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"Warum wir Schubladen brauchen, oder: der Schrei nach Toleranz "


In manchen Zeiten sind manche Dinge Mode. Und in jenen Zeiten besagt man jenes Problem sei Mode dieser Zeit. Heute fluchen wir auf die Szene im Internet. Alles wird größer und unübersichtlicher. Dennoch scheint es manchen leicht zu fallen Grenzen zu ziehen. Die einen und die anderen. Die mit denen man leben möchte und jene mit denen man nicht leben möchte. Natürlich wird darüber nie sinniert ohne es dabei an der gewissen Toleranz mangeln zu lassen. Toleranz besteht darin über nicht vorhandene Toleranz klagen. Frei nach einer Eigeninterpretation die verrückter Weise nicht individuell geprägt zu sein scheint. Im verdrehten kantschen Sinne :' Aufklärung ist dem anderen vorzuwerfen nicht aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit auszutreten.'

Das musste gesagt werden. Wie das aufregt. Aufregen ist natürlich auch Mode. Aber nur in dieser Zeit. Das Paradoxon besteht darin, dass Menschen sich in einer Welt anfeinden in der sie sich nicht wirklich begegnen können. Das Medium ist der Fluch. Sein Wesen ist es Emotionen zu kaschieren, Ironie zur Wahrheit werden zu lassen. Das Medium des Mißverständnisses über welches man das Verständnis sucht, könnte gar ein Zyniker behaupten. Es ist wie mit der Demokratie oder um es nach Churchill zu paraphrasieren, es ist ein Übel, aber er wisse keine bessere Alternative. So stehen wir nun in der Alternativlosigkeit.

Es kommen Zeiten in denen sich Mensch über Buchstaben ereifert, von Menschen verfasst, die in der Wirklichkeit nichteinmal den Mut hätten diese verbal zu erschaffen. Und gerade jene Wirklichkeit gewinnt an zusehender Bedeutungslosigkeit, wenn man sich doch über schriftliches ereifern kann. Schriftliches ist (an)greifbar und so greifen wir selbst zum Medium der Schrift um im vermeintlichen Gegenschlag Munition zu liefern, die dann im Wahnsinn des teuflischen Schriftkreises gegen uns verwendet wird. Dabei geht die Erkenntnis verloren, dass das geschriebene Wort nicht wie ein Dialog sich den Emotionen und Meinungen eines Menschen anpasst. Geschriebens wirkt endgültig, hart und verabsolutierend in der Aussage. Die Sturheit der Schrift wird als Sturheit des Menschen übersetzt. Und wir erkennen, dass Mensch es an Toleranz mangeln läßt. Und schon haben wir den Bösewicht, der einerseits uns hat.

Das sokratische Gespräch, wie es ein freundlicher Forenuser vor kurzem erwähnte, bleibt aus. Wir alle sehen es ein. Niemand als subjektives Wesen kann behaupten Wahrheit zu sein, Wahrheit zu haben oder Wahrheit erkennen zu können. Folgerichtig gibt es keine allgemeingültige Wahrheit, abgesehen von dem Schimpfwort "Norm", dem sich längst der tolerante SMler entsagt hat. Doch halten wir ein. Klingt das nicht ein wenig nach einem Werterelatvismus ? Richtig, das ist auch leidlich als Anarchie bekannt. Aber wie sagen so schön die Physiker : Auch im Chaos herrscht Ordnung. Kein Wunder, schließlich haben alle eine andere Meinung sind aber tolerant. So ordnet sich die ewige Lebensinterpretation und seine Umsetztung ins Kreative im Chaos der Einsicht zur Toleranz die sich in einer Community oder gar der ganzen Szene manifestiert. Klingt komisch, ist aber so.

Seltsam, wo wir doch so anders sind so suchen wir die selben Orte zum verweilen. Wir sind so anders, dass wir uns hitztig darüber aufregen, wenn ein Außenstehender, einer von den möglichen anderen, uns unterstellt wir würden Gewalt leben. Wir sind so anders, dass wir uns streiten um den Konsens zu suchen, damit wir uns gemeinsam stützen können. Und das in der Anarchie, in der Welt des absoluten Wahns ?

