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LustSchmerz Fetisch: Uniformen


"Bad Guy, Good Vibration" : Vom Spiel mit der Macht - Uniformen und Waffen     Ein Redaktionsartikel von Andrea Schneider

Ach, es ist ein Kreuz mit dem Kopfkino Fetisch! Lassen sich "Norm"-Materialen wie Lack, Leder oder High Heels noch recht leicht erklären, da fast jeder etwas Positives damit assoziieren kann, so stossen "seltsame" Kicks doch schon auf bedeutend mehr Verwunderung.

Ganz schwierig wird es allerdings bei Phantasien, die selbst für die Mehrzahl der BDSMer als "böse" belegt sind. Uniformen und Waffen fallen exakt in dieses Schema bitterböser Gewalt, kriegsverherrlichenden Gedankengutes und Verletztung fremder Tabugrenzen. Die meisten Gegner dieser Fetische projezieren all ihre Vorstellungskraft auf Holocaust und Drittes Reich, - ein Hintergrund der bei den wenigsten UniformfetischistInnen spannungsbeladen ist und oftmals gar nicht in Erscheinung tritt.

Als friedfertige Frau, geschichtlich aufgeklärt, politisch liberal und überzeugte Gegnerin gewalttätiger Lösungen möchte ich versuchen, für den Kick "Uniform- und Waffenfetisch" heute ein klein wenig in die Presche zu springen und ihn im besten Fall leichter verständlich zu machen...

Erinnert sich noch jemand an Richard Gere als "Zack Majo" in "Ein Offizier und Gentleman"? An diesen unglaublich gut gebauten Mann, der es seinem Vater und sich selbst beweisen will, monatelang durch den Schlamm des US Corps robbt, sich vom Offiziersausbilder Foley das Leben schwer machen lässt, "weil nur die Besten durchkommen"... und am Schluß in Ausgehuniform seine Geliebte Paula aus der Arbeiterfabrik befreit?

"Nein, Sir, ich gebe nicht auf, Sir!". Majo hält durch, verfolgt seinen Traum, seine Herausforderung, überwindet seinen inneren Schweinehund, der ständig nach Aufgabe ruft.

Ich bin mir sicher die Frauen erinnern sich, denn viele von uns lieben solche Szenarien. Natürlich... ein alter Mädchentraum vom harten Kerl. Unbezwingbar, stark, endlos belastbar, ein Durchhalter eben. Ein Retter, ein Musketier, einer der sein Leben für seine Ideale opfern würde, einer dem man noch im Schützengraben hingebungsvoll das Blut von der Wange küssen möchte.

Sicherlich gibt es Männer dieser Eigenschaften auch intellektuell, mit Pfeifchen auf dem Sofa sitzend, Golfhandicap 10, mit fetter Brieftasche und flauschigem Hausmantel. Und sicherlich ist auch mein Briefträger ein echt netter, belastbarer Mann mit tollen inneren Werten, vermutlich ein aufopfernder Familienvater. Aber trotz Gutmensch- oder Postuniform taugen diese Bilder eben nicht für einen schönen Kopffilm.

Kaum eine Frau sieht an durchtrainerten Kampfschwimmern, Sondereinheiten der Polizei oder der Bundeswehr, am französischen Motorradbullen oder den Herren der Fliegerstaffel vorbei. Wohlwissend, daß sie in diesem Moment einem klischeebehafteten, süßen, feuchten Traum aufsitzt, der sich aber verdammt gut anfühlt. Ja, es geht da um ein wenig Heldentum und Unerreichbarkeit. Um den Bad Guy mit dem Herz am rechten Fleck.

Ebenso wie für einen High Heel Fetischisten der Schuh eine faszinierende Verpackung der tragenden Frau darstellt, implizieren für die/den ders mag, Uniformen eine klassisch schöne Variante von Macht, Stärke, Durchhaltevermögen und Männlichkeit.

Phantasien brauchen nicht zu reflektieren, ob eine Armee wirklich Friedensbringer oder ein Spielplatz für Möchtegernmachos ist . Ebenso wenig wie sich ein Mensch der Seidendessous liebt, über das Leben und Sterben der Seidenraupen Gedanken macht, oder wie es unter Leder-Liebhabern auch Vegatarier gibt.

Es ist eine Mär, daß Leute die Uniformen erotisieren, potentielle Gewaltneigungen verspüren. Nein. Was hier spielerisch erotisiert wird, ist reines Kopfkino. "Macht"Uniformträger müssen durch eine harte Ausbildung, - nur die Besten, die Stärksten, die Durchtrainierten kommen nach ganz oben und so sehen sie immer lecker aus, die Herren mit den Abzeichen auf den Schultern. Männerschweiss pur, hocherotisierend. Was stört uns der Dreck, - animalische Gelüste harmonieren nicht mit Herrenmaniküre.

Uniformen implizieren verliehene Macht, der es sich zu beugen gilt. Und - bleiben wir beim Kopfkino - es beugt sich leichter vor dem Offizier und Gentleman (smart, hart, gerecht und verwegen), als vor einem einem autonomen Müslimann mit Ziegenbärtchen und Molly in der Jutetasche. Zumindest für submissive Frau, die es wagt ihre erotischen Träume auch gänzlich unfeministisch zu genießen.

Und wenn es sich vor einem Uniformträger schon so gut beugt, dann lässt sich das Spiel natürlich noch gewaltig ausbauen. Manche lieben inszenierte Verhörsituationen, mich kickt allein das Sehen und Fühlen uniformierter Männerkörper.

