
Die ideale Herrin
Streng, unerbittlich und böse? Das ist doch erst der Anfang...
Nachdem meine Ausführungen zum Thema "Der ideale Sklave" Gegenstand heftiger Diskussionen geworden sind, liegt natürlich nichts näher, als auch die andere Seite zu beleuchten: die ideale Herrin. Natürlich kann es eine allgemein gültige Beschreibung nicht geben, zu unterschiedlich sind Charaktere, Vorlieben und Spielarten. Aber es gibt doch einige grundlegende Eigenschaften, die jeder Herrin gut anstünden oder zumindest hilfreich wären.
Conditio sine qua non und Grundlage allen herrischen Daseins ist in jedem Fall die boshafte Veranlagung. Der Spaß am Leid anderer, das Vergnügen an der Pein hilfloser Opfer, die Lust am Quälen ausgelieferter Sklaven - das ist die Nahrung für die schwarze Seele einer wahrhaft begabten Domina. Wozu würde sie es sonst machen? Nur für ihn? Aus sozialem Engagement und Mitleid? Wohl kaum.
Nur aus echter Boshaftigkeit entspringen zutiefst kreative Folterideen, subtilste Erziehungsmethoden und ausgewogen-schmerzhafte Neckereien. Damit wären wir auch schon beim nächsten Punkt: Einfallsreichtum, Spielfreude und Aufgeschlossenheit für neue Ideen - solange es ihre eigenen oder die einer anderen Domina sind - zieren jede gute Herrin.
Damit jetzt keine Angst aufkommt: Selbstverständlich muss das dominante Böse durch eine gute Portion Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein ergänzt werden. Schließlich muss eine perfekte Mistress den Strafrahmen für sklavische Vergehen angemessen festsetzen und die Belastbarkeit des Missetäters realistisch einschätzen können - wir wollen das Arbeitsmaterial ja nicht überfordern oder vorzeitigen Verschleiß riskieren.
Die von ihr verhängten Strafen sollte die Domina mit Strenge und Konsequenz realisieren, um sich an der Austragung hingebungsvoll zu delektieren (Wozu verhängt sie sie sonst?). Überhaupt hebt die Fähigkeit zum Genuss, das heißt, zum Leben und Auskosten des Augenblicks, die Qualität und den Unterhaltungswert strenger Sessions um ein ganz beachtliches Maß.
Ihre Erziehungsmaßnahmen plant die Herrin idealerweise mit größtmöglicher Weitsicht. Techniken wie Fisting oder Ausdauerknien lassen sich nicht in wenigen Tagen erarbeiten, wenn auch der Sklave seinen Teil zum Geschehen beitragen soll (d. i. hingebungsvolles Stöhnen, lustvolles Ächzen u. Ä. statt ungeiler Schmerzensschreie ohne Sexappeal). Am besten liegt der pädagogischen Vorgangweise ein mit Bedacht erstellter Lehrplan zu Grunde, der allerdings situationsbedingt gehandhabt und angepasst wird. Langfristige Planung zerstört nämlich nur dann nicht den Zauber des Augenblicks, wenn sie mit Flexibilität und Spontanität einhergeht.
Durchaus hilfreich ist übrigens - so wenig dominant das auf den ersten Blick auch klingen mag - ein beachtliches Maß an Mitgefühl und Sensibilität. Diese dienen natürlich vor allem dazu, das dem Sklaven zugefügte Leid einzuschätzen bzw. zu beurteilen, ob dem Delinquenten noch mehr disziplinarische Schritte zugemutet werden können oder ob man weiterführende Maßnahmen nicht doch lieber auf ein andermal verschiebt. Wenn diese Eigenschaften mit der Fähigkeit einhergehen, sich jederzeit auf emotionale Distanz zum Opfer zu begeben (im jeweils gewünschten Ausmaß), steht dem Ausleben der frivolsten Fantasien wenig im Wege.
Dass zum Ausleben von Fantasien Mut gehört, braucht wohl nicht extra betont zu werden. Und zwar der Mut, nicht nur die Grenzen des Sklaven, sondern auch die eigenen unter die Lupe zu nehmen, auszudehnen und unter Umständen auch zu sprengen (natürlich nur bei Vorhandensein eines ausreichend belastbaren Objekts).
Ebensowenig herrisch mögen zunächst auch die Begriffe "zärtlich" und "liebevoll" anmuten. Doch das ausgeklügeltste SM-Szenario ist kalt und blutleer, wenn es auf Seiten der Herrin nicht von einem liebenden Herz getragen wird. Selbstverständlich liebt die perfekte Domina ihre/n Sklaven und hat stets dessen Wohl im Sinn, stets seine besten Entwicklungsmöglichkeiten hin zu seinem idealen Sklaventum - wie es ihrem Verständnis nach eben aussieht. Dorthin bringt sie ihn nicht nur mit Strafen und Schlägen, sondern natürlich auch mit Verlockungen, Belohnungen, Bezauberungen und Beschwörungen. (Ein wenig Charme schadet sicherlich nicht, ist aber nicht unbedingt nötig.)
Es mag vielleicht aufgefallen sein, dass bisher keinerlei optische Kriterien erwähnt wurden. Diese sind auch, soweit es Ideal und Perfektion der Dominanz betrifft, nebensächlich. So verschieden die Vorlieben, Spezialitäten und Abneigungen herrischer Frauenzimmer sind, so verschieden ist auch deren Erscheinungsbild und Ausdrucksform. Ob blond, braun, dunkel, hell, schlank, korpulent, groß, klein, jung, alt - es kommt bloß darauf an, dass sie es schafft, die Herrscherinnenstelle im Kopf und imLeben des/der betroffenen Sklaven einzunehmen.Dieses Unterfangen mag durch Äußerlichkeiten wie Kleidung, Aussehen und Accessoires unterstützt, niemals jedoch eigentlich bewerkstelligt werden.
Denn das größte Leder-, Latex- und Peitschensortiment ist unnütz, wenn es nicht von der entsprechenden Persönlichkeit getragen wird. Dazu ist eine gewisse realistische Selbsteinschätzung (der eigenen Fähigkeiten) und Selbstkenntnis (des eigenen Charakters) nötig, die zugebenermaßen beide erst mit der Erfahrung wachsen. Nur eine dominante Ausstrahlung, die auf innerer Ruhe und Gelassenheit beruht, vermag eine erotische Aura zu verbreiten, der sich jeder Sklave gerne unterwirft und hingibt.
Ohne mich wiederholen zu wollen, soll zum Abschluss noch eine der wichtigsten Eigenschaften einer idealen Herrin betont werden: Humor! Damit kann sie Unzulänglichkeiten jeglicher Art - nicht nur sklavische, sondern auch herrische - mit Fassung tragen. Denn natürlich ist es unmöglich, ständig und in jeder Lebenslage all den genannten Forderungen zu entsprechen. Doch sie sind ein Ideal, dem es nachzueifern gilt - schließlich wollen wir nicht nur die uns Anbefohlenen zu idealen Sklaven erziehen, sondern auch uns selbst zu immer besseren Erfüllungs-gehilfinnen unserer heimlichsten Träume entwickeln. Noch Fragen? Nur zu!
CaroLine
Photos: R.Putzker
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