Spacer München: 21.11.08
Für alle Südlichter gilt am kommenden Wochenende: Le Café Bizarre goes New York! Die nächste Fetish night findet in der Diskothek "New York", Sonnenstr. 25 im Münchner Zentrum statt. Rauchen ist am 21.11. im Partybereich uneingeschränkt möglich, geöffnet ist von 21:30 bis 04:00 Uhr, bitte mit Dresscode. Mehr unter http://www.bdf-party.de/

 

 

 

 

Gummi ist Macht und Sex


Ein Beitrag von Extensis

Kaum ein Kleidungsstück wirkt so polarisierend wie Latex, über kaum eine Bekleidungsform gibt es so viele Vorurteile und Fehlinformationen. Latex – das ist die Welt der Hardcore-Fetischisten, der Modefummel für die Techno-Jünger, die auffällige Abendkleidung für Möchtegern-Promis und Zwangskleidung für SMer. Latex wird geliebt oder gehaßt – eine „neutrale“ Position gibt es kaum. Aber was hat es nun mit den ebenso teuren wie elastischen Kreationen auf sich?

 

Latex – das ist für viele auch Synonym für Fetisch und SM. Natürlich ist nicht jeder SMer auch ein begeisterter Träger von dem, was ich hier einfach verkürzt unter Fetisch-Kleidung fassen möchte. Nicht umsonst gab und gibt es in der „Szene“ die Diskussion um Kleidungsvorschriften und die Tragbarkeit von Hawaiihemden zur Lederhose – letztere Lösung wird immer wieder gern von der Fraktion dezent übergewichtiger Doms ohne ausgeprägte Fetisch-Neigung vorgebracht. Umgekehrt gibt es eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Fetischisten, denen zwar das Tragegefühl der „zweiten Haut“ am Herzen liegt, die aber mit SM so recht nichts zu tun haben.

Die kleinteilige Unterscheidung in die verschiedenen Interessengruppen und Spielarten soll aber hier nicht mein Thema sein und daher schwenke ich den Fokus radikal auf all jene, die sich für Latex-Kleidung interessieren – ob sie nun bereits das ein oder andere elastische Stück in den Tiefen ihres Kleiderschrankes beherbergen oder mit dem Erwerb eines solchen Kleidungsstückes schwanger gehen.

Latex – Modeerscheinung der Fetisch-Szene?


Seit einiger Zeit geistern Sie durch die Medien, die latexgewandeten Gestalten in den „Aufklärungssendungen“ der verschiedensten Boulevard-Sender und enthüllen dem staunenden Zuschauer und auch dem ein oder anderen „Journalisten“, was noch keiner wußte: daß es Menschen gibt, die das Tragen von zumeist hautengen Latex-Kleidern, -Hosen, -Jacken und –Masken erotisch und erregend finden. In den selbsternannten Hofberichterstattungsjournalen der Berühmten dieser Welt tauchen vermehrt mehr oder minder Prominente in Abendgarderobe aus Latex auf, so daß der Eindruck entsteht, das Tragen von Latex wäre eine kurzfristige Modeerscheinung der letzten Dekade.

Dem ist allerdings nicht so, denn bereits um 1870 wurde in einer Londoner Zeitung ein „Herrennachthemd mit Nachtmütze in Macintosh-Gummimaterial“ annonciert . Seit den gar nicht so goldenen 20er Jahren gab es sowohl in Deutschland als auch in England und den USA Gummibekleidung, die häufig – der ein oder andere wird sich an die Annoncen im ADAC-Heft erinnern – als Gesundheits- oder Sauna-Wäsche angeboten wurde.

Seit den 80er Jahren schließlich entwickelte sich eine Szene beständig professioneller und vielseitiger arbeitender Latex-Schneider, die, auch angeregt durch die Videoclip-Kultur à la MTV – dafür sorgten, daß die Grenzen zwischen Fetisch und Mode immer mehr verwischten. Latex ist heute mehr als der schwarze, etwas unförmige Ganzanzug, sondern bietet für nahezu jede Interessensgruppe komplette Modelinien an – angefangen beim Badeanzug über Abendkleider bis hin zu Uniformen und Bondage- und SM-tauglichen sogenannten Heavy-Rubber-Modellen.

Was ist nun aber das besondere an Latex?


Eine einfache Frage, die aber gar nicht so einfach zu beantworten ist, denn es gibt eine Reihe von Reizen, die aber nicht zwangsweise alle in gleicher Stärke für jeden Träger oder jede Trägerin zutreffen. Einer der wohl wichtigsten Punkte ist das Tragegefühl. Latex, wenn es eng getragen wird, liegt wie eine zweite Haut an, ist extrem dünn und zeichnet jede Körperkontur nach, ist gleichzeitig fest und doch nachgiebig. Auch der Geruch ist für viele Träger ein erotisierendes Moment und vermittelt mit dem Anziehen eine erotische Grundstimmung, die beispielsweise Rollenspiele perfekt in Gang bringen kann. In jedem Fall ist Latex ein Kleidungsstück für das Selbstbewußtsein – es erotisiert den Träger und schafft die Aura eines sexuell selbstbewußten Menschen.

