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"Gefährdet und gefährlich - Maskierte Entdeckungen " - Ein Beitrag von Uwe
Meinen ersten Orgasmus hatte ich auf dem Fahrrad. Wie ging das zu ? Zunächst: Ich wusste anfangs nicht, dass dieses wahnsinnige Gefühl, das wie ein Blitz durch meinen ganzen Körper fuhr, ein "Orgasmus" war. Ich war nicht aufgeklärt. Ich war 13. Ich saß auf dem Fahrrad an einem saukalten Sonntagmorgen. Ich liebte es, an saukalten Tagen mit dem Fahrrad zu fahren, weil ich dann mein Gesicht mit Schals vermummen und mich so vor der eisigen Kälte schützen konnte, ohne gleich als Bankräuber festgenommen zu werden. Und diese Vermummung löste in mir die heftigsten Rauschgefühle in der Lendengegend aus, die ich noch gar nicht einordnen konnte. Ich fuhr unerkannt durch die Stadt, jeder Passant konnte nur meine Augen sehen, die aus meiner Mützen- und Schalkonstruktion herausschauten.
Trotz der Kälte hatte ich irgendwie das Gefühl, mit meiner Vermummung etwas Verbotenes zu tun, sehr verdächtig zu wirken. Ich fühlte mich also gefährdet und unsicher. Andererseits konnte niemand erkennen, wer da unerkannt bleiben wollte. Ich war also geschützt und sicher. Das Wandeln, oder in meinem Fall das Radeln, auf diesem dünnen Grat erregte mich besonders, wenn ich anderen Menschen begegnete. Ich schaute ihnen in die Augen, um herauszufinden, ob sie Angst vor mir haben, oder ob sie gleich auf mich losstürmen würden, um mir die Maskierung vom Kopf zu reißen. Sonntagmorgen bevorzugte ich natürlich, da ich die Spannung der Begegnungen mit den Menschenmassen im Alltag wohl kaum ertragen hätte. Unerkannt,... unbekannt,... gefährdet und gefährlich zugleich...!
Die heftige Spannung dieser Situation entlud sich in meinem ersten Orgasmus, den ich erlebte, ohne meinen Penis überhaupt zu berühren. Ich sah aus meinen Augenschlitzen eine ältere Frau an, die ihren Hund spazieren führte, als sich mein Unterleib zusammenkrampfte (sofern das auf dem Fahrrad möglich ist) und ich zum ersten mal dieses rauschhafte Erlebnis hatte.
Meinen ersten Orgasmus hatte ich also, ohne im Geringsten an Sex zu denken. Nicht die Phantasie, dass ich der süßesten von meinen Mitschülerinnen unters T-Shirt fuhr und ihr dabei einen Zungenkuss gab, nein, ich allein, in dieser "brenzligen" Situation, vermummt auf dem Fahrrad. (Dass ich mich darüber ärgerte, dass ich bei diesem Wahnsinnsgefühl eine kleine Portion merkwürdigen weißen Schleims in die Unterhose "urinieren" musste, irritierte mich erstaunlich wenig. BRAVO sei Dank, dass ich die Lösung wenig später entdeckte, deren Erläuterung sich meine Eltern für immer sparen sollten. Ich bin ihnen nicht böse deswegen. Es wäre mir wohl sehr schwer gefallen, dieses Erlebnis zu erzählen, wenn sie mich gefragt hätten, ob ich einen "Orgasmus" schon einmal gehabt hätte.)
Ich versuchte natürlich, dieses Gefühl so oft wie möglich wiederzuerleben, aber die Tage, an denen es so saukalt war, dass sie eine derartige Vermummung rechtfertigten, sind in unseren Breiten eher rar gesät. Deshalb beneidete ich alle Motorradfahrer, die bei jeder Fahrt über ihren tollen Masken mit Augenschlitzen auch noch einen Helm tragen dürfen, am besten mit getönter oder verspiegelter Scheibe, und sich sommers wie winters dieser wahnsinnigen Spannung aussetzten. Andererseits hoffe ich nicht, dass alle MotorradfahrerInnen ein ähnliches Initialerlebnis verbindet. Das könnte bei Tempo 180 ungeahnte Folgen haben.
Aber auch der eigentlichen Funktion meiner Vermummung an diesem Sonntagmorgen wohnt ja eine durchaus erregende Komponente inne, nämlich, auch bei -10° C warm und geschützt ans Ziel zu kommen, in gewissem Sinne also autonom, unberührbar, unverletzbar, unangreifbar zu sein. Deshalb verfolgte ich Berichte über jegliche Menschen, die in Masken und Schutzkleidungen auftreten, in Zeitschriften und im Fernsehen: Chirurgen, die mit Haube und Mundschutz operieren, Feuerwehrleute, die sich mit Schutzanzügen und Gasmasken in die Feuersbrunst werfen, Polizisten der Anti-Terror-Kommandos mit ihren Masken und Schutzhelmen, die schon erwähnten Motorradfahrer mit Helm und Lederkluft, Einbrecher, Bankräuber, Schweißer, Stahlkocher, Polarforscher, Taucher bzw. natürlich jeweils ihre weiblichen "Kolleginnen".
