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SM und Liebe - ein unromantischer Exkurs durch ein komplexes Thema der Sehnsüchte


Ein Redaktionsartikel von Andrea Schneider

SM und Liebe.... Auf den ersten Blick eine recht klare Sache: egal ob man BDSM als Lebenseinstellung oder Sexualität versteht, das Fundament ist starke Emotion, Gefühl, Hingabe, Lust, Verlangen... also auch Liebe, klar!

Haben wir nicht immer wieder genug damit zu tun, der "Welt dort draußen", die Sadomasochisten die Fähigkeit zu lieben absprechen möchte, exakt diese zu erklären? Und wirkt es nicht so, also wären ständig alle auf der Suche nach dem trauten Glück zu zweit, das neben allen anderen Bedürfnissen eben auch SM Neigung glücklich vereint? Sind SM und Liebe also ein perfektes Doppel in Harmonie?

Auf die Gefahr hin, als unromantisch zu gelten... vielleicht ist dieses große Sehnsuchtthema etwas komplexer, als Liebesglück auf der einen, und Anzeigenfrust auf der anderen Seite glauben machen wollen. Unbestritten sind viele SMer auf der Suche. Vergleichsweise wenige leben in Partnerschaften, und nur ein geringer Teil in beständigen Liebesbeziehungen.

Nun könnte man natürlich sofort ins Klagelied der schwierigen Kontaktsuche verfallen, interessanter wird es aber andersherum... denn dann fällt auf, dass im vergleichsweise kleinen Kreis funktionierender SM Liebesbeziehungen, die Konstellation "aktiver Mann/passive Frau" klar überwiegt. Und auch hier mag die schnelle Bauchreaktion "es gäbe einfach viel weniger aktive Frauen", nicht so recht überzeugen, - sind es doch auch hauptsächlich die dominanten Zeitgenossinnen, die von ständig wechselnden Spielbeziehungen oft enttäuscht und nach einem konstanten, passiven Pendant auf der Suche sind.

Wenn also Maledom/femsub Lieben beständiger und funktionierender sind, als Beziehungen umgekehrter Konstellation, dann wird das schöne Thema "SM & Liebe" um einiges komplexer. Wie lebbar und alltagstauglich können Partnerschaften sein, die gesellschaftliche und persönliche Prägungen nicht unerheblich auf den Kopf stellen? Wie groß ist der Anteil SM submissiv empfindender Männer, die ihr Empfinden auch in den Alltag mit einer dominanten Frau integrieren können und wollen? Wo trennen sich in dieser Verbindung Phantasie, Wunschvorstellung und lebbare Realität?

Wenn man den gesellschaftlichen Rahmen betrachtet, dem wir uns alle nicht ein-fach entziehen können, dann wird die Frage nach dem unterschiedlichen Selbst-verständnis aktiver Männer und Frauen durchaus legitim. Und auch auf der anderen Seite gestaltet sich die Herausforderung SM submissiv fühlender Frauen, unterschiedliche Rollen aus Alltag und Sexualität zu verbinden, um vieles leichter, als bei ihren passiven "Brüdern im Geiste". Nur in Verbindung aus beidem entsteht ein tragfähiges Fundament für Partnerschaft ... - eine mögliche Erklärung, für die Mangelware "SM Liebesbeziehungen"?

Spricht man mit dominanten Frauen über ihre Enttäuschungen mit der Liebe, dann hört man wiederkehrend von Trennungen, wenn "ich auch mal schwach sein wollte", wenn "die starke Schulter wichtig gewesen wäre" oder "es ging immer nur um sein Wunschprogramm". Bilder, die sich umgekehrt in den Aussagen ihrer männlichen Pendants wiederfinden: von "gespielter, unglaubwürdiger Dominanz" ist da nicht selten die Rede, " die im Alltag keinen Bestand hätte".

Und eigentlich wundert es mich nicht wirklich, denn auch die Sexualität zwischen den beiden möglichen Konstellationen zeigt auffallende Unterschiede. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber im allgemeinen sucht und findet passive Frau den gerechten, souveränen Prinzen, der bei aller Dominanz auch den stützenden und auffangenden Partner abgibt, liebevoll leitet, die Schönheit des devoten Weibchens schätzt und dieses kraftvoll und warmherzig durch Herausforderungen und Grenzgänge führt. Bingo! Das Modell ist klassisch erprobt, alltagstauglich und wird von den meisten dominanten Herren gerne erfüllt, - ein Volltreffer mit recht hoher Erfolgsgarantie.

