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"Der heilige Andreas" von Tobias Lagemann
Die Wohnung riecht nach ihr. Durch das Fenster fällt Licht auf die Couch. Der dunkle Fleck ist nicht zu übersehen. Auf der Couch ist sie gestorben. Vor einer Woche. Sie ist allein gestorben. Zwei Tage später hat die Putzfrau sie gefunden. Da stand die Wanduhr schon. Der Aufziehschlüssel für die Uhr hing wie immer um ihren Hals. Wie ist das, wenn sie tot ist, habe ich mich immer gefragt. Jetzt weiß ich es. Nur die Uhr bleibt stehen.
"Wo fangen wir an, Schatz?" fragt mich Hanns. "Ich fange im Schlafzimmer an", sage ich. Vor zwei Stunden fand die Beisetzung stand. Zu viert waren wir, dazu der Pfarrer. Ich habe nicht geweint. Mit ihr hat mich nichts mehr verbunden. Zuletzt haben wir noch zu Ostern Karten geschrieben, an unseren Geburtstagen kurz telefoniert, Weihnachten bin ich zehn Jahre schon nicht mehr bei ihr gewesen. Es gibt Dinge, die muss man sich nicht antun.
"Wenigstens ist sie ein ordentlicher Mensch gewesen", sagt Hanns. Ja, ordentlich war sie immer. Mir zu ordentlich.
"Das schaffen wir an zwei Tagen", sagt Hanns und legt mir seinen Arm um die Schulter. Er zieht mich an sich heran, lässt mich sein Rasierwasser riechen. Im Treppenhaus sind die beiden Männer von der Entrümplungsfirma zu hören. Sie tragen Kartons nach oben. Eine Blumenvase fällt klirrend zu Boden. Die Männer fluchen, dann lachen sie.
"Wie geht es dir?" fragt Hanns.
Ich schaue ihn an. "Gut geht es mir", sage ich.
"Soll ich uns einen Kaffee machen?"
"Sie hat nur Tee getrunken", sage ich.
"Vielleicht hat sie sich geändert", sagt Hanns.
Ich schüttel den Kopf. "Nein", sage ich.
"Dann mache ich uns jetzt mal eine Tasse schönen, leckeren Tee. Und dann fangen wir an all das hier einzupacken."
"Ist ja ein übles Treppenhaus", sagt einer der beiden Männer der Entrümplungsfirma. "Steil", sagt der andere.
Sie stellen auseinander gefaltete Kartons in den Flur. "Meinen sie, dass ein Aufzug notwendig ist?", fragt Hanns und schaut mich kurz an.
"Ach, wir schaffen das schon", sagt einer der Männer.
"Gut", sage ich.
"Wir bringen dann mal die restlichen Kartons nach oben."
"Machen sie das", sage ich, aber da sind die Männer schon wieder im Treppenhaus, lachend.
"Wo ist denn das Schlafzimmer?", fragt Hanns und gibt mir einen Kuss.
"Am Ende des Flurs und dann links", sage ich.
"Dann mal los", zieht er sein Jackett aus.
"Was hast du vor?" frage ich.
"Wir kümmern uns jetzt ums Schlafszimmer", lächelt mich Hanns an. "Zusammen schaffen wir das in Nullkommanix."
"Nein", sage ich und es klingt härter, als ich es möchte. "Hanns", sage ich langsam, "um das Schlafzimmer muss ich mich allein kümmern."
"Ich möchte dir helfen", zieht mich Hanns ganz nah an sich heran. Ich spüre die Kraft in seinen Händen, ich liebe diese Kraft, aber es gibt Dinge, bei denen ihm diese Kraft nicht weiterhilft.
"Ab mit dir in die Küche", sage ich und drehe mich von ihm fort.
"Muss das sein?", sagt er, folgt aber meiner Anweisung. Er nimmt sich zwei Kartons aus der Diele und geht pfeifend in die Küche. Fast sofort höre ich das Quietschen einer Schranktür.
Im Schlafzimmer scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Tagesdecke ist noch immer schwarz, die Vorhänge noch immer rot, und an der Wand hängt das Bild vom Heiligen Andreas. Mit verzücktem Lächeln hängt er an seinem Kreuz. Als Kind habe ich dieses Bild gefürchtet, später, als ich wusste, wofür es stand, habe ich es gehasst. Rechts neben dem Kleiderschrank steht die Truhe. Eine weiße Decke mit bunter Borte am Rand liegt auf dem Deckel. Sie soll das klobige Schloss verbergen, mit dem die Truhe gesichert ist. Als Kind habe ich das Schloss oft gesehen und ich habe sie gefragt, wofür das da ist.
