechten auf seinem Rücken gefesselten Hand die Hand von Tom. „Angenehm ich bin...“ setzte er an – doch weiter kam er nicht. Tom stieß ihn von sich. „Oh Mann, scheiße“, schimpfte Tom. „Tina“, rief er dann. Und dann lauter: „Tina“. Keine Antwort. „Ich hab’ dir schon tausendmal gesagt, dass ich mit deinem Scheiß nix zu tun haben will.“ Er kümmerte sich offenbar gar nicht darum, dass ihm niemand antwortete. Pete setzte sich langsam wieder hin und starrte den brüllenden Tom an. „In deinem Zimmer kannst du machen, was du willst, aber die Küche gehört allen. Allen, hast du das gehört.“ Er schwieg. Stille. „Das ist scheiße, totale scheiße“, schrie er nun. Und dann ging er langsam auf Pete zu. „Und du? Willst du mir die Schuhe küssen? Oder soll ich dir den Arsch versohlen?“ Er wollte ihn schlagen, wenn er ihm nicht die Schuhe küsste? Pete wurde heiß und kalt gleichzeitig. Der Typ war irgendwie nicht normal. „Ähhhh...“, sagte Pete. „Los, auf den Boden mit dir“, brüllte Tom ihn an. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Und dann griff Tom in seine Haare und zerrte ihn nach vorne. „Auf den Boden, du Arsch.“ Pete rutschte auf den Boden und lag flach auf den Dielen. Irgendwie ist das heute nicht mein Tag, dachte er. Schon zum zweiten Mal mit Handschellen gefesselt auf dem Boden, das kam nicht oft vor. Nur hatte er diesmal nicht so viel Angst, obwohl er sich nicht sicher war, ob er die nicht doch haben sollte. Der Typ war auf jeden Fall verrückt. Ob Tina auch verrückt war? Wahrscheinlich nicht. Er begann die Szene zu beobachten, als ob er gar nicht dazu gehörte. Tom war jetzt einige Schritte zurück gegangen und stand über ihm. „Das gefällt dir, was?“, schrie er. Dann ging er zum Kühlschrank, öffnete ihn, nahm etwas heraus und ging vor sich hinschimpfend aus der Küche.

Stille. Dann hörte er, wie sich leise eine Tür öffnete. Einen Moment später stand Tina im Türrahmen. Sie schaute auf ihn herab. „Sorry“, sagte sie nur. Dann half sie ihm beim aufstehen. Dabei rutschte das Handtuch auf den Boden, aber sie machte keine Anstalten, es aufzuheben. Und ihm war es jetzt auch egal. Er schaute sie an. „Das war Tom“, sagte sie, „mein Mitbewohner“. „Das weiß ich, aber was wollte er?“ Sie schwieg lange. „Lass mal in mein Zimmer gehen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging sie aus der Küche. Weil er nicht wusste, was er sonst machen sollte, ging er hinterher. Sie ging den Flur entlang und öffnete rechts eine Tür. Sie wartete nicht, bis er sie eingeholt hatte, sondern ging in das Zimmer. Er folgte ihr. Als er das Zimmer betrat, saß sie bereits in einem bequemen Sessel, der in einer Ecke stand.

Ihr Zimmer war ganz anders, als die Wohnung. Nicht chaotisch. Nicht WG-mäßig. Sie war picobello aufgeräumt, viel schwarz, Kerzen. Ein großes Bett in der Ecke mit einer blutroten Tagesdecke darüber und schwarzen Kissen darauf. Sein Blick schweifte durchs Zimmer. Die Wände recht kahl, nur an der Stirnseite ein großes Foto. Er stutzte. Das passte gar nicht zu einer Antifa-Kämpferin, einer linken Power-Frau, wie er sie sich vorstellte. Das Bild zeigte eine Frau, ziemlich nackt, nur mit einer ledernen Corsage bekleidet und sehr hohen Stiefeln. Sie hielt eine Peitsche in der Hand. Und vor ihr kauerte eine Gestalt, eine männliche Gestalt. Er versuchte Details zu erkennen, aber ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Setz dich.“

