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Am Dienstag, den 15.07.03, hielt March von der Libertine Wien bei der Bonner Gruppe von SMart Rhein-Ruhr einen Vortrag über SM und Feminismus mit anschliessender Diskussion.
Der Vortrag begann gleich mit einem Paukenschlag: March verwies auf die bekannte Diskriminierungsthese der Radikalfeministin Alice Schwarzer, weiblicher Masochismus sei "Kollaboration im Krieg gegen den männlichen Feind". Sie erwähnte die Leugnung der Existenz dominanter Frauen, die porNO-Kampagne, den jüngsten Vorstoß der EU-Kommission zu sogenannten "pornografischen" Darstellungen und die Verleihung des Zivilcourage-Preises an diese Frau Schwarzer in Berlin. Nicht unerwähnt blieb, dass nicht nur Frau Schwarzer, sondern auch andere RadikalfeministInnen sich immer wieder verständnislos bis extrem diskriminierend über Sadomasochismus und SadomasochistInnen geäußert haben.
Dermaßen eingestimmt, erlebten die TeilnehmerInnen in Bonn anschließend eine tour d'horizon verschiedenster Denktraditionen in ihren Einflüssen auf feministische Aussagen über Sadomasochismus. Erkenntnisleitende Fragestellung: Welche Interpretationen, welche Rezeptionen des Sadismus, des Masochismus und des Sadomasochismus den unterschiedlichen feministischen Äußerungen zugrunde liegen. Die Grundannahme der Referentin: Es gibt weder den Feminismus noch den Sadomasochismus; beide unterliegen historischen Veränderungen, sind heterogen und abhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren. So, wie es heute verschiedene Auffassungen von BDSM gäbe, so seien auch feministische Strömungen unterschiedlich. Insofern sei die Frage: "SM und Feminismus ?" richtigerweise durch die Formulierung: "Wie bezieht sich welcher Feminismus auf welche Auffassung von Sadomasochismus ?" zu ersetzen.
Ausgehend von der historisch scharfen Trennung zwischen Sadismus und Masochismus und ihrer Zuordnung zu den Geschlechtern wandte sich die Referentin zunächst masochistischen Fantasien und Praktiken von Frauen zu.
Das Verständnis im Masochismus (und natürlich Sadismus) war tief vom jeweiligen (Rollen-)Verständnis von Weiblichkeit und Männlichkeit verwurzelt. Bekannt ist der den Frauen unterstellte "naturgegebene" Masochismus in Philosophie und Psychoanalyse des 19. Jahrhunderts. Diese lange herumgeisternde These sei einer der Hauptauslöser heftiger feministischer Kritik am weiblichen Masochismus gewesen. Unter Verweis auf das Referat von Rita Felski (Redescription of Female Masochisme; abgedruckt im englischsprachigen Supplementband "Phantom of Desire" zu Phantom der Lust; Visionen des Masochismus; hg. von Peter Weibel - München und Graz 2003) auf dem Symposion anläßlich des diesjährigen Sacher-Masoch-Festivals in Graz arbeitete March drei historische Facetten der Wahrnehmung von Masochismus heraus.
Erstens: Der weibliche Masochismus ist "unsichtbar", d.h. Wünsche und Handlungen, die aus heutiger Sicht masochistisch sind, waren in die "natürliche" Ordnung der Dinge eingebettet. Zweitens: Masochismus wird "sichtbar" und in der Welt der Moderne (seit der Aufklärung und Französischen Revolution) als Verstoß gegen den Grundsatz von Freiheit und Gleichheit und somit als Perversion gesehen. Drittens: Masochismus wird als Rebellion, Transgression, bewußte Abkehr von (bürgerlichen) Normen verstanden.
Der männliche Masochismus sei in der Moderne sehr lange Zeit als Perversion wahrgenommen worden. Allerdings habe schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Neubewertung durch Intellektuelle und Künstler stattgefunden. Mißtrauen gegen soziale Normen und die Ablehnung der Idee einer "gesunden" Sexualität wurden von ihnen als politisch bewußte (Selbst-)Abgrenzung und als Technik verstanden, den Fesseln der eigenen Identität und Rollenzuschreibung zu entkommen. Während FeministInnen den weiblichen Masochismus zunächst rundweg ignorierten oder bekämpften, wurde dem männlichen Masochismus eine Affinität zu feministischen Bestrebungen unterstellt, da er das traditionelle Gender-Rollenbild unterlaufe.
