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Eine Gastbeitrag von Bernd
"SM und Christsein" - ein Widerspruch an sich! Das ist doch sonnenklar, das kann doch gar nicht anders sein - oder?!??!? Da kommt "SM und Spiritualität" schon besser- denn das klingt "irgendwie" mehr nach Gefühl, nach Hingabe, nach Versenkung ohne Tradition und Dogma und Kirche und sonstigem Ballast - endet dann aber doch allzuschnell in selbstgebastelter Subjektivität "für mich" und läßt geschichtslos allein. Und ich bleibe mit mir selbst zurück.
Ich möchte daher den Versuch machen, den vermeintlichen Widersprüchen zwischen SM und (christlichem) Glauben auf den Grund zu gehen. Zum einen ist da ein Problem der Kirche/n mit der Erotik und Lust überhaupt, zum anderen dann mit unserer speziellen Spielart, die der zuckersüßen Interpretation der Nächstenliebe so eklatant zu widersprechen scheint.
Woher kommt nun die kirchliche ( nicht christliche) Lustfeindlichkeit?
In der Bibel finde ich wenig dazu - im Gegenteil: das Alte Testament ist voller gelebter Erotik, auch in zweifelhaften Formen - wie z.B. der Zeugung der Nachkommenschaft Abrahams (und das ist schließlich das Volk Israel!) mit Hilfe von drei hergelaufene Gestalten (Sarah, Abrahams Frau, hat gekichert wie ein junges Mädchen!).
Das AT findet seine Krönung in dieser Beziehung im Buch "Hohes Lied" - einem Meisterwerk erotischer Literatur durch die Jahrtausende ( Die späteren Interpreta-tionen als Lobgesang auf die Beziehung Gott-Israel nehmen sich doch recht lächerlich und weltfremd-verklemmt aus).
Wenn das AT Normen im geschlechtlich-erotischen Bereich setzt, dann ausschließlich zum Schutz der damaligen sozialen Ordnung - etwa wenn Ehebruch streng geahndet wird oder wenn der Fortbestand der Familie als soziales Sicherungssystem gefährdet ist (wie bei Onan im Buch Hesekiel - hier ist von Selbstbefriedigung überhaupt nicht die Rede sondern eher von "coitus interruptus" als Empfängnisverhütung!).
Im Neuen Testament läßt Jesus sich bereitwillig mit Frauen ein - und sogar mit recht zweifelhaften, auch wenn über sein konkretes Liebesleben kein Wort verloren wird. Erst Paulus beginnt tendenziell der Lust, Erotik etc. entgegenzutreten - allerdings aus zwei leicht zu entschlüsselnden Motiven, die beide mit dem christlichen Glauben an sich wenig zu tun haben: Zum einen geht er von einem nahen Weltende aus und misst daher der Leiblichkeit und allem, was dazugehört überhaupt nur geringe Bedeutung bei. Zum anderen (und wichtiger) erlaubt ihm gerade dies seine wirklich geniale Missionsstrategie: den "Griechen ein Grieche" und den "Juden ein Jude" zu sein. Und dazu gehört eben auch die im Angesicht des nahen Gottesreiches völlig unterschätzte Leibfeindlichkeit der damaligen griechischen Philosophie. Ausgehend von Platon und Aristoteles wird nämlich anders als im Judentum des Alten Testaments sorgfältig zwischen "Geist" und "Leib" unterschieden. Der eigentlich freie "Geist" ist danach - vereinfacht gesagt- vom "Leib" oder "Fleisch" in einer sterblichen Hülle gefangen und muß daraus befreit werden - entweder in der Überwindung und Unterdrückung aller leiblichen Bedürfnisse oder durch die Verachtung und Unterschätzung der Körperlichkeit.
Das erste führt in die Askese, das zweite in die Verantwortungslosigkeit. Beidem setzt Paulus das Bild vom Leib als "Tempel Gottes" entgegen, der geehrt und verantwortet werden will. Die "Kirchenväter" - also die ersten Theologen in nachbiblischer Zeit- sind dann voll auf die "Griechische Linie" eingeschwenkt - wohl unter dem Druck der römisch-griechischen Kultur und um sich vermeintlich unnötigen Ärger zu ersparen.
