Spacer München: 21.11.08
Für alle Südlichter gilt am kommenden Wochenende: Le Café Bizarre goes New York! Die nächste Fetish night findet in der Diskothek "New York", Sonnenstr. 25 im Münchner Zentrum statt. Rauchen ist am 21.11. im Partybereich uneingeschränkt möglich, geöffnet ist von 21:30 bis 04:00 Uhr, bitte mit Dresscode. Mehr unter http://www.bdf-party.de/

 

 

 

 

24/7 – Wenn der Sozpäd zweimal klingelt


Eine Rezension von Torsten Kieslich
Filmfotos am Ende dieser Seite

Nun ging es also endlich mal wieder ins Kino. Sogar in eine hochoffizielle Vorpremiere. Dazu noch in einen Film, dessen Titel „24/7 – The Passion of Life“ einiges versprach, spielt er doch auch in einem bekannten Münchner Domina-Studio. Gut, das lautstark zwischen einem herbeigeeilten Rundfunkreporter und dem Regisseur geführte Gespräch, dem wir, nur eine Bierweite entfernt, nicht entgehen konnten, liess leichte Zweifel aufkommen. Zwischen der wirklich packenden Unterhaltung, in der der Rundfunkmann die Vorzüge seines digitalen Rekorders und der zur Sicherheit mitgebrachten Batterien pries, fiel die Aussage, man habe einen Film machen wollen, in dem die sozialpolitische Basis und die verdrängte Sexualität in der Gesellschaft eine Rolle spiele. Aber nun gut, warum soll ein bekennender Nicht-SMler das nicht so beschreiben, um endlich einen guten Film über SM abzuliefern? Heißt das nicht sogar, dass hier SM von seiner „normalen“ Seite gezeigt wird, die „Perversen“ sich als „Otto Normalbürger“ entpuppen und nicht als die gestörten Gestalten, für die der moralinsaure Teil unserer Mitbürger sie hält?

Also starteten wir frohgemut unseren Filmabend. Und frohgemut muss man in der Tat sein, wenn man sich diesen Film ansieht, denn 24/7 präsentiert unzweifelhaft schöne Bilder. Unwillkürlich wünschte ich mir das ein oder andere Motiv als Bildschirmhintergrund für den heimischen Mac. Offenbar war aber das Filmteam der Meinung, den schönen Bildern einen Kontrapunkt entgegensetzen zu müssen: Die Dialoge sind häufig gezwungen und so belehrend,  als müsste der sozialpolitisch hohe Anspruch auch wirklich in jedem Wort manifestiert werden. Vielleicht hat aber auch nur, womöglich aus Kostengründen, eine sozialpädagogische Arbeitsgruppe das Drehbuch überarbeitet?

Dass wir uns da nicht missverstehen, es ist kein schlechter Film. Ebenso wenig sind die dort plakativ und mit erhobenem Zeigefinger verkündeten Inhalte falsch – sie sind nur nicht für Menschen geeignet, die einfach nur Spaß haben möchten und mit SM oder Sex überhaupt kein Problem haben. Ich jedenfalls habe immer verstohlen nach dem FWU-Schulfilm-Gütesiegel gesucht. <?xml:namespace prefix = o />

Die Frage, die ich mir bei diesem Film stelle, ist, für wen er denn überhaupt gemacht ist? Da finden wir herrliche, reale Aufnahmeorte – nicht nur das SM-Studio, sondern auch der Swinger-Club und die Strip-Bar sind authentisch -, doch die Möglichkeiten, hier ein Augenzwinkern, eine ironische Distanzierung oder sogar ein Lachen einzubauen, werden nicht recht genutzt. Die Texte dozieren in aufgesetztem Manierismus und als „Zuckerguss“ werden dem Film religiös verbrämte Klischees in Gestalt einer Passionsgeschichte übergestülpt. Selbst die Figuren mussten sich in ihrer Namensgebung diesem Gebilde anpassen und so haben wir eine Lady Maria, die privat Magdalena heißt und eine Eva, die dann auch folgrichtig auf der Suche nach Erkenntnis ist.

Die Macher selbst beschreiben 24/7 The Passion of Life als einen provokant-poetischen Film über Obsession und Einsamkeit, über die geheime Lust und die öffentliche Moral: 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Damit wäre dann auch der Titel erklärt, der nämlich ganz und gar nichts mit „unserem“24/7 zu tun hat. Und so ganz kann ich den Verdacht nicht von der Hand weisen, dass hier sowohl der Titel als auch die SM-Szenerie gewählt wurden, um eine gewisse Sensationslust anzustacheln. Denn wenn das SM-Studio als, wie die Macher es beschreiben, neutraler Ort gesehen wird, in dem Träume erfüllt werden, hätte die ganze Geschichte ja eigentlich auch in einer Tankstelle in Kleinwülferode spielen können.