Auf die unbestreitbare Tatsache, dass es viele Frauen mit (sado-)masochistischer Sexualität gibt, reagierten FeministInnen mit folgendem Erklärungsversuch: Weiblicher Masochismus existiere gar nicht, sei vielmehr eine zweckrationale Anpassung an patriarchalische Herrschaftsstrukturen; Unterwürfigkeit und Leidensbereitschaft der Frauen korrespondierten mit männlicher Unterdrückung. Dem Einwand, dass damit ja noch nicht erklärbar sei, dass Frauen masochistische Fantasien haben, wurde entgegen gehalten, dass Männer sich als Subjekte, Frauen hingegen als Objekte sähen, die sich nur durch den männlichen Blick, die Aufmerksamkeit von Männern überhaupt wahrnähmen. Diese würden sie sich erschleichen, indem sie sich auch in ihrer Fantasie der Macht des "Masters" (hier gemeint als Bezeichnung früherer amerikanischer Sklavenaufseher und -besitzer) ergäben. Das Bild der Kollaboration habe in diesem radikalfeministischen Gedanken-Konstrukt seinen Ursprung.
In den 1980er Jahren ging eine Neubewertung des weiblichen Masochismus von der Lesben-Bewegung aus. Zunächst wurde auch den SM-Lesben vorgeworfen, mit ihrer Sexualität das Patriarchat zu stützen (so in der Zeitschrift EMMA 1988). In längeren und teilweise harten Auseinandersetzungen gelang es SM-Lesben - unter Hinweis auf ihren Status als gesellschaftlich diskriminierte sexuelle Minderheit - sich eine gewisse Duldung in feministischen Kreisen zu erkämpfen. Heterosexueller SM galt natürlich weiterhin als "Konterrevolution".
Ein neuer Aspekt hielt Einzug, als Gilles Deleuze mit seiner Interpretation der "Venus im Pelz" behauptete, dass Sadismus und Masochismus von völlig unterschiedlichen Impulsen ausgehen würden. Der Sadist sei tendenziell destruktiv und unkonsensuell, der Masochist hingegen sei konsensuell, erschleiche sich die Verwirklichung seiner eigenen Fantasien und suche nur den Mitspieler, der bereit und in der Lage sei, das "Skript" des Masochisten durchzuziehen. Diese ursprünglich nur auf Männer bezogene These wurde später auch auf Frauen ausgeweitet. In einer solchen Sichtweise - submissive, masochistische Menschen haben die eigentliche Macht, dominante bzw. sadistische seien nur Erfüllungsgehilfen - wurde weiblicher Masochismus plötzlich zu einer auch für FeministInnen irgendwie denkbaren Option.
In den 1990er Jahren differenzierten sich feministische Auffassungen über Sexualität und Geschlecht. Selbstbewußte Frauen standen auf gegen einen sich als moralische Instanz zu Sexualität gerierenden Feminismus. Auch Sadomasochistinnen wehrten sich gegen das Ansinnen, Normen über "korrekte" Sexualität als Oktroy hinnehmen zu sollen. Gleichzeitig setzte ein Denkprozess bei einigen FeministInnen ein, der dazu führte, die Einengung von Sexualität auf Gender infrage zu stellen - was auch masochistische Neigungen betraf. Die Entwicklung der einzelnen Deutungsetappen, so March, sei nicht linear verlaufen, sondern teilweise parallel. Heute sei eine gewisse Ko-Existenz der unterschiedlichen Ansichten im Feminismus festzustellen. Die Referentin verwies auf den Widerspruch, dass manche der herrschenden feministischen Auffassungen in ihrer letzten Konsequenz zur Perpetuierung traditionellen Geschlechterverständnisses führen könnten - und damit dem zentralen feministischen Anliegen diametral zuwider laufen würden.
