|
Klingelt mich nach doch tatsächlich jemand am frühen Sonntagmorgen dreist aus dem Bett. Schon wieder ein Jahr vorbei? Statt der erwarteten Seelenretter mit dem Wachturmheftchen in der Hand, steht da ein kleiner runder Kerl, eine dicke Mappe unter dem Arm, ein Gesicht wie das tapfere Schneiderlein und schmettert mir schleimig "Schönen Guten Morgen, Schneider, Fa. InterNick!" entgegen. Er ist wach, ich bin es nicht und schon hat er den Fuß in der Tür. Nun ja, ich bin ein fairer Verlierer.
Ob ich denn meinen Internetzugang richtig nutze? Ich murmle verschlafen, aber vorsichtig "vatikan.de und dann sind da so Sportseiten,..." Er legt los: ein Kerl wie ich, in der Blüte seines Lebens, aber doch in einem Alter, in dem mich die Türsteher der angesagten Clubs fragen, ob ich Drogenfahnder sei oder nur die eigene Tochter suche, der müsse sein Nachtleben ins Internet verlegen, Flirt- und Erotikseiten besuchen und vielleicht - kumpelhaftes Zwinkern - vielleicht habe ich ja auch spezielle Interessen. Nichts sei unmöglich, das Internet willig, Zeitgeist, Lifestyle, Blabla. Er senkt die Stimme, ... es gebe da auch sogar ganz verruchte Sachen.
Mein ungläubig geheucheltes "Nein, was Sie nicht sagen?" ist wohl zu langgezogen, er reißt seine Mappe auf, zieht eine Linkliste hervor: "BDSM, SM, Lack, Leder, Latex, Sie verstehen? Freie Auswahl unter 500 Nicknames, alle frisch und unbenutzt, bereits in verschiedenen Communities registriert, zum Paket-Sonderpreis, keine Folgekosten. Haben Sie einen Nick? Wie wäre ein Nickwechsel? Alte nehme ich in Zahlung. Oder ein kaum gebrauchter Zweitnick?"
Aus dem Schlafzimmer tönt es im kategorischen Imperativ, "schmeiß den Kerl raus!" und ich setze Mr. "Ich-AG" samt seiner aus Wirtschaftnot geborenen Geschäftsidee vor Tür und Torgraben von Schloss DarkGrafenStein.
Mit Nicks spaßt und handelt man nicht. Der Nickname, alias und Pseudonym im Internet, ist das virtuelle, fast schon metaphysische ÜberIch. Längst ist bei manchem Onlinewesen der realexistierende Körper samt weltlicher Restumgebung zum Wurmanhängsel regregiert und wird nur gelegentlich sichtbar, wenn mitten auf der tollsten Internetsurfwelle lästige Pausen eingelegt werden müssen: "/away muss pipi", "bbl - be back later, Mami steht vor der Tür", wahlweise: "ich muss gerade mein nervendes Kind abfüttern".
Foren-Diskussionen "Mein toller Nick" sind ebenso zahlreich, endlos und leidenschaftlich wie ungenießbar. Den Wert eines Nicks auf der nach oben offenen Heiligkeitsskala zu erkunden, geht einfacher - vor allem in BDSM-igen Chats und Communities: beginnt der Nick mit einem Großbuchstaben, gibt man sich als dominant zu erkennen. DarkGraf etwa. Mit kleingeschriebenen Nicks unterwirft man sich als submissiv, devot oder Sklave dem anderen Ende der Peitsche. Versucht mal, die bösen online-Finsterlinge, Doms und Ladies konsequent mit Kleinbuchstaben anzureden und ihr Frevler werdet euer Wunder erleben.
Nicks sind selten exklusiv. Orcus hier, kann jemand ganz anderes sein, wie Orcus dort. Das ist gefährlich und Herr Schneider hat das richtig erkannt.