"Dort sind ganz persönliche Dinge drin", hat sie gesagt, "wichtige Dinge, die nicht alle sehen dürfen." Natürlich habe ich weiter gefragt, immer und immer wieder, aber weil sie hart blieb, weil sie nichts verriet, habe ich irgendwann zu fragen aufgehört. An meinem sechzehnten Geburtstag fand ich den Schlüssel. Ich wollte meinen Gästen den Heiligen Andreas zeigen. Als ich das Heiligenbild abnahm, fiel der Schlüssel zu Boden. Zu welchem Schloss der passte, habe ich erst im Laufe des Abends begriffen. Und erst am nächsten Morgen fand ich den Mut die Truhe zu öffnen. Meine Eltern waren noch bei Freunden, übers Wochenende, so etwas taten sie oft. Für meinen sechzehnten Geburtstag natürlich genau das richtige, für den Tag danach - samt Schlüssel - völlig falsch.
Ich nehme den Heiligen Andreas von der Wand. Sein ganzer Körper ist angespannt, aber es ist nicht Angst, es ist das Warten auf das, was kommen wird. Jede Faser seine Körpers sehnt sich nach der Erlösung durch das Martyrium. Damals habe ich drei Versuche gebraucht, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Meine Hände haben gezittert. Heute geht es mir nicht anders. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich wegen dem Inhalt der Truhe den Kontakt zu meinen Eltern auf das Notwendigste beschränkt habe. Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden. Bevor ich den Deckel aufschlage, nehme ich das Deckchen ab. Wie ich es von ihr gelernt habe, falte ich die Decke zusammen und lege sie beiseite. Wie ich das hasse. Diese Liebe zur Ordnung. Warum kann ich nicht anders sein als sie? Warum bin ich nicht wie mein Vater? Und warum ist er so viel früher als sie gestorben?
Als ich den Deckel der Truhe aufschlage, rieche ich das Leder. Es riecht wie immer. Ich wende mich ab, suche nach einem Ausweg aus all dem. Dann aber schaue ich hinein und atme tief durch. Ich bin wieder jung und es riecht nach Leder. Diesen Geruch kannte ich damals nur von Schuhen und von Handtaschen, ein dezenter Geruch war das, nur eine Nebensache. Was mir da aus der Truhe entgegen schlug, wollte so gar nicht zu dem passen, was ich von ihr wusste. Eine brave Frau war sie, bieder gekleidet, viel Baumwolle, auch Wolle, viel mit Rüschen und Spitze verziertes trug sie, die Farben waren gedeckt, und ihre Schuhe so flach wie Bretter. Wenn in der Truhe nun ein Lederrock gewesen wäre, irgend ein so knappes Stück weiblicher Verführungskunst, in dem der Po bei jedem Schritt wild tanzt, ja nun, ich hätte damit gut leben können. Auch ich habe damals Geheimnisse gehabt. Meine Welt bestand aus mehr als den weißen BHs aus einer leicht kratzenden Kunstfaser, von dem Blümchendekor ganz zu schweigen. Aber BHs aus Leder? Und zudem so knapp geschnitten, dass sie nicht mehr tun konnten, als die Brüste ein klein wenig zu stützen?
Es ist alles wie damals. Ich greife in die Truhe und halte diesen Slip in Händen. Damals habe ich ihn Unterhose genannt und nicht verstanden, wieso die hinten nur aus einem schmalen Streifen Leder bestand. Und wie damals entdecke ich kurz darauf die Handschuhe. Oberarmlang sind die und nichts, was man bei kaltem Wetter anzieht. Und das Korsett, ich weiß es noch genau, als ich das in Händen hielt, an dem Morgen nach meinem sechzehnten Geburtstag, als ich die Haken schloss, fragte ich mich, wie sie in sowas hineinpassen konnte. Ach, und die Stiefel, deren Absätze höher waren als der Karton der Schuhe, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Und dann fragte ich mich, wann sie das alles trug. Und was sie mit den Fesseln machte, mit den Knebeln, mit den Masken und ich fragte mich, ob der nicht nur nach Leder riechende Penis so etwas ähnliches wie Kunst war.
"Wir spielen", hat sie mir drei Wochen später erklärt. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten. Ich musste über die Truhe reden. Zu oft hatte ich mir den Inhalt angeschaut und keine Antworten gefunden.
"Mit sowas?"
"Ja", hat sie gesagt.
"Was spielt ihr?"
"Es sind Spiele zwischen Mann und Frau", hat sie gesagt. Spiele zwischen Mann und Frau, das waren ihre Worte. Die Reihenfolge ist mir noch heute wichtig. Zwischen Mann und Frau! Aber sie hat mit ihm gespielt! In der Truhe sind ihre Sachen gewesen. Er hat nichts gehabt. Nur sich. Seinen nackten Körper.
"Aber wir spielen mit all dem", hat sie gesagt und auf die Truhe gedeutet.
"Was spielt ihr?" Darauf hat sie mir keine Antwort geben können. Sie hat Worte benutzt, hat mir viel gesagt, zu erklären versucht, aber nie ist es ihr gelungen diese Spiele zu erklären. Mein Vater war anders, direkter, er hat gesagt: "Es ist geil."
