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Teil 3: Die Besonderheiten: Rollen und Rituale
Lifestyle-SM oder Naturveranlagung, die Suche nach dem eigenen Weg.Zwei ebenso provokante wie falsche Bezeichnungen, die leider durch manche Köpfe schwirren, aber eigentlich verbannt gehören. Letztendlich benennen sie die beiden unterschiedlichen Intentionen von SMern:Lifestyle: der verspielte Umgang mit Lust und Experimenten,Naturveranlagung: ritualgeprägte Hingabe, die einen ernsthaften Anspruch an gelebte Neigung stellt.Erinnert ein wenig an "echten und falschen SM" und irgendwie auch an "Krankheitsbild oder Zwangssexualität" und gehört deshalb in die alte Mottenkiste. Richtig ist allerdings, daß es eine Komponente gibt, die elementare Unterschiedlichkeit im Umgang mit BDSM zeigt: DS.
Devotion, Domination und Submission sind "Spiel"arten, die eine Grundeinstellung zu psychischen Kicks beinhalten. Vielen DSlern ist es wichtig klare Machtstrukturen in ihrer Sexualität, ihren Bindungen, auch ihrer Lebensform zu spüren. Manche ersehnen sich die totale Unterwerfung oder wollen sich in ihren Entscheidungen dem dominanten Part beugen. Ein durchaus legitimer Wunsch, wenn die Umsetzung nicht an Destruktivität scheitert. (Dazu mehr bei 24/7)
Es stimmt also durchaus, daß es zwei grundlegend unterschiedliche Formen von BDSM gibt. Beide haben ihre Berechtigung, keine ist besser oder schlechter. Wer sich neu mit BDSM-Gefühlen beschäftigt, wird im Laufe der Zeit feststellen welche Art seinen Träumen und Wünschen mehr entspricht. Es lohnt sich zu experimentieren und zunächst offen auf alles zuzugehen. Phantasien werden sich von realen Möglichkeiten unterscheiden und das ist durchaus gut so. Letztendlich zählt nur der eigene Weg, die eigene Entwicklung und das Ergebnis das einen glücklich machen sollte.
Eines ist aber wichtig: daß man sich von keinem Menschen erzählen lassen muß, wie "richtiger" SM zu sein hat. Sicherheit, Einvernehmlichkeit und gesunder Menschenverstand sind die einzigen Maßstäbe. Und die eigene Reflektion, daß ich als Mensch mit allen Facetten "meinen" SM als glücklich und richtig empfinde. Und da ist es ziemlich egal, ob mein SM mit Seidentüchern oder Kellerverliesen zu tun hat.
Kriechen oder gehen? Wie benimmt man sich eigentlich als "Sub"
Das letzte Kapitel dürfte deutlich zeigen, das diese Frage nur sehr schwer zu beantworten ist. Wenn es zwei unterschiedliche Formen BDSM gibt, dann gibt es wohl auch unterschiedliche Verhaltensweisen...
Richtig. Aber wir gehen ja von einem "grundsätzlichen" Verhalten aus. Wie benimmt man sich als Sub bei einem ersten Kennenlernen, außerhalb jeden Spielcharakters? Und diese Frage ist sehr einfach zu beantworten: man benimmt sich als Mensch mit guter Kinderstube, ganz normal. Insbesondere bei Gruppentreffen oder Stammtischen hat unterwürfiges Verhalten nichts zu suchen.
Die Frage die für die meisten aber von größerem Interesse sein dürfte, ist wie man sich als Sub verhält, wenn man einer dominanten Frau, einem dominanten Mann gegenübersteht, sich diese/n vielleicht sogar als Spielpartner vorstellen könnte...
Auch hier gilt: freundliches Auftreten und vielleicht eine gewisse Zurückhaltung erfeuen mehr als unerwünschtes "zu Boden werfen". Die Regel ist eigentlich sehr einfach: solange ich mit jemandem nicht im "Spielkontext" stehe, verhalte ich mich völlig normal, bin hilfsbereit, nicht aufdringlich, unterhaltsam und aufmerksam. Speziell dominante Damen wünschen sich beim submissiven Mann mehr den hingebungsvollen Galan, denn den aufopfernden Kriecher.
