Lustschmerz Konkret: Absturz


"Absturz: Vom Höhenflug zum tiefen Fall" - ein Redaktionsartikel von Andrea

Ich mag meine Abstürze. Ich sehne sie nicht herbei, ich kann gut ohne sie leben, aber wenn sie denn hin und wieder mitten in eine Session platzen... nun gut, dann mögen sie sich den Platz nehmen, der ihnen zusteht. Ich mag meine Abstürze, weil sie mich an meine heutige Grenze erinnern und daran, daß weder mein Top noch ich Maschinen, sondern Menschen sind. Daß wir uns in uns selbst und in den Grenzen des anderen "verschätzen" können.

Die Absturz-Biester haben unterschiedliche Charaktere: sie können mit einem gigantischen Wumm mitten ins Geschehen platzen, erschrocken machen, tränenreiche Erlösung verlangen.

Es können Sekunden sein, in denen etwas urplötzlich die -an sich geklärte- Frage stellt, "warum man all das eigentlich mit sich machen lässt". Sekunden in denen der Film reisst und fade Metaebene die Lust mit einem Rutsch unter den Beinen wegzieht.

Ich kann mich aber auch an einen Moment erinnern, als mein Körper nach einer heftigen Session beim anschließenden bloßen Berühren einer Brustwarze plötzlich in sich zusammenfiel und totale Aufgabe mit einem Schluchzgewitter signalisierte. Er nahm mir damit eine Entscheidung ab, die mein Geist nicht bewusst einforderte und die ich mit Worten nicht mehr treffen konnte. Er sagte nonverbal STOP, konnte keine sexuelle Berührung mehr ertragen, war für diese Nacht an der Grenze seiner Aufnahmefähigkeit angekommen.

Manch ein anderer SMer kann diese Momente rechtzeitig per Codewort abbrechen, wer ohne Codewort spielt oder während einer Session Kopf und Entscheidungsfreiheit abschaltet, kann es kaum. Dann macht sich der Break selbst. Unverlangt und frech wie Oskar, vermeintlich immer im falschen Moment, in Wahrheit aber genau zu dem Zeitpunkt, in dem -ob man es selbst so akzeptieren will oder nicht- ganz einfach Schicht im Schacht ist. Ende. Pause. STOP!

Ob körperliche Belastungsgrenze oder Filmriss der Phantasie, Abstürze haben ihre eigenen Regeln und gründen meist in momentanen Situationen. Worte oder Praktiken, die hundertmal perfekt und richtig waren, können beim 101. Mal einfach nicht "weggesteckt" oder erotisiert werden. Und neue Spiele halten in der Realität vielleicht nicht, was die neugierige Phantasie so vorwitzig versprochen hatte.

Nun, sicher ist man also nicht vor den Absturzmonstern, aber man kann mit ihnen umgehen. Die Reissleine die vor dem totalen Aufprall schützt, ist unter dem schönen Begriff "Auffangen" bekannt. Ähnlich wie im Zirkus Mortale gehören dazu aber zwei: der sichere Fänger und der Fallende, der seinen Teil beiträgt um die rettende Hand auch zu erwischen.

Erstmal ist der Nichtstürzer mit der "Erste Hilfe Nummer" gefragt. Also evtl. Gefesselte sicher befreien (bitte erst die Beine lösen, es fällt sich sonst mit unschönen Konsequenzen :), normale Umstände herstellen, Ruuuuuhe verströmen und starke Schulter bieten.

Aber auch der Fallkandidat kann seinen Kopf nach kurzer Zeit wieder zusammen bekommen und zumindest ein "Alles o.k., nicht so schlimm wie es aussieht, keine Panik" an den Partner melden, der ja meist auch erschrocken ob der Dinge ist, die er da vermeintlich auslöste.

Meist hat der Absturz aber wenig bis nichts mit falschem Handeln oder absichtlicher Überforderung zu tun, sondern hängt von Tagesverfassung oder einem unbewussten Bedienen gefährlicher Knöpfe zu tun, die der Betroffene selbst oftmals nicht kannte. Und dies ist nicht nur Passiven vorbehalten, auch Aktive können ins schwarze Loch fallen und einen unromantischen Abbruch herbeiführen, schließlich bewegen auch sie sich während einer Session in ihrem erotischen Film, können an Mutgrenzen stossen, sich überfordert fühlen oder ganz einfach die Lust verlieren, den starken Zampano zu geben. Menschlich.

Egal wer kippt, gemeinsam kommt man besser raus, aus dem tiefen Loch. Sprechen ist gut, sofortiges Analysieren eher schal und unnötig, ebenso wie panische Abstinenz und persönliche Infragestellung. Was an Melodramatik punktet, frisst die Lust auf neue Leidenschaft auf und kann ziemlich schnell in einer saftigen Spirale enden.

War die Praktik wirklich abtörnend, nun gut, dann gehört sie vielleicht von der Abenteuerlliste gestrichen oder zurückgestellt. War die Tagesform schwach, schenken neue Tage vermutlich ganz andere Gefühle. Es soll nicht oberflächlich klingen, aber meiner Meinung nach ist es meist überflüssig, sich verrückt zu machen.

Abstürze müssen keine Höllenerlebnisse werden, sie können wichtige Meilensteine auf einem spannenden Weg sein. Aber das ist - vielleicht mehr als bei jedem anderen Thema- eine sehr subjektive Einstellung, die auf keinen Fall Anspruch auf die einzig richtige Wahrheit erheben soll.

(c) Andrea

 

 

   

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