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Sag mal, Werner Fauster...


Jahrgang: 1959, seit vielen Jahren aktiv in der SM-Szene, gebürtig aus Graz/Österreich, lebt seit Jahren in Hamburg. Der NDR berichtete 1994 in der Reportage "Unter deutschen Dächern -Sadomasochismus" über Werner Fausters freiwillige Komplettunterwerfung auf dem Kiez. 1996 sendete VOX das Spiegel-TV-Interview Fausters "Innenansichten eines Masochisten".

LS: Werner, bevor wir uns persönlich kennenlernten , erfuhr ich über Dich in der Reportage "Unter deutschen Dächern". Der Werner Fauster, den ich damals sah war fernab meiner Einsteiger-Vorstellungskraft von SM und er passte auch nicht zum engagierten Fauster, den ich auf Maillinglisten wahrnahm. Ich möchte Dich gerne selbst fragen: wie war diese Zeit im Rückblick für Dich ?

Werner: Rückblickend kann ich feststellen, dass die von Dir erwähnte Reportage im Grunde sowohl meine damalige als auch meine jetzige Gegenwart repräsentiert. Wie Dir bekannt sein dürfte, wirkte ich in dieser Reportage als Sklave einer kommerziellen Domina mit und Mistress Andrea - deren Sklave und "Kleiner" ich seit Oktober letzten Jahres sein darf - hat nicht unwesentlich am Entstehen dieser Reportage mitgewirkt. Mein Weg ging von der kommerziellen Szene in die nichtkommerzielle Subkultur. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich mir im Grunde eine "Verbindung" zu einer nichtkommerziellen Herrin gar nicht vorstellen. Und jetzt fühle ich mich unbeschreiblich glücklich in "unserer" DS-"Beziehung". Diese "Beziehung" stellt für mich ein Pflänzchen ,welche von beiden Seiten gehegt und gepflegt wird, dar.

Zurückkommend auf Deine Frage: Seit dieser Zeit gingen in mir einige nicht zu unterschätzende Veränderungen vor sich. Sei es in meiner Einstellung zum SM, die Höhen und Tiefen, welche das Leben mit sich bringt, aber auch die Möglichkeiten der neuen Medien - Mails und News - zum Gedankenaustausch. Dadurch lernte auch Leute kennen, welche man nicht nur als "Gleichgesinnte" betrachten kann, sondern mir in einer schier ausweglosen Situation - hier denke ich konkret an eine ganz bestimmte Netzteilnehmerin - eine grosse Hilfe darstellten. Lange Zeit vertrat ich z.B. auch die Einstellung, dass Unterwerfung mit Selbstaufgabe gleichzusetzen sei. Aber so etwas endet dann unweigerlich in Destruktivität. Aber dadurch sollte man sich entmutigen lassen sondern aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

LS:  Du bist gebürtiger Grazer, lebst aber seit etlichen Jahren in Hamburg. Auf welchen Wegen hat es Dich an die Elbe verschlagen ?

Werner: Ein Inserat im Magazin "Club Caprice", in dem ein Hamburger SM-Club einen Hausklaven suchte. Ich rief umgehend - es war ein Freitag, der 13. - an und wenige Tage später brach ich meine Zelte in Graz ab und löste ein einfaches Ticket nach nach Hamburg. Rückblickend gesagt, kann man wohl sagen, dass es sich dabei um einen Art Drahtseilakt ohne Netz gehandelt hat. Also bitte nicht unbedingt nachahmen . *lacht*

Nach der Schliessung des betreffenden Clubs war meine damalige Herrin Michaela in der Herbertstrasse tätig. Mit der Zeit konnte ich nicht nur ihre Dominanz sondern auch die ihrer "Chefin" und einstigen "Lehrherrin" Ellen geniessen. Nachdem Michaela und Ellen getrennte Wege gingen, wurde ich "Herrinnenlos". Und die anschliessende Zeit in einem Hamburger Privatstudio war leider sehr einseitig geprägt. Als chronischer Optimist muss/sollte man mit solchen Rückschlägen rechnen .

