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Zum Schwul werden schön... - Tom Rohwer über das Bizarre im Alltag und das Alltägliche im Bizarren
Die Schiffsführung des Flugzeugträgers USS "Enterprise" so geht aus einem vor einiger Zeit veröffentlichten Funkverkehrsprotokoll der U.S.Navy hervor, hat vor einigen Jahren einmal irgendwo auf den sieben Weltmeeren mit einer ganzen Breitseite erboster Funksprüche versucht, eine drohende Kollision zu verhindern - indem sie einen Leuchtturm zur Kursänderung aufforderte...
Irgendwie erinnert mich dieser Bolzen an Aktivitäten deutscher Politiker in Sachen "Internet". (Da die "Enterprise" immer noch schwimmt, darf übrigens davon ausgegangen werden, daß es zu guter Letzt nicht der Leuchtturm war, der nachgegeben hat. Über manche Politiker wird man das in einigen Jahren vermutlich nicht sagen können.)
Apropos Flugzeugträger... Das Militär ist ja bekanntlich ein unerschöpflicher Fundus für Fetischisten aller Art. Man denke nur an Uniformfetischisten, die Liebhaber von Drill, Befehl und Gehorsam, oder auch an die Waffenfetischisten. Alle nehmen ihre Anleihen bei den Soldaten. Ohne Zweifel, es gibt eine Faszination des Militärischen. Ich kenne sogar ausgewiesene Pazifisten, die nach dem Besuch von "Top Gun" (einer bescheuerten Kampffliegerflotte, deren Hauptdarstellerin noch nicht einmal bemerkenswerte Titten vorzuweisen hat...) mit leuchtenden Augen aus dem Kino kamen.
Verständlich, und ich möchte noch weiter gehen. Selbst auf die Gefahr hin, mich bei der Hälfte der Leser nachhaltig unbeliebt zu machen, behaupte ich: wer noch nie mitangesehen hat, wie ein kriegserprobtes 1000-Mann-Bataillon Königlich-Britischer Marineinfanteristen binnen zehn Minuten mit Sturmbooten, Panzern und Hubschraubern einen Manöver-Strand stürmt - wer das noch nie gesehen hat, der weiß nicht was purer Sex ist. Die Jungs sind einfach zum schwul werden schön... Unterschätzt wird das Militär hingegen als fast grenzenloser Tummelplatz von Fetischisten selbst.
Dabei stellt der Neujahrempfang eines mittleren NATO-Kommandos mühelos jede Fetisch-Party in den Schatten. Was da allein schon auf den Uniformen alles an Fetischen zusammenkommt. Kleine silberne Fallschirme, goldene Löwen mit Adlerschwingen, rot-gelbe Königskronen, schwarzgestickte Kanonenrohre, purpurne Herzen. Range, Marines, Alpini, Paras, Grenadiere. Gestande Vier-Sterne-Generale, die kurz vor der Pensionierung noch zuoberst jene Abzeichen auf der Uniform tragen, die sie vor dreissig Jahren durch den Dreck robbend in der Einzelkämpferausbildung errungen haben.
Noch höher im Rang kleine Symbole, die einfach für Orte des Grauens stehen und der großen Langeweile: Port Stanley, Grenada, Faya Largeau, Kolwezi, Kuweit City, billiger Messingtand, teuer erkauft, weder im Manöverzelt noch in der Schreibstube zu ersitzen. Auf die Gefahr hin, es mir nun auch noch mit der anderen Hälfte der Leser zu verderben: ich kenne Bundeswehroffiziere, die mit neidischen Augen von derartigem Glitter träumen.
Die eindrucksvollste Erscheinung dieser Art erlebte ich einmal an Bord eines Bundesmarine-Begleitschiffs zur Kieler Woche. Von einer französischen Korvette war ein Hauptbootsmann an Bord gekommen, ein freundlicher, untersetzter Herr Anfang vierzig, mit beginnender Stirnglatze, der mit fast kindlicher Begeisterung mit seiner Videokamera die Segler der Windjammerparade filmte.
An Bord hatte sich Militär aller Dienstränge aus mindestens 15 Nationen versammelt und alles, vom einfachen Bundeswehrgefreiten bis zum italienischen Zwei-Sterne-General schlich mit einer fast ehrfürchtigen Neugier um ihn herum. Ich begriff alsbald auch, warum.
Auf dem blauen Tuch seiner Ausgehuniform umkränzte der silbern gestickte Schriftzug "Commandos" ein dezentes Ensemble aus stilisierten Fallschirmen, Ankern, Kampfdolchen und Schwertfischen. Es kostete mich bald sechs Wochen mühsamer Recherche, bis ich das Lametta enträtselt hatte. Es gehörte zur Kampftauchergruppe des 2.Marineinfanterie-Fallschirmjäger-Regiments der Fremdenlegion und - als ob das nicht wirklich schon gereicht hätte - hatte die Kommandotruppenausbildung der Schnellen Eingreiftruppe hinter sich gebarcht.
Der französische Marineattachee in Bonn, mit dessen Hilfe ich das Rätsel schließlich löste, mochte gar nicht glauben, daß ich ein derartiges Fabelwesen an Bord eines schäbigen Aviso escorteurs getroffen hatte. Er muß die minderjährige Tochter des Generalstabschefs geschwängert haben, oder den Hund des Verteidigungsministers überfahren, oder etwas wirklich, etwas unaussprechlich Schlimmes getan haben...
Bevor ich nun endgültig einer allzu argen Verharmlosung des Militarismus bezichtigt werde, ein kleines Zitat aus der zentralen Dienstvorschrift:"Der Soldat hat den Auftrag, auch im schwersten feindlichen Feuer zähe auszuharren... Die Wirkung feindlicher Atomwaffen und der Einsatz feindlicher Panzer dürfen seine Widerstandskraft nicht lähmen."
Was das noch mit dieser Kolumne zu tun hat? Also bitte! Bizarrer gehts ja nun wirklich nicht mehr...
(c) Tom Rohwer
Anm.der Redaktion: Tom Rohwer ist Journalist und berichtet haupsächlich über Militäreinsätze in Krisengebieten.
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