Durch die Latex-Schicht hindurch wird die Haut enorm sensitiv und jede Berührung wird wie durch ein „Vergrößerungsglas“ verstärkt weitergegeben. Gleichzeitig kann Latex, je nach Schnitt und Form dem Träger etwas Unnahbares oder auch Devotes geben, mitunter sogar den Träger sogar erniedrigenden.

Eine der Besonderheiten ist in jedem Fall die typische Schweißentwicklung. Schon nach kurzer Zeit ist der Träger unter dem Latex von einer gleichmäßigen Schweißschicht bedeckt, auf der die Latex-Haut angenehm „schwimmt“. Interessanterweise bleibt dieser Schweißfilm aber gleichmäßig, es gibt keine Schweißausbrüche, wie man sie beispielsweise von der Sauna her kennt.

Mit Latex ist man auf eine seltsame Art angezogen und doch körperbetont exponiert, fällt durch den Glanz des Materials, seinen Geruch und die typischen Geräusche auffällig.

Fest steht, daß nicht jeder Latex mag oder sich zumindest daran gewöhnen muß. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die mir berichtet haben, Latex zuerst nicht gemocht zu haben und dann langsam die Reize des Materials schätzen gelernt zu haben. Geduld ist hier also beste Voraussetzung, wenn man seine Liebste oder auch den Traummann des Monats zu Latex verführen. Wer hier einfach mit dem Vollgummi-Total-Outfit als Überraschung auftritt, hat eine fast hundertprozentige Chance, statt Lusterlebnis und Glücksschreien den Familienkrach seines Lebens zu gewinnen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß eine Frau, die sich mit Latex noch nicht beschäftigt hat, den Fetischladen-Hindernisparcour von der Umkleide über den Ausstieg aus dem Latexrock in die eigenen Klamotten und zur Ladentür unter 30 Sekunden bewältigen kann. Drängeln hilft da also nix.

Real erlebter Sadismus – das Anziehen


Was getragen so phantastisch körperbetont sitzt und dem Träger mitunter elektrisierende Reize bei der kleinsten Berührung vermittelt, wird für den Ungeübten jedoch schnell zum real erlebten SM. Während sich auch die knappste Lederhose noch relativ problemfrei über die Schenkel ziehen läßt, stellt das Anziehen des frisch erworbenen Latex-Ganzanzugs schon eine ganz andere Herausforderung dar.

Gemeinhin landet das frisch erworbene Outfit nach kurzer Zeit auf dem Stapel der Warum-hab-ich-das-bloß-gekauft?-Sachen, wenn die richtigen Hilfsmittel zum Anziehen fehlen. Zum einen muß man etwas vorsichtig mit dem Material umgehen, denn obwohl es ungeheuer dehnbar ist und mehr aushält, als man glaubt, können robust eingesetzte Fingernägel oder Ringe schnell zum frühen Ende des neuen teils führen. Was als erotische Granate geplant war, entpuppt sich dann eher als Frust-Bombe. Ebenso frustrierend ist es, wenn man in das hautenge Wunschteil nicht hineinkommt, weil es im wahrsten Wortsinn nicht flutscht.

Das Mittel der ersten Stunde, um sich die dünne Schicht Kautschuk auf den Körper zu praktizieren, war Baby-Puder. Sorgfältiges Einpudern der Innenseite des Kleidungsstücks verhindert nicht nur, daß die Latex-Schichten aneinander kleben bleiben, sondern sorgt auch für eine gewisse Rutschigkeit beim Einstieg. Auch heute schwören noch viele Enthusiasten auf Puder, auch wenn es, in Zusammenhang mit dem Schweißfilm nach dem ausziehen eine eher unansehnliche Schmierschicht hinterläßt.

Als Alternative bietet sich heute eine flüssige Anziehhilfe auf Silikonbasis an, mit der man nicht nur die Kleidung gleichmäßig und ohne Staubentwicklung einschmieren kann, sondern auch die problematischen Körperstellen mit einem dünnen Rutschfilm versehen kann. In der Anwendung sind diese Mittel, die es inzwischen in nahezu jeder Ausführung zu kaufen gibt, deutlich praktischer als der bekannte Puder. Mit einem Deoroller können sie zudem sehr gleichmäßig und sparsam aufgetragen werden. Für empfindliche Nasen gibt es die eigentlich geruchlosen Mittelchen sogar mit Vanille- oder Erdbeeraroma.