Nun war ich ein Junge von 13 Jahren, war also weder Feuerwehrmann noch Polarforscher. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Statt mich bei der GSG 9 zu bewerben, leistete ich Zivildienst, mein Medizinstudium habe ich nach zwei Semestern abgebrochen, als Verkehrsmittel noch nie etwas anderes als Fahrrad, Bahn oder Auto benutzt und nur der geilen Maskierung wegen eine Bank auszurauben, habe ich mich bisher auch noch nicht durchringen können.
Aber es ist doch interessant festzustellen, dass für diese Menschen, die sich von Berufs wegen schützen müssen und sich damit auch unkenntlich machen, ähnliches gilt, wie für einen 13-jährigen Jungen, der mit Schals um den Kopf durch einen kalten Sonntagmorgen radelt, zumindest in seiner Phantasie gilt: Sie sind gefährdet und gefährlich zugleich. Im Gegensatz zu mir, müssen sie natürlich einen kühlen Kopf behalten und dürfen sich dessen nicht bewusst sein. Ich möchte schließlich auch nicht von einem aufgegeilten Chirurgen operiert werden, dessen Hand so steif ist, wie der Penis in seiner Hose. Und ich glaube auch nicht, dass Stahlkocher ständig mit einer Erektion herumlaufen.
Wie dem auch sei, im Laufe der Zeit bastelte ich nicht nur an meinen Phantasien weiter, sondern auch an einigen Masken, Schutzanzügen und Helmkonstruktionen, (was man nicht alles aus LEGO bauen kann !), die ich dann meist in unserer Wohnung oder manchmal auch im Wald testete. Jetzt frage ich: War das Sex, wenn ich mit den hohen Anglerstiefeln meines Vaters, einer alten Öljacke, Mutters weggeworfenen Gummispülhandschuhen und einem aus Legosteinen gebauten "Schutzhelm" auf dem Kopf durch das nasse Herbstlaub robbte und mich dabei so unendlich erregt fühlet, dass ich irgendwann ins feuchte Moos ejakulierte ?!
Ich war verblüfft, als ich später feststellte, dass sich eine ganze Sexindustrie mit der Herstellung von Latexanzügen, Gummikleidung, Leder- und Gasmasken beschäftigt, in denen man genau das erleben kann (und auch soll ?). Es war aber auch eine reinigende und befreiende Erkenntnis, dass ich durchaus nicht allein war mit dieser Form von sexuellem Fetisch, dass auch andere Menschen demselben Reiz folgten.
Ich stellte fest, dass Maskierungen und Verhüllungen fast immer mit SM-Sex in Verbindung gebracht werden, dessen Qualitäten ich erst wesentlich später entdeckte. Zunächst fand ich es erstaunlich, dass es fast immer der devote Partner, der Sklave, ist, der sich maskieren und seinen Körper in Latex packen darf, während die dominante Herrin sozusagen das Privileg besitzt, nackte Haut und ihr Gesicht zu zeigen. Dabei sollte doch gerade der dominante Partner das Vorrecht besitzen, sein "Gesicht zu wahren", schien mir. Er ist doch gefährlich und gefährdet zugleich, indem er Extremes und Verbotenes an seinem Partner vollzieht. Nur maskiert, und damit unerkannt und geschützt, ist er in der Wahl seiner Foltermethoden völlig frei. Andererseits hat natürlich auch die herrische Haltung: "Es interessiert mich nicht, wer Du bist und wie Du aussiehst, Hauptsache Du tust, was ich Dir sage!" ihren hocherotischen Reiz.
Später lehrte mich meine eigene Erfahrung, dass mir als devotem Partner die Maske zur nötigen Freiheit verhalf, um mich wirklich zu meinen "niederen" Phantasien zu bekennen. Nichts ist mir peinlich, für Nichts muss ich mich schämen, denn ich bin ja gesichtslos, habe eine Funktion und keine Persönlichkeit mehr. Die Maske half mir sicher auch, zu tun, was ich in meinem Erlebnisbericht "Zu ihren Füssen" erzählt habe.
Und die Freiheit, die eigene Persönlichkeit ablegen zu dürfen, macht sie für mein Gefühl enorm stark.
(c) Uwe
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