Woran es auch immer liegen mag, - für mich verstärken "Macht"- Uniformen eine Aura, die in Jeans und T-Shirt nur schwer zu erreichen ist. Das muß nicht logisch sein, ebenso wie Schuhleidenschaft oder eine Spanking-Session für niemanden logisch klingt, der diesen Kick nicht erotisieren kann.

Vermutlich ist es aber in sich schlüssig, daß Waffen, die diesen Uniformen und ihren Trägern völig legal zugeordnet werden, das Sahnehäubchen meiner Sehnsucht bilden. Kaltes, hartes Metall. Schußwaffen, Messer... sie sind Inbegriff von Macht und möglicher "Gewalt". Nein, ich möchte gar nicht abstreiten, daß sich meine Spiele in letzter Konsequenz um eine "Gewaltinszenierung" drehen, auch wenn diese weitab von großartigen Überfallkommandos stattfinden. Anders als vermutlich von vielen gedacht, können Waffenspiele sehr, sehr leise und bedächtig sein.

Vielleicht schafft eisiges Metall im gebeugten Nacken den mentalen Abstand, der in einer BDSM-Liebesbeziehung anders kaum zu erreichen ist. Vielleicht lässt sich das unabdingbare Vertrauensverhältnis das diese ersehnten Momente möglich macht , erst durch die Klinge am Hals vergessen. Vermutlich schafft alles zusammen ein Erleben, daß ebenso panisch, abstrakt und "gewalt"beladen, wie zärtlich und intensiv ist.

Es bedarf allen Vertrauens dieser Welt, einem Menschen in die Augen zu sehen, der ruhigen Blickes und mit sicherer Hand eine Pistole über Deinen Körper gleiten lässt, den Rippenbogen nachfährt, am Bauch kurz innehält um Dir das explosive Teil schließlich genußvoll mitten im Schritt zu versenken.

Und bei allem Vertrauen dieser Welt hast Du in diesem Moment nur eine Hoffnung,... dass jetzt keiner von beiden erschrickt, kein Flugzeug die Schallmauer durchbricht und der Zeigefinger des Gegenübers nun bitte ganz, ganz ruhig bleiben möge.

Es ist die Mischung aus "böse besetztem Stahl", aus tausend gefährlichen Bildern die durch Hinterkopf, Geist und Seele jagen... und einer Zärtlichkeit und Ruhe, die exakt diese Situation zu einer Zeitlupensequenz besonderer Art werden lässt. Was darin entsteht, ist pure Hingabe ohne Devotheit, stockender Atem ohne Anstrengung, Körperbeben ohne Schlag. Stille ohne Ruhe.  Auch Angst, natürlich. Angst vor den Möglichkeiten, die sich jetzt in beiden Köpfen tummeln, denn die Waffe ist nur metallener Gegenstand. Die Gefahr liegt in den Möglichkeiten, die Entspannung und Intensität in gegenseitiger Hingabe.

Wie bei so vielen anderen BDSM Praktiken, geht es also auch hier um Grenzgang und Liebesbekenntnis, Spiel und Inszenierung, Nähe und Distanz. Leider lassen Fetische und Spiele dieser Art, so manchem die Haare zu Berge stehen. Schade eigentlich, schließlich sind die Übergänge fließend. "Uniformierung" begegnet uns überall, in allen Gesellschaftsschichten und allen Lebensformen. Anarchisten finden sich ebenso in einer Einheitskluft wieder, wie Macht- und Militärpersonal. Jugendliche jeder Generation wählen "ihre" Uniformierung" als Ausdruck ihrer Rebellion und ihres Lebensgefühls, ebenso wie Verwaltungsangestellte und Banker morgens in ihre seröse Nadelstreifuniform schlüpfen. Auch Sadomasochisten werfen sich spätestens bei jedem Partybesuch in ihren Norm-Dresscode. Nichts schlechtes, wenn das was ich da trage, meinem Ausdruck und meinem Gefühl entspricht.

Und ebenso wie man mit einer Gerte einem Menschen die Haut in Streifen vom Leib schlagen kann, ist es möglich mit den falschen Worten zur falschen Zeit eine Persönlichkeit zu zerstören. Nicht die Mittel bergen stets auch große Gefahr... der Umgang mit den selben entscheidet über Höhenflug oder tiefen Fall, über Verletzung oder genußreiche Intensität.

Und wenn mir in speziellen Momenten mein "Bad Guy" mit der Smith & Wesson über die Wange streift, das kühle Metall meinen Adrenalinspiegel so steigen lässt, daß ich auf den Teppich "tropfe" und tausend Kopfteufel heisse, hemmungslose Tänze tanzen, ...

... dann beleidige ich damit kein reales Gewaltopfer, dann verherrliche ich keinen Krieg, kein gewalttätiges Regime, keine Strassengangs, keinen feigen Hinterhalt. Ich verrate weder Emanzipation noch Menschenrechte, ich stehe nicht auf der falschen Seite, ich bin klar, real, mit allen Werten die mir wichtig sind...

Aber ich genieße in diesem Moment den Kick an Angst und Ausgeliefertsein. Kick, der den Atem stocken lässt, Panik in die Augen treibt, für wenige Minuten sinnbildlich elementarsten Überlebenswillen spürbar macht. Eine Intensität - auch eine Verantwortung - die wir in diesen Minuten gemeinsam tragen, inhalieren, aufsaugen, erleben und genießen. Lust pur. So, ... bad guy makes good vibration.

(c) Andrea Schneider

 

 
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