Ist der Einstieg endlich geschafft, wird noch einmal alles zurechtgerückt und alle notwendigen Dinge wie Schuhe etc. angezogen. Wenn man nun weiß, daß man sich nicht noch einmal in den Fernsehsessel setzen möchte, kümmert man sich um den ultimativen Hochglanz. Auch hier ist das Silikonspray unser bester Freund. Es wird hauchdünn aufgesprüht (Abstand etwa 30 bis 40 Zentimeter) und mit einem fusselfreien, sauberen Tuch poliert. Anschließend kontrolliert man noch einmal, ob irgendwo noch matte Stellen sind und wiederholt die Prozedur nötigenfalls.

Last und Lust mit der Lagerung


Das wesentliche Problem bei Latex ist, wenn man einmal den Bogen heraushat, wie man sich am besten in die Sachen hineinschlängelt, die Frage nach der Lagerung. Latex ist lichtempfindlich, genauer gesagt UV-empfindlich, und nimmt es übel, dem Sonnenlicht über längere Zeit ausgesetzt zu sein. Erstes Alarmzeichen ist hier eine graue Verfärbung des Latex, die an eine Staubschicht erinnert. Zu beginn kann diese graue Schicht noch weggewischt werden, bei längerer Sonneneinstrahlung verfärbt sich das Material allerdings so heftig, daß die grauen Spuren nicht mehr zu beseitigen sind. Später verliert das Latex zunehmen seine Elastizität und reißt leicht.

Als beste Schutzmaßnahme hat sich eine Lagerung im Dunkeln erwiesen, am besten beispielsweise in einem gesonderten Schrank oder an einem abgedeckten Kleiderständer. Außerdem sollte Latex regelmäßig mit einem Pflegemittel abgerieben werden. Hier ist Silikon, wie es beispielsweise im Medizinbedarf angeboten wird, gut geeignet. Auch Produkte aus der Autozubehörabteilung können hilfreich sein. Hier sollte man allerdings auf möglicherweise beigemengte Zusatzstoffe achten. Am besten ist es, das Mittel der Wahl zunächst an einer unauffälligen Stelle auszuprobieren, um festzustellen, wie das Latex auf das Pflegemittel reagiert.

Sie baden gerade ihre Hände darin


Wie auch das Lieblings-T-Shirt (ich meine jetzt das aus Baumwolle) nach dem Tragen in der Wäsche landet, sollte auch das Latex-Outfit nach der Party gereinigt werden. Allerdings nicht in der Waschmaschine, sondern bitte per Hand mit lauwarmem Wasser. Wer mag, kann auch ein sanftes Haarshampoo verwenden – nötig ist es aber nicht. Bei stärkeren Verschmutzungen sollte den Flecken mit einer speziellen Reinigungsflüssigkeit wie etwa Perv-O-Shine zu Leibe gerückt werden.

Nach der Wäsche sollte hängt man das gute Stück sorgfältig auf, damit nirgendwo Wasser stehenbleiben kann. Reißverschlüsse und Druckknöpfe aus Metall reibt man sofort trocken, denn Metall ist eigentlich Gift für Latex und führt zu einer deutlichen Verfärbung des Materials. Dies um so mehr, wenn es auch noch feucht ist. Vor allem die empfindlicheren Latex-Farben wie Transparent, Weiß, Gelb oder Rosa sind hier besonders gefährdet.

Nach dem Trocknen kann man nun mit Silikon die Spuren der Wassertropfen auspolieren und das Kleidungsstück von innen gut einpudern, damit es nicht zusammenklebt und beim nächsten Einsatz beschädigungsfrei angezogen werden kann.

Einfacher ist allerdings ein anderer Weg, der zudem den Puder einspart. Nach dem Waschen werden die Latex-Sachen noch einmal durchgespült. Dazu nimmt man frisches, klares Wasser, dem man einige Tropfen Silikonöl (gibt’s beispielsweise in der Apotheke oder im Industriebedarf) zusetzt. Das Silikonöl legt sich als dünne Schicht auf das Latex und sorgt dafür, daß das Wasser spurenfrei abläuft und das Latex überall angenehm rutschig bleibt. Es verklebt dann auch bei der Lagerung nicht. Die Dosierung des Silikonöls hängt von der Wassermenge und der Größe des Kleidungsstücks ab – hier helfen Versuch und Irrtum bei der Ermittlung der richtigen Menge.

Aber sicherlich läßt sich in einem Beitrag wie diesem das Phänomen Latex nicht umfassend beschreiben, da es in erster Linie etwas ist, das erlebt werden muß.

(c) Extensis

 

Der Titel stammt aus einem Zitat von Candice Bushnell: „Um es deutlich zu sagen, Gummi ist Macht und Sex.“ Zitiert nach: Steele, Valerie, Fetisch, Berlin 1996, S. 149

nach: Steele, Valerie, Fetisch, Berlin 1996, S. 154

 

 
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