Da bebalze, frotzle und bezirpe ich eine frischregistrierte Hella, mit der ich kurz zuvor noch telefoniert hatte. Murphies Law: eine andere war ihr knapp zuvorgekommen. Mein Gesäusel trifft die Falsche, dafür wird mein Jägerimage gründlich aufpoliert.
Echte Jäger gestalten den Nick gleich komplett als Kontaktanzeige, nennen sich je nach Gusto und Intellekt "Dom_25cm_geil" oder poetisch "Dom_sucht_dev _aber_pronto". In manchen Chats ist es für Devote usus, abgekürzt den Herrn im Nick mitzunennen, mit Klammerzeichen als virtuellem Halsband: "devA{DG}" wäre der Hinweis auf mich als Sklavenhalter, "devA{}" das öffentliche Outen einer Beziehungskrise und "devA{..}" ihr Schrei nach einem neuen Eigentümer. See it, fill it…
Wer Nick sagt, muß auch das Faken erwähnen: mit oder ohne Nickwechsel, Hauptsache, Onlineprofil und Realexistenz klaffen Lichtjahre auseinander - der picklige Schüchterne mutiert zum mächtigen "FinsterFürst", die kichernde Kleinmädchenbande in der großen Pause im Internetcafe wird zur verruchten "Lola_willig". Manche, mitunter wahre Virtuosen, haben nicht nur multiple Persönlichkeiten, sondern nennen zu jedem Nick, von "Sadomat" bis "elfezart", jeweils sogar eine passende, bebilderte Homepage ihr Eigen und vermögen blitzesschnell die Identität komplett zu wechseln. Dem munteren schizophrenen Treiben sind keinerlei Grenzen gesetzt, es sei denn, ein reales Date droht. Mit einiger Übung lässt sich das zwar kamasutrahaft ewig rauszögern und die Mädels mit den teuren 0190-Nummern machen auch klasse vor. Aber wenn doch? Lassen sich unvermeidbar anstehende Dates auch kapitalisieren? Wenn es wieder Sonntag morgens klingelt, sich der freundliche Herr Schneider an der Tür nach Lücken in der meiner abendlichen Freizeitgestaltung erkundigt, "Das Dutzend Dates zum Paket-Sonderpreis, pfannenfertig, Spassfaktor garantiert"?
Ausgerechnet die LustSchmerz-Community macht auf Spielverderber! Anmeldung mit überprüften Realdaten und jeder nur einen Nick. Nicht einmal eine Deluxe-Mitgliedschaft gegen Aufpreis mit einem klitzekleinen Zweitnick zum ganz gelegentlichen Faken findet sich im Angebot. Öde, oder?
Wollen die sich etwa wirklich kennenlernen? Also so richtig, echt, Face-to-Face? Ohne Überraschungseffekt und Verarsche? Menno, wo führt das hin?
Ach, wie war das schön, die eigene DarkGräfin als "PrinceDarkling" im Chat anzubaggern. Spass, Seitensprungagentur und Treuetest in einem. Aber immerhin wird sich dort mein peinliches Versehen als grünschnäbeliger Newby in einem irc-Channel nicht wiederholen: Nicks sind dort mit maximal neun Zeichen zu lesen. Der Rest wird gnadenlos geschluckt. Um einer anwesenden "Nonne" zu Gefallen zu sein, hatte ich munter, aber unbedarft "/nickchange Nonnenklosterfaktotum" getippt. Der sprichwörtliche Griff ins Klo. Das brüllende Ablachen hallt noch heute nach.
Bis die Tage, Nickgesichter!
Haltet euch vom Faken fern,
Ist nur was für Zwiegelichter,
denn verarscht wird niemand gern.
Verabschiedet sich DarkGraf
"DarkGrafs Pantoffelkino" erscheint im Wechsel mit ‚Rose Kane' und ‚Ironies Spitzen' exklusiv bei Lustschmerz. Kontakt, Autogrammwünsche und Briefbomben an DarkGraf(at)web.de .
|