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Wat is ne Laifstail?
Hallo und herzlich willkommen auf diesen außerordentlich neuen und außerordentlich spannenden Seiten. Das hier soll so etwas wie eine Begrüßung werden, denn es gibt ja nun diese neue Rubrik bei Lustschmerz: Lifestyle.
Aha, nun ist es also passiert. Auch Lustschmerz hat eine Lifestyle-Rubrik. Lifestyle! Ich hab ja immer so ein bißchen Probleme mit solchen Begriffen. Es gibt einen „PDA-Lifestyle“, einen „Digital Lifestyle“, ein „Lifestyle Magazine“, „Life & Style“ für Manager und nun auch noch den „LS-Lifestyle“. Wer soll da noch durchblicken?
Dabei soll ich doch was zu Lifestyle schreiben, da muß ich doch wenigstens wissen, was das denn nun genau ist, so ein Lifestyle. Also machen wir doch das, was man in unklaren Situationen immer so macht: Da stelle mer uns janz dumm. Und dann frage mer uns: „Wat is ne Laifstail“? Was im Falle der Dampfmaschine noch recht einfach mit dem „großen schwarzen Raum“ zu beantworten war [1], ist hier doch etwas komplexer.
Mein Lexikon sagt so: „Lifestyle ['laIfstaIl, engl.], der, im Sinne eines modernen Lebensgefühls gepflegter Lebensstil.“
„Lebensstil, Soziologie: kultursoziolog. Begriff (geprägt von G. Simmel), der die typ. Art der Alltagsgestaltung von Personen (und sozialen Gruppen) bezeichnet. Gemeint sind die mehr oder weniger stabilen Einstellungen und die mit ihnen verbundenen, typischerweise auftretenden Verhaltensweisen von Menschen. L. ist weiterhin ein Mittel der Selbstdarstellung des Individuums sowie der Demonstration seiner Zugehörigkeit (bzw. Nichtzugehörigkeit) zu bestimmten sozialen Gruppen.“
Nun sind wir doch schon schlauer: Lifestyle ist also ein Lebensstil des modernen Lebensgefühls. Tolle Sache, ich bin modern. Und ein Lebensgefühl habe ich auch. Das habe ich zwar bisher nicht direkt mit BDSM oder Lustschmerz in Verbindung gebracht, aber so ein Lexikon lügt ja nicht.
Und es geht um die typische Art der Alltagsgestaltung. Sagt das Lexikon. Alltagsgestaltung? Das kann doch jetzt nicht ernstgemeint sein, oder? SM beim Brötchenholen? Devotes Staubsaugen oder dominantes Flurputzen? Ich trag zwar oft eine Lederhose, aber das regelmäßige Gassigehen im Stadtpark mit Sub am Halsband findet bei mir auch nicht statt. Das hilft mir also noch nicht so richtig weiter. Aber hier: „typischerweise auftretende Verhaltensweisen von Menschen“ – das hilft weiter.
Tatsächlich, wenn ich es mir recht überlege, findet der wahre BDSM-Lifestyle im Alltag statt. Damit meine ich jetzt nicht, daß das ein oder andere selbsternannte „Lifestyle“-Männermagazin immer mal wieder Plüschhandschellen und Streichelgerten als ultimatives Aphrodisiakum für die längst vergurkte Beziehung anpreisen. Nein, sehen wir doch einmal genauer hin, wie sich heimlich, still und oft dröhnend laut der ultimative BDSM-Lifestyle in unserem Leben ausgebreitet hat: Da gibt es absoluten Non-Con-Sadismus in Form minütlich auf ahnungslose Subs und Doms herunterprasselnder Schnappi-Lieder und Klingelton-Küken.
Der wahre Masochist ist gefordert, wenn er sich von einem beliebigen Pressesprecher der Deutschen Bahn erklären lassen darf, daß er auch noch selbst Schuld hat, wenn Züge Verspätung haben, im Sommer Klimaanlagen ausfallen und sich Fenster nicht öffnen lassen. Dazu kommt die beständige erotische Aufheizung durch Discounter aller Art – „Besorg’s Dir einfach“. „Dirty Talking“ erlebt man jeden Tag, wenn man Straßenbahn fährt und seinen Mitreisenden zuhört. Unterdrückung erfahren wir durch den Zwang, nicht nur den Arzt sondern auch die Apothekerin zu fragen.