4.Kapitel

Die einzige Sitzgelegenheit, die er außer ihrem Bett sehen konnte, war ein extrem niedriger Hocker, der gegenüber von dem Sessel stand, auf dem sie saß. Er ging mal davon aus, dass ihre Einladung das Bett nicht einschloss und ging langsam zu dem Hocker. Er würde ziemlich albern darauf aussehen, dachte er, wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, denn das Ding war wirklich höchstens 30 Zentimeter hoch und bestand nur aus einer runden Platte. Egal, dachte er, darauf kommt’s an diesem verrückten Tag auch nicht mehr an. Schließlich stehe ich hier nackt vor einer Frau, die ich ziemlich attraktiv finde, bin aber gefesselt und heute schon zweimal von wildfremden Männern zu Boden geworfen worden. Er könnte die Sammlung verrückter Ereignisse sicher noch verlängern, aber jetzt musste er sich erst mal konzentrieren, in dieser unbequemen Haltung nicht umzukippen. Weil seine Hände immer noch auf seinem Rücken gefesselt waren, musste er sich leicht vorbeugen, um nicht umzufallen. Um sie anzuschauen, musste er seinen Kopf unnatürlich nach vorne strecken und hochheben. Alles andere als bequem, dachte er. Er wartete.

„Okay, ich wollte es dir eigentlich anders beibringen, aber Tom hat das ja gründlich versaut“, begann sie. Er schwieg. Er hatte beschlossen, dass sie jetzt am Zug war. „Was er mit seinem bescheuerten Auftritt wollte, weiß ich auch nicht genau. Wir hatten in der letzten Zeit ein paar mal...“ Sie zögerte. „Meinungsverschiedenheiten.“ Er konnte deutlich sehen, wie sie schluckte. „Egal. Also, ums kurz zu machen, du bist nicht der erste Typ, der hier in Handschellen durch die Wohnung läuft.“ Er merkte, wie sie schneller redete, und er spürte, wie sie sicherer wurde. „Ich steh’ da drauf. Mir gefällt’s.“ Das Ende klang ein bisschen trotzig. Sie schwieg. Erwartete sie jetzt eine Antwort? Wahrscheinlich. „Du magst gefesselte Männer?“, fragte er. Sie hatte zwar genau das gesagt, aber etwas besseres als Frage fiel ihm jetzt nicht ein. „Ja“, sagte sie. So blöd kann die Frage also nicht gewesen sein, dachte er erleichtert. „Aber nicht nur das. Ich mag Männer, die mich bedienen, die nackt vor mir knien. Die mir die Füße küssen, die meinen Arsch liebkosen.“ Es sprudelte geradezu aus ihr heraus. „Ich mag es, sie zu quälen. Ihnen Schmerzen zu bereiten. Mit Klammern, mit Wachs, mit Schlägen, mit...“ Sie stoppte abrupt. „Ja, ich mag gefesselte Männer“, sagte sie dann knapp. „Aber... aber... ist das nicht krank?“, fragte er. Als das Wort seinen Mund verlassen hatte, wollte er sich am liebsten auf die Zunge beißen. Was war das für eine bescheuerte Frage. Hoffentlich flippt sie jetzt nicht aus, dachte er. Sie hob die Augenbraue, er hatte das Gefühl, dass sie sich unheimlich zusammenriss. „Nein. Das ist nicht krank. Das ist vielleicht pervers. Aber es ist geil. Und was ist schon normal?“ Beide schwiegen. Er musterte sie und überlegte, wie es wohl wäre, ihre Füße zu küssen.

