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In meiner Kinderzeit war die Welt einfach und klar: ein Kochlöffel war Küchengerät zum Umrühren entstehender Speisen, eine Wäscheleine das gespannte Seil zwischen zwei Bäumen, an dem mein roter Anorak baumelte, das Gitterbett war dazu da, nicht herauszufallen, und wenn gefragt wurde, ob Onkel Ernst wohl noch käme, ging es darum, ob mit seinem Besuch noch zu rechnen sei.
Eine erste Ahnung, daß nichts so sein muß, wie es ist, bekam ich mit zehn, als eine Nachbarin sich lautstark darüber beschwerte, daß ich bäuchlings auf der Schaukelstange lag und Überschläge trainierte. Das sei in meinem Alter nicht mehr schicklich, meinte sie zu meiner Mutter, welche dieses auf direktem Wege an mich weiter reichte. Eine Zeitlang grübelte ich noch über das Wort schicklich nach. Schicklich hatte für mich etwas mit Mode zu tun, doch was hatte diese wiederum mit meinen Turnübungen zu schaffen?
Mit dem Minirock wurde ein weiterer Stein des Anstoßes ausgemacht. Dem Trend folgend und nichts Böses ahnend, hatte ich im Geschäft nach einem gegriffen.
Veto: bis übers Knie, und damit basta. (Daß ich, kaum zwei Ecken um mein Elternhaus gekurvt, den Rockbund zweimal umschlug, versteht sich von selbst.) Auch bei den hautengen Jeans, deren An- und Ausziehen nur mit dem Schuhanzieher zu bewältigen war, schöpfte ich keinen Verdacht, die fand ich schick. Im Gegensatz dazu meine Eltern - die Beinkleider wurden mir schlichtweg verweigert, und ich bekam eine dunkelbraune Stoffhose mit Bügelfalte, Gürtel und integriertem Fischgrätmuster. Daß Kleidung mit erotischem Anreiz gleichzusetzen ist, wurde mir von der Theorie her in der Frauengruppe beigebracht, meine Hosen- und Pullovergröße wuchs auf XXL.
Doch immer noch war ein Kochlöffel ein Kochlöffel.
Das änderte sich schlagartig, als ich mit BDSM in Berührung kam, mein ganzer Alltag erhielt völlig neue Dimensionen. Jetzt kippt das Wort 'schlagartig', der Kochlöffel suggeriert mir die rötlich-warme Färbung eines Hinterns, bei einem Gitterbett denke ich an die vielfältigen Möglichkeiten, jemanden darin zu fixieren und Onkel Ernsts Kommen oder nicht läßt mich bänglich grübeln, ab welchem Alter möglicherweise keine sexuelle Lust mehr zu verspüren ist. Heftpflaster dient tatsächlich dazu, Wunden zu schützen? Und überhaupt: wofür braucht der Typ hinter mir an der Kasse bei Ikea die Gardinenstange?
Ihr Mann sei in letzter Zeit sehr kurz angebunden, erzählte meine Nachbarin vor ein paar Tagen - gut, daß wir darüber gesprochen haben. Muß ich jetzt noch erwähnen, daß die Bemerkung 'Tschulgung, det hab ick nich jesehn' in mir unweigerlich die Frage aufwirft ‚Maske oder Augenbinde?'?
Als Meister dieser Alltags-Erotisierung habe ich jedoch unsere Senioren ausgemacht. Sie kennen die Situation: Nach Büroschluß der Sprint in den Lebensmittelladen, um das unbedingt Notwendige noch zu besorgen.
So auch gestern bei ALDI.
Eigentlich habe ich nicht viel auf meiner Liste, die Schlange an der Kasse hält sich ausnahmsweise mal in Grenzen, Glück gehabt. Die Chancen, den feierabendlichen Einkauf hinter mich zu bringen, stehen gut.
Doch am Getränkeregal werde ich von einer älteren Frau aufgehalten. Ob ich ihr vielleicht helfen könne? Da vorne gäbe es diese kleinen Flaschen, die würde ihr Enkel so gern trinken, allerdings stünde seine Geschmackrichtung ganz unten. Und damit deutet sie auf eine riesige Beuge aufgestapelter Sportlergetränke, jeweils sechs Exemplare in Plastik eingeschweißt. Verschiedene Farben leuchten mir entgegen; die grünlich-gelbe Variante, auf die ihr zittriger Zeigefinger hinweist, befindet sich im unteren Drittel des Aufbaus.
Gut erzogen wie ich bin, beginne ich den Stapel zu demontieren, baue um mich herum die verschiedensten Geschmacksrichtungen auf, stoße endlich zum Objekt ihrer Begierde vor, ziehe es heraus, reiche es ihr und beginne, den Turm wieder aufzubauen. Eine Flasche brauche sie nur, wirft sie ein, so viel tränke der Enkel nicht, und bei Kindern ändere sich ohnehin schnell der Geschmack, Sie wissen ja, wie die sind, da darf man nichts auf Vorrat einkaufen.
So wie es aussähe, werden die wohl nur im Pack verkauft, wage ich einzuwerfen. Nein, nein, das sei nicht so, sie habe schon viel davon gekauft, es gehe auf jeden Fall auch einzeln. Also bohre ich mit dem Finger ein Loch in die Plastikumhüllung, wurstele eine der Flaschen heraus und gebe sie ihr. Sie schiebt ihre Brille auf die Stirn und hält sich das Getränk dicht vor die Augen. Oh, das sei ja Sprudel mit Geschmack, das sei nicht das, was sie hätte haben wollen, entrüstet sich mein Schützling. Und außerdem, ihre Flasche habe auf jeden Fall ein blaues Etikett und einen dunkelblauen Verschluß, keinen quietschroten.
Ihre Augen wandern. Aber da hinten, ja doch, da hinten sei das Richtige, genau das habe sie doch gesucht, sie sehe es gerade, vielen Dank, daß Sie mir geholfen haben! Und damit drückt sie mir die mühsam erkämpfte Trophäe in die Hand, schaukelt auf ein Regal zu, greift sich eine bunte Flasche aus der obersten Reihe und wendet sich Richtung Kasse.
Noch immer stehe ich perplex da und schaue ihr hinterher, als mich die scharfe Stimme einer ALDI-Mitarbeiterin im Rücken wachrüttelt. Das sei aber nicht erlaubt, so ein Sechser-Gebinde aufzureißen und ein einzelnes Stück herauszuholen, da müsse ich schon das halbe Dutzend kaufen. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder die Verpackungen öffnete, weil ihm gerade danach sei. Das ließe sich überhaupt nicht mehr verkaufen, wenn erst einmal die Plastikhülle entfernt wurde, und außerdem sei die Ware auch nicht für den Einzelverkauf ausgezeichnet, und eigentlich wisse auch jedes kleine Kind ...
Ja, ja, stottere ich, das verstehe ich, ja, natürlich, und überhaupt, ich habe nie nur diese eine, werde freilich alle sechs, aber selbstverständlich, und sie müsse entschuldigen, ein kleiner Fauxpas - und damit stolpere ich hochroten Kopfes zu meinem Einkaufswagen und stopfe das aufgerissene Pack hinein.
Hat jemand Bedarf an fünf Halbliterflaschen gefüllt mit einem isotonischen, grapefruitorientierten Getränk für Sportler? Der Geschmack ist SM in Reinkultur, versprochen.
(c) Ironie
"Ironies Spitzen"" erscheint im Wechsel mit `DarkGrafs Pantoffelkino`und ‚Rose Kane' exklusiv bei Lustschmerz. Kontakt, Autogrammwünsche und Briefbomben an fajen(at)gmx.de .
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