Automasochismus bietet die massive Selbstzenzur der Internet-Suchmaschinen und Auktionshäuser. Was hab ich vergessen: Ach so - sexuelle Demütigung. Die gibt’s an der Kasse vom Saturn: da steht auf den T-Shirts der Kassiererinnen „Nicht mich geil finden, sondern die Preise“.
Da ist er, der alltägliche Lebensstil – BDSM allerorten. Ermordete Schweizer Bankiers in hautengen Latexanzügen und rheinische Dominas, die Kunden ausplündern, um angeblich ein Sonnenstudio zu eröffnen, geben da nur noch den Zuckerguß für den echten, wahren Lifestyle-BDSM ab: den Alltag.
Die Szene hat es schwer, sich da abzugrenzen. Helfen BDSM-Reisen in die Toskana für den arrivierten Dom und die Aufsteiger-Sub, den Lebensstil so deutlich zu überhöhen, daß er den Aldi-Sadismus und die Devotion vor dem Döner-Deutsch übertrumpfen kann? Reicht der Einkauf von Auberginen als dekadente Analplugs [2] , um die Sonderstellung des Lebensstils im Supermarkt zu behaupten?
Konsequente Schritte in Richtung eines BDSM.-Lifestyles enden ja auch nicht selten mit dem Non-Con-Abbruch der Spielhandlung durch hochoffiziöse Spielverderber, wie das Beispiel der Lifestyle-Aktionsfront (nicht zu verwechseln mit der Aktionsfront Lifestyle) [3] zeigt, von dem uns die SM-News, das Organ zur Förderung arttypischen Lifestyles, mit Recht entrüstet berichtet: Passanten hatten die Polizei verständigt, nachdem sie gesehen hatten, wie drei Männer eine gefesselte und geknebelte Frau, die eine Augenbinde, High-Heels und Netzstrümpfe trug, äußerst grob behandelten und in den Kofferraum eines Vans verfrachteten.
Die Polizei rückte daraufhin zu einem Großeinsatz aus: mit Hubschrauber, Motorrädern und mehreren Streifenwagen – insgesamt 22 Polizeibeamten – erschien sie am Tatort und verfolgte das verdächtige Fahrzeug circa 20 Meilen bis in die Stadt Heerlen.
Die dramatische Verfolgungsjagd endete mit einer Straßensperre, die drei Männer wurden mit Waffengewalt überwältigt und gezwungen, sich auf die Straße zu legen. Zwei der Männer waren nur halb bekleidet, so daß die Polizei befürchtete, die Frau im Kofferraum sei vergewaltigt worden.
Das vermeintliche Opfer war nach seiner Befreiung aus dem Kofferraum jedoch alles andere als erfreut. Sie beschimpfte die Beamten, die ihr monatelang akribisch geplantes Sexspiel ruiniert hätten, als es gerade interessant wurde.
Kein Wunder also, daß sich der BDSMer als solcher in einer Identitätskrise befindet – wurde doch sein Lifestyle längst vom Alltag übernommen. Cameron Diaz und Alec Baldwin sonnen sich in Nachrichten über SM-Videos und schlagende Verbindungen, Klassik-CDs werden mit SM-Motiven verkauft und die Geschichte der O. ist auch schon über 50. Welche Ziele kann der BDSMer noch ansteuern, welche Rekorde gilt es zu brechen, um den Lifestyle hochzuhalten? Das bißchen peinigen, anketten und peitschen grenzt ja niemanden mehr ab und selbst wenn Rekorde aufgestellt werden, – 50 Nadeln in 30 Sekunden – hat man kaum die Chance, zu „Wetten daß?“ eingeladen zu werden.
Also, ich sehe schon, das mit dem Lifestyle wird mir doch etwas viel. Ich glaub, ich lass das einfach. Immerhin heißt es ja hier im Rheinland „Jeder Jeck ist anders“. Was soll ich auch mit einem „Lifestyle“. „Et is, wie et is“ [4]und so erzähle ich Euch demnächst einfach wieder, was mir so rund um unser aller Lieblingsthema ein- und auffällt.
Es grüsst, Extensis
Fussnoten:
[1] Wer das Zitat nicht erkannt hat, ist selbst schuld und muß sofort noch einmal die „Feuerzangenbowle“ lesen...
[2] In Fachkreisen auch „Aubergine à la Melek“ oder „Stuttgarter Zapfen“ genannt.
[3] Die Unkenntnis dieses Zitates berechtigt zum Verzehr einer Tüte Otternasen mit Brian.
[4] Zur Richtigkeit dieser Angaben schlage man im „Rheinischen Grundgesetz“ nach.
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