Er war nicht wirklich schockiert. Eher überrascht. Er wusste, dass das, worüber sie sprach, SM genannt wurde. Er hatte sich ein paar Sachen im Internet angeschaut. Naja, es waren sogar ziemlich viele Sachen gewesen. Er fand die Bilder und Geschichten, die von Demütigung, Unterwerfung und Schmerz handelten, erregend. Aber er hätte das nie jemandem verraten. Das hatte irgendwie etwas von Porno, eigentlich war es sogar schlimmer. Und Porno war „pfui“, das hatte er in seinen vielen Jahren in der linken Szene gelernt. SM war Gewalt, gegen Frauen – aber auch gegen Männer – und Gewalt passte nicht in eine utopische Welt, die er und seine Freundinnen und Freunde sich erträumten. Das dachte er zumindest. Oder er versuchte es sich einzureden. Aber trotzdem schaute er sich die Sachen immer wieder an, las immer neue Geschichten. Er hatte vor vielen Jahren schon bei seinen Eltern „Die Geschichte der O.“ gefunden und verschlungen. Dabei hatte er sich, bei aller Faszination, die diese Fantasie auf ihn hatte, immer schuldig gefühlt – und sich zugleich vorgestellt wie ein Szenario aussehen würde, indem er, der Mann, der O. wäre. Der Lustsklave, der Diener.

„Schlimm?“, fragte sie leise. Es klang ziemlich traurig und er hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Aber das ging nicht, weil zum einen ja seine Hände immer noch in den Fesseln steckten – und er diese Frau eigentlich seit weniger als zwei Stunden kannte. „Nein“, sagte er deshalb. „Aber wie kannst du als linke Frau gegen Nazis demonstrieren, die eine hierarchische Gesellschaft wollen, und zugleich solche Fantasien haben?“ „Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ich will keine Gewaltdiktatur errichten, ich will mit Menschen, die ich mag, meine sexuellen Fantasien ausleben.“ Sie zögerte kurz. „Es findet in einem klar abgegrenzten Rahmen statt und nur das, was die Beteiligten ausgemacht haben, geht. Wir können jederzeit aufhören.“ „Aber es ist Gewalt“, sagte er unsicher. „Quatsch, Gewalt. Was ist denn daran Gewalt, wenn ich dir mit der Peitsche ein paar Striemen verpasse, wenn du das geil findest? Wenn zwei Boxer sich im Ring schlagen, dann ruft niemand die Polizei. Und wenn der Typ seiner Tussi vor Lust in den Hals beißt, schreit dann irgendwer: Gewalt!? Oder wenn sie ihm mit den Fingernägeln den Rücken aufkratzt, in Ekstase, ist das Gewalt?“ „Nein.“ „Siehst Du.“ „Aber beim Sex geht es doch um Liebe...“, setzte er wieder an. Da war jemand, der offenbar all die Zweifel, die ihn seit Jahren belasteten, zerstreuen konnte. Das musste er ausnutzen. „Ja, genau, es geht um Liebe. Und ich kann nur jemanden fesseln und demütigen, den ich liebe und von dem ich weiß, dass es ihm gefällt. Das ist ja, was Tom nicht versteht. Ich könnte keinen Fremden quälen, der das nicht will. Den würde ich sofort losbinden und tröstend in den Arm nehmen...“ Sie lächelte. „Ich würde dich ja auch losbinden, wenn ich könnte...“ „Vielleicht will ich das gar nicht“, sagte er schnell. Jetzt war es raus. Ihr Lächeln wurde breiter. „Ach...“ „Naja, also ich meine, hmmm, das klingt schon interessant...“ „Aha.“ „Naja, ich meine, ja, okay, ich hab schon mal über so Sachen nachgedacht.“ „Und?“ „Was und?“ „Willst Du’s ausprobieren?“ Er schaute sie einen Moment an. „Ich weiß nicht...“ Das Lächeln verschwand.

