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"Devotion: ein prägendes Lebensgefühl" von Tevoda


Geboren wurde ich im tiefkatholischen Oberschwaben und die ersten Hände, die mir mit einem Klaps auf den Po, lebensbejahende Schreie entlockten, gehörten einer ältlichen Nonne. Vermutlich ginge es ganz entschieden zu weit, wenn ich behaupten würde diese frühkindliche Erfahrung wäre prägend für meinen weiteren Lebensweg gewesen, aber sicher kann ich behaupten, dass ich meinen tiefgläubigen Eltern und einem von Nonnen geführten katholischen Kindergarten meine ersten beglückenden Erfahrungen mit der Devotion verdanke.

Zwar sind meine frühkindlichen Erinnerungen naturgemäß nicht sehr deutlich, aber dank einem von meiner Mutter geführten Kindertagebuch ist es nachlesbar, dass mich die von ihr erzählten Heiligengeschichten schwer beeindruckt haben. Zahlreiche Kindersprüche und auch meine eigenen Erinnerungen belegen, dass ich sehr früh den Berufswunsch „Märtyrerin“ äußerte. Aber mit dem Alter wird man vernünftiger, und noch nicht dem Kindergartenalter entwachsen, erschien es mir doch etwas übertrieben meine Hingabe an Gott nicht nur mit Qualen, sondern auch mit dem Tod zu bezahlen. Hingabe ja – mortales Ende nein, dafür war ich einfach zu naseweis auf das Leben und mindestens die mir bekannten Märtyrer haben ihre Devotion nicht überlebt. Also wandelte ich meinen Berufswunsch ab und wollte von nun an Nonne werden.

Möglicherweise beeinflusste mich Wasserratte dabei die Tatsache, dass das einzige Hallenbad weit und breit im Nonnenkloster zu finden war, aber nicht desto trotz erschien ein lebenslanger Dienst an und für meine Mitmenschen mir bis in die Pubertät hinein eine sehr attraktive Lebensplanung zu sein. Zweifel ob Hingabe und Dienen in jedem Fall von der Umwelt als wunderbares Geschenk akzeptiert würden, waren mir dabei sehr wohl bekannt. So ist belegt, dass ich, als ich die Geschichte des Heiligen Wenzel hörte, der aus Liebe zu Gott auf seinen Thron verzichten wollte, spontan kommentierte: „Des wollte ich aber schon gerne wissen, ob das seiner Frau recht gewesen isch?“ Aber wie gesagt, trotz dieser Einschränkungen, genoss ich das Gefühl mich an Gott verschenkt zu haben und schwelgte in Träumen über mein künftiges Dasein als Braut Gottes.

Mit dem ersten richtigen Kuss im zarten Alter von 13 hatte sich diese Lebensplanung erledigt. Es war in dieser Pre-Alice-Schwarzer-Ära jedoch relativ einfach, für meine pubertierenden Wunschträume ein neues Objekt der Begierde zu finden. Schließlich predigte uns unsere altjüngferliche Religionslehrerin mindestens einmal pro Woche, dass es Aufgabe der Frau sei ihrem Ehemann ein gemütliches Heim zu schaffen und das mit dem Sex, na ja das sei schon zu ertragen, wenn man sich nur ganz fest einprägen würde, dass es einzig und allein darum ginge Kinder zu zeugen und es gottgefällig wäre, wenn die Frau dabei kein Vergnügen empfinden würde. Es ginge schließlich nicht darum, dass eine Frau Spaß am Liebemachen haben sollte, sondern ihr Leben sollte Gott und Ehemann erfreuen. Zwar wurde diese These von einigen wenigen aufmüpfigen Klassenkameradinnen heftig attackiert, jedoch fiel ich mit meinen Wunschträumen in einer reinen Mädchenschule im tiefsten Oberschwaben nicht all zu sehr aus dem gängigen Rahmen.

Dann kam „Der kleine Unterschied und seine große Folgen“ und die Diskussion von Alice Schwarzer und Esther Villar in einer deutschen Samstagabend-Fernsehshow. Da saß die Villar, die Autorin des dressierten Mannes und Kämpferin für die Emanzipation des Mannes, im geblümten Rock, schaute auf ihre Riemchensandalen und sagte etwas wie "Ach Frau Schwarzer, Sie sind es doch, die die Frauen diskriminieren." Und die Schwarzer, vollkommen irritiert, beugte sich nach vorne und bellte: "Ich?" In meiner Wahrnehmung waren die Argumente der Villar klarer gebracht, sie hatte nur einen Nachteil, mit ihrem flammenden Plädoyer für die Männer erzürnte sie viele Frauen und so war sie zwar die Siegerin nach Punkten, aber der Pokal ging an Alice. Jedenfalls war nach diesem Abend Alice auch plötzlich in einem oberschwäbischen Mädchengymnasium eine bekannte Größe. Und schlagartig wurde eine Lebensplanung als dienende Gefährtin eines Mannes verdammt uncool und der explosionsartig-wuchernde Feminismus wurde mainstream.

Was bedeutete das für mich persönlich? Klar ich hatte nie wirklich berufliche Probleme nur weil ich Frau war. Ich fühlte mich nie als Frau diskriminiert, aber ich fühlte mich als Mensch mit meinen Wünschen herabgesetzt und lächerlich gemacht. Mein Selbstbewusstsein war zu jener Zeit noch ziemlich lädiert und leicht erschütterbar. Noch war ich nicht soweit mich gegen den Mainstream zu wenden und meine eigenen Wünsche und Gefühle als richtig und wertvoll zu akzeptieren. Ich denke ich bin da bei Gott kein Einzelfall und es dauerte viel Jahre, bis ich meiner selbst zugestehen konnte, dass die in meiner Kindheit bereits vorhandenen devoten Züge nur hinter der Maske einer resoluten, alltagsdominanten Frau verborgen waren.

Halt was habe ich da geschrieben? Maske? Nein das ist das falsche Wort. Ich maskiere nichts, ich bin janusköpfig. Ich bin resolut, ich bin alltagsdominant, ich bin stark und im Schutz dieser Eigenschaften haben sich meine devoten Wünsche weiter entwickelt. Das was in meiner Kindheit meinen Glauben prägte und die Zukunftsträume des Teenagers beeinflusste, hat heute weder auf mein Handeln als gläubige Christin noch auf mein alltägliches Leben eine über die normale soziale Kompetenz hinaus gehende Bedeutung. Aber meine Devotheit ist nicht verschwunden, sie hat sich nur gewandelt. Geändert hat sich dabei nicht das Grundgefühl, sondern lediglich der Bereich in dem ich die Devotion auslebe. In meiner Sexualität erlebe ich heute meine devote Neigung als etwas beglückendes. Nichts erfreut mich so sehr, wie das Glück in den Augen meiner Liebsten, wenn ich ihnen freiwillig und ohne Zwang ihre erotischen Wunschträume erfülle. Es ist dieses glückliche Augenleuchten das es mir ermöglicht mich ganz und gar in ihre Hände fallen zu lassen und nur noch die Dienerin ihrer Lust zu sein.

(c) Tevoda

 

 

 

 

 
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