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Ein Redaktionsbeitrag von Andrea Schneider
Ein Abschied, so formulierte einmal der Schriftsteller Hans Kudszus, sei die "innigste Art menschlichen Zusammenseins". Schöne Worte für einen Zustand, der einem im besten Fall "nur das Herz zerreißt" und eine Hülle zurücklässt, die sich im Laufe der Zeit wieder mit neuem Leben und frischer Liebe füllen wird.
Irgendwann, irgendwo.Man kennt das ja, auch wenn man nicht wirklich in den Momenten daran glauben kann, wenn der teuflisch unerotische Schmerz die Sinne verdreht. Ich habe mir lange die Frage gestellt, ob sich SM Trennungen wohl anders anfühlen, als Stino-Lieben, wenn sie sich dem unaufhaltsamen Abgrund ergeben. Geht man davon aus, dass SM Beziehungen grundsätzlich ein stärkere Intensität haben, wäre dies wohl der Fall.
Aber ganz ehrlich: ich glaube nicht so recht daran. Herzschmerz ist Herzschmerz, Sprachlosigkeit ist Sprachlosigkeit und eingefahrene Wege sind eingefahrene Wege, - ob mit oder ohne Machtgefälle. Jede Begründung, die darüber hinausginge, würde sich in psychischer Abhängigkeit wiederfinden. Und selbst diese existiert nicht minder in Beziehungen, die mit SM so rein gar nichts zu tun haben und gerade deshalb leider niemals klar definiert wurden.
Man könnte sogar den Spiess einmal herumdrehen und einen Blick auf die vielen Beziehungen werfen, die von Beginn an fast ausschließlich durch SM zusammengehalten werden und denen das Liebes- und funktionierende Alltagsfundament fehlt. Worum wird bei einer Trennung in diesem Fall getrauert? Darum, dass die begehrte Spielfrequenz künftig unerfreulichen Einschnitten unterworfen sein wird? Dass man sich erneut auf die schwierige Suche nach passendem "Oben oder Unten Pendant" machen muss? Um das Begreifen und die unangenehme Einsicht, dass es um die Menschen "Du und ich" vielleicht gar nie gegangen ist? Eine besonderer, ein einsamer Trennungsschmerz.
Und Hölle, - wie viele Trennungen finden in Liebesbeziehungen statt, wenn eine Seite seinem/ihrem SM nicht mehr entsagen und geliebter Partner selben Wunsch nicht folgen möchte? Wenn Ehen scheitern, Lebensmodelle wie Kartenhäuser zusammenbrechen, gemeinsame Kinder zu kleinen goldenen Kälbern degradiert werden, um deren Tanz der Expartner auch gleich als lustbeherrschter Triebtäter nonconsensuell abgestraft werden kann? SM Trennungen haben viele Gesichter. Manchmal sogar böse Fratzen, wenn Unverständnis, Angst und große Enttäuschung, den ehemals Geliebten, Ehemann, treusorgenden Vater plötzlich als fremde Gefahr erscheinen lassen.
Und bei den _Lieben_ im SM? Ist es schlimmer, anders, intensiver, schmerzhafter, wenn zerbricht, was doch so lange unter glänzendem, außergewöhnlichem Stern zu stehen schien? Beruht Intensität wirklich auf dem Fundament der "stärkeren Hingabe"? Lassen wir schwerer los, was uns in die Knie zwang, sich dehnen, schlagen, quälen, in unterschiedlichsten Rollen lieben liess?
Kämpft Dominanz stärker um die Rückkehr der Kraft, wenn Pendant Devotheit eigenmächtig "es ist vorbei" formuliert? Verliert sich Submissivität in Schwäche, wenn die breite Schulter "Herr" das Geschenk der Hingabe nicht mehr annehmen will? Es fällt mir schwer, 1000 zärtlichen Vanilla-Nächten mit sanft geflüsterten Liebesbekenntnissen, die selbe Intensität abzuerkennen. An einer "besseren, intensiveren" Sexualität SM kann es meiner Meinung nach nicht liegen, wenn Herz rebelliert und die Seele nach vergangenem schreit. Vielmehr erscheint mir der _Stellenwert der Lust_, SM Trennungen zu erschweren.
Die Situation, endlich gefunden zu haben, was sich nach Erfüllung sehnt, die Legende vom Glück ohne Ende, greifbar, spielbar, lustbar in den Händen zu halten... und sich schließlich doch als "Paul und Paula" auf unterschiedlichen Wegen wiederzufinden.
Trennung ist Rückzug. Die Zeit die man benötigt, um eigenständige Kraft in die Beine zurückkehren zu lassen, wieder einen sicheren Stand zu finden, der keinerlei andere Stütze braucht. Herzkammerngeflimmer, dass seinen eigenen Rhythmus benötigt, um nach Wochen, Monaten, Jahren, den lebenswichtigen Sauerstoff wieder bis ins hinterste Kapillargefäß strömen zu lassen. Neu lieben zu können.
Trennung ist Rückzug. Und der ist Sadomasochisten kaum gegeben. Wir finden uns wieder, - früher als uns lieb ist. In Foren, auf Mailinglisten und Stammtischen. In einer kleinen, intimen Welt kann man sich eben nur schwer aus dem Wege gehen. Und nicht wenige Hände dürften sich Party für Party mit steifen Knöcheln an Gläsern festhalten, wenn Exsubbie von fremder Lust gepeinigt sich am Kreuz windend, ein zum Verlieben schönes Bild abgibt. Oder Ex-Dom(me) umgeben von einer Heerschaar frischer Interessenten unerreichbar fremd erscheint.
Und irgendein "guter Geist" wird sich immer finden, um einem "ganz nebenbei" ... uups ... ein paar irrsinnig wichtige Informationen über Exes neue, alte Vorlieben unters verletzte Näschen zu reiben.
Wir spielen, lieben, leiden "öffentlich". Während getrenntes Vanilla-Paar "nur" Einrichtung und Freundeskreis wieder an den jeweiligen "Einbringer" zurückverteilt, um dann in klar geordneten Verhältnissen die fiesen Wunden zu lecken, - wird bei SMers Trennung an jeder Ecke frisch verkrusteter Schorf neu aufgerissen. Vielleicht ist diese Intensität das Mee(h)r" an Schmerz, das wir empfinden. Womöglich sind wir auch Rollenspieler und Rollen"lebende", die durch Inszenierungen Freiheit erlangen.
Abschieden und Trennungen können wir nicht entgehen. Aber wenn "Abschied die innigste Form menschlichen Zusammenseins darstellt", dann könnten wir vielleicht versuchen, den verspielten Seelen in uns, auch die Melancholie des Abschieds angedeihen zu lassen.
Wenn in guten Zeiten Halsbänder mit einem Strahlen empfangen werden, möchten sie im Abschied zärtlich und mit Tränen gemeinsam entfernt werden. Vielleicht kann das letzte hingebungsvolle Knien, in dem sich "oben und unten" auf einer Ebene treffen, ein wichtiger erster Flügelschlag der neuen, unbekannten Freiheit sein.
Und womöglich benötigen wir Respekt, Achtung und Nähe aus bekannt geliebten Spielen, zu keinem Moment mehr, als in dem des Abschieds und der Vergänglichkeit.
© Andrea
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