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LustSchmerz Konkret: Flag


Physische und psychische Reaktionen bei einer Flag-Session (aktiv & passiv) - Ein Gastartikel von Sven

Reaktionen physisch: Der Körper reagiert sehr unterschiedlich auf Schläge. Aus Geschwindigkeit und Masse ergibt sich die Schlagkraft, die wiederum auf eine mehr oder weniger große Fläche wirkt. Rein physisch gilt: je schlanker, und "schärfer" ein Instrument ist, desto tiefer wirkt es, und desto eher kommt es zu histaminischen Reaktionen wie Striemen. Je stumpfer und schwerer ein Instrument ist desto eher neigt der Körper zu Hämatomen und Nervenschäden, und desto größer ist die Gefahr, innere Organe oder Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen.

Auf einen Schlag hin wird zunächst in der betroffenen Region die Durchblutung erhöht. Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen (u.a. Adrenalin, Noradrenalin). Die Verdauung wird heruntergefahren, das Blut gerinnungsbereiter, Herz- und Atemfrequenz steigen etc.. Kommen laufend Schmerzreize hinzu, wird außerdem das körpereigene Schmerzmittel Endorphin freigesetzt, welches eine Art Rausch zu erzeugen vermag. Nach ca. 20 Minuten kontinuierlichen oder jeweils nur kurz unterbrochenen Schlagens ist bottom fit für härtere Schläge. Die trockene Kehle (top: Zu trinken bereit stellen) ist eine direkte Folge der Hormonausschüttung.

Was als nett, schmerzhaft oder unerträglich empfunden wird, ist sehr unterschiedlich von Person zu Person. Generell gilt, daß Männer im wahrsten Sinne des Worte dickfelliger sind, also aufgrund der Beschaffenheit ihrer Haut mehr oder härtere Schläge bei gleichem Schmerzempfinden einstecken können als Frauen. Allerdings sind Frauen besser darin, starke Schmerzen zu verarbeiten, so daß sich der Geschlechterunterschied weitgehend ausgleicht. Zudem ist es stark von der Übung abhängig, wie schmerzhaft Schläge empfunden werden. Geübte bottoms vertragen sehr viel mehr als ungeübte!

Daneben spielen wie gesagt Gesundheitszustand, Tagesform, Wetter, Alkohol und psychische Faktoren eine Rolle. Es ist übrigens keineswegs so, daß gut gepolsterte bottoms mehr vertragen als schlanke.

Aspirin im Blutstrom "verdünnt" das Blut, es kommt schneller zu blauben Flecken und Hämatomen. Die Schmerzempfindlichkeit für die von Schlägen ausgelösten Schmerzen wird durch Aspirin übrigens nicht sehr stark beeinflußt, wohl aber das Empfinden "danach". Häufige, kräftige Schläge mit schweren, harten Instrumenten (also bis die Taubheit einsetzt), führen zu dauerhafter Nervenschädigung, dem sog. leatherbutt, der nach einiger Zeit für Schläge sehr unempfindlich wird. Mit Glück dauert dieser Zustand nur einige Monate oder Jahre, verlassen kann man sich darauf leider nicht. Durch Schläge wird die Haut in der Regel empfindlicher für andere Reize. Eine Feder oder ein Eiswürfel auf frisch gepeitschter Haut können heftige Reaktionen auslösen. Wachs wird als sehr viel heißer empfunden als auf unbehandelter Haut.

Reaktionen Psychisch - Passiver Part:

Auch die Bandbreite der psychischen Reaktionen bei Flagellanten ist natürlich riesengroß. Zum Verständnis der Reaktionen auf der Seite des bottoms ist es vielleicht hilfreich, sich klarzumachen, warum sich jemand schlagen läßt, bzw. es genießt, geschlagen zu werden. Drei der häufigsten Gründe sind:

Strafe: Bottom will (oder willigt ein) bestraft werden, für eingebildete oder echte Verfehlungen, oft im Rahmen eines spielerischen Rollenkontextes. (Schuljunge/-mädchen-Lehrerin, Sklave-Herrin, Dienerin-Meister etc.) Das Rollenspiel hilft zum einen, sich gegen die eigenen Tabus fallen zu lassen und ein normalerweise als nicht ok empfundenes Verhalten zu genießen. Zum anderen muß der situative Kontext nicht hergestellt werden, der Kopf bleibt frei für die Emotionen und Gedanken des eigentlichen Spiel.

Intelligente Dialoge fallen nicht immer leicht, wenn die Erregung gar so groß ist. Ein vorgefertigter Rollenkontext mit den ihm eigenen Dialogen hilft hier ungemein. Ziel des Spiels ist im übrigen häufig eine Katharsis, das "Durchspielen", "weich werden" oder das Aufgeben des Widerstandes durch bottom. Oft auch Verzeihung, Vergebung, Reinwaschen von Schuld etc.. Ein Orgasmus kann, muß aber nicht dazugehören. Erniedrigung kann, muß aber nicht dazugehören.

