|
ein Redaktionsbeitrag von Petra
Es ist Samstag Abend. Wir haben uns dazu entschieden nicht wegzugehen und den Abend daheim zu verbringen. Langweilig ist uns trotzdem nicht geworden. Du räkelst Dich schon zufrieden im Bett, während ich mit glücklichem Lächeln im Gesicht unsere "Spielzeuge" wegräume. Klammern, Seile, Peitsche...Zärtlich, ja fast liebevoll, reinige ich sie und lege sie wieder in den Koffer, wo sie auf ihren nächsten Einsatz warten werden.
Sonntag Abend. Wieder habe ich einen wundervollen Tag erlebt und wieder räume ich im Wohnzimmer die Spielsachen weg. Den Teddy, die Malstifte und die Schiffe, die wir gebastelt und im Waschbecken haben schwimmen lassen. Ich lächle und als ich leise das Kinderzimmer betrete, kann ich nicht anders, als meinem Engel im Schlaf liebvoll über die Haare zu streichen.
Zwei Welten. Die Sklavin, die sich quälen und benutzen lässt. Hart und fordernd sind die Zärtlichkeiten, die ich von meinem Dom erhalte. Tränen des Glücks und der Ergebenheit folgen der Demut, die ich mit ihm ausleben darf. Doch ich bin auch innerhalb kürzester Zeit wieder die Mutter, der beim Anblick der leuchtenden Kinderaugen vor lauter Zärtlichkeit und Liebe die Tränen unaufhaltsam über die Wangen laufen. Es ist oft ein unglaubliches Gefühlschaos, wenn ich von der einen Welt in die andere wechsle. Wie oft habe ich darüber nachgedacht, dass ich mich entscheiden muss? Doch entscheiden worüber?
Beides gehört zu mir, beides bin ich. Die Sklavin und die Mutter. Als ich mich entschieden habe, Kinder in mein Leben zu lassen, habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, dass ich dann meine Neigung wohl nicht mehr leben kann. Denn nun sollten sich meine Gefühle auf kleine hilflose Finger fixieren und nicht mehr auf die starke, unnachgiebige Hand eines Dom. Eine Entscheidung - die in Wirklichkeit nie eine war - war irgendwann getroffen und anstatt eines Doms erhielt meine Tochter die Hauptrolle in meinem Leben. Während sie heranwächst, stelle ich mir immer noch öfters die Frage, wie lange ich meine SM-Neigung noch leben kann.
Irgendwann muss es doch Probleme geben, muss meine Tochter doch merken, dass ihre Mutter eine besondere Art von Sexualität lebt. Also nehme ich manchmal gedanklich Abschied von meiner Leidenschaft. Abschied vom BDSM, zumindest vorübergehend. Oder wenn mir das nicht möglich ist, dann zumindest stark einschränken. Vorrübergehend, bis meine Tochter aus dem Haus ist. Eine lange Zeit. Oder sogar noch länger? Oder darf ich ihr am Besten gar nicht zeigen, dass ich devot und masochistisch veranlagt bin?
Erwähnt man als SMler, dass man ein Kind hat, erhält man in der Regel sofort einen mitleidigen Blick und es folgt die Frage: "Wie kannst Du denn da Deine Neigung leben? Geht das überhaupt noch? Ist doch bestimmt schwer..." Ja, es ist schwer. Und ja, mein SM hat sich verändert. Aber beides beziehe ich nicht auf das reale Ausleben, sondern auf die Gefühlsebene. Ich habe ich mir komischer Weise keine Gedanken darüber gemacht, wie sich meine Gefühlswelt im BDSM durch ein Kind verändern wird und wie ich nun feststellen muss, bereit mir das erheblich mehr Schwierigkeiten, als das aktive Ausleben meiner Neigungen. Rein praktisch lässt sich alles organisieren, auch wenn man sicher einiges anderes planen und machen muss, als in der Zeit der "sturmfreien Bude". Doch ich kann nicht sagen, dass ich meinen BDSM heute weniger intensiv und stürmisch lebe, als zu der Zeit, bevor meine Tochter geboren wurde.