Wie zum Masochismus sei auch die feministische Deutung zum Sadismus differenziert zu betrachten. Die ursprüngliche und bis heute vorherrschende Auffassung orientiere sich an Vorstellungen, wie sie bereits Krafft-Ebing mit der sechsten Auflage seiner Psychopathia Sexualis postuliert habe. Sadismus sei einfach die "Verbindung von aktiver Grausamkeit und Gewalttätigkeit mit Wollust". Dieser Sadismus, so viele RadikalfeministInnen, sei der Natur des Mannes inhärent; eines Mann, der die Frau als Gegenstand der Befriedigung seines natürlichen Triebes sehe. Sadismus sei eine typisch männliche Perversion, die ihre "Normalität" in der Triebstruktur der Männer habe. Insofern sei auch ein Lustmord nur Ausfluss männlicher Natur.
Feministinnen erweisen sich so - bewußt oder unbewußt - als späte Schülerinnen von Krafft-Ebing, der seinerzeit schon ein Gegensatzpaar Sadismus - Masochismus entwickelte und auf die Geschlechterdifferenz projizierte.
Auch die These von Sigmund Freud, dass Masochismus oft nichts anderes als sublimierter Sadismus sei, bestärkte FeministInnen in ihrer Verachtung für sadomasochistische Sexualität. Die Rezeption de Sades in Kunst und Kultur seit den 1930er Jahren (etwa im Surrealismus) verunglimpfen RadikalfeministInnen als Rückfall in Irrationalismus und Antihumanismus. Daran änderten auch Einwände, dass konsensueller SM aus Inszenierungen, wie in einem Theaterspiel, bestehe (so etwa die frühe Pat Califia als SM-Lesbe), nichts. Selbst die Auffassung von Gilles Deleuze (die eigentliche Macht liegt beim Masochisten) habe die feministische Haltung nicht erschüttern können, zumal er selbst den Sadismus als nichtkonsensuell und destruktiv beschrieben habe, während der Masochismus sich des Gedankens der "Vertraglichkeit" bediene. March wies erklärend daraufhin, dass Deleuze Sadismus und Masochismus literarisch zu deuten versuchte und dabei den Denkfehler begangen habe, de Sade als Literaten des Spätfeudalismus mit Sacher-Masoch als Schriftsteller der Moderne unzulässigerweise zu verbinden.
Die Referentin schloß mit einem Exkurs über heutige Vorstellungen zu Sadomasochismus als konsensuelle, der Gesundheit, der Vernunft, dem Wohlbefinden und dem individuellen Glück der Beteiligten verpflichtete Form der Sexualität und bedauerte, dass sich diese sexualethischen Einsichten und Auffassungen offensichtlich noch nicht bis in radikalfeministische Kreise "herumgesprochen" hätten. Eine umfangreiche, nützliche Literaturliste wurde ausgehändigt.
In der anschließenden, intensiven und von allen Seiten getragenen Diskussion, die von Eva (Iphigenie) und Sven (slap882) souverän moderiert wurde, wurden zahlreiche Denkanstöße und besonders eigene Erfahrungen der TeilnehmerInnen thematisiert. Der Qualität des Gedankenaustausches kam sehr zugute, dass mehrere Frauen, die sich neben March aktiv an dem jüngsten Disput im Online-Forum der Zeitschrift EMMA beteiligt hatten - darunter Bijou (die den Disput bewußt ausgelöst hatte) und Junobet (die in einer wissenschaftlichen Arbeit ein einschlägiges Thema ausgelotet hat) - in Bonn ihre Kenntnisse und Erfahrungen aus feministischen Diskussionen weitergaben. Und auch die anwesenden Männer, darunter ganz bürgerliche, aber auch sozialistisch bewegte sowie ein leicht rückständiger, machohafter Alt-68er, belebten die spannenden Gespräche. Die Veranstaltung, die in der Stammkneipe der Bonner Gruppe von SMart Rhein-Ruhr ausklang, war nach Auskunft von Eva und Sven die zeitlich längste und bestbesuchte in der Geschichte dieser Gruppe.
KOMMENTAR: Dieser Bericht kann nur Auszüge und Zusammenfassungen des faktenreichen Vortrags wiedergeben. Der klar strukturierte, sehr fundierte, kenntnisreiche und überzeugende Vortrag von March, die Moderation durch Eva und Sven und die interessante Diskussion waren ein Erlebnis. Ein besonders herzlicher Dank gilt March (Libertine Wien) !
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