Ganz anders sehen oftmals die Sehnsüchte passiver Männer aus: dort herrscht nicht selten die distanzierte Göttin mit kühler Ausstrahlung, eiswürfelkaltem Blick und einer Komplettausstattung an fetischistischen Devotionalien mit Abspritz-garantie. Deutliche Demütigung, herrschaftliche Souveränität, größtmögliche Selbstständigkeit und Härte bezeichnen hier das Kopfkino, das in Realität dann eben doch oft auf eine Person trifft, die, Herrin hin oder her, auch viele menschliche und weibliche Züge hat und eine wahrhaftige "Verehrung" dem phantasieentsprungenen Kriechertum womöglich vorzieht.

Konsequent, wer als betroffener Mann die mögliche Disharmonie zwischen persön-licher Phantasie und Realität erkennt und aus daraus resultierender bewusster Entscheidung zum klaren Studiobesucher wird. Bei aller Liebe zur Liebe: nicht für jeden ist sie im SM Kontext erstrebenswertes Ziel und wirkliche Erfüllung.

Für andere steht sie prinzipiell richtig, weshalb sie geprüft und getestet, gelobt und verworfen, sehnsüchtig erhofft, gehalten, oder auch immer wieder ausgesetzt wird. In diesen Momenten zeigt sich manchmal recht grausam, dass SM zwischen möglichen Partnern zunächst einmal kleinstes gemeinsames Vielfaches, aber nicht unbedingt großer funktionierender Nenner ist. Die Rechnung ist investitionsabhängig, jeder muss seine Waagschale ausreichend füllen um ein ausgeglichenes Gewicht zu erhalten. Und das spricht sich so verflixt leicht, wenn die Vielfachen in der Überzahl, die Sehnsucht so groß und die Nenner verschwindend klein erscheinen. Spielbeziehung lautet dann das Zauberwort, das so wenig mit Liebe und so viel mit Kompromissen zu tun hat.

SM und Liebe... Klar lieben wir. Ständig, immer wieder.
Oftmals das Abenteuer, manchmal den Exzess, hin und wieder die Erfüllung, selten einander.

SM und Liebe hat vielleicht viel mit Liebe "ohne" SM zu tun. Mit all den Dingen, die weder geil, noch orgiastisch sind, die gemeinsam gelebt, geliebt und bewältigt werden und die schließlich auch SM Sexualität beinhalten. Oben und unten, aktiv und passiv können nur Eckdaten sein, die glückliche Möglichkeiten in Aussicht stellen. Wer sich selbst auf diese reduziert, trifft leicht auf reduziertes Glück.

Keine Frage: Sadomasochismus und das "Gefühl Liebe" widersprechen sich nicht. SM in seiner Ausführung ist eine Liebesform, die allen Respekt für tiefes Empfinden auf beiden Seiten verdient. Damit aus Vertrauen, Hingabe, Verantwortung und Genuss allerdings eine lebbare Liebe entstehen kann, - dafür bedarf es mehr als "sinnlicher Magie" und der Umsetzung großer Sehnsuchtsbilder.

SM Liebe beginnt ungefähr dort, wo sub auch den Dom stützt, Aktiver sich dem Grenzgang "Geschirrspülen" stellt, 24/7 füreinander eingestanden und der Alltag gemeinsam getoppt wird. SM Liebe trägt neben Lack und Leder auch Wollsocken und Gipsverbände, nahbare Göttinnen wollen lachen und haben vielleicht Schwangerschaftsstreifen, O´s einen eigenen Kopf und auch souveräne Herren sind vor Fehlern nicht gefeit.

SM und Liebe? Ja, sie ist möglich und wunderschön. Wenn sie von Rollen und fokusierten Sehnsüchten, nicht bestimmt, sondern erweitert wird, ist sie sogar lebbar. Uneingeschränkt, wie es der Liebe entspricht.

© Andrea Schneider

 
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