Allerdings hat dann erst Augustin im 4.Jhd. den entscheidenden Schritt zur immer noch gültigen katholischen Sexuallehre getan. Keinesfalls ein Kind von Traurigkeit in jüngeren Jahren hat er die Kraft und Dynamik der Erotik selbst erlebt und genossen - und statt sie in sein späteres Glaubensleben zu integrieren und Gott für das erlebte Glück und die Erfahrung zu danken hat er sie als hinderlich für die völlige religiöse Versenkung empfunden und dämonisiert. Damit leugnet er die gerade im Alten Testament und auch bei Jesus vorausgesetzte Geschöpflichkeit der Lust und macht sie zum Sündenfall, der der Schöpfung und Gottes Willen entgegensteht.
Die Konsequenz bis heute ist dann nur folgerichtig: Das wahre Christentum wird danach in sexualfreier und erotikfeindlicher Keuschheit nach dem Mönchsideal gelebt, für die "schwachen Glieder am Leib Christi" bleibt "es" zähneknirschend erlaubt - allerdings ausschließlich zur Zeugung von Nachkommenschaft und gegen die Versuchung durch "Sittenlosigkeit" in geordneten und überwachten Ehebahnen.
Jede lustvolle Empfindung ist bis heute nach katholischem Dogma zumindest zweifelhaft und der Sünde verdächtig.
Leider sind auch Luthers eher zaghafte Ansätze ( "In der Woche zwier schaden weder ihm noch ihr") in der Folgezeit allzu schnell zugedeckt worden - die evangelische Kirche hat keine wirklich neue Sexualethik entwickelt und ich selber bin noch mit der Ermahnung erzogen worden beim Einschlafen besser die Hände über der Bettdecke zu lassen.
Fazit: die immer noch vorherrschende Lustfeindlichkeit der Kirche/n hat (fast) keine biblischen Grundlagen, ist aber von einer erstaunlichen kulturellen Klebrigkeit. Mit "Glauben" an den Herrn und Auferstandenen hat das allerdings nichts zu tun.
Und Sadomasochismus im besonderen?
Der Begriff taucht verständlicherweise in der Bibel nicht auf ( wie auch?), das Phänomen allerdings auch kaum - im Gegensatz zur griechischen Mythologie. Die großen Leidensgestalten des Alten und neuen Testaments, Hiob und Jesus, leiden nicht "lustvoll", noch nicht einmal für einen eingefleischten sadistischen Leser, vermute ich. Die Propheten werden zwar zur Verzweiflung getrieben, Paulus wird gefoltert - aber nie wird das Leiden transzendiert oder zum Selbstzweck. Stets bleibt es menschlich-immanent , nüchterne Folge menschlicher Verantwortungslosigkeit.
Allein bei Hiob treten überirdische Mächte auf den Plan - Gott und Satan -, Hiob selbst allerdings bekommt davon nichts mit, in seiner Wahrnehmung bleibt sein Leiden sinnlos. Offensichtlich integriert die biblische Überlieferung das Leiden ebenso wie die Erotik in den Bereich des geschöpflichen und handelt beides relativ unspektakulär ab. "Der Stoff, aus dem die Träume sind" fällt daher eher mager aus. Zwar wird auch in der Bibel geraubt, gemordet, vergewaltigt und betrogen was das Zeug hält - das wird allerdings immer als recht nüchternes und trocken beschriebenes Faktum betrachtet mit dem der Mensch zu leben und dessen Folgen er irgendwie verantwortlich zu tragen hat.
Anders dagegen die griechische Mythologie und Sagenwelt, die sich in lustvollen Beschreibungen ergeht, z.B. Odysseus und die Sirenen, Tantalus, Sysiphos u.v.a.m. Es bleibt erst den nachbiblischen Illustratoren überlassen, auch hier die Brücke zu schlagen und die Szenen der Bibel in ähnlich effektvoller und lustgeladener Weise auszumalen, Martyrien zu verherrlichen und Opfer genüßlich zu stilisieren.
Das allerdings erst in einer Zeit in der die Lust im allgemeinen und wohl auch unsere Lust am leiden(lassen) schon lange nicht mehr frei und irdisch gelebt, sondern nur noch auf dem Umweg über die Projektion an den Himmel genossen werden konnte. So zogen die Eremiten und Asketen in die Wüste, legten sich in Ketten und fasteten bei Wasser und Brot, geißelten sich und einander und taten das alles nicht weil es ihnen irgendwie Freude machte, sondern zum vermeintlichen Lobe Gottes.