Geil, ja, es gab geile Dinge, auch ich fand Dinge geil.
Das alles ist mehr als dreißig Jahre her. Die Zeiten haben sich geändert. Was sie in der Truhe aufbewahrt hat, wohlverschlossen, gibt es heute fast schon im Versandhaus. Aber was ändert das? Damals habe ich den Sex für mich entdeckt, langsam, weil der Kopf weniger machen wollte als der Körper verlangt hat. Als mir mein zweiter Freund - mit dem ersten habe ich nur wild rumgeknutscht und, ganz ehrlich, das fand ich ziemlich geil! -, als mir mein zweiter Freund also ein Kondom in die Hand gedrückt hat, habe ich Schluss gemacht. Es sind andere Zeiten gewesen, nicht nur bei uns auf dem Land fernab der großen Städte. Sex hat man, aber man redet nicht drüber, nicht richtig. Unter der Dusche, nach dem Sport, haben wir getuschelt, Andeutungen gemacht und heftigst gekichert, wann immer es deutlicher wurde.
Ich stehe langsam auf, in der Küche höre ich Hanns rumoren. Er pfeift ein Lied und klappert mit Geschirr. Ich öffne meine Handtasche und hole den Schraubenzieher hervor. Ich muss die D-Ringe entfernen, die sich an den Beinen des Bettes befinden. Auch nach dem Tod meines Vaters wird sie die nicht abgeschraubt haben. Und hinter dem Gobelin mit dem fernöstlichen Motiv befinden sich bestimmt noch die tief verdübelte Haken, an denen sie ihn aufgehängt hat. Sie hat später nie einen Hehl daraus gemacht, S/M ist ihre Form von Sexualität gewesen.
"Aber seid ihr denn nicht zu alt dafür?" habe ich vor zehn Jahren wissen wollen. Sie hat mich angelacht.
"Nein", sprudelte es nur so aus ihr hervor, "nein, nein, nein, für S/M, nein, nein, nein, wird man niemals zu alt."
Ich gehe zur Tür, öffne sie einen Spalt. "Bringst du mir bitte einen Karton?", rufe ich. Hanns erscheint fast sofort in der Küchentür.
"Kann ich dir wirklich nicht helfen?" fragt er, als er mir statt einem gleich zwei Kartons in die Hand drückt. Ich schüttel den Kopf. Ich muss da alleine durch. All die Sachen, die in der Truhe sind, muss ich allein einpacken. Was ich dann damit mache, weiß ich noch nicht. Die Truhe werde ich verkaufen. Die muss weg. Aber die Sachen, all das Lederzeug, das kann ich nicht verkaufen. Und ich kann es nicht spenden. Ich werde es auf dem Dachboden unseres Hauses einlagern. Dort gibt es Ecken, die nur ich kenne. Nicht mal unsere Kinder haben sich in diese hintersten Winkel getraut, als sie jung waren. Jetzt sind sie außer Haus und studieren in fernen Städten.
"Zusammen schaffen wir das schneller", sagt Hanns.
Ich schüttel den Kopf. "Du die Küche, ich das Schlafzimmer!"
"Steffi, was soll das?!" sagt er und drückt die Tür auf. In seinen Händen ist genug Kraft, um es mit der ganzen Welt aufzunehmen. "Bitte...", sage ich, aber es ist schon zu spät. Die Schlafzimmertür steht weit auf. Auch wenn meine Augen geschlossen sind, sehe ich, was er sieht. Alles was sich in der Truhe befunden hat, teils ist das schon seit mehr als dreißig Jahren dort gewesen, liegt auf dem Bett. Da liegt Peitsche neben Peitsche, steht Schuh neben Schuh und Dildos sind der Größe nach sortiert aufgereiht.
"Hanns", keuche ich. "Bitte..."
"Was ist denn los?" fragt er.
Ich öffne die Augen, schaue in an. "Das ist los", sage ich und deute mit einem Finger Richtung Bett.
Er schüttelt den Kopf. "Da ist nichts", sagt er. Ich drehe mich um. "Doch", schreie ich. "Da!" Und alles ist da, alles was meine Mutter in der Truhe verborgen hat.
Hanns nickt. "Ja", sagt er, "da liegt was auf dem Bett."
"Hanns...", sage ich.
"Sieht scharf aus."
"Hanns", sage ich.
"Aber nicht mein Fall", sagt er.
"Hanns", sage ich und spüre Erleichterung.
"Rede mal mit Gaby", sagt Hanns.
Ich kann nichts sagen. Was ist mit Gaby? Gaby ist unsere Jüngste. Ist sie etwa auch...
"Nein", sagt Hanns. Ich atme auf.
"Total bekloppt", sagt Hanns.
Ich schaue ihn fragend an. "Lass uns mal in Ruhe drüber reden", sagt er. Da weine ich schon.
(c) Tobias Lagemann
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