Im Verlauf entpuppt sich der Film immer mehr als Lehrstück, das den Fortlauf seiner Handlung aus mit dem Vorschlaghammer konstruierten Ereignissen bezieht. Da trifft die Hotelierstochter Eva (Marina Anna Eich) zufällig auf die Soziologin Magdalena (Mira Gittner), die als Domina „Lady Maria“ in einem SM-Studio arbeitet. Man stelle sich das etwa so vor: Da verlässt eine Domina morgens (!), es muss so zwischen 8 und 9 Uhr sein, das Studio. Ich wusste nicht, dass dort inzwischen eine Nachtschicht eingeführt wurde - aber sie muss immerhin nicht ausstempeln. Prompt bleibt sie mit ihrem Motorrad auf einer einsamen Landstraße liegen und wird dort natürlich von Eva aufgelesen. Aber wie stellt man nun den Fortgang der Geschichte sicher? Ganz einfach: Eva setzt Maria/Magdalena an der nächsten Motorradwerkstatt ab. Maria ihrerseits vergisst ihren Rucksack in Evas Auto.

Ab hier geht dann die eigentliche Story los: Eva packt den Rucksack aus und findet alles, was eine Domina auf dem Weg nach Hause so mitzuführen pflegt – angefangen beim Vibrator über die Handschellen  bis zu den Brustklammern. Was nun folgt, beschreiben die Filmemacher so: „Von der bizarren Welt der Lady Maria fasziniert, begibt sich Eva auf die Suche nach ihrer ureigensten Identität und beginnt eine Odyssee durch die Welt der Sexualität - eine Reise zu den verdrängten Landschaften unserer Seele.“

Unser Evchen bringt, nett wie sie ist, den Rucksack seiner Besitzerin zurück. Sie hat noch nie ein SM-Studio betreten und wandelt erst einmal mit leuchtenden Augen und ohne jede Irritation durch die Studiolandschaft. Aber mal ehrlich, ein bisschen irritiert wäre eigentlich jeder, der zur Begrüßung eine Leine in die Hand gedrückt bekäme, an deren Ende ein auf allen Vieren laufender Mensch mit einer Hundemaske hinge. Nur nicht unser Eva – sie geht erstmal Gassi durch das Studio.

Einmal mit Maria ins Plaudern geraten, verrät sie, ihre Sexualität erkunden zu wollen, wird aber von der vor sch hin dozierenden Lady Maria an einen Swingerclub verwiesen, um nicht mit der „Königsdisziplin“ SM zu beginnen. So lustwandelt sie durch Swingerclub und Stripbar, trifft auf schmerbäuchige, geifernde (und leider gut gezeichnete) Männer, von denen man weiß, dass sie im realen Leben kaum eine Chance hätten, dieser Frau auch nur auf 10 Schritte nahe zu kommen.

Während also Eva auf der Suche nach sich selbst und ihrer Lust ist, sehen wir auch, was Lady Maria so in ihrem Reich treibt. Hier schwelgt der Film in wirklich gelungenen Bildern. Der Zuschauer sieht herrliche Studioräume (es handelt sich um das „Bizzaradies“ in München) und es werden fantasievolle und aufwendige Inszenierungen präsentiert. Leider sind auch diese Rollenspiele nur Mittel zum Zweck und sind inhaltlich auf die Passionsgeschichte ausgerichtet.

Das ist nur schwer verdaulich und selbst das Pressematerial zum Films begibt sich ins Seminar: „Ein Film, der mit religiöser Symbolik zwar operiert, sie aber mit Nietzsches Hammer prüft, karnevalesk, stets ein Lachen auf den Lippen, das die Semantik unserer gewohnten Ordnung zerreißt. Der religiöse Prätext, dem Menschen wie ein Brandmal inskribiert, erscheint von Anfang an dekonstruiert, seine Zeichen jedoch sind nicht so einfach aus der Welt zu schaffen; anders gesagt, als ungeheure Provokation: wenn Gott schweigt, vielleicht kann Satan antworten?“

Das beschriebene Lachen auf den Lippen muss den Darstellern irgendwo abhanden gekommen sein – jedenfalls hat es seinen Weg auf die Leinwand nicht geschafft. Hier wird auch die größte Schwäche des Films sichtbar: Alle Figuren sind problembeladen, jeder Satz ist staatstragend und niemand hat Spaß. Wo kämen wir auch hin, wenn SM Spaß machen würde? Nicht Lust und Erotik sind die treibenden Kräfte in diesem Film, sondern eine verbogene Religiosität.

