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Sag mir erst, wie alt du bist...
15 Jahre offene BDSM-Szene verkünden die Schlagzeilen, das große, alte Printmagazin im deutschsprachigen Raum. Grinsend denke ich an Pubertät, feuchte Träume, Pickel im Gesicht und erste Haare, die auf dem Sack sprießen.
Happy Birthday will ich jubeln und der Szene ein kräftiges "Weiter so!" auf der quirligen Reise durch die hormonellen Wirrungen wünschen - wäre da nicht diese Kröte im Hals, die jeden Jubelschrei erstickt und nur ein trockenes, hilfloses Krächzen zulässt.
Während in der aktuellen Ausgabe eines großen Frauenmagazins, das frei erhältlich und in jedem besseren Wartezimmer zur Lektüre ausliegt, eine Reporterin tabulos und aufgeschlossen über ihr dreitägiges Schnupperpraktikum in einem Dominastudio berichtet, detailliert beschreibt, wie sich eine Nadel erst durch die eine, dann die andere Brustwarze und schließlich noch die Vorhaut eines Kunden bohrt und wie sie auch mal selbst Hand anlegen durfte, droht den deutschsprachigen BDSM-Seiten im Internet der zwangsweise Rückschmiss in frühfinstere Kinderzeiten.
Verwirrende Träume deuten? Gedankenchaos sortieren? Feststellen, hey, so abartig und pervers bin ich gar nicht? Kontakte knüpfen und den Sprung vom einsamen Kopfkino ins reale Leben schaffen? War für mich und meine Generation das innere Comingout als Newby noch ein zäher, mühsamer und vor allem ein unendlich einsamer Prozess, so reichen heute im Zeitalter der bunten www.wunderwelt wenige Maus-klicks, um in der Flut der SM-Schmuddelseiten den Weg zu den ernsthaften BDSM-Communities mit ihren Onlinemagazinen, Foren, Archiven und Chats zu finden.
Noch - denn da sind die neuen Jugendschutzvorgaben und die ersten, konkret abgenickten AVS (AdultVerificationSysteme) der beiden Marktführer im Tanz um den Zugang rund um das schmudelgoldene Kalb der Onlinepornoindustrie. Über Nacht wurde der weitverbreitete Basic-X-Check, bei dem die Angabe der Personalausweisnummer als Schlüssel und Nachweis des Alters genügte, geknickt und damit unzählige Seiten zunächst unzugänglich.
Da wurde nicht lange gefackelt und schon gleich gar keine Zeit damit verplempert, niederschwellige Modelle im Rahmen der fürderhin geltenden Gesetze auch nur anzudiskutieren. Klar, mit neuen Zugangssystemen werden die Karten neu gemischt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst und der Kampf um die Claims der Markt- und Umsatzanteile hat begonnen. Schnell Nägel mit Köpfen machen, denn kaum ein User wird Kunde mehrerer Zugangssysteme werden wollen.
Natürlich kann ich mich, ohne rot zu werden, vor dem Postschalter in die Schlange derjenigen einreihen, die leicht verlegen, den Ausweis in der schwitzigen Hand, die Face-to-Face-Kontrolle per Post-Ident-Verfahren hinter sich bringen. Der gleichen Prozedur übrigens, die Voraussetzung dafür ist, um online hochspekulativ mein Vermögen an der Börse verschleudern zu dürfen.
Natürlich kann ich, aber es fuchst mich gewaltig.
Natürlich kann ich auch die Kosten für die Anmeldeprozedur, Grundgebühr und evtl. noch anfallende Monatsbeiträge an die Helferhelfer der Pornoindustrie löhnen, aber auch das fuchst mich. Ich will weiterhin im Internet auf deutschen BDSM-Seiten in Foren diskutieren, mit Freunden chatten, Infos abrufen und meine und fremde Kurzge-schichten lesen dürfen - nicht mehr und sonst gar nichts!
LustSchmerz mit seiner vielgescholtenen Anmeldeprozedur hat sich übrigens mal wieder als Vordenker erwiesen: wurden Storybereiche anderer Internetseiten für mich schlagartig unzugänglich, so entsteht hier zeitgleich, safe und sane, ein frischer, neuer Storybereich für die registrierte Mitgliederschaft.
Das gibt zu denken und lässt träumen - I have a dream!
Nein, kein Marsch der Schwarzen auf Berlin, anders - die Betreiber der "grossen" BDSM-Seiten vergessen für einen Moment den Wettbewerb um Klick- und Memberzahlen, das Rangeln um Werbe- und Onlineshopkunden und entwickeln und vertreiben ein eigenes BDSM-AVS und bieten dann den vielen "kleinen" und privaten BDSM-Seiten die Möglichkeit, diesem beizutreten.
Unrealistische Utopie? Nun, die eidgenössischen BDSM-ler grübeln und tüfteln an einer derartigen "schwarzen Karte" schon länger www.ig-bdsm.ch/schwarzekarte/ und war da nicht eigentlich auch mal etwas mit einem BVSM, einem Bundesverband der BDSM-ler und einer endlosen Diskussion, wofür ein solcher eigentlich erforderlich sein könnte? Sinnstiftung "schwarze Karte"?
Ene, mene, muh und raus bist du. Raus bist du noch lange nicht, Sag mir erst, wie alt du bist. Grüsst, thematisch nur beschränkt amused,
DarkGraf
"DarkGrafs Pantoffelkino" erscheint im Wechsel mit ‚Rose Kane' und ‚Ironies Spitzen' exklusiv bei Lustschmerz. Kontakt, Autogrammwünsche und Briefbomben an DarkGraf(at)web.de .
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