Und im Herbst letzten Jahres fand ich das in Worten nicht beschreibbare Glück, dass Mistress Andrea mich meiner annahm. Bereits die Zeit der gegenseitigen "Annäherung" stellte für mich ein besonderes Ereignis dar.

LS: Du hast Dich für ein sehr spezielles, SM-gewichtetes Leben entschieden. Aber sicher gab es auch ein "davor". Wer war Werner Fauster vor 25 Jahren ? Wo bist Du damals beruflich/gesellschaftlich gestanden ?

Werner: Ja, SM stellt für mich - wie für viele Andere auch - ein Bestandteil meiner Persönlichkeit dar. Du, ich stamme aus einer Famile mit einem katholisch-konservativen Background und war zwar in einem Verwaltungsberuf tätig, konnte aber über meine in mir innewohnende Veranlagung mit niemanden sprechen bzw. nur in Verborgenen - bei kommerziellen Dominas - ausleben. Und dieses Verbergen - was nicht hundertprozentig gelang - bzw. der immer stärker werdende Wunsch die Neigung auch ohne "schlechten Gewissens" ausleben zu können, trug dazu bei, mich auf Dauer einer Herrin zu unterwerfen. Und es wurde mir auch klar, dass mir dies nicht in meinem k&k- also katholisch-konservativen Familienumfeld möglich sein wird.

LS: Zurück in die Gegenwart. Wie lebst Du heute, was macht Dich glücklich, wie sieht ein "typischer" Tag in Deinem Leben aus ?

Werner: Ich lebe allein in einer kleinen Wohnung auf St. Pauli - der Kleinstadt innerhalb der Großstadt mit "Dorfcharakter". Mein Einkommen erziele ich vorwiegend durch Botendienste für die in der Herberstrasse Tätigen.

Und für Mistress Andrea bin ich bei Bedarf rund um die Uhr mittels einer elektronischen Leine - auch als Handy bekannt ;-) - erreichbar bzw. wenn sie es möchte bzw. wünscht verbringe ich die Zeit in ihrer Nähe - z.B. in ihrem Laden auf St. Pauli. Glücklich bin ich z.B., wenn ich merke, dass Mistress Andrea auch kleine Gesten von mir anerkennt und nicht - nur - als Selbstverständlichkeit ansieht.

LS: Und wie sieht ein ganz besonderer Tag aus ?

Werner: Ist nicht im Grunde jeder Tag ein ganz besonderer Tag? Denn nicht die leicht wahrnehmbaren Oberflächlickeiten sondern kleine, für Aussenstehende oft nicht leicht wahrnehmbare Dinge machen aus einem 08/15 Tag einen besonderen Tag.

Höhepunkte stellen für mich auch die Tage, an denen die Respekt!- Parties stattfinden, dar. Als "Teamie" freut es einem schon, wenn man merkt, dass die Gäste sich wohlfühlen und in der Folge die Last des Alltags ablegen und ihr "Ich" aus dem Verborgenen herausholen. Man braucht wohl nicht extra zu erwähnen, dass ein Tag mit Mistress Andrea, an dem ich den Alltag hinterlassend nur für sie dasein darf, auch als ein ganz besonderer Tag gilt.

LS: Ich könnte mir vorstellen, dass für einen Menschen, der die "Komplettunterwerfung" wählt, "Freiheit" eine andere Bedeutung bekommt. Was ist für Dich Freiheit und wie empfindest Du sie ?

Werner: In meinen Augen stellt eine gelebte und gewollte Unterwerfung auch eine Art Freiheit dar, denn sie geht meines Erachtens im Grunde nicht unwesentlich "von unten" aus. Aber auch die für eine DS-Beziehung notwendigen gegenseitigen Freiräume stellen in meinen Augen eine Form von Freiheit dar.

