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Wer kennt sie nicht, die "Geschichte der O" , das schaurig-schöne Märchen unserer Leidenschaften, das man sich am liebsten von einer düsteren Lack- und Lederfee auf der Bettkante vorlesen lassen würde. Wohlig ins Kissen gekuschelt, könnten wir der lüsternen Mär von willigen Sklavinnen und edlen, harten Herren lauschen, ob der schmerzhaften Rituale erschaudern und uns in schwachen Momenten ersehnen, es könnte mehr als eine Phantasiewelt sein.
Aber wie das mit Märchen eben so ist...keiner will der Zwerg sein, Dornenhecken gibt es nur noch in abgelegenen Naturschutzgebieten und irgendwie steht zu befürchten, daß sich die allmorgendliche Auspeitschung durch den Kerkermeister im Laufe der märchenhaften Ewigkeit ziemlich ungeil anfühlen könnte.
Also ist wohl nichts mit "Roissy-Real", aber ein kleines Zeichen...ein klitzekleines ritualtaugliches Stück aus diesem Märchen in unsere unromantische SM-Welt holen, wäre das nicht schön? Beispielsweise den Ring den die hingebungsvolle O am Ende ihres ersten Roissy-Aufenthaltes an den Finger gesteckt bekam. Als Zeichen der uneingeschränkt verfügbaren Sklavin, innerhalb eines geheimen Bundes sexueller Obsession.
Solche oder ähnliche Gedanken müssen wohl auch den Machern der Schlagzeilen damals im Jahre 1990 durch den Kopf gespukt sein, bevor sie die erste deutsche Variante des "Ring der O" vom Hamburger "Eisen-Jörg" fertigen ließen und über ihr Magazin ab Ausgabe No.6 zum Kauf anboten.
Heute gehört der "Ring der O" in jedem gut geführten SM Haushalt zumindest zur Devotionaliensammlung. Durchaus amüsant übrigens, daß "Dank" findiger Marketingprofis Plagiate des Kleinods perverser Leidenschaften bereits bei H&M im Kassenkörbchen landeten . Es empfielt sich deshalb nicht, jedes Bauchnabel gepiercte Girlie in der Fußgängerzone zu Boden zwingen zu wollen. Meist wissen die Kids gar nicht, welches brisante Zeichen sie sich da im Billigverschnitt für 19,95 DM an den Finger gesteckt haben.
Aber der schaurigen Märcheninterpretation allgemeiner Verfügbarkeit, sitzt ja erfreulicherweise kaum mehr einer auf. Der Ring darf furchtlos getragen werden und hat sich zum praktischen Erkennungszeichen jeweiliger Neigungen entwickelt.
Mag es an der "freien Schlaghand" liegen, daß den Aktiven irgendwann "links" als optimaler Trageplatz zugeteilt wurde? Wie auch immer, die Seiten sind verteilt, TOP links, SUB rechts und die neumodischen Switcher müssen eben nach Tageslaune umstecken.
Auf Szene-Events und Partys sieht man es im allgemeinen blitzen, - hier wird der Ring getragen, stolz und eindeutig zweideutig als Bekenntnis zur Märchenwelt der Lack & Lederfee. Frisch erworben zaubert er Einsteigern eine auffallende Glücksaura ins Gesicht und sorgt für begeisterte, abendfüllende Gespräche: "Ich habe ihn, ich trage ihn, ich wage es, ich sage es !"
Fast schon enttäuschend , wenn Eltern oder Freunde, ihn erst nach Stunden oder Tagen wahrnehmen und das mutig inszenierte Outing gerade mal mit einem verständnislosen "Aha..." honorieren sollten.
Da hätte man doch mit spannenderen Reaktionen gerechnet und dennoch gelingt der Ring der O nur selten in die Stino-Öffentlichkeit, wird kaum als selbstver-ständliches Attribut eines wichtigen Lebensbereiches gezeigt. Eigentlich schade, - die Vorstellung künftig wahrhaft "kollegiale" SMer bereits in der Firmenkantine erkennen zu können, hätte vor dem Hintergrund öffentlicher Normalität und zwischenmenschlicher Kontakte doch einen enormen Vorteil. Diese Vorstellung jedoch gehört noch in die Märchenwelt.
Die Bedenken sind groß, ob Chef und Kollegen ihr oft beschworenes Toleranz-fähnchen auch für perverse Kollegen hochhalten würden. Ebenso zwiespältig ist wohl die Frage, ob es wirklich Sinn macht, dem Gemüsehändler nebenan die Chance zu geben, sein unter Umständen verwegenes SM-Bild auf uns nette Allerwelts-Sadomasochisten zu projezieren. Und ganz nebenbei trägt der Meier aus der Buchhaltung ja auch keinen Anstecker mit dem Slogan "Ich lasse mir gerne einen blasen".
Nein, Gründe den Ring der O offen und (all)täglich zu tragen, finden sich wohl nicht in gesellschaftlichem Rebellentum. Wer sich den Ring in seinen Alltag holt, setzt in erster Linie ein Zeichen für sich selbst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und nach außen setzen wir letztendlich alle -ob wir wollen oder nicht- ständig Zeichen unserer Wertigkeiten.
Naturfreak mit Jutetasche spiegelt seine Prioritäten nuneinmal ebenso, wie Handyman im Porschecabrio. Bauernhofurlauber unterscheiden sich von Ballermannfans, und wer die Bretagne liebt wird den Rotweinkelch vermutlich dem Sangria-Eimer vorziehen.
Ganz schön banal, oder? Viel mehr ist der verruchte Ring letztendlich nicht. Mit dem selben Selbstverständnis wie ein Calvin Klein T-Shirt getragen, entwickelt er allerdings einen perfekten Abwehrzauber gegen fies schnappende Kollegen und boshafte Mitmenschen. Wie so oft zeigt sich auch hier , daß Offensichtlichkeit nicht der schlechteste Ratgeber für freie Lebensweise ist.
Wer allerdings täglich ob seiner Wahnvorstellung tausend Tode stirbt, daß jetzt, exakt jetzt, Chefchens Blick plötzlich durchdringendes Begreifen mit anschließender Bloßstellung am schwarzen Brett inkl. Kündigung auf Lebenszeit bedeuten könnte, der tut gut daran keine selbst erfüllende Prophezeiung herbeizubeschwören, deren Eintreten unter diesem Stern auch gar nicht so unwahrscheinlich wäre.
Nein. Jeder wie er mag. Ob Alltagsleder oder Norwegerpulli, Gothic-Look oder Alternativoutfit, Ring oder eben nicht Ring ... - das Märchen der "O" hat sich in eine moderne Anthologie bunter Lebensweisen gewandelt. Erfreulich, wie ich meine.
Und wahrlich märchenhaft, wenn sie -beringt oder unberingt- aus mehr als nur zwei Buchstaben besteht.
(c)Andrea
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