Sie schwiegen sich eine Weile an. Die Stille tat ihm geradezu weh. Hatte er alles kaputt gemacht? „Okay, pass auf“, sagte sie plötzlich. „Du überlegst dir jetzt, was du willst. Ich habe eben einen Typen angerufen, der kann die Handschellen aufmachen, aber der kommt erst morgen Vormittag vorbei, vorher geht nicht. Entweder du bleibst hier, probierst aus, deine Fantasien mit mir auszuleben, bis morgen früh...“ Sie machte eine kurze Pause. „Oder ich geb’ dir neue Klamotten, helf’ dir beim Anziehen, wir verbergen deine gefesselten Hände mit einer Jacke und ich bring dich zu dir nach Hause und sag Tschüss. Die Lage draußen hat sich längst beruhigt.“ Sie hatte den Satz noch nicht beendet, da wusste er schon, was er wollte. „Ich...“, setzte er an. „Psssst“, unterbrach sie ihn. „Nicht sofort entscheiden. Ich will, dass du es dir gut überlegst. Du stellst dich jetzt da in die Zimmerecke, die Nase Richtung Wand, und wartest bis ich wiederkomme und dich frage. Dann will ich deine Antwort hören, nicht früher.“ Jetzt war es an ihm zu lächeln. „Okay.“ Er stand mühsam auf und stellte sich, wie sie es gesagt hatte, in die Ecke. „So?“ „Perfekt. Ich geh’ jetzt mal rüber, ich muss das mit Tom noch klären.“

Die Sekunden dehnten sich wie Kaugummi. Die Minuten zogen sie wie lange Gummiseile. Er wusste doch, was er wollte. Er wollte diese Frau. Und er wollte die Chance nutzen, es einmal auszuprobieren. Vom Flur her hörte er aufgeregte Gesprächsfetzen. Jetzt war es offenbar an Tina zu brüllen. Außerdem war die Alternative, die Tina ihm gelassen hatte, gar keine. Er konnte nicht einfach nach Hause gehen. Wie sollte er da jemals seine Handschellen loswerden? Er wohnte alleine und er kannte niemanden, der sich mit so was auskannte. Wenn sie ihm angeboten hätte, die Handschellen gleich aufzumachen, vielleicht hätte er sich dann so entschieden. Aus Feigheit. Aus Rationalität – weil es eben zu riskant war, sich auf neue Sachen einzulassen. Aber so blieb ihm eigentlich keine Wahl, dachte er. Zumindest kann ich mir das einreden. Sie hat mich ja schon gefangen, wie soll ich mich wehren? Er hörte Schritte, die Haustür knalle, dann trat Tina wieder in den Raum. Er konnte sie aus den Augenwinkeln sehen. Offenbar hatte Tom im Streit die Wohnung verlassen. „Du sollst überlegen und die Ecke anschauen“, sagte Tina, und es war eine ungewohnte Schärfe in ihrem Ton. Er drehte den Kopf zur Seite und schaute die Wand an. Ich spiele ja schon mit, dachte er. „Ich habe...“, fing er an. „Psssst, ich habe dich noch nicht gefragt“, fuhr sie dazwischen. Er hörte, wie sie in ihrem Zimmer herumhantierte, aber er hatte keine Ahnung, was sie machte.

