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Ohrfeigen: Der Schlag ins Gesicht - Ein Redaktionsbeitrag von Andrea
"Ohrfeigen ?" - Das ist doch asozial !" hörte ich eine dominante Frau kürzlich am Stammtisch sagen. Klar, überzeugt und ohne Fragezeichen. Nun, auf jeden Fall ist er diskussionswürdig, der Schlag ins Gesicht, der ohne Hilfsmittel auskommt. Ohne künstliche Armverlängerung, ohne legitimierten Abstandshalter, oftmals auch ohne inszenierte Spielsituation, der deutlichst beiderseitiges Einverständnis zugrunde liegt. Asozial. Das Bild vom gewalttätigen Säufergatten liegt nahe. Respektlose Züchtigung, "sich nicht mehr im Griff haben". Man schlägt nicht mit der bloßen Hand. Keinen Hund, kein Kind und erst recht keinen Erwachsenen.
Eigentlich seltsam. Wir SMer zaubern die schärfsten Demütigungen aus dem Hut und lassen sie uns gerne gefallen: Auspeitschungen, Vorführungen, verbale Beschimpfungen. Wir lassen uns in Ketten legen und an die kurze Leine nehmen, knien glücklich zu Füssen und senken devot den Blick. Alles Praktiken, die Stolz- und Schamgrenzen berühren, die aber szeneconform und mit dem SSC-Gütesiegel versehen sind.
Nur der armen kleinen Ohrfeige haftet der Ruf unkalkulierbaren Gewaltpotentials an. Sie bleibt ein Mysterium mit Absturzgarantie und wird gerade vom aktiven Part gerne gemieden. Kaum ein Sadist, der seine "blanke Handsperre" nicht zumindest überwinden mußte und kaum ein Masochist, der nicht anfangs seine Wange stolz zur Tabuzone erhoben, gleichzeitig aber die bereits blaugestriemten Backen hingehalten hätte.
Der Schlag ins Gesicht ist ein Schlag direkt in die Persönlichkeit. Keine andere Praktik verteilt so klar die Positionen, manifestiert klarer oben und unten, verlangt deutlicher eine Szene "klar" zu spielen. Und nur wenige andere Praktiken benötigen ebenso viel Vertrauen zum Partner. Eine Ohrfeige ist schnell "ausgeteilt" und nur schwer "eingesteckt", - bevor sie als Spielvariante in Frage kommt, ist Kommunikation gefragt, sollte ein Paar "absturzsicher" oder zumindest "absturzerfahren" sein.
Der Aktive muß wissen, ob der Passive mit Schlägen ins Gesicht echte, erlebte Gewalterfahrungen wiedererlebt (wiedererleben will ?) oder Phantasien umsetzen möchte. Beide Möglichkeiten bedeuten Grenzgang, also eine spannende, aber auch gefährliche SM-Variante.
"Gewalt-" und "Vergewaltigungsspieler" haben Ohrfeigen in ihrem Repertoire, aber auch DS Liebhaber, die körperliche Züchtigung oftmals hintenan stellen und eher psychische Momente bevorzugen, nutzen Schläge ins Gesicht exakt für eben diesen "Kick mit der Persönlichkeit".
Mir selbst sind Ohrfeigen zu einer geliebten, unverzichtbaren "Erleichterung" geworden. Kein anderes Spielmittel garantiert mir ebenso schnell den Kopf auszuschalten und "Unten" wirklich zu fühlen. Sie sind mir Einschaltknopf. Von Null auf Hundert passiv in 3 Sekunden. Zu jeder Zeit, an jedem Ort, egal in welcher Situation.
Andererseits weiß ich sowohl aktiv als passiv, daß durch Schläge ins Gesicht "Gewaltspiele" härter, aber auch tiefer werden. In manchen Momenten lässt sich diese Tiefe kaum noch von Realität unterscheiden. Und exakt dann muß der Aktive die Verantwortung endgültig übernehmen, sicher weiterspielen, durch den gesamten, sich entwickelnden Film und dann langsam vor dem Happy End wieder trennen, was getrennt gehört: Spiel und Persönlichkeit.
Nein, asozial sind Ohrfeigen meiner Meinung nach nicht. Sie fordern vom Passiven ein Höchstmaß an Eigen- und vom Aktiven ein Höchstmaß an Fremdverantwortung. Man muß die "Schlagsperre" auflösen, um sie direkt danach an einem anderen Punkt neu festzulegen. Und selbst ein Schlag, der vermeintlich locker aus dem Handgelenk kommt, muß vom Akteur klar und sicher positioniert sein, diese Grenze ist gar nicht so einfach zu ziehen.
Es ist ein Spiel für Vertraute, im besten Fall für Liebende. Meist wird nur hinter verschlossenen Türen gespielt, kaum darüber gesprochen und so haftet der armen, kleinen Ohrfeige das "Noncon-Stigma" an. Eigentlich schade, oder ?
So hält denn auch weiterhin stolz die "andere Wange hin" ;-)
(c) Andrea Schneider
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