
Inhalt und Verpackung
Ich gestehe freimütig: ich bin keine Verpackungskünstlerin. Auch wenn ich die Grundbegriffe des Bondage beherrschen mag und mir die Anwendung derselben großen Spaß macht, kann ich Männer nicht – oder zumindest nicht ohne fremde Hilfe – kunstvoll in 700 Meter Seil einschnüren und mittels ausgeklügelter Konstruktionen an der Wand befestigen oder von der Decke hängen lassen.
Das finde ich zwar schade, aber erstens gibt es für mich hunderte andere Arten, an und mit Männerkörpern Spaß zu haben; zweitens reicht mein Können für die meisten Situationen und Bedürfnisse, die in meinen Spielen auftreten können, aus; und drittens hab ich nichts von Genitalbondage gesagt: das ist eines meiner Steckenpferde, mit dem ich mich auch entsprechend eingehend und intensiv befasst habe und dessen Beherrschung meinerseits daher vermutlich über ein alltägliches Gebrauchsniveau hinausgeht.
Viertens und letztens gibt es außerdem doch eine gewisse Anzahl begnadeter Herren, die sich dabei gerne über die Schulter gucken lassen, wenn sie ihre Gespielinnen mehr oder weniger begabt in Seile hüllen und verstauen. Da kann man beim Zusehen wenigstens ein optisch-ästhetisches Bedürfnis befriedigen. Nicht immer jedoch ein erotisches oder gar lustvolles.
Da wurde ich doch neulich Zeugin eines solchen Aktes, der als „Bondage-Performance“ tituliert war. „Einer der berühmtesten Meister der japanischen Bondagekunst“, extra zu diesem Anlass nach Wien eingeflogen, geruhte, uns an einer Demonstration seiner Kunst teilhaben zu lassen. Ein hübsches, wohlgeformtes Mädel aus dem Publikum war schnell bereit, ihn an sich werken zu lassen, war ihm doch sein Ruf vorausgeeilt – bereits kurz darauf wurde allerdings klar, dass es ihm eigentlich völlig gleich war, wen er da zum Verschnüren bekam. Das meine ich nicht im lieblichen Sinne von „jede wäre ihm gleich willkommen gewesen“, sondern im bösen Sinne von „völlig egal, wer, was, wie sie ist – auf sie kommt es nicht an, nur auf seine Kunst“.
Der große Meister jedenfalls zückte die Hanfseile und legte los: schnell, professionell, kunstvoll. Und ziemlich lieblos obendrein. Mit raschen, kantigen Bewegungen zog er die Seile über die Haut seines Opfers, fixierte diverse Körperteile dort, wo sie nicht hingehören, und zurrte seine Schlingen fest – so weit, so gut. SM ist schließlich nur äußerst selten ein Honiglecken.
Immer wieder prüfte der Meister der Seile optisch den Sitz der diversen Knoten, kein einziges Mal jedoch blickte er seinem Opfer in die Augen. Zugegeben, sein Werk gab vom ästhetischen Blickwinkel durchaus was her und schön quälend-SM-mäßig sah es auch aus, wie sich die Schöne da in den Seilen wand. Aber das ganze Procedere wirkte auf mich so steril, als würde ich einen Angestellten beim Arrangieren von Hundefutterdosen in einem Supermarktregal beobachten – mit einem vergleichbaren Gehalt an Sinnlichkeit. Jeder Möchtegernmechaniker, der sein Gefährt aufmotzt, widmet sich dem Objekt seiner Begierde mit größerem Einfühlungsvermögen.
Besonders gruselig wurde es, als der Herr Bondagekünstler die langen Haare der süßen Subbie an deren Hinterkopf zusammenbinden wollte, weil diese seine elaborierten Wicklungen störten – man hätte meinen können, es handle sich hierbei bloß um ein lästiges Kleidungsstück, das es loszuwerden galt. Und dann band er ihr auch noch eines ihrer Beine an ihr knackiges Hinterteil (im Prinzip eine wunderbare Idee und das Endprodukt ein herrlicher Anblick!), doch ohne dass er ihr Kopfende ausreichend gegen einen Absturz gesichert hätte, und riskierte damit unangenehme Kollateralschäden, von der Beule auf der Stirn bist zum mittleren Knöchelbruch. Wie sicher man auf 13 cm hohen Absätzen steht, sollen alle Zweifler gern mal selbst ausprobieren. Hut ab jedenfalls vor dem Balancegefühl der jungen Dame! Demnächst sehen wir die Kleine wohl im Cirque de Soleil wieder.
Letztlich war die Freiwillige innerhalb von 20 Minuten kunstvoll im japanischen Stil verschnürt und die Wiener Szene um eine armselige Darbietung reicher. Ich meine, ich bin absolut keine Freundin von stundenlangen Einwickel-Sessions, dazu bin ich nicht meditativ genug veranlagt. Aber nur weil eine Bondage-Session kurzweilig für das Publikum sein soll, heißt das noch lange nicht, dass deshalb alle Spielprinzipien über Bord geworfen werden müssen. Und eines der wichtigsten Prinzipien eines guten Spiels ist meiner Meinung nach, ständig Kontakt mit dem Opfer zu halten. Bewussten Kontakt. Simples Herumfuhrwerken mit Gliedmaßen, damit man das Seil an einer bestimmten gewünschten Stelle anbringen kann, zählt nicht als Kontakt.