Er spürte, wie sie hinter ihn getreten war. „Nun, wie ist deine Entscheidung“, hörte er ihre Stimme. Er hatte sich in den letzten Minuten etwas überlegt, wie er seine Worte noch unterstreichen konnte. Er wusste nicht, ob es vielleicht etwas übertrieben war, aber ihm kam es passend vor. Er würde sich umdrehen, vor ihr auf die Knie gehen und ihr die Füße küssen. Jawohl, das würde er tun. „Ich will“, sagte er deshalb jetzt nur, drehte sich um und sank auf die Knie. Fast wäre er umgefallen, denn mitten in der Bewegung hielt er inne. Viel zu abrupft, da er mit seinem gefesselten Händen nicht balancieren konnte, aber irgendwie gelang es ihm, diese Peinlichkeit doch noch zu verhindern. Mit einem lauten „Plopp“ fiel er auf die Knie, das tat richtig weh. Vor ihm stand nicht die Tina, die er erwartet hatte. Sie hatte ihr T-Shirt und ihre schwarze Jeans getauscht gegen schwarze Netzstrümpfe und eine Ledercorsage. Dazu trug sie hohe Stiefel. Es war die Frau auf dem Foto. Natürlich, dachte er, warum hab ich das nicht gleich erkannt. Er starrte sie immer noch an. „Männer sind immer sooo leicht zu beeindrucken“, sagte sie gehässig. „Aber ab jetzt heißt das ‚Ich will, Ma’am’, ist das klar?“ Er starrte weiter. Seine Augen bewegten sich so rasch hin und her, dass sie den Eindruck hatte, er würde ihren Körper geradezu einscannen. „Ist das klar?“, wiederholte sie. Die Frage brachte ihn endlich in die Realität zurück. „Ja, Ma’am.“ Und dann entsann er sich auch, was er eigentlich vorhatte. Er beugte sich nach vorne und küsste ihre Stiefelspitzen. „Ja, Ma’am“, murmelte er.

5.Kapitel

Er wusste nicht, zum wievielten Mal er in dieser Nacht die Augen öffnete und sie ansah. Sie schlief tief und fest, ihr Atem ging gleichmäßig. Draußen wurde es langsam Tag, das erste schwache Licht der Sonne fiel durch das große Fenster in das Zimmer, das er gestern Abend zum ersten Mal betreten hatte und das ihm eine neue Welt eröffnet hatte. Eine Welt, die er schon lange in sich trug, aber immer versucht hatte, zu verbergen. Sie hatte ihm gestern nach dem ersten Kuss ihrer Stiefel erlaubt, mit seinem Mund und seiner Zunge ihren ganzen Körper zu erkunden. Sie hatte ihm, wie noch keine Frau zuvor, in klaren Worten gesagt, was ihr gefiel und was nicht. Manches hatte sie mit einer Kopfnuss unterstrichen, manches mit einem liebevollen Tätscheln. Und dann hatte sie seinen Körper erkundet. Sie hatte ihn mehrfach bis kurz vor den Orgasmus gewichst, ihn sogar mit dem Mund gereizt – aber nie zum Abschluss kommen lassen. Dann hatte sie ihn im Bad rasiert, den gesamten Oberkörper und alle Schamhaare. Sie hatten zusammen Abend gegessen und sich dabei von Leben erzählt. Während sie am Tisch aß, saß er zu ihren Füßen und bettelte hin und wieder um einen Bissen. Er war am Ende nicht satt, aber geil wie schon lange nicht mehr. Und dann hatte sie ihm einen Vorgeschmack gegeben auf das, „was möglich ist“, wie sie gesagt hatte. Sie hatte ihn erleben lassen, wie es ist, wenn sich eine Klammer in die Brustwarze beißt. Sie hatte ihn spüren lassen, wie sich ein einziger Tropfen heißer Wachs auf der Haut anfühlt. Und wie der zweite. Der dritte. Der zehnte. Sie hatte ihm den Unterschied zwischen einer Lederklatsche und einem Rohrstock beigebracht. Und wie man sich auch für Schmerz ordentlich bedankt. Sie hatte ihm einen vorsichtigen Eindruck vermittelt, wie sich ein Dildo in seinem Arsch anfühlt. Und schließlich, es war bereits weit nach Mitternacht, hatten sie sich in ihrem Bett geliebt. Und es war unbeschreiblich schön gewesen. Eine Explosion, ein Feuerwerk, dachte er. Aber eigentlich gibt es dafür keine Worte. Er war oft aufgewacht in der Nacht. Vielleicht, weil es unbequem war, mit den gefesselten Händen. Vielleicht aber auch, weil er immer noch so aufgekratzt war. Er schaute auf ihren nackten Körper, der halb unter der verrutschten Decke hervorlugte und schmiegte sich dichter an sie. Sie schnurrte im Schlaf. Er legte seinen Kopf auf ihre Brüste und schlief ein.