Gott im Himmel wird vor Langeweile gegähnt haben. Und über die Märtyrer, die sich bereitwillig foltern, töten, kastrieren verbrennen und von wilden Tieren zerreißen ließen, wird er traurig den Kopf geschüttelt haben. Unterdessen verfolgten die Menschen in Rom und anderswo das Schauspiel lüstern oder verehrten die Opfer hingebungsvoll als Heilige.
Erst später, als die Macht die Seiten gewechselt und die Kirche bereitwillig ihren Anteil daran ergriffen hatte, entdeckten die Christen so richtig die Lust auf der aktiven Seite. Allerdings wieder nur auf dem Umweg über die Projektion an den Himmel. Kreuzzüge, Ketzerverfolgungen und die Inquisition geben ein beredtes Zeugnis davon. Wieviel friedlicher und liebevoller hätte die Geschichte verlaufen können, wäre die Lust an Dominanz und Unterwerfung nicht in Arenen, auf Schlachtfeldern oder in Hexen-prozessen verklärt, sondern offen und ehrlich in den eigenen Schlafzimmern oder Heuböden gelebt worden.
Irgendwann mit dem Beginn der Neuzeit entdeckt der Glaube die Welt neu, reformiert die Kirche (zuerst protestantisch, dann auch katholisch) und gräbt die großen Themen der Bibel wieder aus: Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit. Schon der Prolog zu den 10 Geboten sagt: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Darum sollst Du nicht... (1-10)! Jesus setzt dann die Liebe zum Nächsten und sich selbst auf eine Stufe mit der Liebe zu Gott und beides über alle weiteren Gebote und lebt vor, was Paulus dann theoretisch ausformuliert: Das Heil liegt nicht darin, daß der Mensch vor Gott gerecht wird, sondern darin, daß Gott den Menschen gerecht wird - damit sie einander gerecht werden können. Nicht wie es ein Gesetz verlangt, sondern wie sie es zum Leben brauchen.
In der Folge dieser (Wieder-)Entdeckung wurden Heilige, Hexen und Mönche abgeschafft oder verloren an Bedeutung, geistliche und weltliche Macht wurde deutlicher unterschieden und in den Bürgerfreiheiten der Städte entwickelten sich erste Vorläufer der Menschenrechte. Und spätestens die französische Revolution brachte die "Lust an der Lust" wieder ans Tageslicht. Auch die "Lust am Leiden" wurde mitbefreit - der berüchtigte Marquis belegt es schwarz auf weiß.
Aber die Lust verliert auch ihre vorübergehende Heimat im Himmel und gewinnt auf Erden einen neuen , mächtigen Gegner. Denn die Menschheit erfindet die "political correctness". "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" schließen nach aufgeklärtem Verständnis ebenso wie "Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gnade" Fesseln, Dominanz und Hingabe aus. Hier wie dort steht dahinter ebenso wie im alten Griechentum ein idealistisches Menschenbild, bestimmt von Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite und liebevoller Aggressionslosigkeit auf der anderen.
So verdienstvoll das für die weitere Entwicklung der Menschheit zweifellos gewesen ist, so wenig ließ es jedoch einen legalen und legitimen Raum für Lust, Leidenschaft und die kreativen Seiten von Dominanz und Unterwerfung. Nur folgerichtig suchten sie sich wieder ihre Wege im Untergrund der Seele: Die Märtyrer der ersten Jahrhunderte fanden Nachfolger in den Helden moderner Kriege, die Asketen des Altertums lebten im Purismus des 19.Jhd. wieder auf (und feiern heute Come-back?) und die Inquisition wurde durch den Faschismus in grausiger Weise in den Schatten gestellt.
Glaube und SM?
Der Widerspruch liegt m.E. nicht hier, sondern in einer spezifischen europäischen Kulturgeschichte, die der Lust und der Leidenschaft ihren legitimen Platz verweigert und stattdessen einem idealistischen Menschenbild frönt.
Meinen Glauben an Jesus Christus kann ich dagegen gut in Einklang bringen mit der S/M-Seite meines Lebens. Denn die Grundorientierung der Bibel, wie ich sie verstehe: "Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit" klingen doch ziemlich ähnlich wie die Trias aus "Safe, sane and cosensual" oder?
So macht es mir als SMer und Christ keine Mühe in Anlehnung an den 139. Psalm zu formulieren: "Ich danke Dir, Gott, daß ich (so wie ich bin) wunderbar gemacht bin".
Für alle, die noch ein bisschen mehr und gründlicher lesen wollen: Georg Denzler: "Die verbotene Lust" - 2000 Jahre christliche Sexualmoral. München 1988
(c) Bernd
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