
Liebe, verehrte Alice Schwarzer,
geschätzte Freundin! Hoffentlich bist Du mir nicht böse, dass ich mich nur sporadisch bei Dir melde. Aber Du hast vermutlich viel zu tun, schließlich wollen große Dinge wie die Emanzipation ja vorangetrieben werden. Und gerade jetzt, da Deutschland sich aufmacht, das Matriarchat in aller Konsequenz umzusetzen und dafür unsere charismatische Schwester Angela in den Feldzug gegen männliche Fehlleistungen zu entsenden, wird Dein Rat sicher an höchster Stelle dringend gebraucht. Ich bin sicher, Deine weise Beratung wird uns endlich eine wirklich starke und betörende Vertreterin bescheren, die eine brennende Schneise durch unser abgeholztes Mutterland entflammen und mit der Kraft einer Jean d´Arc allem Übel den Garaus machen wird.
Kein Wunder, dass die roten Rächer der Arbeitslosigkeit nicht Herr und der Wirtschaft nicht Meister werden! Welch vertane Chance, die Massen arbeitsfähiger Männer in diesem Lande, nicht zu starken, hingebungsvollen Sklaven zu formen, die durch die richtige Motivation Sinn und Herausforderung in ihrer Bestimmung sehen. Ständen wir in dieser Sackgasse, wenn die Gattung der Schwanzträger fleißig ihrem arbeitsreichen Tagwerk frönen und ihren Taschengeldobolus in Geschenke für ihre Herrinnen investieren würden? Verweichlicht wurden sie durch eine Politik der abtrünnigen Genossen, die das Blut der Macht geleckt und diese gegen ihre Erzeuger- und Erzieherinnen schamlos eingesetzt haben, um eine Freiheit zu erlangen, die Ihnen nicht zusteht! Und der sie nebenbei gesagt auch nicht gewachsen sind, die sie mit Alkohol und schlechten, pornografischen Filmen zu ertragen versuchen, und die mit Fug und Recht wieder auf den rechten Weg der Demut und wahren Freude gewiesen werden müssen.
Welch großartige Zukunft steht uns bevor, wenn – nicht zuletzt durch Deine Hilfe – unser Land endlich wieder eine Mutter bekommt, die hart aber gerecht die Guten an den wogenden Busen drücken, und die Schlechten mit ihren Absätzen traktieren wird, bis alle Dinge wieder in geordneten Bahnen laufen, um anschließend eine blühende Heimat anzupflanzen.
Ihren Sklavenberaterstab hat Angela ja bereits souverän am kurzen Zügel, auch das Sprechverbot und die offensichtlichen Demutsbekundungen der männlichen Zuarbeiter, finden meine volle Zustimmung. Sie dürften ein erstes wichtiges Zeichen dafür sein, was wir uns von der Zukunft erwarten dürfen. Der Demokratie, altes Überbleibsel einer Politik der Väter, wird unsere Schwester Angela sicherlich klug und deutlich die Schranken weisen, ohne dass man(n) nur ansatzweise etwas dagegen tun könnte. Es ist doch bekannt, dass gegen die Rhetorik einer Frau, das Denk- und Sprachvermögen des banalen Sklaven hoffnungslos verloren ist. Und Göttin! Auch vom messerscharfen Blick und der gemeiselten Mimik unserer neuen Mutter verspreche ich mir viel, wenn es um die Einnordung möglicher Kurzzeitrebellen gehen wird. Hat sie nicht schon mit der erfolgreichen 24/7 Versklavung ihres Ehesklaven ausreichend bewiesen, dass sie der Stellung einer wahren Herrin würdig und deren großen Aufgaben an Konsequenz und Weitsicht gewachsen ist?
Frau erzählt sich, dass dieses Prachtexemplar an Fleiß und häuslicher Unterwürfigkeit, nur noch im Kontakt zu Nachbarn stoffelige Züge und schulmeisterliches Verhalten zeigt. Auch wenn dies eher sekundäre Punkte im Vergleich zu landespolitischen Fragen sind, so macht mir diese Renitenz doch ein klein wenig Sorge. Es wäre bedenklich, wenn „uns Angela“ privat womöglich Gefallen an der Hausmeistermentalität ihres Gatten finden, oder diese gar selbst heimlich ausleben würde. Nicht dass ich an gemeinsamen Puzzleabenden im Rahmen der Quantenphysik zur redlichen Entspannung etwas Verwerfliches finden würde, aber ein klein wenig Toleranz gegenüber des Facettenreichtums bunter, weiblicher Lebensformen wäre doch wünschenswert, um auch international Weltoffenheit zeigen zu können.
Aber was mache ich mir Sorgen! Gerade Du, als gewählte Ritterin der Lesben und Schwulenbewegung, - eines doch recht farbenfrohen Völkchens, wirst mit Sicherheit dafür sorgen, dass unsere künftige Landesmutter den klitzekleinen Rest Mausgrau larvengleich abstreifen und zu einem schillernden Schmetterling neuen, weiblichen Lebens- und Politikgefühls werden wird.
Das ist doch ebenso sicher, wie eine MWST Erhöhung die Wirtschaft ankurbelt, und gesenkte Arbeitgeberanteile ganz, ganz fix neue Arbeitsplätze schaffen.
Oder habe ich da irgendwas durcheinander gebracht?
Na, ich verlass mich ganz auf Dich!
Es grüsst Dich wie immer herzlich,
Deine Lustschmerz Emma
im August 2005
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