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Eine wahre Geschichte, recherchiert und verfasst von Andrea Schneider
"Die Lust am Verbotenen" sagt Nina, "die war schon früh da. Ich habe mich nach meinem ersten Sex immer gefragt, ob das jetzt alles gewesen sein soll, und warum um diese langweilige Sache alle soviel Wind machen. Ich wollte mehr. Vor allem wollte ich mich selbst spüren können...".
Heute ist Nina 19. Typ süße Gothic-Lolita. Sehr niedlich, sehr liebevoll und auf den ersten Blick eher eine Leise. Ihre Power und ihre Wahrheit bekommt nur, wer hinter die Fassade sieht und bereit ist, sich auf ihre Geschichte einzulassen.
Eine Teenagergeschichte in Verbindung mit BDSM. Und eine Geschichte, die anders hätte verlaufen können, nein: anders hätte verlaufen müssen.
Der erste Sex, - der nachdem sie sich endlich selber spüren wollte - liegt einige Jahre zurück. Dreizehn war sie damals, als sie begann über Sexhotlines Kontakte zu suchen. Gleichaltrige Jungs waren ihr zu langweilig, die Herausforderung lag in den Älteren, den Erfahrenen, - und die forderte Nina mit aller pubertärer Kraft und auf ungewöhnlichen Wegen, weitab von Kuscheltieren und Boygroup-Romantikfaktor.
Spannend war der Sex nicht und eigentlich suchte ihr Bauch nach der Macht die sie in die Knie zwingen und gleichzeitig fliegen lassen würde. Eine erste Wiederekennung ihrer Träume fand sie schließlich in den Werbesätzen einer SM-Telefonhotline, die reale Treffen mit dominanten Männern versprach und dummerweise auch hielt.
Nina, 15, wurde zur Lolitasklavin, lernte telefonisch von zuhause aus vermeintlich passende SM Partner kennen und sorgte für den Erhalt ihrer Freiheit, indem sie die einzig bestimmenden Familienregeln befolgte: sie war stets um 22 Uhr zuhause und unter ihrem Kopfkissen lag ein verschlossener Umschlag mit ihrem jeweiligen Aufenthaltsort. Für den Fall, daß irgendwann doch einmal etwas passiert wäre...
Die Mutter liebt sie heute noch innig und verzeiht ihr kindlich naiv, daß diese die Wahrheit ihrer frühreifen Ausflüge einfach nicht sehen wollte. Und die Wahrheit, das sind viele sexuelle Kontakte mit Männern zwischen 25 und 53 Jahren. All diese Männer wussten ganz genau, was SM für eine "Naturdevote" wie Nina zu bedeuten hat: gehorchen, die Beine breit machen, unerträglichen Schmerz ertragen und im Anschluß den Abwasch erledigen. Barfuss, nackt oder in Sackkleidung, wie es sich für ein solches Sklavenkind eben gehört...
Dominanz durch Prügel. Weitab von Sadomasochismus, durch den Nina "sich gerne gefühlt hätte". Sie ließ geschehen, floh und testete weiter auf der Suche nach dem Richtigen. Hin und wieder gönnt sie sich eine Pause von 14 Tagen, wenn sie sich selbst als seelisches Wrack empfindet und der Wunsch nach Zärtlichkeit die Sucht jugendlichen Grenzgangs vertreibt. Rückzug ins Kinderzimmer und Stolz auf die letzte heilige Zone Mund. Küssen war nicht. Alte Hurenregel.
Mit 17 schließlich der erste "der lieb zu ihr war" im Kreis der Widerlinge: ein Gummi-Fetischist um die 50, etwas bizarr und menschlich langweilig, aber zum ersten Mal geht es um gegenseitiges Fühlen. Und: endlich nennt da jemand mit menschlichen Gefühlen das Zauberwort: SMalltalk. Ein Gesprächsangebot für Sadomasochisten in dieser Stadt, eine Initiative, die jedem Interessierten zur Verfügung steht.