Da der Herr oder die Herrin noch lange nicht "mein/e" HerrIn ist, genügt als Ansprache vollkommen der übliche Vorname und da ich nicht jedermanns/fraus Sklave/in bin, möchte ich auch selbst mit meinem korrekten Namen angesprochen werden.
Alles andere ergibt sich erst dann, wenn gemeinsam eine Spielsituation beschlossen wurde. Ob sich darin Anrede und Verhalten ändern, liegt im Ermessen der Beteiligten.
Schreien oder wirken? Wie benimmt man sich eigentlich als Top?
Gleiche Pflicht für alle. Was eben für submissive Menschen galt, ist ohne Abstriche für dominante Zeitgenossen zu übernehmen. Außerhalb von Spielsituationen zählt *Mensch* nicht Rolle.
Es existiert keinerlei Veranlassung mein komplettes SM Umfeld zu "dominieren" und Freundlichkeit ist auch für die Damen und Herren Tops eine Zier. Aber vielleicht auch hier einige Anregungen zu dominantem Verhalten, wenn es "darauf ankommt": Souveränität ist das Zauberwort, daß bei submissiven Spielpartnern den Schalter umlegt. Hysterie, Schreiarien oder übertriebene Darstellungen machen jeden Top zum lebenden Comic. Glaubhafte Überlegenheit kommt von Innen, ist selbstverständlich und strahlt Ruhe aus.
Dominanz darf humorvoll sein, Dominanz kann lächeln, sie muß nicht verkniffen sein. Dominanz beherrscht durch Klarheit und Überzeugung. Mentale Stärke und Phantasie sind ein unschlagbares Doppel. Sichere Stimme kann leise sein, wer schreit hat unrecht, das ist bekannt.
Und: auch der dominante Part darf sich Schwächen leisten, ebenso wie der submissive niemals seine Stärke zu verlieren braucht. Eigentlich alles ganz einfach und verständlich, oder?
Begrifflichkeiten: von "Sklaven, Huren, Sirs und Herrinnen"
SM ist Fantasie. Und so ist es nicht verwunderlich, daß es viele Sadomasochisten genießen eine "außergewöhnliche Welt" in ihren Spielen aufzubauen. Diese findet sich manchmal auch in besonderen Namen und Bezeichnungen, die das spezielle Machtgefälle bestmöglich unterstreichen sollen. So wird aus Hildegard ganz schnell "Lady Contessa", Karl-Heinz gefällt sich als "Sir Stephan" besonders gut und mancher Submissive sieht sich gerne als entpersonifiziertes Wesen, als "Sklave" ohne Eigenname.
Diese Bezeichnungen wären endlos fortzusetzen und mache SMer entwicklen einen phantastischen Einfallsreichtum, um sich selbst oder ihrem Gegenüber eine besondere Inszenierung zukommen zu lassen. Eine schöne Spielweise, die wiederum meist bei Freunden der DS-Lebensform zu finden ist.
Und hier schließt sich wieder der Kreis: besondere Namen *können* SM Lust steigern, sie *müssen* nicht jedem entprechen. Als reiner Masochist ohne devoten Hintergrund genieße ich sicherlich den Schmerz, kann es aber albern finden Hildegard als "Lady Contessa" anzusprechen. Ein devoter SMer kann sich dagegen vielleicht erst richtig fallenlassen, wenn er sich "seiner Herrin" schenkt.
Also wiedereinmal auf den Punkt gebracht: Besonderen Bezeichnungen gehören bei Gefallen in eine Spielsituation oder eine Paarabsprache. Auf der "freien Wildbahn" können sie vorkommen, aber dort gibt es keinen Grund sie ernstzunehmen. In der U-Bahn, am Bartresen und an der Aldikasse sitzt Karl-Heinz, nicht "Sir Stephan"
24/7 - Phantasietrip oder reale Lebensform?
Die Fragen aller Fragen die Einsteiger regelmässig interessieren lautet: "Was ist eigentlich 24/7"? und die nächste folgt auf dem Fuße: " Wie soll denn so etwas funktionieren können?".