LS: Und wie ist es mit dem schönen, schweren Begriffe "Liebe" ? Existiert er für Dich ? Vielleicht sogar elementarer als für die meisten anderen Menschen ?

Werner: Natürlich existiert der Begriff Liebe auch für mich. *lächelt* Damit verbinde ich nicht nur ein gegenseitiges "Nehmen und Geben" sondern auch "Loslassen", "Teilen". Unterwerfung stellt in meinen Augen im bdsm-Konsens auch eine Art von Liebe, Zuneigung, praktisch uneingeschränktes gegenseitiges Vertrauen dar. Kurzum "Liebe" bzw. "lieb haben" und die dabei entstehenden Gefühle und Empfindungen kann man auch als "Salz in der Suppe des Lebens" bezeichnen.

LS: Du engagierst Dich in der Szene und bist ein starker Vertreter auf sämtlichen SM Mailinglisten. Was bedeuted Dir die heutige SM Szene ? Hat sie sich aus Deiner Sicht in den letzten Jahren verändert ?

Werner: Andrea, bitte übertreibe nicht mein Agieren, denn ich nutze einfach z.B. die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zum Erfahrungs- Meinungs- und Informationsaustausch. Einerseits helfe ich gerne wo ich kann, aber andererseits sollte dies nicht in "Ausnutzen" ausarten, denn mit diesen Erfahrungen wurde ich in der Vergangenheit leider desöfteren im realen Leben konfrontiert. Aber aus Fehlern wird man bekanntlich klug. Mein Diskussionstil dürfte nicht immer jedermanns Geschmack sein, aber einerseits liegt es mir nicht "Jedermenschs Liebling" zu sein bzw. ich sehe mich als ein Mensch mit Ecken und Kanten. Und dazu stehe ich auch .

Und das wichtigste dabei ist meiner Ansicht nach, dass man sich auch nach einer eventuell etwas heftigeren Diskussion ohne schlechten Gewissens einen Blick in den Spiegel werfen kann. Die heutige SM-Szene ist nicht nur facettenreicher sondern auch bunter geworden. Sie bietet - im Gegensatz zu meiner Zeit des Coming-Outs - eine grosse Anzahl von verschiedenen Informations- und Kontaktmöglichkeiten, wobei man bemerkt, dass man mit seiner innewohnenden Veranlagung, seinen Empfindungen, Wünschen und Phantasien nicht alleine dasteht. Die heutige SM-Szene - bzw. BDSM-Subkultur ist erfreulicherweise sehr selbst- bewusst geworden und weiss - zumindest meist - was sie möchte. Im Laufe der Zeit ist dadurch der "Duft des Anrüchigen" - zum Leidwesen einiger "Unter Uns" zwar fasst gänzlich verschwunden, aber man kann bekanntlich nicht jedem alles Recht machen.

LS: Erlaubst Du mir einen kleinen Blick auf Deine persönliche Wunschliste ? Welcher Traum möchte unbedingt noch realisiert werden ? Wie und wo möchtest Du in den kommenden Jahrzehnten leben ?

Werner: Gesundheit, innere Zufriedenheit, Glück wünsche ich selbstverständlich nicht nur mir, sondern allen Menschen, welche mir nahe stehen bzw. zu denen eine freundschaftliche Verbundenheit besteht. Für mich persönlich wünsche ich mir noch, dass ich noch längere Zeit für Mistress Andrea dasein - ihr dienen - ihr "Kleiner" sein darf.

LS: Danke für Deine Offenheit, Werner. Lust auf einen Schlusskommentar?

Werner: Gerne geschehen. Es wäre schön, wenn in Hinkunft vermehrt nicht das Trennende sondern das Gemeinsame in den Vordergrund gestellt werden würde. Als Beispiel dafür möchte ich nur das Zueinanderzugehen der hetero und homosexuellen SM-Gruppen anführen.

Das Gespräch führte Andrea, die mit "Mistress Andrea" nicht identisch ist.

 

 
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