Nach mehr als zwei Jahren nimmt Ninas bizarrer Weg die Wendung zu Sadomasochismus. Sie besucht die ortsansässige BDSM Regionalgruppe und lernt Menschen kennen. Diese waschen ihr den Kopf und sprechen von SM Regeln, von Einvernehmlichkeit und Grenzen, von der Unterscheidung zwischen BDSM und Missbrauch. Zum ersten Mal stösst sie hier auch auf BDSM Frauen. Frauen, die warnen und das Küken unter ihre Fittiche nehmen.
"Das war unbequem" sagt Nina. "Und zu Beginn hat mich diese Erwachsenen-bevormundung genervt. Aber eigentlich hat sich ab diesem Zeitpunkt zum ersten Mal jemand um mich gekümmert. Ich war ihnen nicht egal und sie haben mich ernst genommen."
Auf die Täter der letzen Jahre trifft sie in diesem neuen Kreis nicht, die Outlaws meiden den Kontakt zur organisierten Szene. Dafür begegnet sie nach einiger Zeit Jürgen. Einer ebenso starken, wie einfühlsamen und weitsichtigen Persönlichkeit, der sie ganz vorsichtig an die Hand nimmt und die junge Frau wachsen lässt. Er fordert bedächtig, - ihr Selbstvertrauen und ihre Eigenentscheidung. Boden, auf der Liebe und BDSM Sexualität wachsen können. Seit 2 Jahren sind sie nun ein Paar und Nina schwebt, träumt von einem Häuschen mit Rosengarten, Brennesseln, Schmetterlingen und einem großen Spielkeller. Heiraten will sie nie, aber ihre Kinder sollen einmal nur das dürfen, "was im gesunden Rahmen liegt".
Heute stellt sie fest, daß sie keine einfache Persönlichkeit ist, daß vieles schief lief und wie sie selbst sagt "mit ihr nur der unbequeme Weg möglich ist. Ich hätte auf meine innere Stimme hören sollen. Auf das *Paß auf, tu nur was Dir guttut*."
Ein Satz, der Jahre zuvor bereits von anderer Seite hätte kommen können und den sich viele Jugendliche oftmals schwer erarbeiten müssen. Bei BDSM Jugendlichen allerdings bringt diese Lehrzeit u.U. Narben mit sich, die ein ganzes Leben nachhaltig beeinflussen können.
Überforderte Eltern, jugendlicher Grenzgang, Orientierungslosigkeit, Frühreife... all diese Eckdaten können zusammen mit BDSM Gefühlen ein Desaster in Minderjährigen anrichten, dem unaufgeklärte Menschen und die Betroffenen selbst, hilflos gegenüberstehen.
Wir alle wissen um die Existenz jugendlicher BDSM Gefühle teilweise aus eigener Erfahrung. Wir haben die Verpflichtung an dieser Tatsache nicht vorbei zu sehen, sondern nach unseren Möglichkeiten - trotz Bedenken, von staatlicher Stelle in diesem Anliegen mißverstanden zu werden - Unterstützung und Gespräche anzubieten. Sicherlich nicht sexuell, sicherlich nicht in Jugendgeschützten Bereichen, sicherlich nicht in Erwachsenenchats.
Aber verantwortungsvoller Umgang mit diesem Thema und der Mut bei Gruppen und Initiativen Jugendliche nicht außen vor zu lassen, wären ein wichtiges Ziel.
Aus diesem Grund unterstützt Lustschmerz die sadomasochistische Jugendgruppe SMJG in ihrem Engagement als verantwortungsvolle Anlaufstelle für minderjährige Betroffene auf ihrem Weg sexueller Orientierung.
Denn: Wegschauen gilt nicht.
Und Geschichten wie die von Nina sollten sich nicht wiederholen müssen.
(c) Andrea Schneider
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