Solange ich einen Partner habe der akzeptiert, dass mein Kind immer und überall Vorrang hat, ist das erfüllende Ausleben meiner Neigung gut möglich. Es gibt keine sexuell anzügliche oder demütige Pose in Gegenwart meines Kindes und jegliches SM-Inventar verschwindet nach befriedigendem Einsatz gesichert wieder im Schrank. Das Halsband ist eh alltagstauglich gewählt und damit für meine Tochter nichts anderes als eine stabile Halskette, an der sie nach Herzenslust zerren kann, ohne dass sie Angst vor Schimpfe haben muss, weil sie die Kette eventuell kaputt machen könnte. Und mein Ring? Letztens fragte sie mich: "Du Mama, bekomme ich auch so einen Ring mit den beiden Glückringen wie Du?"
*Schmunzel* Mein liebes Töchterlein. Das wollen wir erst in ein paar Jahren auf uns zukommen lassen und garantieren kann ich Dir das nicht. Aber wenn es eines Tages tatsächlich auch Deine "Glücksringe" werden, dann werde ich Dir dazu sicher ein paar schöne Geschichten erzählen können. Ja, es ist schwierig. Der Balanceakt der Gefühle zwischen BDSM und Kind. Wenn Du auf der einen Seite von Deinem Kind die Liebe "geschenkt" bekommt. Egal was Du machst, Dein Kind liebt Dich. In den schlimmsten Momenten kommt es auf Dich zu, nimmt Dich in den Arm und schenkt Dir das Liebste, was es hat. Einfach so.
In welchem Gegensatz steht dazu die Liebe, die ich von meinem Dom erhalte! Sicher gibt er mir, was ich brauche, genauer betrachtet sogar was ich will. Ich begebe mich mit ihm in diese besondere Gefühlstiefe, die jedoch halt manchmal - trotz der erfüllenden Höhenflüge - abgrundtief Schwarz ist. Ich muss dafür in der Regel mein Seele und Herz geben, bevor ich diesen unglaublichen Adrenalinschub bekomme. Auch wenn ich mich freiwillig darauf einlasse: Ist es im BDSM (und besonders im DS) nicht erst dieser Kampf mit den Gefühlen, der den besonderen Reiz ausmacht? Den anderen hilflos machen, oder sich dem anderen bedingungslos hingeben und das nicht spielerisch leicht wie ein Kind, sondern an der Grenze der (psychischen und physischen) Belastbarkeit, da wir Erwachsenen die Gabe des bedingungslosen Gebens meistens verlernt haben.
So betrachte ich oft meine Tochter und fühle, wie mein Herz schwer wird. Weil ich mich wieder einmal frage, ob diese Art von Liebe, die ich meinem Dom gebe und gleichzeitig von ihm empfangen darf, genauso eine Existenzberechtigung besitzt wie die Liebe, die mich mit meinem Kind verbindet? Oh, sicher kann man die erotische Liebe zwischen zwei Menschen nur bedingt mit der Eltern-Kind-Liebe gleichsetzen. Aber beide Male stehen meine Gefühle im Mittelpunkt. Und beide Gefühlsebenen sind gleich intensiv und leidenschaftlich für mich. Nur die eine Liebe ist zärtlich und bedingungslos, während die andere hart und fordernd ist.
Manchmal frage ich mich, ob ich eines Tages meinem Kind die Besonderheiten von BDSM erklären kann, wenn dies noch nicht einmal manch Erwachsener versteht? Einige Leute sagen: "Erkläre es Deinem Kind nicht, denn Kinder können es nicht verstehen und sollten damit nicht belastet werden. Lass es sie selber entdecken, wenn sie erwachsen sind".
Ich möchte, dass meine Tochter mich niemals in einer Session oder DS-Position/-Haltung erlebt. Mein Angst, meinem Kind (bzw. unserer Eltern-Kind-Bindung) damit nachhaltig zu schaden, ist in der Tat zu groß. Jedoch leben Kinder wertfreier als Erwachsene und vielleicht liegt für mich gerade in dem kindlichen Verständnis die Chance, dass mein Kind es eher begreift, dass ihrer Mutter mit dem Ausleben ihrer Neigung etwa Gutes getan wird. Und bin ich als Elternteil nicht maßgeblich dafür verantwortlich meinem Kind die Welt zu zeigen und zu erklären? Die Welt und besonders meine Welt, in der mein Kind eine Hauptrolle spielt?
Fragen, die sich mir immer wieder stellen und auf die ich mir keine Antwort geben kann. Antworten kann mir nur meine Tochter, indem sie mir mit den Jahren zeigen wird, wie sie die Welt mit all ihren Facetten wahrnimmt und begreift. Und bis ich Antworten bekomme, wird mein Gefühlschaos wohl erhalten bleiben und mich mehr quälen, als jede noch so süße Pein meines Doms...
(c) Petra
|