Schmerz: Manche bottoms reagieren auf Schmerz allgemein oder bestimmte Formen von Schmerz mit direkter, sexueller Erregung. Mit einiger Übung können manche bottoms durch flag zum Orgasmus kommen, auch wenn sie nicht gleichzeitig an den Geschlechtsteilen stimuliert werden. Orgasmus heißt hier das Zauberwort, mit dem das Spiel endet (oder eine Pause gemacht wird).

Unterordnung aus anderen Motiven: Für viele bottoms besteht der Kick darin, etwas für top auszuhalten, zu etwas Unangenehmem oder Schmerzhaftem gezwungen zu werden, oder ein Tabu zu brechen. Die empfundene Unausweichlichkeit der Situation kann ebenfalls ein gewaltiger Anreiz für bottom sein, sich einem flag-Spiel hinzugeben. Bei dieser Variante spielt flag oft eine untergeordnete Rolle und ist zumeist eingebettet in andere Aktivitäten, zum Beispiel in ein Erziehungsspiel oder in einen längerer Spielkontext bis hin zum 24/7 Spiel.

Reaktionen Psychisch - Aktiver Part: Bei den Tops gibt es natürlich auch die unterschiedlichsten Reaktionen auf ein Spiel. Warum schlägt jemand andere Menschen (gern):

Liebesdienst: Viele Tops schlagen einfach nur deshalb, weil es bottom gefällt. Auch wenn sie dabei oft eigene Tabus und Abneigungen überwinden müssen. Wie so oft kommt es hier auf Kommunikation zwischen den Beteiligten an. Im englischen Sprachraum gibt es für diese Spielart den Begriff "servicing top". Vielen bottoms genügt diese selbstlose Haltung des tops nach einiger Zeit nicht mehr, manche Tops fühlen sich in dieser Rolle recht unwohl, und hören nach einiger Zeit mit dem Spielen ganz auf, sehr zu Leidwesen ihrer Partner(innen).

Machtgefühl: Tops, die gerne schlagen genießen ganz oft das Gefühl der Macht über bottom. Das kann von einem einfachen "ich darf bottom jetzt ungestraft den Po versohlen" bis hin zu elaboraten Erziehungs- oder Rollenspielen reichen. Die psychologische Wirkung ist zumeist deutlich ausgeprägter als in einem "servicing" Spiel.

Tabubruch: Was für die eine das Vögeln unter freiem Himmel sein mag ist für den aktiven Flagellanten eben das Schlagen eines anderen Menschen. Und solche Tabubrüche wirken auf die meisten Menschen sehr erotisch. Die erotische "Belohnung" die top für sich aus einem Spiel zieht, ist unter Umständen weniger direkt als die Erfahrung die bottom während des Spiels macht. Mir ist es durchaus schon so gegangen dass ich erst auf dem Nachhauseweg von einer SM-Fete gemerkt habe, dass es im Verlauf des Abends auch in meiner Hose recht feucht geworden war. Insbesondere in schwierigeren Spielsituationen (zum Beispiel mit 2 Subs oder mit einer neuen Partnerin) ist die Konzentration bei vielen tops zunächst auf den Ablauf des Spiels gerichtet, und erst danach auf die eigene Befriedigung. (Aber wozu hat man denn eigentlich seine Sklavin? :-)

Natürlich gibt es auch hier nicht nur schwarz und weiß, sondern bei den meisten SMlern dürfte es eine ganze Reihe von Gründen geben, warum sie flag betreiben. Diese Gründe ändern sich zudem mit wachsender Erfahrung im Spiel oft ganz erheblich. Viele SMer durchlaufen einige Stadien des Spiels bis sie ihren Level und ihre Spielvariante gefunden haben. Während des (flag-)Spiels kann es wiederum zu den unterschiedlichsten Reaktionen kommen. Von tiefer Trauer, Selbstmitleid und Jammertal über Schmerztränen bis hin zu verrücktem Lachen aus Reizüberladung (eine sehr schöne Spielvariante ). Manchen bottoms gelingt es, einen recht abgetretenen Zustand zu erreichen, den die Amerikaner treffend mit "flying" bezeichnen. In diesem Zustand ist bottom oft ausgesprochen nonverbal, und reagiert nur sehr zögernd auf Input.

Sehr interessant finde ich im übrigen diejenigen Flagellanten, die ausschließlich im Erziehungskontext miteinander spielen, und hellerlicht empört sind, wenn man sie als Teil der SM-Szene ansieht. Diese Menschen haben auf ihre Weise einen Weg gefunden, trotz vermeintlicher oder realer gesellschaftlicher Tabus ihre Neigung auszuleben, und manchmal auch, zumindest nach aussen hin, von der Sexualität zu trennen. In der jüngeren Generation wird diese Spielform übrigens seltener, die Vereine wie Rohrstock oder die Leserschaft des FF sind zumeist ältere Semester.

(c) Sven

 

 
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