Kontakt berührt, rührt etwas im Gegenüber an, bringt im besten Fall in dessen Innenleben etwas zum Schwingen. Wer gute Spiele erlebt hat, weiß das. Brennend heiß kann eine einzelne kalte Fingerspitze elektrisieren, zum Beispiel wenn die betroffene Hautstelle zuvor einige Zeit lang in Latex oder Folie verpackt war. Und das sanfte Streichen des dominanten Zeigefingers über die gespannte Bauchdecke des Sklaven, der sich seit scheinbaren Ewigkeiten am Andreaskreuz nach seiner Herrin verzehrt, kann im Extremfall ausreichen, um 15 cm weiter unten unwillkürliche Erleichterung auszulösen. Romantischer Unsinn? Alles schon erlebt...
Kontakt muss allerdings nicht unbedingt durch Berührung hergestellt werden. Wer weiß nicht, wie intensiv, aufregend und/oder bedrohlich ein gewöhnlicher Augenkontakt werden kann, wenn er im richtigen Moment mit den entsprechenden Emotionen und Intentionen dahinter zelebriert wird? Und ich kann den Kontakt auch aufrecht erhalten, selbst wenn ich dem Sklaven zuvor seine Sinne genommen habe, ihn verhüllt, geknebelt und maskiert und ihn dann bewegungsunfähig irgendwo fixiert habe – dazu muss ich mich nur vorher tief genug in sein Bewusstsein gebrannt haben. Dann weiß er auch zwei einsam-besinnlich-beängstigende Stunden später noch genau, dass ich über ihn wache – im Guten wie im Bösen –, und dieser Gedanke wird ihn frösteln lassen und wärmen zugleich.
Das Schöne an Fesselspielen ist ja, sich jemandem auf Gedeih und Verderb auszuliefern einerseits (bei manchen Hängebondagekonstruktionen im allerwahrsten Sinn des Wortes) bzw. das Innehaben Macht über jemanden, über seine Körperhaltung, Bewegungsfreiheit und Äußerungsmöglichkeiten andererseits. Die Schultern nach hinten zu straffen, die Ellenbogen im Kreuz zu fixieren, die Fersen an den Hintern zu binden und an den richtigen Stellen Knoten anzubringen...
Die Bedürfnisse der submissiven Seite in diesem Gespinst – um das Ausgeliefertsein richtig genießen zu können, bedarf es eines Sicherheitsnetzes, das aus Vertrauen und vor allem Kontakt geknüpft ist – sind ein alter Hut, obwohl das offensichtlich noch immer einige nicht wissen.
Ich behaupte darüber hinaus, dass nicht nur die passive Seite diesen Kontakt braucht, um das Besondere an dieser Situation voll ausschöpfen zu können, sondern dass erst der Kontakt mit dem Opfer auch im dominanten Part den vollen sinnlich-erotischen-machtgeilen Kick auslöst. Sonst ist man doch wenig mehr als ein – zugegeben vielleicht geschickter – Handwerker, der seine Geräte und Seilschaften auch an unbelebten Objekten anbringen könnte.
Doch bevor ich hier vielleicht noch in den Verdacht gerate, Kuschel-BDSM das Wort zu reden, möchte ich eines klarstellen: Böse sein, so richtig gut und gemein böse sein, das geht nur auf der Basis von Vertrauen. Ansonsten ist es nicht SM, sondern Folter. Nicht Lustschmerz und Strafe, sondern Psychoterror. Nicht böse, sondern dämlich. Sowohl von dem, der versucht, hier Dominanz auszuüben, und erst recht von dem, der sich das gefallen lässt. Schmerz ohne Sinnlichkeit? Qual ohne Hingabe? Selbstauflösung ohne Auffangbecken? Für mich nicht, danke.
Der Bondage-Typ ist übrigens kein Einzelfall gewesen – nur ein extremes Beispiel für eine Unsitte, die unter Dominanten – Herren wie Damen – weit verbreitet ist, insbesondere wenn sie Publikum haben. Ganz herb gesagt sind solche „Vorführungen“ aus meiner Sicht kaum mehr als öffentliche Folterungen oder in harmlosen Fällen vielleicht gerade noch Jahrmarktklamauk. Und alle, die meinen, es käme dabei doch nur auf seine Kunst an, vergessen, dass seine Kunst ohne ihren Körper nicht existieren kann. Ohne Respekt vor dem Objekt muss jede Bondageperformance ein steriler Akt der Selbstdarstellung bleiben.
Ich muss mein Opfer nicht lieben. Aber ich muss es als Spielpartner schätzen. Mehr als das Werkzeug, das ich verwende, seien das nun Peitschen, Nadeln oder eben Seile. Sonst bleibt die Kunst des Einpackens bloß eine leere Hülle.
CaroLine
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