Denken verwirrt, wie ich bemerke, wenn ich meine vorhergehenden Zeilen versuche mir selbst zu vergegenwärtigen. Da hat mir doch die Schrift eine Falle gestellt. Ah, stimmt, es ging um Toleranz. Man mag kaum glauben, tolerante Menschen kann man im Sinne einiger Denker als Moralisten verstehen. Oder wie der Dalai Lama es formulierte : Eine moralische Entscheidung ist, wenn sie darauf aus ist das Leid der betreffenden Menschen zu minimieren und ihr Glück zu mehren. Das ist mit der Toleranz kaum anders. Toleranz ist vorhanden um zu erkennen, dass das was der "andere" tut ihm Glück beschert solange er anderen kein Leid zufügt. So erkenne ich in der Andersartigkeit des Menschen sein Glück.

Die ewige Diskussion um 24/7, die Frage ob es reine Masochisten oder Sadisten gibt, ob jemand zu einem 1/3 Smler und zu 2/3 Vanilla, oder ein Mensch naturdominant oder naturdevot ist, wird belanglos. Die einzige Frage die sich stellt : Mehrt sich das Glück der Menschen die mit diesem "anderen" leben und fügt es weder mir noch anderen Schaden zu ? Dann ist es gut. Und so wie es mit der Toleranz und der Moral ist, so haben auch diese ihre Botschafter. Seltsam, dass dieser ganze Text einzig und allein in einem Lächeln hätte ausgedrückt werden können, aber wie es so ist : Das Medium verlangt es.

Aber dennoch die Wahrheit ist traurig, wir brauchen unsere Schubladen. Wir brauchen die anderen. Mensch ist gezwungen über Sprache zu kommunizieren. Der Fluch der Sprache ist es, wie der Fluch des Internets, zu benennen zu polarisieren, Dinge fest zu machen, sie Dinge sein zu lassen. Aber es ist immernoch besser als nicht miteinander zu reden. So wird aus dem sokratischen Gespräch ein sokratischer Streit. Aber muss das etwas negatives sein ? Wer sagt das ? Wer will das wissen ?

Der Mensch will greifen, denn über das Greifen verstehen wir. Das ist nichts verwerfliches, zumindest dann nicht, wenn man das Greifbare nach neuen Erkenntnissen revidiert. Und so schwelge ich im Streit mit dem Wissen, dass es Dinge gibt die Sprache nicht vermag und das es Dinge gibt, die ein Lächeln nicht vermag.

So ist Lächeln manchmal Silber und reden Gold oder gar umgekehrt. Die Situation macht die Mittel, der Mensch seinen Weg. Ihr seid mit diesen Zeilen nicht einverstanden ? Ich auch nicht. Denn das letzte, was ich besitzte ist Wahrheit. Aber eines weiß ich sicher. Mit der geschickten Kombination aus Lächeln und Sprache kommen wir dem relativ nahe. Der Mensch braucht vielleicht nicht die Wahrheit ansich. Aber der Mensch braucht die Suche danach um seinen Weg in einer Sicherheit der eigenen Kreativität zu gehen.

Und wenn wir es nicht gerne so sehen, der anonyme Chatuser der polarisiert und verabsolutiert, auch ein solcher ist Mensch. Auch wenn Meinung das Gegenteil von Wahrheit ist so Bedarf es der Erkenntnis, dass Warheit nur durch unendlich viele Meinungen möglich. Glück ist, dass uns andere auf der Suche danach helfen. Sich gegenseitig Toleranz abzuverlangen endet im Irrsinn.

Vielleicht erkennt der Mensch eines Tages im Anderen, in den "anderen" das besondere. Und vielleicht bemerken wir dann, dass das Reden überflüssig wird und wir alle Lächeln. Manchmal muss man erst etwas erringen um es negieren zu können. Sprache ist wichtig um zu verstehen, dass wir mit ihr nie allein verstehen werden. Vielleicht hatten wir eines Tages Glück, aber erst die Abkehr davon macht uns das bewußte Leben des Glückes möglich. In diesem (Wahn)Sinne ; mit einen Augenzwinkern

(c) Julian aka Lederhaut

 

 

 
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