Statt alte Klischees aufzudecken, bedient der Film zielsicher alle Vorurteile. Ihm fehlt dazu der notwendige Schuss Witz und Lebensfreude – wo sie aufkommen könnte, wird sie gleich wieder zielsicher beseitigt. Besonders augenfällig ist dies in einer Szene, die zuhause bei Maria/Magdalena spielt. Sie ist krank und erhält Besuch von der einzigen originellen Figur des Films, dem Putzsklaven „Elfriede“. Er setzt sich zu ihr und erzählt plötzlich ansatzlos, dafür aber episch breit, von seinen Horrorerlebnissen in der Kriegsgefangenschaft. Was diese Stelle in dem Film zu bedeuten hat? Der Rheinländer würde sagen: „Mer weiß et nit“. Einen Bezug zur Handlung lässt sie jedenfalls nicht erkennen.

Ob es nun Absicht oder Unkenntnis ist – auch die Darstellung des SM-Studios ist nicht wirklich realitätsnah. Lady Mariechen scheint – neben dem genannten Putzsklaven Elfriede – völlig allein im Studio zu sein. Es gibt keine anderen dort arbeitenden Frauen (außer einer Szene, in der aus heiterem Himmel noch jemand anwesend ist, sich aber ebenso schnell auch wieder in Luft auflöst). Auch Geld spielt in diesem Film im Umfeld professioneller Studios keine Rolle. Dabei sind gerade die hier ausschließlich gezeigten aufwendigen und langdauernden Inszenierungen sehr teuer und, zumal in dieser Häufigkeit, für den Normalbürger kaum bezahlbar. „Normaler“ SM, obwohl eigentlich das Brot-und-Butter-Angebot professioneller Studios, findet schlichtweg nicht statt. Lady Maria scheint mehrere hundert Quadratmeter Studio und ihren Lebensunterhalt mit einer Handvoll Stammkunden zu finanzieren.

Damit dürften sich nur wenige SM-Interessierte und noch weniger Studio-Besucher in diesem Film wiederfinden. Ist es also ein Film für Menschen, die sich mit SM nicht auskennen, die vielleicht etwas Einblick in die Neigungen ihres Bruders, Schwagers, Nachbarn, Freundes, Partners erhalten möchten? Was finden die, die keinen Bezug zu SM zu haben? Die Botschaft scheint eindeutig: SMer, insbesondere die Besucher professioneller Studios, sind durch die Bank psychisch angegriffene Personen, die sich auf diesem Wege selbst therapieren. Nicht, dass es solche Kandidaten nicht auch gäbe – sie sind aber weder die Regel im Studio noch der Prototyp des normalen SMers von nebenan. Was bleibt, ist die Bestätigung aller im Film angeschnittenen Klischees.

Zur Ehrenrettung des Films sei gesagt, dass er tatsächlich auch kein SM-Film sein will. Vom selbsternannten „Erotik-Drama“ ist er aber durch mangelnden Witz, dozierenden Ton und unsägliche Langatmigkeit ebenfalls meilenweit entfernt. Das kann auch Mira Gittner mit ihrer guten Darstellung der Domina, nicht mehr herausreißen, zumal die ihr in den Mund gelegten „Lehrsätze“ den guten Ansatz sofort wieder torpedieren.

Ein Blick auf andere Filme zeigt dabei, wie man wichtige und richtige Dinge präsentieren kann, ohne gleich in wagneresker Manier bedeutungsschwanger zu sein. Filme wie „Secretary“, kommen völlig ohne den erhobenen Zeigefinger mit eingebautem Sozialpädagogen aus, ohne gleich seicht zu wirken.

24 / 7 The Passion of Life
Erotik-Drama
Kinostart Deutschland 16. Feb. 2006
Kinostart Österreich am 9. März 2006
Deutschland 2005
115 Min.

Regie: Roland Reber
Buch: Roland Reber, Mira Gittner
Kamera: Mira Gittner , Roland Reber
Schnitt: Mira Gittner
Musik: Wolfgang Edelmayer
Drehorte: Deutschland (Bayern), Österreich (Tirol)
Produktionsfirma: wtp international GmbH

Bilder zum Vergössern bitte anklicken












 

 

 
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