
Liebe verehrte Alice Schwarzer...
es ist ja nun schon eine Zeitlang her, daß Du meinen letzten Brief erhalten hast. Viel hat sich seitdem verändert und ich gebe zu, ich bin ein wenig verärgert über Dich.Das Leben mit meinem Ehesklaven war wohl eine interessante Sache für mich, aber irgendwie langweilte es mich doch recht schnell, den stummen Kerl neben mir ertragen zu müssen. Es ist schon anstrengend, so einem minderbemittelten Wesen jede Entscheidung abzunehmen, damit es nicht in typisch männliche Verhaltensweisen zurückfällt. Aber man weiß ja, was aus drei Bieren mit den Kumpels werden kann... Null komma nichts, zetteln die Jungs dann ganze Kriege an und wir friedliebenden Frauen sind wieder die Leidtragenden.
Ich habe mich lange an Deinen Rat gehalten, dem Kerl die Zügel straff zu halten um ein Aufkeimen seiner Gene unbedingt zu vermeiden, aber es hat mich dann doch sehr erschrocken gemacht, ihn - nach seiner Mutti weinend - an meinem ökologischen Sackdreiteiler klammern zu sehen. Vielleicht hat ihm die devote Männergruppe nicht gut getan, möglicherweise war er auch mit meinem Kastrationsgedanken nicht wirklich einverstanden... wer weiß schon, was in einem Primatenhirn so vor sich geht? Fakt ist, er taugte bereits nach kurzer Zeit nicht mehr zum adäquat unterworfenen Partner an meiner Seite.
Völlig lustlos blätterte er im EMMA-Heft, das ich ihm zum Erhalt geistiger Aktivität als Nachtlektüre ins Körbchen warf, verweigerte den morgendlichen Hirsebrei und als er schließlich bei seinen Leckdiensten an meiner göttlichen Vagina einen psychosomatischen Zungenkrampf vortäuschte, nahm ich mir ein Herz und schläferte den Guten kurzerhand ein.
Kurz vor seinem Ableben, murmelte er noch Dinge wie "er könne vor lauter gleichen Menschen die Frauen nicht mehr erkennen", faselte etwas von "der Unmöglichkeit des Birkenstock-Fetisches" und wünschte sich ein fotografisches Werk Helmut Newtons als Sterbebildchen. Ich weiß ja, daß ich laut Deinen Lehren, verehrte Alice Schwarzer, den dummen Mädchentraum vom hingebungsvollen Prinzen längst zu Ende geträumt haben sollte, - aber ein wenig anders hatte ich mir das Leben als feministische Göttin, schon vorgestellt.
Das Unangenehmste in der folgenden einsamen Zeit, war aber die schreckliche Erkenntnis, daß auch ich selbst an Deinen Lehren scheiterte. Zu groß wurde die Lust, als Frau wiedereinmal begehrt zu werden. Trotz nächtelange Hungerstreiks auf Gleichstellungsdemonstrationen und intensiven Diskussionen gegen patriarchaische Gesellschaftsformen, wuchs ein fast übermenschliches Verlangen nach phallischen Symbolen in mir. Die Göttin ist meine Zeugin - ich versuchte lange, die böse Macht der weiblichen Genreste niederzukämpfen, bevor ich der Versuchung erlag und zunächst einen unerfahrenenen Jüngling auf meinen kargen Futon holte und mit ihm einem tantrischen Schwan erlag.
Daß dieser die sinnbildliche Büchse der Pandorra schändlich wieder in meinem Leben öffnete, bemerkte ich, als ich mich unverhofft und allem Anschein triebgesteuert, nach einem Besuch im High-Heel-Laden in einem Swingerclub mit Männerüberschuß wiederfand und - verzeih heilige Alice - an meinem eigenen hündischen Treiben dort Gefallen fand. Mein verzweifelter Versuch, dies schändliche Verhalten in den nächsten Wochen durch knallharte Selbstgeisselungen zu sühnen, endete in einem persönlichen Waterloo für mich!
"Weiblicher Masochismus ist Kollaboration!" - deutlich und einprägsam schmetterte sich Dein Zitat aus dem EMMA-Kalender in meine Erinnerung und machte mich zum zuckenden Häufchen Elend meiner selbst.
Göttin hilf! Kann es wirklich sein, daß ich nicht würdig bin, Deine so anmutend schönen, kräftigen Lehren in meinem kleinen Frauenleben umzusetzen? Bin ich zu schwach um zu begreifen, was wirklich gut und richtig ist, um stark und unbehindert "nicht nur die Hälfte des Himmels, sondern auch die Hälfte der Welt" zu beanspruchen, wie Du für uns Schwestern im Geiste manifestierst? In welcher Hälfte darf sie denn stehen, meine Lust, die sich anscheinend - ich wage es kaum auszusprechen - mit den pornografischen Gelüsten des phallischen Patriarchats deckt?
Gib mir ein Zeichen, verehrte Alice Schwarzer, damit ich verstehen kann. Vielleicht könntest Du von Deiner eigenen Lust schreiben, von der weiß keiner so richtig was... und wenn Du dann vielleicht noch einen kleinen Absatz über die Freiheit des Individuums... ich meine, da müsste doch eigentlich auch die freie Sexualität... oder etwa nicht? Na, Du kannst mir das sicher erklären.
Es grüßt Dich Deine wissbegierige Schülerin
LustSchmerz Emma
(c) Andrea Schneider ist Lustschmerz Emma und möchte vor Weiterverbreitung Ihrer Texte gerne gefragt werden.
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