Er spürte, wie ihn jemand schüttelte. „Aufwachen“, sagte eine fremde Stimme. „Aufwachen, Faulpelz.“ Sein Kopf schoss nach oben und er öffnete die Augen. Nein, es war kein Traum. Er lag in ihrem Bett und sie schaute ihn gutgelaunt an. Sie hatte sich mit dem Ellbogen aufgestützt und wuschelte ihm jetzt mit der anderen Hand durchs Haar. „Vielleicht hätte ich meinen neuen Sklaven zur Eingewöhnung doch lieber auf dem Fußboden schlafen lassen sollen“, neckte sie ihn. „Vielleicht, Ma’am“, stieg er auf das Spiel ein. Sie zog wieder die Augenbraue hoch, wie immer, wenn sie offenbar etwas genau überlegte. Sie grinste. „Aber jetzt könntest du erst mal in die Küche gehen und Frühstück machen.“ Er rollte sich über sie, als ob er aus dem Bett wollte, blieb dann aber genau auf ihr liegen. Er küsste sie auf den Mund und fragte: „Und was ist mit Tom? Nicht dass der Irre wieder über mich herfällt.“ Sie schaute ihn ernst an. „Tom ist nicht irre. Und außerdem ist er noch nicht zurück. Er ist bestimmt bei seiner Freundin und schmollt, der kommt erst später wieder.“ Er rollte sich weiter und setzte sich geschickt auf die Bettkante. „Hmm, aber ich kann gar kein Frühstück machen, ich habe Handschellen an“, sagte er plötzlich. „Ach so, stimmt.“ Er sah, wie sie unter das Kopfkissen griff und einen glänzenden Gegenstand herausnahm. Er hörte wie sie hinter ihm hantierte – und dann schnappten die Handschellen auf. „Voilà“, sagte sie. „Ich hätte gerne zwei Toast mit Marmelade und einen Kaffee mit Milch.“ Sie grinste ihn breit an. „Du... Du... Du hast...“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. „Ja, ich habe. Du erinnerst dich, dass Frank vorbeigekommen ist? Er ist nochmal in die Straße zurückgegangen, weil er sein Handy vermisst hat und Angst hatte, er hätte es dort verloren. Bei der Suche hat er den kleinen Schlüssel gefunden – der, wie uns sofort klar war, zu deinen Handschellen passt. Er wollte dich sofort befreien, aber ich habe ihm deutlich gemacht, dass der Zeitpunkt nicht gut wäre.“ Sie grinste noch etwas breiter. In seinem Gehirn ratterte es. Sein Mathematiklehrer hätte jetzt gesagt, „na, seht ihr’s schon qualmen“? Aber es kam kein Qualm, nur eine Frage: „Aber... Aber dann hättest du mich auch gestern Abend schon befreien können?!“ „Ja. Aber dann hättest du eine Menge verpasst. Und ich auch.“ Sie schaute ihn jetzt ernst und fragend an. „Stimmt.“ Er lächelte und auch auf ihrem Gesicht war nun die Erleichterung zu erkennen. Obwohl, ein bisschen ärgerte er sich schon. Aber dann konnte er ihr auch nicht wirklich böse sein, wenn sie dieses zauberhafte Lächeln aufsetzte. Das kann ja heiter werden, dachte er. „Ich mach dann mal Frühstück.“ Er stand auf und ging zur Tür. „Das heißt: Ich mach dann mal Frühstück, Ma’am“, hörte er vom Bett. Er drehte sich um. „Ja, Ma’am.“ Und er musste lachen. „Und: Danke, Ma’am.“

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