Zunächst der geheimnisumwogene Begriff: 24/7 heisst "24 Stunden, 7 Tage die Woche", und steht somit für eine Komplettunterwerfung und komplette Machtübergabe. Da ist sie also wieder, die Lebensform DS. Genau hier findet sie Ihre größte Phantasie und ebensolche Herausforderung: in 24/7 - "Rund um die Uhr". Und die erste übliche Reaktion ist natürlich: "So ein Unsinn kann nicht funktionieren, wie könnte denn ein Mensch ständig den Ton angeben und der andere sich ständig unterwerfen...?"
Wer ein wenig weiter denkt merkt schnell: diese Thematik benötigt Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft. Natürlich kann 24/7 unter der Denkweise "ständiger Beherrschung" nicht funktionieren. Paare die diese Form kontinuierlich leben entscheiden sich aber auch meist für eine andere Prämisse: "Der dominante Part *kann* jederzeit seine Macht einfordern, er *muß* es natürlich nicht ununterbrochen.
24/7 ist am besten als "ständige Möglichkeit" zu beschreiben, nicht als "ständige Verpflichtung". Und unter dieser Betrachtungsweise werden 24/7 Beziehungen dann eben doch begreifbar. Sicherlich werden sie den Beteiligten nicht geschenkt. Keine Lebensform benögt mehr Reflektion, mehr Klartext, mehr Klarheit. Beide übernehmen ein Höchstmaß an Eigen- und Fremdverantwortung. In 24/7 Beziehungen kann sich Sub nicht einfach zurücklehnen und Top nicht nur den harten Macker geben. Viele scheitern an dieser Herausforderung, viele merken daß nicht jede Phantasie die Realität erträgt und viele gehen gerne aus einer solchen Absprache wieder heraus.
Manche allerdings finden in 24/7 ihr Glück, und dann geht es selten um kalte Kellerverliese, sondern um Machtgefüge die ihre Berechtigung und Umsetzung aus Einfühlungsvermögen und Verantwortung auf beiden Seiten beziehen.
Körper & Geist: von psychischen & pysischen SM Momenten
Die letzten Kapitel machen klar, daß sich SM selten nur auf einer Ebene bewegt. Meist kommen Kopf und Bauch zusammen, verlangen Phantasiebilder und körperliche Reize gemeinsam nach Erfüllung.
Egal ob BDSM oder DS gewichtet, die größte Herausforderung liegt meist im "sich fallenlassen können". Jeder von uns trägt sehr viel "Alltagsmensch" in sich und dieser ist nicht einfach auszuschalten, es bedarf einiger Übung und selbst nach vielen Jahren der Erfahrung wird es Momente geben in denen der Kopf einfach nicht loslassen will.
Gibt es Tips, die ein "Fallen" erleichern? Sicher nicht verallgemeinert. Aber manchmal kann es helfen, die reale Spielsituation durch einen zusätzlichen "Kopffilm" zu erweitern. Ein Ausflug auf die Metaabene, was bedeuted "sich selbst in diesem Spiel zuzusehen" kann manchmal den erlösenden Kick verschaffen. Schmerzen wiederum kann man entweder "aufsaugen" indem man sich völlig auf sie konzentriert, oder "erträglich gestalten", indem man sich mental von ihnen entfernt. "An etwas Schönes denken, die Insel projezieren", kann die Möglichkeit schaffen, eigenen Körper ansatzweise zu verlassen und Schmerz zu relativieren.
Man muß nicht über glühende Kohlen laufen, es genügt schon ein wenig Fähigkeit zu "autogenem Training", um im richtigen Moment die Flügel ausbreiten zu können. Was übrigens Sub und Top gleichermassen betrifft. Jeder zieht seinen Genuß nur zum Teil aus Phantasie und Praktik, der wichtigste Kick kommt letztendlich aus dem Zusammenspiel und aus der Reaktion des anderen. Aus seinem Genuß, seiner Hingabe, seinem Flug. Rituale und Rollen können nur den Rahmen schaffen.
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